
Wir sprechen mit Francesca Albanese, der UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, über Israels anhaltende Straflosigkeit nach internationalem Recht. Trotz eines Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) besuchte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kürzlich das Weisse Haus, um sich mit Präsident Donald Trump zu treffen. Zwar sind die Vereinigten Staaten kein Mitgliedstaat des IStGH, „dürfen sie einem völkerrechtlich flüchtigen Straftäter aber keinen Schutz gewähren“, sagt Albanese, die sich den internationalen Forderungen nach Netanjahus Verhaftung anschliesst. „Die Vereinigten Staaten tragen aktiv dazu bei, dass die von ihnen seit den Nürnberger Prozessen aufgebaute internationale Strafrechtsarchitektur über uns zusammenbricht.“ Albanese kommentiert auch die von Siedlern und Soldaten verübten „Pogrome“ im besetzten Westjordanland und prangert die Mittäterschaft der Regierungen Griechenlands, Italiens und Frankreichs an, die, obwohl sie dem Internationalen Strafgerichtshof angehören, Netanjahus Reise durch ihren Luftraum genehmigten. „Es mag im Kontext eines Völkermords unbedeutend erscheinen, aber jede Handlung zählt, so wie jedes Verbrechen zählt und zur Rechenschaft gezogen wird“, sagt sie.
Zusammenfassung des Videotranskripts
Das erste Treffen zwischen Präsident Trump und dem israelischen Premierminister Netanjahu seit dem US-Angriff auf den Iran dauerte 90 Minuten, fand ohne gemeinsamen öffentlichen Auftritt statt und wurde von Netanjahu als «hervorragend» und «auf Augenhöhe» bezeichnet – mit dem gemeinsamen Ziel, den Iran von Atomwaffen fernzuhalten. Während der Visite kam es in Washington zu Protesten; Netanjahu reiste trotz eines gültigen Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen im Gazastreifen ein.
Parallel dazu eskalieren Israels Militäroperationen im besetzten Westjordanland massiv: Verteidigungsminister Katz ordnete die Übernahme eines vierten Flüchtlingslagers und die Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner an, während die Gewalt durch israelische Siedler weiter zunimmt.
Die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese kritisierte die USA scharf als Komplizen von Völkerrechtsverstössen – sowohl gegen den Iran als auch gegen die Palästinenser. Sie sprach von «Mobbing im diplomatischen Gewand» und betonte, dass die USA aktiv zur Aushöhlung des internationalen Rechts und des multilateralen Rechtssystems beitrügen. Die Einreise Netanjahus trotz ICC-Haftbefehl bezeichnete sie als Bruch der Pflichten der Vertragsstaaten; Italien, Frankreich und Griechenland hätten durch die Überfluggenehmigung ebenfalls ihre Verpflichtungen verletzt. Gleichzeitig warnte Albanese vor den «Pogromen» im Westjordanland, wo israelische Siedler und Soldaten gemeinsam gegen wehrlose Palästinenser vorgingen – eine Entwicklung, die selbst die israelische Opposition als «jüdischen Terror» bezeichne.
Die US-Regierung lasse nicht nur Netanjahu gewähren, sondern betreibe einen systematischen Abbau der multilateralen Ordnung und des internationalen Rechtssystems, wie sie am Beispiel der jüngsten Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat und der Blockade gegen die Verlängerung des UN-Menschenrechtskommissars zeige. Albanese rief US-Bürger dazu auf, nicht wegzusehen, da ihre Steuergelder diese kriminellen Handlungen finanzierten. Die USA, so ihr Fazit, seien nie ein Leuchtfeuer der Menschenrechte gewesen, aber heute führten sie offen eine Kampagne zur Demontage der nach dem Zweiten Weltkrieg mitgestalteten Rechtsarchitektur – eine Entwicklung, die niemanden, auch nicht US-Bürger, gleichgültig lassen dürfe.
Dieser Punkt wird in der Analyse der jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten immer lauter. Zahlreiche Beobachter und Expertinnen sehen in der israelischen Vorgehensweise in Gaza, im Westjordanland, im Libanon und zuletzt auch im Iran tatsächlich die Ausformung eines Masterplans – eines erprobten Modells, das über den Einzelfall hinausweist.
Die These vom „Gaza-Blueprint“
Die Grundidee dieses Masterplans ist, dass die im Gazastreifen erprobten Methoden – massive militärische Gewalt, die Zerstörung ziviler Infrastruktur, Terror, die kollektive Bestrafung und Vertreibung der Bevölkerung sowie die systematische Aushöhlung humanitärer Prinzipien – nicht auf einen singulären Konflikt beschränkt bleiben, sondern als „Playbook“ für andere Schauplätze dienen. Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter sowie kritische Stimmen argumentieren, dass die scheinbare Normalisierung der Verbrechen in Gaza einen Präzedenzfall schafft. Was in Gaza begann, wird nun als militärisches und politisches Repertoire auf den Westen des Jordans, den Südlibanon und sogar Teile Syriens übertragen, mit dem Ziel einer dauerhaften Kontrolle und „blutigen Dominanz“ über die gesamte Region (Ramzy Baroud, The not-so-Secret Israeli strategy: This is the real Gaza plan, Jordan Times).
Dieser Prozess geht einher mit einer Verschiebung der normativen Grenzen. Internationales Recht, insbesondere das humanitäre Völkerrecht, wird in diesem Szenario nicht als Hindernis, sondern als Verhandlungsmasse behandelt, die von mächtigen Staaten neu interpretiert wird. Israel und seine Verbündeten fordern eine „interpretative Anpassung“ der Regeln, etwa bei der Definition von „unmittelbarer Bedrohung“ oder der Verantwortung von Staaten für von ihnen unterstützte nichtstaatliche Akteure. Die Eskalation im Iran, einschliesslich der gezielten Tötung von Atomwissenschaftlern, Staatsoberhaupt und hohen Funktionären, fügt dieser Doktrin eine weitere, hochgefährliche Dimension hinzu und testet die Belastbarkeit des internationalen Straf- und Kriegsrechts.
Die Rolle der Mächtigen und der „Stresstest“
Die Akteure – Machthaber, Oligarchen und der militärisch-industrielle Komplex – sind in dieser Logik treibende Kräfte. Kritiker sehen die Handlungen als Teil eines imperialen Projekts, bei dem wirtschaftliche Interessen (etwa die Kontrolle über Ressourcen und Handelsrouten wie die Strasse von Hormus) und geopolitische Macht eine zentrale Rolle spielen. Die „Reconstruction“-Pläne für Gaza, etwa das „Gaza 2035“-Szenario, werden als Techniken der „Erasure“ gedeutet: Die Zerstörung wird zur Voraussetzung für eine Neugestaltung, die palästinensische Ansprüche tilgt und den Raum für globale Kapitalinteressen öffnet (Development as Erasure: Palestine, Genocide and ‘Reconstruction’, Wiley Online Library).
Diese Konstellation wird in einigen Analysen als bewusster oder unbewusster „Stresstest“ für die internationale Ordnung verstanden. Es wird getestet, wie viel Gewalt die Weltgemeinschaft erträgt, ohne mit wirksamen Sanktionen oder militärischen Konsequenzen zu reagieren. Die relativ geringen praktischen Folgen für die verantwortlichen Regierungen – trotz Haftbefehlen des Internationalen Strafgerichtshofs und Rügen durch den Internationalen Gerichtshof – werden als Beleg dafür gesehen, dass dieser Test bislang bestanden wird. Die äusserst zurückhaltende Reaktion bzw. die Unterstützung dieser unbeschreiblichen Gewalt durch die USA und der meisten ihrer europäischen Verbündeten, die in der Analyse als humanitäre, militärische und wirtschaftliche Komplizenschaft und diplomatisches „Mobbing“ bezeichnet wird, stärkt diese Wahrnehmung.
Widerstand und Grenzen
Allerdings hat dieser Prozess auch seine Grenzen. Die internationale Zivilgesellschaft und viele Staaten des Globalen Südens reagieren auf diese Entwicklungen mit wachsendem Widerstand. Die weltweiten Protestbewegungen, die Blockade von Häfen durch Aktivisten oder die Koordinierung von Massnahmen gegen Israel durch die Gruppe der „Hague Group“ zeigen, dass die „Weltbevölkerung“ sehr wohl auf die Barrikaden geht (Malaysia calls for global arms embargo on Israel, urges UN action). Der entscheidende Faktor bleibt jedoch, ob dieser Druck aus der Bevölkerung letztlich die Politik der mächtigsten Staaten so verändern kann, dass sie ihre Unterstützung für die israelische Politik aufgeben oder zumindest substantiell einschränken.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Idee eines Masterplans wird von kritischen Stimmen durchaus vertreten und in den aktuellen Ereignissen bestätigt gesehen. Sie sehen die massive und ungestrafte Gewalt als Testfall für eine neue Weltordnung, in der das Recht des Stärkeren wieder zur Maxime wird und internationale Regeln nur noch dann gelten, wenn sie den Interessen der Mächtigen nicht im Wege stehen. Die Frage, ob der weltweite Protest und die politischen Gegenkräfte diesen Trend noch aufhalten können, bleibt offen.
Quellen
Lassen sich die von der Trump-Administration, der israelischen Regierung, den Tech-Bros bzw. den Ultrareichen und den übrigen faschistoiden Mächtigen verfolgte Strategie der gezielten Destabilisierung als Teil eines umfassenden globalen Masterplans verstehen, der über den Nahen Osten hinausweist, wie ich ihn oben skizziert habe?
Die zugrundeliegende Logik, Zerstörung als Voraussetzung für eine radikale Neuordnung zu nutzen, findet ihre Parallele in der gezielten Schaffung wirtschaftlicher Verwundbarkeit, die globale Versorgungsketten (Petrochemie, Kunststoffe, Spezialgase, Energieprodukte, Düngemittel) trifft und eine weltweite Rezession sowie Hungersnöte auslösen könnte. Während die ultrareichen Eliten sich durch das Horten von Ressourcen und den Rückzug in autarke Bunker gegen die Folgen eines möglichen Volksaufstands absichern, stellt sich die Frage, ob dieser Prozess – die strategische Zerstörung von Versorgungsketten und Gesellschaften zum Zwecke der Umgestaltung – nicht als Erweiterung jenes Masterplans zu lesen ist, den die USA und Israel bereits im Nahen Osten anwenden.
Die konkreten Wiederaufbaupläne für Gaza – etwa der sogenannte «Trump-Pelzman-Plan» – sind Paradebeispiele für das, was Naomi Klein als «Disaster Capitalism»*) bezeichnet hat: Die Zerstörung wird nicht als Tragödie, sondern als zynische Chance für eine radikale Umgestaltung begriffen. Der Plan sieht eine 50-jährige Kontrolle durch ein internationales Finanzkonsortium vor, das die wirtschaftliche und politische Struktur Gazas nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien umbaut und die lokale Bevölkerung auf die Rolle blosser «Nutzer» reduziert, bzw. sie ausweist bzw. ermordet. Die politische Dimension des Wiederaufbaus wird vollständig dekonstruiert und als kommerzielle Dienstleistung umgestaltet.
Diese Logik lässt sich auf die globale Ebene übertragen. Die von Trump verhängte Seeblockade gegen den Iran soll gezielt die Wirtschaft des Iran strangulieren und einen Regimewechsel erzwingen – doch sie schneidet faktisch die Strasse von Hormus - und bei weiteren Eskalationen auch das Rote Meer / den Suezkanal - ab und trifft damit einen erheblichen Teil der weltweiten Energie- und Düngemittellieferungen. Die daraus resultierenden Versorgungsengpässe führen unmittelbar zu steigenden Preisen, Inflation, Rezession, Wirtschaftskollaps, Massenmigration, globaler Instabilität bis zum Zusammenbruch ganzer Staaten. Diese Wirtschaftskriege schaffen bewusst eine Krise, die weltweit destabilisierend wirkt und die Voraussetzungen für eine radikale Umgestaltung der globalen politischen, sozialen, wirtschatlichen Ordnung schaffen könnte.
Dass sich die ultrareichen Eliten – von Mark Zuckerberg über Peter Thiel bis hin zu Sam Altman – mit massiven, autarken Bunkern und abgeschotteten Anwesen gegen den Kollaps wappnen, ist dokumentiert. Diese Praxis offenbart ein mangelndes Vertrauen in die langfristige Stabilität der sozialen Ordnung und untergräbt den sozialen Zusammenhalt. Wenn die Eliten sich in Festungen zurückziehen und gleichzeitig Politik und Wirtschaft nach ihren Interessen gestalten, wird die Spaltung der Gesellschaft zementiert – ein System, das an die russischen Verhältnisse der 1990er Jahre oder an postkoloniale Ausbeutungsstrukturen erinnert.
Die Ironie ist unübersehbar: Diejenigen, die sich am lautesten für Stabilität, Ordnung und den Erhalt des Systems aussprechen, untergraben durch ihr eigenes Handeln genau dieses System. Die ultrareichen Eliten – ob sie nun als Tech-Milliardäre, Hedgefonds-Manager oder Waffenhändler auftreten – schaffen durch ihr Verhalten die Unsicherheit und den strukturellen Zerfall, vor der sie sich dann mit Bunkern, Privatarmeen und autarken Rückzugsorten schützen wollen. Sie handeln wie Passagiere, die ein sinkendes Schiff mit allen Rettungsbooten verlassen, während sie zugleich den Kapitän anweisen, weiter Vollgas zu fahren und damit die Mehrheit der Passagiere ins Verderben fahren lassen. Wer sich für den Fall des Kollaps mit Notvorräten und unterirdischen Anlagen wappnet, der signalisiert damit, dass er den Kollaps nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich hält – und dass er bereit ist, die anderen im Stich zu lassen. Was bedeutet, dass ihnen die potentiellen Folgen ihres Tuns bekannt sind.
Die Logik des «Disaster Capitalism» und der Ressourcenaneignung zeigt sich auch in anderen Handlungen der Trump-Administration: der versuchten Übernahme Grönlands wegen seiner strategischen Ressourcen, der Intervention in Venezuela zur Sicherung der Ölvorkommen und der Unterstützung Israels zur Kontrolle von Gaza und Teilen des Westjordanlands, Syriens, Libanons, letztlich Gross-Israels. Diese werden von Analysten als Teile eines globalen, imperialen Projekts interpretiert, das auf die Neuordnung der Welt nach den Interessen einer kleinen Elite abzielt. Die direkte Brücke zwischen dem Nahost-Konflikt und der globalen Krise ist die bewusste Nutzung der wirtschaftlichen Verwundbarkeit als Waffe. Was in Gaza erprobt wurde – die kollektive Bestrafung, die Aushöhlung internationalen Rechts – wird nun global auf allen Ebenen und mit aller Konsequenz angewandt.
Die Gefahr besteht darin, dass dieser «Stresstest» für die Weltwirtschaft zu einer dauerhaften Destabilisierung führt, von der am Ende vor allem diejenigen profitieren, die ihre eigenen Notvorräte und Schutzräume haben - mindestens solange ihre Vorräte noch halten bzw. eine reduzierte Weltbevölkerung existiert, die noch bereit ist, für diese Zyniker zu arbeiten. Die Frage ist nicht, ob dieser Masterplan existiert, sondern ob die internationale Gemeinschaft rechtzeitig Gegenmassnahmen ergreift, bevor die Krise eskaliert.
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*) In ihrem Buch «Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus» beschreibt Naomi Klein, wie Krisen und Katastrophen nicht einfach als Tragödien, sondern gezielt als opportunes Fenster für radikale wirtschaftliche Umgestaltungen genutzt werden.
Die Kernidee
Katastrophen aller Art – Kriege, Naturkatastrophen wie der Tsunami in Sri Lanka oder Wirbelsturm Katrina in New Orleans, aber auch Wirtschaftskrisen oder die Covid-19-PandemieA) – erzeugen einen kollektiven Schockzustand. Diese Phase der Verwirrung, Trauer und Desorientierung wird genutzt, um bei der betroffenen Bevölkerung unpopuläre, neoliberale Reformen durchzudrücken, die in ruhigen Zeiten auf massiven Widerstand gestossen wären.
Die Methode
Die Menschen werden buchstäblich mit einer (ökonomischen) «Schocktherapie» belegt. Ihnen wird – oft unter Anwendung weiterer Gewalt – aufgezwungen:
Die treibende Kraft
Die Theorie wurde von dem Ökonomen Milton Friedman und der sogenannten Chicagoer Schule, zentrale Vordenker des Neoliberalismus, entwickelt und von deren Anhängern in der ganzen Welt verbreitet. Sie wird umgesetzt von einem Netzwerk aus Regierungen, internationalen Finanzinstitutionen und grossen Konzernen – dem «Katastrophenkapitalismus-Komplex». Unter dem Deckmantel des Wiederaufbaus (etwa im Irak nach der Invasion oder in Chile nach dem Pinochet-Putsch) wird das Land nicht für seine Bevölkerung, sondern für externe Profitinteressen neu geordnet.
Legende
A) 1. Profit für die Pharmaindustrie auf Kosten der öffentlichen Hand
Die Entwicklung der COVID-19-Impfstoffe ist ein Paradebeispiel dafür:
2. Ausnutzung der Schockstarre für Privatisierung und Deregulierung
In der akuten Krise, als sich alle auf das Überleben konzentrierten, wurden unpopuläre Massnahmen oft ohne grosse öffentliche Debatte umgesetzt:
3. Rettung der Industrie auf Kosten der Allgemeinheit
Die staatlichen Rettungspakete (teilweise mit "Notfall-Keynesianismus" beschrieben) retteten die Wirtschaft. Die Kosten dafür werden jedoch in Form zukünftiger Sparmassnahmen und Schulden von der Allgemeinheit getragen, während die Profite privatisiert wurden. Auch die Logik des Katastrophenkapitalismus wurde laut Naomi Klein in der Pandemie deutlich: während der akuten Krise werden Rettungsschirme für Unternehmen gespannt, die dann später durch massive Austeritätspolitik bezahlt werden müssen.
Ergebnis
Die COVID-19-Pandemie ist in der Analyse von Naomi Klein und der Forschungsliteratur ein zentrales Beispiel dafür, wie die "Schock-Doktrin" funktioniert: Sie wurde nicht nur als reine Gesundheitskrise betrachtet, sondern systematisch für die Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen und die Vertiefung von Ungleichheiten instrumentalisiert.
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Quellen
Zusammenfassung des Videotranskripts
1. Die abgesagte Attacke: Trump als Verhandler oder Bluffer?
Die ursprünglich für Freitag geplante grossangelegte US-israelische Attacke gegen Irans Öl- und Strominfrastruktur wurde von Präsident Trump überraschend abgesagt. Offiziell begründete Trump dies mit Bitten aus Teheran und anderen nahöstlichen Hauptstädten. Der Experte Provin Sawhney1) durchschaut dies jedoch als typisches Täuschungsmanöver: Tatsächlich habe Iran keine direkten Gespräche mit Trump geführt, und die Absage sei vielmehr Ausdruck fehlender militärischer und diplomatischer Schlagkraft der USA. Trump wolle sich lediglich als Friedensstifter inszenieren, während er in Wahrheit mit leeren Drohungen arbeite.
2. Trumps persönliche und strategische Motive
Im Zentrum von Trumps Handeln stehe die Angst, als Verlierer in die Geschichte einzugehen – er selbst erwähnte Herbert Hoover als abschreckendes Beispiel. Sein Hauptziel sei nicht die nukleare Abrüstung Irans (dies sei eher Israels Anliegen), sondern die Sicherung der Petrodollar-Ströme durch die Strasse von Hormus. Trump wolle verhindern, dass das amerikanische Empire durch eine Blockade dieser lebenswichtigen Handelsroute wirtschaftlich kollabiert. Seine Drohgebärden dienten dazu, Iran einzuschüchtern, was jedoch angesichts der iranischen Widerstandsfähigkeit völlig wirkungslos bleibe.
3. Irans klare Kriegsziele und Stärke
Iran sei nach Sawhneys Einschätzung die militärisch und strategisch überlegene Seite. Das Regime in Teheran verfolge ein einziges, klares Kriegsziel: den vollständigen Abzug aller US-Truppen aus Westasien – insbesondere aus den GCC-Staaten –, um Raum für ein neues regionales Sicherheitsrahmenwerk zu schaffen, das auf islamischen Prinzipien basiere. Dieser Rahmen solle langfristig die Lösung der Palästina-Frage ermöglichen, die Sawhney als Kernkonflikt der Region bezeichnet. Iran sei dank chinesischer Beidou-Satellitentechnologie (präzise Lenkung) und unterirdischer Raketenstädte in der Lage, gezielte Vergeltungsschläge durchzuführen. Die Iraner seien intern geeint – trotz aller innenpolitischen Differenzen –, da sie den Konflikt als existenziell betrachten.
4. Militärische Schwächen der USA und Israels Abhängigkeit
Die USA hätten massive logistische und materialtechnische Defizite: Ihnen fehlten ausreichend Zerstörer, da viele Schiffe wegen Wartungsarbeiten ausfielen. Die integrierte Luftverteidigung (Aegis-Kampfsystem mit SM-3- und SM-6-Raketen, THAAD, israelische Arrow- und David-Sling-Systeme) sei in kritischer Verknappung. Auch Tomahawk-Marschflugkörper seien knapp. Gleichzeitig sei Israel – nur 1/75 der iranischen Fläche und mit 10 Millionen Einwohnern weniger als 1/9 der iranischen Bevölkerung – hochgradig schutzbedürftig. Ein Angriff auf Iran würde Israels Verteidigungssysteme überfordern und die gesamte Region destabilisieren. Zudem habe das US-Verteidigungsgesetz für 2027 eine «Militärfusion» zwischen US-Streitkräften und IDF vorgesehen, was die amerikanische Handlungsfreiheit weiter einschränke.
5. Die Rolle der Golfstaaten und wirtschaftliche Verwundbarkeit
Die GCC-Staaten, insbesondere Saudi-Arabien, hätten sich durch ihre Kooperation mit den USA in eine schwierige Lage manövriert. Sawhney zitiert eine Quelle mit Verlusten von insgesamt 292 Milliarden Dollar (davon 58 Milliarden allein für Kuwait). Die Angriffe der Huthi auf saudische Ölanlagen und die Blockade der Bab-el-Mandeb-Strasse [Anm.: Eingang zum Roten Meer] hätten die Verwundbarkeit der Golfwirtschaft offenbart. Sawhney kritisiert die saudische Führung scharf: Warum bombardiere man den Flughafen von Sanaa und eskaliere den Konflikt mit den Jemeniten, statt auf Deeskalation zu setzen? Die Golfstaaten müssten endlich begreifen, dass Iran nicht die Region dominieren wolle, sondern lediglich einen islamischen Rahmen anstelle des amerikanischen etablieren möchte.
6. Gefahr eines Abnutzungskriegs und Verflechtung mit der Ukraine
Sawhney warnt davor, dass jede Form von begrenztem Bodenkrieg oder Landblockade gegen Iran in einen verlustreichen Abnutzungskrieg umschlagen würde – ähnlich wie Vietnam oder Afghanistan, aber mit weit schwerwiegenderen globalen Folgen, da die Welt heute multipolar sei. Gleichzeitig zeichne sich eine gefährliche Verflechtung der beiden Kriege ab: Die Ukraine habe einen iranischen Frachter im Kaspischen Meer angegriffen, um die Fronten zu verbinden. Putin wiederum habe seine Marinekommandeure angewiesen, von der iranischen «Moskito-Flotte» zu lernen – kleinen, wendigen Korvetten, die mit Kalibr-Marschflugkörpern bestückt sind. Das Kaspische Meer, bisher reine Handelszone, werde so zum neuen Spannungsraum. Der Ukraine-Krieg könnte laut Sawhney innerhalb von zwei bis drei Monaten entschieden sein, sobald Russland Odessa einnehme und die Ukraine keinen Zugang mehr zum Meer habe.
7. Die Pickaxe-Mountain-Debatte: Propaganda statt Strategie
Die jüngsten Medienberichte über einen geheimen iranischen Uranlagerstätte unter dem Pickaxe Mountain und angebliche israelische Geheimdienstinformationen an Trump wertet Sawhney als reine Ablenkung. Wäre dies ein ernsthafter Plan, hätte man ihn niemals durchsickern lassen. Vielmehr solle die eigene Bevölkerung und die Streitkräfte von angeblichen militärischen Optionen überzeugt werden, während die Realität anders aussehe. Das im Juni 2026 unterzeichnete «Islamabad-MOU» sei ein Beleg für Irans Verhandlungsstärke – es sei ein formelles Abkommen, das ganz klar die iranische Position stärke. Iran besitze zwar etwa 440 kg von bis zu 60 % angereichertem Uran und die technische Expertise für eine Bombe, wolle diese aber nicht herstellen, sondern sei bereit, über eine Entsorgung zu verhandeln – allerdings nur im Gegenzug für die Umsetzung der vier Kernartikel des MOU.
8. Die einzige Ausweg: Direkte Verhandlungen
Sawhney plädiert abschliessend eindringlich für direkte Gespräche zwischen Trump und der iranischen Führung – nicht über Mittelsmänner, sondern auf Augenhöhe. Die Vermittler (Pakistan, Türkei, Katar) hätten zwar ihre Rolle, doch der pakistanische Armeechef Field Marshal Munir sei der einzige Akteur, der Zugang zu beiden Seiten auf höchster Ebene habe. Trump müsse seine Drohgebärden aufgeben und ernsthaft über die Strasse von Hormus verhandeln – nicht um die Kontrolle zurückzugewinnen, sondern um wenigstens einen Teil der Petrodollar-Ströme zu sichern. Andernfalls werde die amerikanische Glaubwürdigkeit weiter sinken, die Inflation steigen, und die USA drohten, selbst im multipolaren System auf den dritten Platz hinter China und Russland zurückzufallen. Diplomatie sei der einzige Weg, die Weltwirtschaft zu retten und Trumps persönliches Scheitern zu verhindern.
Fazit: Die USA stecken in einer strategischen Sackgasse: militärisch zu schwach für einen wirksamen Schlag, politisch zu sehr an Petrodollars und Israel gebunden, um nachzugeben. Iran hat die Initiative übernommen und zwingt Trump zu einer Entscheidung – entweder Gespräche oder die Fortsetzung einer Eskalationsspirale, die niemand kontrollieren kann. Die Zeit arbeitet gegen Washington, während Teheran und Moskau ihre Positionen im neuen multipolaren Weltgefüge ausbauen.
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1) Pravin Sawhney ist ein indischer Verteidigungsanalyst, Autor und Herausgeber des Magazins „FORCE“, einer Publikation, die sich mit Themen der nationalen Sicherheit, der Verteidigung, der inneren Sicherheit und der zivilen Luft- und Raumfahrt befasst und die er seit ihrer Gründung im Jahr 2003 leitet. Als ehemaliger Offizier der indischen Armee, in der er dreizehn Jahre lang diente, bevor er vorzeitig in den Ruhestand trat, ist Sawhney bekannt für seine kritischen Analysen der militärischen Fähigkeiten Indiens, der regionalen strategischen Dynamik – insbesondere im Zusammenhang mit China und Pakistan – sowie der indischen Verteidigungspolitik.
Zusammenfassung des Interviews von Middle East Eye und Real Talk mit Trita Parsi
Das Interview mit Trita Parsi, Mitbegründer des Quincy Institute, thematisiert seinen wachsenden Einfluss in den USA, die zunehmende Anfeindung durch pro-israelische und neokonservative Kreise sowie den strategischen Wandel in der amerikanischen Aussenpolitik. Parsi erklärt, dass sein grösseres Publikum, insbesondere bei jungen Menschen und im konservativen Lager, auf die veränderte Medienlandschaft mit längeren, unzensierten Formaten zurückzuführen ist. Die jüngsten Angriffe, einschliesslich eines Artikels, der seine Abschiebung forderte, sieht er als Teil einer eskalierenden, aber verzweifelten Kampagne, die zeige, dass die Gegner keine stichhaltigen Argumente mehr hätten. Zentral ist seine Botschaft, dass die von ihm vertretene Aussenpolitik der «Zurückhaltung» (Restraint) den amerikanischen Interessen besser diene als die neokonservative Doktrin der militärischen Vorherrschaft, die zu endlosen Kriegen führe.
Erweiterte Zusammenfassung in wichtigen Passagen
Die veränderte Medienlandschaft als Katalysator (0:00 – 4:00)
Parsi führt seinen wachsenden Einfluss nicht primär auf sich selbst, sondern auf strukturelle Veränderungen zurück. Er betont, dass das junge Publikum traditionelle Nachrichtenformate meide und stattdessen lange Podcasts und YouTube-Shows konsumiere. Dieser Punkt ist entscheidend, weil er eine Demokratisierung der Debatte signalisiert, die die Gatekeeper-Funktion der Mainstream-Medien umgeht. Gleichzeitig zeigt die Ironie, dass trotz kürzerer Aufmerkssamkeitsspannen lange Formate boomen, dass das Interesse an vertiefter Analyse intakt ist – sofern sie als authentisch und unzensiert wahrgenommen wird.
Der Brückenschlag zwischen links und rechts als strategisches Ziel (4:51 – 7:01)
Die «Transpartisanität» des Quincy Institute, das Anti-Kriegs-Linke mit Anti-Kriegs-Rechten verbindet, wird von Parsi als Kern seiner Arbeit und als Hauptgrund für die scharfe Reaktion der Neokonservativen dargestellt. Hier wird ein grundlegender Machtwechsel sichtbar: Die Neokonservativen, die einst in beiden grossen Parteien heimisch waren, verlieren laut Parsi nun auch ihre Basis bei den jungen Republikanern. Dies sei nicht nur ein persönlicher Sieg, sondern ein strategischer Coup. Der Erfolg zeigt, dass israelkritische Positionen nicht mehr nur eine Domäne der Linken sind, sondern zunehmend im «America First»-Lager Anklang finden – was für die israelische Lobby eine existenzielle Bedrohung ihrer überparteilichen Unterstützung bedeutet.
Die Instrumentalisierung der israelischen Politik für den US-Machtkampf (13:59 – 16:08)
Parsis Ausführungen zur Wandlung von Neokonservativen wie Michael Ledeen sind aufschlussreich. Er zeigt, dass deren Position zu Iran nicht prinzipien-, sondern interessengeleitet war – und zwar nach den Interessen Israels. Die historische Kehrtwende (von Waffenlieferungen an den Iran in den 1980ern zur heutigen Konfrontationspolitik) wird von Parsi nicht als strategische Neuausrichtung der USA, sondern als Ausdruck einer «perfekten Ausrichtung» an Israels jeweiliger Taktik gedeutet. Dieser Abschnitt verdeutlicht, dass die Kritik an der Iran-Politik bei Parsi immer auch eine Kritik an der Unterordnung amerikanischer Aussenpolitik unter fremde Interessen ist.
Die Abschiebungskampagne als Symptom eines argumentativen Bankrotts (18:06 – 24:00)
Die Reaktion auf die Angriffe, insbesondere gegen Laura Loomer, ist bemerkenswert gelassen. Parsi stuft sie als Symptom für den allgemeinen Verfall der Debattenkultur ein. Sein wichtigster Punkt hier ist die Instrumentalisierung staatlicher Macht: Die Forderung nach Abschiebung eines legalen Einwanderers wegen politischer Meinungsäusserung sei ein Präzedenzfall, der die bisherigen Versuche der «Cancellation» und «Deplattformierung» übersteige. Dass das State Department ungewöhnlich schnell dementierte, wertet er als Fehlschlag der Kampagne – aber nicht als Ende der Angriffe. Sein Fazit («Good luck deporting an idea whose time has come») unterstreicht, dass er den Kampf nicht als persönlichen, sondern als ideologischen versteht, der nur durch bessere Argumente, nicht durch Repression, gewonnen werden könne.
Quellenhinweise zu den Abschiebungsbestrebungen
Daniel Levy ist ein ehemaliger israelischer Unterhändler, der unter den beiden Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und Ehud Barak tätig war.
Heute ist der in Grossbritannien geborene Analyst und Präsident des US Middle East Project eine der prominentesten Stimmen, die Israels Vorgehen gegen die Palästinenser scharf kritisieren.
In diesem Gespräch bei „Real Talk“ spricht Daniel Levy mit Mohamed Hashem über seinen eigenen Werdegang. Von seiner orthodox-zionistischen Erziehung in Nordlondon über die Verhandlungen mit Palästinensern bis hin zu seiner heutigen Position.
Zusammenfassung
Daniel Levy, ehemaliger israelischer Unterhändler unter Rabin und Barak und heutiger Präsident des US Middle East Project, gibt in diesem Interview einen tiefgehenden Einblick in seine persönliche und politische Wandlung – vom orthodox-zionistischen Jugendlichen in Nord-London zum scharfen Kritiker der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern. Er beschreibt, wie seine Erfahrungen im Militärdienst, in den Oslo-Verhandlungen und in der israelischen Politik ihm die Augen für die systemische Ungerechtigkeit des israelischen Projekts öffneten. Zentral ist seine These, dass der Zionismus in seiner tatsächlichen Ausprägung nicht reformierbar sei: Israel habe sich nie mit der Nakba auseinandergesetzt und lehne jede echte Gleichberechtigung ab. Er warnt vor den katastrophalen Folgen der israelischen Dominanzpolitik und sieht die einzige Hoffnung in äusserem Druck, insbesondere durch Boykottbewegungen und veränderte geopolitischen Rahmenbedingungen, die eine innere Debatte in Israel erst ermöglichen könnten.
Erweiterte Kommentare zu wichtigen Passagen
Die Zentralisierung Israels als Ersatzreligion (0:00 – 5:30)
Levy beschreibt einen entscheidenden Wandel im jüdischen Diasporaleben: Während Israel nach seiner Gründung 1948 noch keine zentrale Rolle spielte, wurde es nach 1967 zunehmend zum Kern der jüdischen Identität – und ersetzte oft die Religion selbst. Er sieht darin eine bewusste Strategie jüdischer Institutionen, die angesichts zunehmender Assimilation und des schwindenden Einflusses der Holocaust-Erinnerung Israel als "Jüdisches Disneyland" vermarkteten, um die Jugend zu binden.
Diese Analyse ist bedeutsam, weil sie den politischen Charakter dieser Identitätsstiftung offenlegt: Israel wurde nicht als religiöses oder kulturelles Phänomen, sondern als politisches Projekt instrumentalisiert, das Kritik kaum zulässt – wer Israel infrage stellt, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, während religiöse Zweifel toleriert werden.
Der Bus nach Nablus – die Erkenntnis der Illegalität (11:30 – 12:45)
Levys Schlüsselmoment während seines Militärdienstes: Auf einem Bus in militärischer Uniform, unterwegs zu einer Basis im besetzten Westjordanland, denkt er: "Das ist ein legitimes Ziel." Ein Bus voller Soldaten in einem besetzten Gebiet sei nach internationalem Recht ein legitimes Angriffsziel. Dieser Moment ist von existentieller Bedeutung, weil Levy hier erstmals die Perspektive der Besetzten einnimmt. Er erkennt, dass er nicht auf der "richtigen" Seite der Legalität steht – sondern auf der Seite der Besatzungsmacht. Es ist der erste Riss in seinem liberal-zionistischen Weltbild, das den Staat Israel als legitimes, ethisches Projekt betrachtete.
Der Verrat an Oslo – Edward Saids Analyse bestätigt (19:35 – 20:40)
Levy zitiert Edward Said, der Oslo als Verlängerung der Besatzung kritisierte: Israel habe palästinensische Zustimmung erkauft, um die Besatzung fortzusetzen. Levy bestätigt dies aus eigener Erfahrung: Als die PLO bereit war, einen Staat auf 22 % des Landes zu akzeptieren, verweigerte Israel nicht nur die notwendigen Zugeständnisse, sondern nutzte die Verhandlungen, um die Palästinenser weiter zu schwächen. Dieser Abschnitt entlarvt die gängige Erzählung, Israel habe "keinen Partner für Frieden" gehabt. Levy zeigt, dass Israel den Frieden nicht wollte, weil es nie bereit war, die grundlegenden Rechte der Palästinenser – Rückkehr, Gleichberechtigung, Ende der Besatzung – anzuerkennen.
Von Rabin zu Ben-Gvir – die Kontinuität des Extremismus (20:40 – 24:00)
Levy beschreibt, wie bereits während der Oslo-Verhandlungen ein hoher israelischer Offizier sich mit den Demonstranten gegen den Frieden solidarisierte – und heute unter Netanyahu dient. Er zeigt auf, dass die heutigen Extremisten wie Ben-Gvir und Smotrich keine Abweichung, sondern die logische Konsequenz eines Systems sind, das seit 1948 auf Verdrängung und Verweigerung basiert. Diese Analyse stellt die verbreitete Erzählung infrage, dass Netanyahus Regierung ein Ausrutscher sei. Levy argumentiert, dass selbst die sogenannte "Opposition" (Gantz, Lapid) in der Sache kaum anders denkt – der Unterschied sei nur zwischen Apartheid und Völkermord, nicht zwischen Frieden und Krieg. Das System sei von Grund auf ungerecht und nicht reformierbar.
Die Verweigerung der Reckoning – warum Israel sich nicht selbst ändern kann (29:45 – 31:45)
Levy stimmt der Einschätzung des israelischen Journalisten Gideon Levy zu, dass eine innere israelische Auseinandersetzung nicht von selbst kommen werde. Er verweist auf die historische Verweigerung: Israel hat nie die Nakba anerkannt, nie die Vertreibung der Palästinenser thematisiert, nie eine Wahrheits- und Versöhnungskommission eingesetzt. Selbst die Friedensbewegung argumentierte nie aus Gerechtigkeit, sondern aus demografischer Angst: "Wenn wir nicht abziehen, werden die Palästinenser uns überholen." Diese Einsicht ist fundamental, weil sie zeigt, dass der Liberale Zionismus immer schon auf Dehumanisierung beruhte. Levy sieht die einzige Chance in äusserem Druck – durch Sanktionen, Boykotte und eine veränderte internationale Lage, die die Kosten für Israels Politik so hoch macht, dass eine innere Debatte überhaupt erst möglich wird.
Die Instrumentalisierung des Antisemitismus und die Zukunft des Judentums (38:40 – 40:30)
Levy kritisiert scharf, wie Israel jüdische Gemeinschaften weltweit als "menschliche Schutzschilde" instrumentalisiere, um Kritik an israelischer Politik als Antisemitismus zu diskreditieren. Er sieht darin die grösste Gefahr für das jüdische Wohlbefinden – nicht nur, weil es Juden zum Ziel von Vergeltung mache, sondern weil es jüdische Identität mit einem rassistischen, kolonialen Projekt gleichsetze. Diese Position ist provokativ, weil sie den Mainstream der jüdischen Institutionen infrage stellt, die Israel-Kritik oft pauschal als Antisemitismus brandmarken. Levy plädiert für eine Rückbesinnung auf die universalistische, ethische Tradition des Judentums, die sich gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit einsetzt – und die mit dem israelischen Projekt unvereinbar sei.
Die Warnung vor der israelischen Hybris (40:30 – 42:00)
Levy warnt vor den katastrophalen Folgen der israelischen Dominanzpolitik: Israel, ein kleines Land mit Atomwaffen, versuche, die gesamte Region zu beherrschen – durch Vertreibung, Auslöschung und Demütigung. Er sieht das als gefährliche Überdehnung, die noch nicht an ihre Grenzen gestossen sei, aber massiven Rückschlag provozieren werde. Diese Warnung ist von aktueller Brisanz, da sie die Eskalation gegen Iran, die Blockade Gazas und die zunehmende regionale Isolierung Israels als Teil eines Musters beschreibt, das letztlich nicht auf Dauer aufrechterhalten werden kann. Levy sieht eine existenzielle Notwendigkeit für alle Beteiligten – Israelis, Palästinenser, Region – von diesem Wahnsinn zurückzutreten, bevor der Rückschlag monumentale Ausmasse annehme.
Zusammenfassung des Interviews mit Alastair Crooke (Chris Hedges)
In diesem Interview analysiert der ehemalige britische Diplomat Alastair Crooke die militärische und geopolitische Lage nach mehreren Monaten Krieg zwischen den USA und Iran. Crooke zeichnet ein düsteres Bild einer gescheiterten US-Strategie, die auf Luftüberlegenheit und Präzisionsschläge setzte, aber an der iranischen Verteidigungsdoktrin scheiterte. Die USA haben enorme Mengen kritischer Munition verbraucht – darunter Tomahawk-, JASSM- und THAAD-Raketen – ohne strategische Erfolge zu erzielen. Iran hat seine Raketeninfrastruktur dezentralisiert und vergraben, was die US-Schläge weitgehend wirkungslos machte. Crooke sieht darin das Ende einer Ära westlicher Luftkriegsführung seit dem Zweiten Weltkrieg.
Zentrale Themen und Analysen
1. Die Erschöpfung der US-Militärbestände
Crooke bestätigt die von Hedges vorgetragenen Zahlen über den dramatischen Verbrauch von Präzisionsmunition. Besonders kritisch ist die Erschöpfung der strategischen Erdölreserve (nur noch 43 Tage Versorgung) und die hohen Kosten für die Aufrechterhaltung der Operationen. Die Kombination aus Waffenknappheit und der Unfähigkeit, die Strasse von Hormus zu kontrollieren, macht den Krieg für die USA militärisch wie wirtschaftlich untragbar. Crooke betont, dass selbst nach 45 Angriffen auf eine einzige iranische "Raketenstadt" diese weiterhin funktionsfähig blieb – ein Beleg für die Wirksamkeit der iranischen Taktik.
2. Iran als aufstrebende Regionalmacht
Iran hat nicht nur militärisch, sondern auch strategisch die Oberhand gewonnen. Die Kontrolle über die Strasse von Hormus wird von Iran als dauerhafte Hebelwirkung genutzt. Crooke erläutert den iranischen Plan, die Durchfahrt zu regulieren, Gebühren zu erheben und US- sowie israelische Schiffe dauerhaft auszuschliessen. Teheran sieht die aktuellen Gespräche mit Oman als technische Verhandlungen, nicht als echte Friedensinitiative. Die Iraner sind überzeugt, dass die USA aufgrund ihrer militärischen und wirtschaftlichen Schwäche keinen langen Krieg durchhalten können, und setzen auf Zeit – unterstützt durch die Einnahmen aus den Hormus-Gebühren (schätzungsweise 100 Milliarden Dollar jährlich).
3. Die regionale Eskalation und Zersplitterung des Konflikts
Crooke warnt vor der Entstehung einer "Matrix kleinerer Kriege" in der gesamten Region: Saudi-Arabien liegt im offenen Konflikt mit den Huthi, die saudische Öllieferungen über das Rote Meer blockieren. Die USA haben ihre Golf-Verbündeten nicht in den Krieg einbezogen, was zu Misstrauen und Spannungen führt. Im Irak mobilisiert der schiitische Widerstand, der sich als irakisch-nationalistisch versteht und nicht als iranische Stellvertreterkraft. Syrien, Libanon und die Kurdengebiete sind weitere Brandherde. Crooke betont, dass Washington keine umfassende Lösung finden kann, weil jeder Konflikt eine eigene Dynamik und eigene Akteure hat.
4. Die Gefahr einer israelischen Eskalation im Westjordanland
Ein besonders brisanter Punkt ist Crookes Hinweis auf die messianische Rechte in Israel um Ben-Gvir und Smotrich, die eine grosse Krise im Westjordanland provozieren wollen, um eine ethnische Säuberung der Palästinenser zu erreichen – als "Lösung" für den demografischen Konflikt. Crooke erinnert an Smotrichs Aussage, dass ein grosser Krieg nötig sei, um ihren Plan umzusetzen. Eine solche Eskalation könnte zu einer direkten Konfrontation zwischen Israel und Jordanien oder Ägypten führen, die beide ihre Streitkräfte bereits an den Grenzen in Stellung gebracht haben. Ein Ausbruch im Westjordanland könnte Iran direkt in den Konflikt mit Israel ziehen.
5. Die wirtschaftliche Verwundbarkeit der USA und ihrer Verbündeten
Crooke hebt die prekäre Lage der Weltwirtschaft hervor: Die US-Anleihenmärkte sind in einer Krise, der japanische Yen fällt dramatisch, und die USA versuchen verzweifelt, das Finanzsystem zu stabilisieren. Israel sei wirtschaftlich verwundbar, weil seine gesamte Infrastruktur zentralisiert sei – im Gegensatz zu Irans dezentraler Struktur. Iran könnte jederzeit die Entsalzungsanlagen der Golfstaaten angreifen, die 70-80 % der Wasserversorgung ausmachen, und damit eine massive humanitäre Krise auslösen. Crooke stellt fest, dass Trumps Hauptmotivation – die Stabilisierung der Märkte – kontraproduktiv ist, weil seine unberechenbaren Drohungen die Märkte weiter verunsichern.
6. Die gescheiterte US-Strategie und die Zukunft des Konflikts
Crooke kommt zu dem Schluss, dass die USA den Krieg nicht gewinnen können, aber auch nicht bereit sind, eine Niederlage einzugestehen. Trumps Muster aus Drohungen und Rückzügen hat seine Glaubwürdigkeit zerstört. Die Iraner wissen, dass sie Trump nicht trauen können, und lehnen deshalb echte Verhandlungen ab. Crooke sieht eine düstere Zukunft: Entweder kommt es zu einer weiteren, noch verheerenderen militärischen Eskalation, oder die USA müssen sich aus der Region zurückziehen – was den Weg für Irans Aufstieg zur dominierenden Macht am Golf freimachen würde. Die einzige Hoffnung sei ein Wandel der US-Strategie hin zu echter Diplomatie, aber dafür scheine in Washington der politische Wille zu fehlen.
Fazit
Das Interview ist eine scharfe Kritik an der US-Kriegspolitik und zeichnet das Bild einer imperialen Macht im Niedergang. Crooke argumentiert, dass der Krieg gegen Iran nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und strategisch gescheitert ist und dass die USA die regionale Dynamik völlig unterschätzt haben. Die "Lösung" liege nicht in weiteren Bombardements, sondern in einer Anerkennung der Realitäten und in einer Neuausrichtung der US-Aussenpolitik – doch dafür sei die Trump-Administration weder willens noch fähig.
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Übersetzung des ganzen Videotranskripts
Chris Hedges (Intro): Donald Trump hat einen geplanten grossangelegten Militärangriff auf Iran abgesagt. Dieser Entscheidung folgen Berichte, wonach die USA seit Kriegsbeginn am 28. Februar grosse Mengen kritischer Munition verbraucht haben. Diese Erschöpfung der Bestände umfasst Tomahawk-Langstreckenraketen, die von See aus gegen Bodenziele abgefeuert werden. Von den geschätzt 3,000 Tomahawks im US-Arsenal wurden offenbar 1,000 eingesetzt. Etwa 1,100 JASSM-Luft-Boden-Langstreckenraketen von insgesamt etwa 4,000 wurden ebenfalls im Krieg verwendet. Etwa 40 bis 70 PRSM-Boden-Boden-Langstreckenraketen, von denen die USA nur 90 im Bestand hatten, wurden auf Iran abgefeuert, womit praktisch der gesamte Vorrat aufgebraucht ist. Die schiffsgestützte ballistische SM3-Rakete, die 28 Millionen Dollar kostet und vor dem Krieg etwa 410 Stück umfasste, wurde möglicherweise bis zu 250 Mal eingesetzt. Die SM6, ebenfalls schiffsgestützt, dient zum Abfangen von Flugzeugen und Marschflugkörpern; zwischen 190 und 370 von 1,160 wurden verwendet. Von den etwa 360 THAAD-Raketenabwehrsystemen wurden bis zu 290 auf Iran abgefeuert. Und schliesslich wurden von den geschätzt 2,300 Patriot-Raketen zwischen 1,600 und 1,430 verbraucht. Die Erschöpfung lebenswichtiger Waffensysteme ist nicht das einzige Problem der Trump-Administration, sondern auch die Erschöpfung der strategischen Erdölreserve. Die Bank of America Global Research zeigt, dass die strategische Erdölreserve der USA den niedrigsten Stand seit 1983 erreicht hat, was dem Land nur noch 43 Tage Rohölversorgung lässt. Hinzu kommt die Unfähigkeit der USA, die Kontrolle über die Strasse von Hormus von Iran zurückzugewinnen – und schon hat man einen Krieg, den die USA nach jedem Massstab nicht mehr weiterführen können. Die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtet, dass ein iranischer Parlamentsausschuss einen Gesetzesentwurf prüft, der US-, israelischen und anderen sogenannten "feindlichen" Schiffen die Durchfahrt durch die Strasse verbieten würde. Iran und Oman, die nun gemeinsam die Strasse kontrollieren, haben erklärt, sie hätten Schifffahrtsrouten durch die Wasserstrasse formalisiert, deren Schliessung natürlich eine globale Energiekrise ausgelöst hat. Trumps sonnige Einschätzung des Krieges ist nicht neu, ebenso wenig wie das Zurückrudern von apokalyptischen Drohungen, Iran zu vernichten. Am 7. April drohte er beispielsweise, dass eine "ganze Zivilisation heute Nacht sterben und nie wieder zurückgebracht werden würde", wenn Iran die Strasse nicht sofort öffne. Zwei Stunden später, vor seiner selbstgesetzten Frist, gab er nach und kündigte stattdessen eine zweiwöchige Waffenruhe an. Dieses Muster aus Drohungen und Rückzügen hat Trumps Glaubwürdigkeit untergraben. Es hat ein bereits skeptisches Iran von vorgeschlagenen Verhandlungen entfernt. Iran geht zu Recht davon aus, dass es nichts glauben kann, was der Präsident sagt. Und es weiss auch, dass die USA es sich nicht leisten können, den Konflikt zu verlängern, ohne enorme militärische und wirtschaftliche Kosten zu tragen.
Chris Hedges: Zu mir gesellt sich, um den Stand des gegenwärtigen Krieges zu erörtern, Alastair Crooke, ein ehemaliger britischer Diplomat, der viele Jahre im Nahen Osten tätig war und als Sicherheitsberater für den EU-Sondergesandten für den Nahen Osten arbeitete sowie bei der Einrichtung von Verhandlungen und Waffenstillständen zwischen Hamas, Islamischem Dschihad und anderen palästinensischen Widerstandsgruppen half. Er war massgeblich an der Einrichtung des Waffenstillstands von 2002 zwischen Hamas und Israel beteiligt. Er ist auch Autor von "Resistance: The Essence of the Islamist Revolution", das den Aufstieg islamischer Bewegungen im Nahen Osten analysiert. Also, Alastair, fangen wir an mit der gegenwärtigen Lage. Wie ich in der Einleitung erwähnt habe, hatte Trump eine massive Bombenkampagne angedroht. Wieder einmal zog er sich zurück. Sie haben dieses Abkommen zwischen Oman und Iran. Können Sie uns den Rahmen abstecken?
Alastair Crooke: Sicherlich. Ich fand eines der Dinge ziemlich bemerkenswert – Sie haben diese Liste von Raketen und Waffen vorgelesen, die während des Krieges aufgebraucht wurden, und was wirklich bemerkenswert ist, ist, wie wenig das erreicht hat. Es hat Irans Raketenfähigkeit nicht wesentlich beeinträchtigt. Es hat keine Änderung der Haltung Irans bewirkt. Es hat den Krieg völlig verfehlt, und ich denke, es stellt wirklich das Ende einer Art der Kriegsführung dar. Über den Zeitraum, den wir seit dem Zweiten Weltkrieg gesehen haben, hat sich der Westen vollständig auf die Idee der Kontrolle des Luftraums, der Fähigkeit, seine Feinde flächendeckend zu bombardieren, verlegt und glaubte, völlige Freiheit zu haben, zu gehen, wohin er wollte, wann er wollte, wie er wollte. Und das ist zu Ende gegangen. Und was es zu Ende gebracht hat, sind im Grunde billige Komponenten, elektronische Komponenten, die es den Staaten ermöglicht haben, Raketen zu produzieren. Und so hat Iran tatsächlich die Antwort darauf gefunden. Man vergräbt seine Raketen. Man vergräbt die Produktionssysteme. Man vergräbt die Führung. Es wurde Mosaiksystem genannt. Aber es war sehr effektiv, und ich denke, das Ablesen dieser Liste unterstreicht, wie sehr es das ist. Sowohl Israel als auch die USA sagen, dass Iran die gleiche Fähigkeit in Bezug auf die Raketen habe. Sie haben zwar keine Luftwaffe, aber sie haben jetzt in dieser Phase die Raketen-Luftherrschaft über den Golf. Und das im Gegensatz zur Luftherrschaft, die die USA nicht vollständig erreichen konnten. Sie fragen, wo wir stehen. Wo wir stehen, ist, dass diese Gespräche – und das muss ganz klar sein – nur technische Gespräche sind, im Moment noch technische Teams, die die Strasse zwischen Oman erörtern. Amerika ist nicht daran beteiligt, obwohl zweifellos bestimmte Vermittler ständig mit den Omanis telefonieren werden. Aber mein Verständnis ist im Grunde folgendes: Es gibt keine Absicht seitens Irans, Hormus in dem Sinne zu öffnen, dass es den gesamten Verkehr zu Nullkosten öffnet. Es gibt keine Absicht, das zu tun. Es könnte sehr vorsichtig geöffnet werden, zum Beispiel für chinesische Schiffe und Tanker, aber es wird nicht in dem Sinne geöffnet, wie es früher war. Zweitens werden die Iraner Gebühren erheben – 7 % werden gemunkelt – und sie werden auch 20 % Strafgebühren für alle Schiffe erheben, die sich nicht an die von der neuen Verwaltung für die Strasse von Hormus festgelegten Regeln halten. Ich denke, was wir sehen werden, ist, dass die Gespräche über die Frage laufen, ob es zwei Korridore oder einen Korridor gibt – einen Ausgangskorridor und einen Eingangskorridor. Und im Moment gibt es sozusagen nur einen Korridor, weil die Iraner den Korridor, der entlang der omanischen Küste verläuft und dort hinausführt, durch Verminung geschlossen haben. Dieser ist also effektiv geschlossen. Tatsächlich, ich glaube, heute Morgen hat ein Tanker aus Abu Dhabi versucht, diesen Ausgang zu nutzen, wurde mit Raketen angegriffen, beschädigt und musste umkehren. Das ist also immer noch nicht in Betrieb. Die nördliche Route steht unter der Kontrolle der IRGC. Ich denke, einige Schiffe passieren sie auf dem Weg nach China, aber die Zahl der Durchfahrten ist sehr gering. Und ich denke, Trump wird mit dem Vorschlag konfrontiert sein, dass Iran Hormus kontrolliert, dass es den Ein- und Ausgang kontrollieren wird, obwohl der Eingang möglicherweise von den Omanis unter der ultimativen Kontrolle der IRGC verwaltet wird. Mit anderen Worten: Alle Einzelheiten der Schiffe müssen der IRGC vorgelegt werden, bevor sie diese Route befahren dürfen, und der Prozess wird weiterhin vollständig von der IRGC verwaltet und kontrolliert, und sie wird geschlossen bleiben. Und das ist nicht Teil des Verhandlungsmandats, aber das Madschlis in Teheran scheint zu sagen, dass sie ein Gesetz erlassen werden, das es zu jeder zukünftigen Zeit nach Kriegsende verbieten würde, dass Schiffe aus den USA oder Israel die Durchfahrt durch Hormus erhalten. Nach meinem Verständnis wird dies nach Angaben der Iraner erst in Kraft treten, nachdem das Kriegsende vereinbart wurde, nachdem eine Waffenruhe festgestellt wurde, nachdem die US-Blockade aufgehoben wurde, nachdem die Sanktionen gegen Erdöl- und Erdölprodukte aus Iran für den Export aufgehoben wurden – erst dann werden diese neuen Regelungen vollständig in Kraft treten. Aber es wurde meines Wissens noch nicht dem Obersten Führer vorgelegt und vom Sicherheitsausschuss verabschiedet; es wird noch auf technischer Ebene diskutiert, und es könnte noch eine Weile dauern, bis die Gespräche abgeschlossen sind. Aber ich denke, es wird Herrn Trump mit einem sehr offensichtlichen Dilemma konfrontieren. Ich meine, entweder akzeptiert er, dass dies eine Niederlage ist. Vielleicht kann er sie akzeptieren. Wir haben Herrn Bent in den letzten Stunden sagen hören: "Ach, Hormus ist eigentlich irrelevant. In ein paar Jahren werden wir Hormus sowieso nicht mehr brauchen." Er erwähnte das Rote Meer nicht und er erwähnte Bab al-Mandab nicht, aber er sagte nur: "Hormus könnte irrelevant sein." Ist das der Beginn einer Vorbereitung auf einen Ausstieg? Es ist zu früh, um das zu sagen. Wer weiss? Aber die Frage ist: Kann Trump, nach seiner gesamten Karriere, nach seiner Prägung durch Roy Cohn, niemals ein Verlierer sein – man muss immer ein Gewinner sein – kann er das aushalten, oder wird er eine weitere militärische Aktion versuchen, obwohl es, wie Sie zu Recht sagten, wirklich keinen Sinn mehr in einer weiteren militärischen Eskalation gibt, weil sie nichts an der Haltung Irans oder seiner Entschlossenheit, Hormus zu kontrollieren, ändern wird, und sie sind nicht bereit, es zu öffnen oder auch nur Verhandlungen zu beginnen? Sie würden von den USA verlangen, dass sie im Voraus Zusagen machen, und erst dann wären Verhandlungen überhaupt möglich. Aber insgesamt, wie Sie in der Einleitung ganz richtig sagten, glaubt Iran einfach nicht, dass eine umfassende Einigung mit Herrn Trump, mit dieser Administration möglich ist. Es ist abweisend gegenüber das MOU. Es sieht, dass die USA nur dieses Muster von Drohungen und dann Gerede von einem Deal verwenden. Es geht nur um die Märkte. Es geht nur um die Manipulation des Ölpreises. Und die Iraner lachen jetzt darüber. Sie legen jetzt Papiere vor, die zeigen, wie viele Futures kurz vor Montag verkauft wurden, und die ganze Manipulation wird von den Iranern im Detail dargelegt. Und so ist das MOU für sie viel weniger wichtig geworden, weil sie sehen, dass sie wirklich nicht als Dokument gedacht ist, aus dem sich Verhandlungen entwickeln könnten, denn im Grunde geht es nur um die Manipulation der Märkte, weil Trumps Hauptanliegen jetzt wirklich die Märkte, der Ölpreis, die Inflation und vor allem der Anleihenmarkt sind.
Chris Hedges: Nun, Sie haben all diese Anschuldigungen von Insiderhandel innerhalb der Trump-Administration. Es ist möglich, dass wie im späten Römischen Reich die Kaiser nach Gallien zogen, die germanischen Stämme die römischen Legionen zurückschlugen und die Kaiser dann einfach einen Triumphzug durch Rom veranstalteten, obwohl sie geschlagen worden waren. Das ist ganz in Trumps Art. Die Realität, der Verlust und die Niederlage mögen Tatsachen sein, aber sie sind nicht unbedingt Tatsachen, die Trump anerkennen wird. Ich möchte ein wenig über das Abkommen sprechen, denn das ursprüngliche Abkommen sollte in Phasen durchgeführt werden. Es ist ziemlich klar, dass Iran so etwas nicht noch einmal unterzeichnen wird. Es war ein unprovozierter Krieg, ein verbrecherischer Angriffskrieg nach internationalem Recht, bestätigt vom UN-Chef und anderen. Iran will Reparationen. Es will seine eingefrorenen Vermögenswerte in Höhe von etwa hundert Milliarden Dollar freigegeben. Und dann will es natürlich eine Garantie, dass es nicht wieder angegriffen wird. Auf der anderen Seite steht Trump vor den Zwischenwahlen. Seine Umfragewerte sind sehr niedrig. Und ich denke, es ist klar, dass das Weisse Haus verzweifelt ein Abkommen will, selbst wenn es nur ein Zwischenabkommen ist, mit dem sie die nächsten Monate, zumindest bis November, durchhalten können. Ich frage mich, ob Sie diese beiden konkurrierenden Anliegen ansprechen können.
Alastair Crooke: Ja. Und ich denke, was Sie beschrieben haben, ist fast eine Phase des Krieges, die jetzt hinter uns liegt, in dem Sinne, dass das MOU [Memorandum of Understanding = Absichtserklärung] heute weithin als Täuschung betrachtet wird. Es gibt eine kleine Fraktion, die das nicht so sieht, aber insgesamt betrachtet die Führung das MOU als Täuschung. Es war eine bewusste Täuschung, denn ihr Zweck war einfach, Hormus so schnell wie möglich zu öffnen, und so wurde sie ohne ernsthafte Absicht unterzeichnet, sie zu einem Abschluss zu bringen. Es gibt also kein wirkliches Gefühl, dass dies ein Baustein für ein Abkommen ist, das von Trump respektiert werden würde. Es war aus ihrer Sicht eine Täuschung, und daher befinden wir uns in einer anderen Phase. Ich denke, diese Phase besteht darin, den Druck auf Trump zu erhöhen, erstens über die Märkte. Das Rote Meer ist jetzt geschlossen. Die Huthi haben wieder saudische Tanker angegriffen, die versuchen, in den Hafen von Yanbu am Roten Meer einzufahren, um Öl zu laden, und das verhindert. Es gibt also sehr wenig Verkehr; es ist für anderen Verkehr offen, aber nicht für saudische Tanker. Die Saudis – ich denke, dies ist das erste Mal, dass sie in dieser Zeit überhaupt kein Öl exportiert haben.
Chris Hedges: Und nur zur Unterbrechung, Alastair – ich glaube, die Saudis exportierten etwa sechs Millionen Barrel pro Tag durch das Rote Meer. Ist das richtig?
Alastair Crooke: Genau. Und es ist jetzt auf Null gesunken. Insgesamt ist es jetzt auf Null. Und die VAE haben in dieser Zeit ebenfalls kein Öl exportiert. Und so ist das Hauptelement, dass Iran sieht, dass es Hebelwirkung hat, weil Sie die Auswirkungen auf die Ölmärkte erwähnten, aber was so wichtig ist, ist wirklich die Art des Öls, das fehlt. Das ist entscheidend für ihre Überlegungen, denn was Iran und die Strasse von Hormus lieferten, waren im Wesentlichen die mittleren Destillate des Öls, nicht leichtes Öl. Amerika hat leichtes Öl aus den Fracking-Feldern und Permian und so weiter. Und Venezuela hat das letztlich schwerste, fast teerartige Öl auf der anderen Seite. Aber die mittleren Destillate sind diejenigen, die Diesel und Kerosin für Flugzeuge liefern, und die sind in drastisch knapper Versorgung. Der Angebotspreis in Raffinerien für ein Barrel mittlerer Destillate ist heute viel höher als in der Zukunft. Die Märkte sind rückwärtsgerichtet. Die Krise liegt bei Diesel und Kerosin. Und das ist einer der Gründe, warum ich mir nicht sicher bin, ob wir einen grossen Angriff auf Iran sehen werden, denn wenn Sie eine grosse Luftoperation durchführen wollen, braucht es viel Flugtreibstoff, um eine solche Operation durchzuführen. F-15, F-35 verbrauchen ihn gallonenweise und müssen nach etwa 250 Meilen betankt werden. Ich denke also, ein Teil davon wird die Hebelwirkung sein. Der zweite Teil, den wir sehen werden, ist auch die Idee einer Verschiebung, und das sehen wir in dieser Phase. Iran ist zu einer proaktiveren Haltung übergegangen. Sie werden nicht einfach warten, bis die USA angreifen, und dann überlegen, welche Ziele sie als Vergeltung angreifen werden. Sie halten ein stilles Niveau proaktiver Angriffe auf die USA, auf die Golfstaaten aufrecht – im Moment ist Israel nicht beteiligt – aber sie halten ein Niveau militärischer proaktiver Gewalt aufrecht. Mit anderen Worten, sie dehnen den Krieg aus, machen es Trump äusserst schwer zu sagen, er habe den Krieg gewonnen, üben Druck auf ihn aus. Und gleichzeitig nicht so weit zu gehen, dass die ganze Situation in einen grossen Krieg explodiert, aber Schiffe weiter anzugreifen. Wie ich sagte, ein Tanker aus Abu Dhabi, ADNOC, das staatliche Ölunternehmen, wurde in den letzten Stunden angegriffen, während diese Gespräche in Maskat laufen – sie haben nicht aufgehört. Und es ist nicht als Reaktion auf einen amerikanischen Angriff. Also proaktive Angriffe, und das Gefühl nimmt zu, dass Trump unter Druck steht, und sie denken, dass Iran das Gefühl hat, die Karten, wie Trump es nennt, in der Hand zu haben, dass sie in einer besseren Position sind. Und dass sie sehen, dass sie, wenn sie in einen langen Krieg mit den USA eintreten, die Kapazität und die Kontrolle über Hormus haben, was entscheidend ist, weil sie einen langen Krieg finanzieren können, wenn sie die Gebühren und Durchfahrtsgebühren für Hormus haben. Es wird auf etwa 100 Milliarden pro Jahr geschätzt – damit kann man einen Krieg finanzieren. Das Denken ändert sich also ein wenig in Richtung mehr Druck auf Trump und nicht auf ein Abkommen. Ich denke, nach meinem Verständnis sind wir zurückgekehrt zu dem Gefühl, das Iran seit einiger Zeit hat, dass dies nicht in einer Art Deal geregelt wird, dass letztlich ein Krieg mit den USA unvermeidlich war, dass dies der einzige Weg aus dem Dilemma war, in dem Iran seit 47 Jahren gefangen war, und dass dieser Krieg unvermeidlich war. Er würde kommen, und ich denke, wenn er kommt, fühlen sie sich bereit dafür. Und zwar in einer viel besseren Position als Herr Trump in Washington, während die Druck auf den Ölmärkten wirken und auch die militärischen Realitäten Washingtons offensichtlich werden – die Unfähigkeit, Distanzwaffen abzufeuern, die Unfähigkeit, den Raketenstädten wirklich Schaden zuzufügen. Was wird er also angreifen? Spitzhacke-Berg. Es ist ein Granitberg mit Einrichtungen, die tausend Meter unter Granit vergraben sind. Alles, was passieren würde, ist, dass er Bomben davon abprallen lässt. Es würde sie nicht treffen. Eine ihrer Raketenstädte wurde während dieses Prozesses 45 Mal von amerikanischen Bomben getroffen, und noch immer, eine halbe Stunde später, feuerte sie Raketen von demselben Ort ab. Ich denke also, wir befinden uns in einer anderen Art von Atmosphäre, einer anderen Phase, um den Druck auf die USA zu erhöhen, weil der Appetit auf einen schnellen Deal nicht vorhanden ist, und das spiegelt sich sehr deutlich am Boden in Iran wider. Wir haben das während der Beerdigungsprozession und anderer Dinge gesehen. Die iranische Stimmung hat sich ziemlich verändert. Es hat etwas viel Tieferes ausgelöst, eine Art Erinnerung an Iran als eine bedeutende zivilisatorische Macht, als etwas, das seit Jahrtausenden eine dominierende Kraft in der Region war, und das mit keinerlei Respekt behandelt wird, mit Unhöflichkeit, und "Abschaum" genannt wird – und das hat eine sehr harte Mentalität hervorgerufen, glaube ich, unter den Jungen. Was Sie also sahen, waren nicht Menschen auf der Strasse, die sagten: "Kommen Sie, lassen Sie uns einen Deal machen, wir wollen zurück zu einem Deal." Ich meine, der Ruf ist: "Wir wollen Rache." Das rufen die Jungen. Das haben wir bei den riesigen Versammlungen gesehen, die bei der Beerdigung stattfanden, sowohl dort als auch im Irak. Drei Städte, jede mit vier bis fünf Millionen Menschen auf den Strassen, um die Beerdigung des verstorbenen Obersten Führers zu begehen.
Chris Hedges: Ich möchte nach den Auswirkungen dieses Krieges innerhalb der Region fragen, aber bevor ich das tue, frage ich mich, ob Sie die möglichen Konsequenzen einer längeren Schliessung sowohl von Bab al-Mandab als auch der Strasse nicht nur für die Ölmärkte, sondern für die globale Wirtschaft ansprechen könnten.
Alastair Crooke: Es ist schwierig, eine klare quantitative Antwort zu geben, weil so vieles unbekannt ist. Wir befinden uns mitten in – oder zumindest versuchen die USA, mit einer grossen Krise in Japan umzugehen, wo der japanische Yen dramatisch fällt, und Amerika versucht, Japan vor dem Zusammenbruch seiner Währung zu retten und muss Euros verkaufen, um Yen zu kaufen, um es zu stützen. Nun, warum ist Japan wichtig? Nun, weil es 1,2 Billionen US-Staatsanleihen hält, aber auch wegen seiner seltsamen Situation. Seit Jahrzehnten hat es so niedrige Zinssätze, dass es natürlich ein Segen für die Wall Street war, weil sie billig in Japan borgen und teuer in den USA verleihen konnten, und so wurden mühelos Gewinne erzielt, und plötzlich steigen die Zinssätze, und sie gehen nach oben, und ein grosser Teil der japanischen Wirtschaft – etwa 14 % sind bereits eine Zombie-Wirtschaft, d.h. sie machen nicht genug Gewinn, um ihre Schulden zu decken – in anderen Teilen der Welt würde man vielleicht sagen, sie sind bankrott, aber sie nennen sie Zombie-Unternehmen. Das sind 14 % der Wirtschaft, und sie versuchen verzweifelt, das aufrechtzuerhalten, ohne Anzeichen einer weiteren Schwächung des Dollars zu zeigen. Und so führen wir jetzt komplizierte Operationen durch, bei denen wir sozusagen sagen, dass wir die japanischen Staatsanleihen gegen ihre endgültige Rückzahlung leihen, aber wir lassen Sie jetzt das Geld für diese Dinge haben, damit Sie mehr Yen kaufen können, um ihn zu stützen. Aber kurz gesagt, was ich sage, ist, dass der Anleihenmarkt sich in einer Krise befindet und daher die Märkte in einer Krise sind, und ich denke, in gewisser Weise hat Netanyahu die Katze aus dem Sack gelassen, als er aus Washington zurückkam. Ja, er sagte: "Schauen Sie, das war das beste Treffen überhaupt. Alles war wunderbar." Netanyahu führt einen Wahlkampf, darum geht es. Aber dann sagte er: "Herr Trump versucht, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern." Das war es. Und ich denke, das hat den Nagel auf den Kopf getroffen – der Fokus liegt jetzt sehr stark darauf, die Wirtschaft zu erhalten, die Dollar-Hegemonie zu erhalten, den Petrodollar zu erhalten, diese gesamte Struktur der Kreditversorgung und Finanzierung zu erhalten, die die US-Militärpräsenz auf der ganzen Welt unterlegt, die Kriege finanziert und die Waffen finanziert, die die Kriege führen – und das am Laufen zu halten, ist wahrscheinlich die oberste Priorität. Und Iran bedroht genau diesen Prozess, den Petrodollar, es bedroht die Hegemonie, es bedroht dieses gesamte Golf-Konstrukt, das eigentlich ein Element dieser von der Wall Street finanzierten Welt ist, das in den Golfstaaten direkt neben Iran gepflanzt wurde. Und es ist genau die Art von Bedrohung, die die Iraner gerne verschwinden sehen würden. Die finanzielle Bedrohung, die Finanzstrukturen dort, die neue Wirtschaft für die Golfstaaten sind Rechenzentren. Sie wollen die Datenstatuszentren, und natürlich weiss Iran warum. Billige Energie, und es wird in der Lage sein, alles im Nahen Osten im Namen Israels und Amerikas zu überwachen. Das wollen sie nicht, und deshalb haben sie das grosse Rechenzentrum von Amazon vor kurzem zerstört.
Chris Hedges: Also, sprechen wir über die Region. Dies hat die Grundfesten der US-militärischen Hegemonie in den Golfstaaten erschüttert. Die Golf-Verbündeten wurden nicht über den Beginn dieses Krieges konsultiert. Doch sie haben einen schrecklichen Preis gezahlt, nicht zuletzt wegen der Präzisionsangriffe, die Iran dank russischer und chinesischer Satelliten und Geheimdienste durchführen konnte. Bevor wir auf Sendung gingen, beschrieben Sie die Region als fragil. Sprechen Sie ein wenig über die Auswirkungen in den Golfstaaten.
Alastair Crooke: Okay. Aber zuerst würde ich sagen, dass die Schlüsselelemente der Unsicherheit das Wiederaufflammen des Krieges zwischen den Huthi und Saudi-Arabien sind. Das ist jetzt ein heisser Krieg. In den letzten Stunden, am letzten Tag, haben die Huthi Raketen auf Ma'rib in der Provinz Hadramaut im Jemen abgefeuert, auf die Streitkräfte und Söldner, die dort von der Südregierung versammelt wurden, um die Huthi anzugreifen. Und es gibt Bilder, die wir sehen können, dass die Söldner einfach geflohen sind. Sie wurden von den Huthi-Raketen völlig zerstört.
Chris Hedges: Lassen Sie mich unterbrechen, Alastair. Diese Söldner werden von Saudi-Arabien bewaffnet und finanziert, ist das richtig?
Alastair Crooke: Ja, richtig. Sie sind Proxy-Streitkräfte im Namen Saudi-Arabiens. Einst waren sie Proxy-Streitkräfte im Namen des Imams, aber jetzt Proxy-Streitkräfte im Namen Saudi-Arabiens. Und so wurden sie von den Huthi in die Flucht geschlagen. Es wird angenommen, dass die Huthi die grosse Aramco-Raffinerie zerstört haben, die sich direkt neben dem saudischen Rotmeerhafen Yanbu befindet. Diese grosse Raffinerie war nicht irgendeine Raffinerie. Wir sind es gewohnt, von Raffinerien zu hören, die in Russland getroffen und schnell repariert werden. Dies war die Raffinerie schlechthin. Alles tanzend, alles singend. Dies war die modernste Raffinerie der Welt, und sie wurde zerstört. Und das war das Terminal der Pipeline, die von Osten nach Westen zum Roten Meer führte, und gleichzeitig wurden die Aramco-Anlagen, die Pumpanlagen auf der Ostseite, auf der Hormus-Seite, ebenfalls zerstört. Die gesamte Pipeline, die saudisches Öl von den Hauptfeldern zum Roten Meer transportiert, wurde vollständig zerstört. Und die Saudis sagten nicht, dass die Huthi es getan hätten, sondern sie sagten, es sei der irakische Widerstand, die Hashed al-Shaabi, die dafür verantwortlich seien. Die Hashed al-Shaabi bestritten es vollständig und sagten: "Nein, wir waren es nicht, die das getan haben." Und es ist wahrscheinlich, dass sie es nicht waren, denn im Irak ist dies eine Feierlichkeit, eine feierliche 40-Tage-Periode, die den Todestag von Imam Hussein in Kerbala markiert, und es ist eine religiöse Periode, nicht eine des Konflikts und Krieges. Aber die Saudis und Amerika griffen sie an, den irakischen Widerstand, töteten viele und töteten einige iranische Kräfte der IRGC. Und dann begann der Irak mit dem Versuch, einige der Widerstandsgruppen unter dem Namen "Anti-Korruptionsgruppe" zu säubern. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass der Widerstand in Richtung der saudischen Grenze gezogen ist, sich ihr nähert, und die irakische Regierung versucht, das zu stoppen und einzudämmen, und droht den Gruppen. Sie wissen – und ich sage das nur für die Hörer, um zu verstehen – der Irak besteht zu etwa 60 % aus Schiiten, die anderen 40 % teilen sich Sunniten und Kurden. Die Sunniten sind also ein ziemlich kleiner Anteil, und die Schiiten sind der grösste Anteil. Und die Hashed werden in den westlichen Medien immer als "iranische Stellvertreter" bezeichnet, so als ob Druck auf sie Druck auf Iran in der Hormus-Frage ausüben würde. Das sind sie nicht. Ich kenne sie. Ich habe die Hashed getroffen. Und das sind, ganz klar gesagt, irakische Nationalisten. Sie sind stark irakische Nationalisten. Ja, sie sind Schiiten, und ja, Iran ist gewissermassen das Mutterland des Schiitentums, aber das sind irakische Nationalisten. Und sie wurden angegriffen, und die Mehrheit von ihnen akzeptierte und folgte dem Obersten Führer, der am 29. Februar ermordet wurde, als ihrer Quelle der Nachahmung, ihrem Marja. Und so sind sie zutiefst wütend über seinen Tod. Er war auch ihr religiöser Führer, nicht nur der Irans. Und so haben sie gesagt, es wird Vergeltung geben. Sie haben der irakischen Regierung etwas Spielraum gegeben. Aber so wie ich es sehe, gibt es Bewegungen auf beiden Seiten der Grenze. Und vielleicht wird es eingedämmt, aber es ist ein sehr fragiler Staat. Einige irakische Sicherheitsleute haben gesagt, dass nicht die Hashed, der irakische Widerstand, die saudischen Ölanlagen angegriffen hat, sondern ukrainische Gruppen. Ich denke nicht, dass wir dem zu viel Bedeutung beimessen sollten. Aber es kommt zu einer Zeit, in der ein iranisches Schiff im Kaspischen Meer von ukrainischen Raketen getroffen wurde. Das heizt sich also sehr auf zwischen Saudi-Arabien und dem Irak und den USA und dem Irak. Die Hashed mobilisieren eindeutig, haben aber noch keine Entscheidung getroffen. Zur gleichen Zeit im Irak sind die Iraner in den kurdischen Teil des Irak, in Kurdistan, wenn man so will, eingedrungen und haben die kurdischen Streitkräfte dort angegriffen, einige ihrer Anführer getötet, ihre Versorgungslinien, ihren Treibstoff und ihre Munition angegriffen, weil es Berichte gab, dass die USA versuchten zu sehen, ob es möglich sei, einen bereits gescheiterten Plan wiederzubeleben, bei dem die Kurden in den Iran einmarschieren und einen Mini-Staat errichten würden. Wir haben das in Russland in der Region Kursk gesehen, um mehr Druck auf Iran auszuüben, und so ergreifen sie dort präventive Massnahmen, um das zu stoppen. Wir haben auch gesehen, dass ein Gastanker in den letzten Tagen in einem Hafen in Ägypten von Drohnen angegriffen wurde. Es ist nicht klar, wer verantwortlich war. Aber der Krieg zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen wird viel intensiver.
Alastair Crooke: Und ich denke, der Grund, warum die Saudis die Hashed im Irak für die Angriffe auf die Aramco-Anlagen verantwortlich machten, war wahrscheinlich, dass sie den Krieg mit den Huthi nicht verschärfen wollten. Die Huthi sind eine formidable Kampftruppe, und in der Vergangenheit haben sie der ägyptischen Armee eine grosse Niederlage zugefügt, als sie etwa 20,000 ägyptische Soldaten töteten. Das ist lange her, nicht in der Gegenwart. Aber das zeigt, dass Saudi-Arabien nicht erpicht darauf ist, sich auf diesen Krieg einzulassen, aber gleichzeitig hat Saudi-Arabien jetzt kein Geld. Ich meine, es bekommt keine Einnahmen. Es war ohnehin knapp bei Kasse, und es ist mit Abu Dhabi auch nicht weit gekommen, aber auch die Golfstaaten sind knapp bei Kasse. All dies wird also zu einer immer heisseren Platte. Und es gibt ein Fehlurteil hier, wie das Fehlurteil, dass Ukrainer versuchen, ein iranisches Schiff im Kaspischen Meer anzugreifen – das könnte leicht die gesamte Natur und die gesamte Dynamik dieses Krieges verändern und ihn tiefer machen. Aber mein Hauptpunkt ist, dass Trump davon spricht, eine Lösung für das Iran-Problem zu finden. Schauen Sie, was passiert ist. Das Ganze ist zu einer Matrix anderer Konflikte geworden. Ich habe den Libanon in diesem Prozess noch nicht einmal erwähnt, mit den Drohungen, die Washington zu fördern versucht hat – die Sharia aus Syrien zu ermutigen, an der Entwaffnung der Hisbollah teilzunehmen oder die schiitischen Dörfer an der Grenze zwischen Libanon und Syrien anzugreifen. Und die Türkei, die erheblichen Einfluss auf die Kräfte in Damaskus hat, sagt, sie sei nicht grundsätzlich gegen eine Beteiligung Syriens im Libanon. Aber sobald das geschah, gab es eine Reaktion aus dem Irak, vom irakischen Widerstand, der der Sharia sagte: "Du gehst in die Nähe des Libanon, und wir kommen nach Syrien und greifen dich von dieser Seite an." Und so wird das Ganze immer vermischter, und wir haben den potenziellen Schwarzen Schwan, der fliegt, und ich denke, wir müssen das ernst nehmen. Das ist, dass die extreme Rechte in Israel – ich hasse das Wort "extreme Rechte", aber die messianische Rechte, sagen wir genauer, Ben-Gvir, Smotrich, aber besonders Ben-Gvir – sagt, dass sie eine Krise im Westjordanland sehen möchten, eine grosse Krise, vielleicht auf dem Tempelberg, vielleicht einen Krieg im Westjordanland. Sie wollen die Krise, die eine Auswanderung von Palästinensern aus dem Westjordanland erzwingen wird, und sie wird ihnen helfen, die Wahl für sich zu entscheiden. Es geht um die Wahlen, aber es ist auch ein doppeltes Motiv, eine weitere 48er-Situation zu provozieren, in der Palästinenser um ihr Leben aus dem Westjordanland fliehen. Sie bereiten es vor. Sie machen kein Geheimnis daraus. Die Wahl wird eine existenzielle Wahl sein. Sie soll im Oktober stattfinden, und es ist nicht klar, was passieren wird, und es ist nicht klar, dass sie nicht in Gewalt in Israel enden wird, weil die beiden Seiten sich im Moment wirklich uneinig sind, und die Zukunft Netanyahus ist keineswegs sicher. Aber das Westjordanland in dieser Zeit in Brand zu setzen, ist ein langjähriges Ziel. Ich erinnere mich, dass Smotrich vor einigen Jahren in einer Rede vor der Likud sagte: "Hört zu, das ist unser Plan, und die Araber werden gehen." Und er sagte: "Aber was wir wirklich brauchen, um diesen Plan umzusetzen, ist eine grosse Krise oder ein grosser Krieg. Und während dieses Krieges wird der Plan endlich umsetzbar sein." Und das, wie gesagt, sind einige der Möglichkeiten, die alle zusammen es sehr volatil machen. Aber das ist nicht mein Punkt – es gibt keine saubere binäre Lösung für Washington; all die Dinge, in die es sich jetzt verwandelt hat, sind eine Matrix kleinerer Kriege, die in der gesamten Region stattfinden, alle miteinander verbunden, aber alle mit völlig separaten Agenden. Der libanesische Krieg, der Jemen, die syrischen Umstände – all diese Dinge haben völlig unterschiedliche Agenden. Die Möglichkeit einer umfassenden Lösung durch Washington scheint mir jetzt nahe Null.
Chris Hedges: Die Ägypter und Jordanier haben ihre Streitkräfte aufmarschiert – die Ägypter auf dem Sinai, die Jordanier entlang der Grenze zum Westjordanland – um die ethnische Säuberung zu verhindern, die Smotrich und andere offen befürwortet haben. Sie nennen es wohl "freiwilligen Transfer" oder so. Wenn sie also versuchen, die Palästinenser aus dem Westjordanland zu vertreiben oder endlich entscheiden, dass sie einen solchen Vorstoss im Gazastreifen machen wollen, wo etwa zwei Millionen Palästinenser in überfüllten, fieberhaften Städten zusammengepfercht sind, und Israel bereits 70 % von Gaza eingenommen hat – wie spielt sich das ab? Führt das nicht zu einer militärischen Konfrontation zwischen Israel und Jordanien oder Ägypten?
Alastair Crooke: Es könnte auf viele verschiedene Arten ausbrechen. Es ist genau das, was ich sagen will – es ist ein Brandbeschleuniger. Die gesamte Region könnte – ein Streichholz hier, ein anderes Streichholz dort, eine Tötung im Libanon, ein Massaker anderswo – alles kann jetzt entzündet werden, es ist sehr volatil und kann leicht ausgelöst werden. Aber besonders die palästinensischen Dinge könnten ausbrechen, mit Konsequenzen, die Iran wieder direkt in den Konflikt mit Israel bringen könnten. Es könnte Iran dazu bringen, direkt in Israel im Norden einzuschlagen – das sind die Gebiete vom Südlibanon bis nach Galiläa. All das ist möglich. Iran erwartet einen Konflikt mit den USA, und einer könnte leicht ausgelöst werden, und die Iraner sind bereit für den Krieg, nicht nur mit den USA, sondern ich denke, sie erwarten, dass er irgendwann auch Israel einschliessen wird, und sie sind darauf vorbereitet. Und ich betone das, weil ich denke, dass die Leute oft missverstehen und sagen: "Nun, Israel ist doch so stark, nicht wahr?" Tatsächlich, was ihre Infrastruktur betrifft – die sie in Iran angreifen wollen – ist sie israelischerseits anfällig. Sie haben im Wesentlichen zwei Raffinerien, nur zwei, und sie haben ein kleines Land, und ihre Kraftwerke sind zentral gelegen und konzentriert, während Iran ein grosses Land ist und seine Energiestrukturen und seine gesamte Infrastruktur dezentralisiert sind – seit 20 Jahren genau in Erwartung eines kommenden Krieges mit den USA. Es ist also nicht so klar. Will Israel einen Krieg mit Iran? Nein. Es will, dass Trump einen Krieg mit Iran führt und Iran zerstört, seine Infrastruktur zerstört, damit der Staat seinen Bürgern keine Dienstleistungen mehr bieten kann – das ist das Zitat von dem, was sie sehen möchten. Natürlich bedeutet das, den Staat so zu zerstören, dass er unfähig ist, seinen Menschen Dienstleistungen zu bieten, was im Grunde einem langsamen taktischen Atomschlag gleichkommt, statt einem grossen, denn ohne Wasser, ohne Strom zu dieser Jahreszeit, ohne Treibstoff – das wäre unmöglich zu überleben. Und wenn das passiert, werden die Iraner auf die Wasseraufbereitungsanlagen Saudi-Arabiens und der Golfstaaten zurückschlagen, und die sind sehr verwundbar. Iran ist weniger verwundbar bei der Wasseraufbereitung – nur 3 % ihres Wassers stammen aus der Aufbereitung. Und ich möchte nur einwerfen, dass 70 % der Entsalzungsanlagen in Saudi-Arabien Wasser liefern, ich denke, in den VAE sind es über 80 %. Wenn Iran diese Entsalzungsanlagen ausschaltete, würde das sofort – ich denke, ganz Riad zum Beispiel hängt von Entsalzung ab – eine humanitäre Krise in der gesamten Region auslösen.
Chris Hedges: Absolut. Aber wird das in Washington kalkuliert? Wie viel davon wird Trump tatsächlich klar gemacht, wenn er in der richtigen Geisteshaltung ist, um es zu hören und zu verstehen, und nicht weiter zu sagen: "Oh, Iran ist besiegt, es ist gebrochen, wir haben den Krieg gewonnen." Das ist der unsichere Teil – was überall in der Region passieren könnte, aber eine falsche Entscheidung könnte das Ganze in der gesamten Region explodieren lassen, weil all diese Dinge miteinander verbunden sind und irgendwie zusammenhängen werden. Der irakische Widerstand wird nicht tatenlos zusehen, wenn Palästinenser aus Gaza oder dem Westjordanland vertrieben werden. Es ist alles miteinander verbunden – was in Syrien passiert, was mit den Hashed passiert – die Hashed könnten nach Syrien kommen, all diese Dinge sind in der Luft. Wie viel davon wird in Washington wirklich durchdacht und verstanden? Und am Ende muss man sagen, das haben sie sich selbst eingebrockt, denn dies war alles ein Versuch zu sagen: "Okay, wir können keinen militärischen Druck auf Iran ausüben, also üben wir Druck aus dem Irak aus, wir üben Druck aus dieser Region aus, wir werden die Milizen im Irak entwaffnen, wir werden die Hisbollah entwaffnen." Und all das hat die Sache nur zehnmal komplizierter gemacht, zehnmal komplexer, um sie zu lösen. Es gibt keine einfache binäre Silberkugel, die abgefeuert werden kann.
Chris Hedges: Grossartig. Vielen Dank, Alastair. Und ich möchte Diego Thomas und Max danken, die die Sendung produziert haben. Sie finden mich unter chrishedges.substack.com.
Übersetzung des Artikels von Chris Hedges
Donald Trumps Friedensplan für Gaza ist eine Fata Morgana, ein Zaubertrick, bei dem einseitig Frieden verkündet wird, während Israel immer mehr palästinensisches Land besetzt und den Völkermord zu seinem düsteren Ende führt.
Es gibt keinen Waffenstillstand in Gaza. Es gibt keinen funktionierenden Friedensrat. Es gibt keinen Fahrplan zur Beendigung des Völkermords und keinen Mechanismus zur Gründung eines palästinensischen Staates. Israel hat sich seit Beginn von Trumps „Umfassendem Plan zur Beendigung des Gaza-Konflikts“ geweigert, dessen Bedingungen umzusetzen oder einzuhalten. Auch jetzt wird es sie nicht respektieren.
Es gibt nur Völkermord. Er ändert seine Form und Intensität. Aber sein Wesen bleibt unverändert.
Trumps Plan ist eine Fata Morgana, ein Zaubertrick, ein flüchtiges Eitelkeitsprojekt. Im Oktober 2025 versammelte Trump die Staats- und Regierungschefs der Welt in Scharm el-Scheich, Ägypten, um seinen Friedensplan zu verkünden, dessen Zustandekommen seiner Aussage nach „3.000 Jahre“ gedauert habe, bevor er von der Bühne verschwand. Der Friedensplan, wie das Blendwerk, das die Ära Trump prägt, ist in der Versenkung verschwunden, während unser P.T. Barnum, Oberbefehlshaber, ein Mann wie ein weiteres blutiges Spektakel inszeniert: den Krieg gegen den Iran.
Am 30. Juli verkündete Trump ein „historisches“ Abkommen, das die „vollständige Entwaffnung der Hamas und aller anderen bewaffneten Gruppen im Gazastreifen“ vorsieht. Er bezeichnete den 15-Punkte-Plan, der dem „Board of Peace“ zugeschrieben wird – einem Gremium ohne palästinensische Vertreter, dessen Vorsitzender Trump auf Lebenszeit wurde –, als „einen monumentalen Schritt hin zu dauerhaftem Frieden und Sicherheit“.
Die Hamas relativierte und erklärte ihre Forderung jedoch umgehend, die Übergabe ihrer schweren Waffen sei nur an die Bedingung geknüpft, dass Israel „jegliche Form“ seiner „Aggression“ beende und seine Besatzungstruppen aus dem Gazastreifen abziehe. Benjamin Netanjahu wies Trumps Vorschlag kategorisch zurück. Israel werde seine Truppen erst dann abziehen, wenn die Hamas „wirklich“ entwaffnet sei, sagte er.
Das bedeutet so viel wie „niemals“.
Der Friedensplan - der von den Vereinten Nationen unter eklatanter Missachtung der palästinensischen Souveränität und des Völkerrechts gebilligt wurde – war nichts weiter als ein PR-Gag. Er dient dazu, Israel diplomatische Deckung zu geben, um den Völkermord zum gewünschten Abschluss zu bringen: die „ freiwillige Auswanderung “ der Palästinenser aus Gaza – ein Euphemismus für ethnische Säuberung.
Seitdem die „Waffenruhe“ am 10. Oktober 2025 in Kraft trat, zwei Monate bevor der „Friedensplan“ von Trump formalisiert wurde, hat Israel 1.258 PalästinenserInnen im Gazastreifen getötet.
Waffenstillstände mit solchen Opferzahlen sind keine Waffenstillstände.
Sobald der Gazastreifen geräumt ist, wird als nächstes das Westjordanland an der Reihe sein.
Von den unzähligen Friedensplänen der letzten Jahrzehnte ist dieser der am wenigsten ernst gemeinte.
Abgesehen von der Forderung, dass die Hamas die Geiseln innerhalb von 72 Stunden nach Beginn der Waffenruhe freilassen sollte – was auch geschah –, mangelt es dem Abkommen an konkreten Angaben und verbindlichen Zeitvorgaben. Es enthält zahlreiche Vorbehalte, die es Israel ermöglichen, das Abkommen aufzukündigen.
Genau darum geht es.
„Es ist nicht als gangbarer Weg zum Frieden gedacht, was den meisten israelischen Politikern klar ist“, schrieb ich, als der Plan verkündet wurde. „Israels auflagenstärkste Zeitung, Israel Hayom, gegründet vom verstorbenen Casinomagnaten Sheldon Adelson als Sprachrohr von Premierminister Benjamin Netanjahu und Verfechter des messianischen Zionismus, riet ihren Lesern, sich wegen des Trump-Plans keine Sorgen zu machen, da es sich lediglich um ‚Rhetorik‘ handle.“
Israel, so habe ich in einem Beispiel aus dem Vorschlag angemerkt, werde „nicht in Gebiete zurückkehren, aus denen es sich zurückgezogen hat, solange die Hamas das Abkommen vollständig umsetzt“.
„Wer entscheidet, ob die Hamas das Abkommen „vollständig umgesetzt“ hat?“, fragte ich. „Israel. Glaubt irgendjemand an Israels guten Willen? Kann man Israel als objektiven Schiedsrichter des Abkommens vertrauen? Wenn die Hamas – die als Terrorgruppe verteufelt wird – Einspruch erhebt, wird ihr dann irgendjemand zuhören?“
„Wie ist es möglich, dass ein Friedensvorschlag das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs vom Juli 2024 ignoriert, in dem erneut bekräftigt wurde, dass die Besetzung durch Israel rechtswidrig ist und beendet werden muss?“, fuhr ich fort. „Wie kann es sein, dass darin das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser nicht erwähnt wird?“
„Wer hat den USA die Befugnis erteilt, eine ‚Internationale Stabilisierungstruppe‘ nach Gaza zu entsenden – eine beschönigende Umschreibung für ausländische Besatzung?“, schrieb ich. „Warum muss Israel, das Gaza zerstört hat, keine Reparationen zahlen?“
Laut UN-Schätzungen wurden 92 Prozent der Wohngebäude im Gazastreifen beschädigt oder zerstört, und rund 81 Prozent aller Gebäude sind beschädigt. Der Streifen ist in Schutt und Asche gelegt worden, darunter neun Millionen Tonnen gefährlicher Abfälle wie Asbest, Industrieabfälle und Schwermetalle, sowie Blindgänger und schätzungsweise 10.000 Leichen. Israel hat seit Inkrafttreten des Waffenstillstands rund 1.500 Gebäude abgerissen.
Wie kann irgendjemand glauben, dass Israel, das darauf aus ist, Gaza dem Erdboden gleichzumachen, seine Meinung ändern und den Palästinensern erlauben wird, das wieder aufzubauen, wofür es so viel Zeit, Geld und Blut aufgewendet hat?
Der pensionierte Generalmajor Giora Eiland, ein ehemaliger Leiter des israelischen Nationalen Sicherheitsrats, bekräftigte diese Ansicht am Sonntag im israelischen Radiosender 103FM.
„Israel hat kein Interesse daran, dass Gaza wieder aufgebaut wird, es ist besser für uns, wenn es für kommende Generationen zerstört wird“, sagte Eiland.
„Je grösser die Verzweiflung in Gaza und je grösser die Zerstörung und je grösser das Denkmal für das, was sie am 7. Oktober getan haben, in den kommenden Jahren sein wird, desto besser“, fügte er hinzu.
Israel wird den Wiederaufbau in Gaza niemals zulassen. Es wird weder Gesundheitseinrichtungen noch Wasseraufbereitungsanlagen wiederherstellen. Es wird die Autorität niemals an eine Internationale Stabilisierungstruppe (ISF) abgeben, die nur auf dem Papier existiert. Es wird niemals die Gründung des Nationalen Komitees für die Verwaltung von Gaza zulassen oder der palästinensischen Selbstbestimmung und Staatlichkeit zustimmen.
Trump verspricht eine „Gaza-Riviera“, die als „Sonderwirtschaftszone“ fungieren soll – ein Gebiet, das ausserhalb staatlicher Gesetze operiert und vollständig von privaten Investoren verwaltet wird, ähnlich wie die von Peter Thiel unterstützte Charter-Stadt in Honduras. Doch Trumps „Gaza-Riviera“ ist nichts weiter als ein erbärmliches provisorisches Lager entlang der Waffenstillstandslinie bei Rafah. Laut „The Guardian“ besteht es aus „mobilen Containern“ unter palästinensischer Verwaltung und einer winzigen internationalen Sicherheitstruppe.
Es wird in seiner Verzweiflung als Pilotprojekt angepriesen.
Trotz Zusagen von rund 17 Milliarden US-Dollar an den Friedensrat war bis Ende Mai 2026 kein einziger Dollar im offiziellen, von der Weltbank verwalteten Wiederaufbaufonds für Gaza angekommen. Lediglich etwa 23 Millionen US-Dollar waren über alternative Kanäle für Betriebskosten eingegangen, weitere 100 Millionen US-Dollar, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten für eine künftige palästinensische Polizei zugesagt wurden, sind laut Financial Times weiterhin eingefroren.
Das entspricht etwa 0,72 Dollar für jede zugesagte 100 Dollar.
Angesichts der hohen wirtschaftlichen Kosten, die den Geberländern am Golf und in der Region aufgrund des Krieges der USA und Israels gegen den Iran entstanden sind – darunter Bahrain, Jordanien, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – ist es sehr unwahrscheinlich, dass die zugesagten Gelder gezahlt werden.
Die Europäische Union, die Vereinten Nationen und die Weltbank schätzten in einer im April veröffentlichten Bewertung, dass 71,4 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau in Gaza benötigt werden.
Der Friedensrat, dessen Hauptverantwortlicher der bulgarische Diplomat Nikolaj Mladenow ist, benötigt dringend finanzielle Mittel. Die USA versuchten, 11 Milliarden US-Dollar an palästinensischen Steuereinnahmen abzuzweigen und von Israel einbehaltene Bankguthaben einzufrieren, was von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) zurückgewiesen wurde. Die israelische Einbehaltung von Steuereinnahmen hat die Finanzkrise im Westjordanland verschärft, woraufhin die PA die Gehälter Tausender palästinensischer Beamter halbierte.
Die ISF, eine multinationale Friedenstruppe, die sich aus Truppen aus Albanien, Kosovo, Kasachstan, Marokko, Uganda und Indonesien zusammensetzen sollte – wobei letzteres Land sein Engagement inzwischen ausgesetzt hat –, existiert ebenfalls nicht.
Finanzminister Bezalel Smotrich und die Ministerin für Siedlungen und Nationale Missionen, Orit Strook, haben gefordert, dass Netanyahu das Sicherheitskabinett erneut einberuft, damit dessen Abstimmung vom 26. Juli, mit der der Einmarsch der ISF-Truppen genehmigt wurde, rückgängig gemacht werden kann.
Das gesamte Trump-Projekt ist eine Alice-im-Wunderland-Fantasie.
Wer sich in Gaza der Gelben Linie nähert – die sich ständig verschiebt und schlecht markiert ist –, wird erschossen. Auch Polizisten werden erschossen. Hamas-Führer und ihre Familien – darunter Azzam Khalil al-Hayya, der Sohn von Khalil al-Hayya, dem Leiter des politischen Büros der Hamas und Chefunterhändler der Fraktion – werden ermordet. Palästinenser, die vor Essensausgabestellen Schlange stehen, und Helfer, die ihnen Hilfe austeilen, werden durch israelische Bomben ausgelöscht. Israel beschränkt die Lieferung von Lebensmitteln und humanitärer Hilfe auf die Hälfte der im Waffenstillstandsabkommen festgelegten Lkw-Ladungen.
Die Palästinenser, von denen 90 Prozent vertrieben wurden, leben weiterhin in Zeltstädten inmitten von Trümmern und offenen Abwasserbecken. Es fehlt ihnen an Toiletten und Strom. Die Arbeitslosenquote liegt bei 80 Prozent. Zehntausende Kinder leiden an akuter Mangelernährung im Gazastreifen. im Gazastreifen. Im Durchschnitt wird dort täglich ein Kind getötet.
Tacitus verstand. Sie haben eine Wüste geschaffen und nennen es Frieden.
Trumps Plan war nicht darauf ausgelegt, den Konflikt zu beenden. Er war nicht darauf ausgelegt, den Palästinensern eine gerechte Lösung zu bieten. Er war nicht darauf ausgelegt, das andauernde Massaker zu stoppen. Er war darauf ausgelegt, Israel zu ermöglichen, seinen Völkermord zu vollenden und die überlebenden Palästinenser aus ihrer Heimat zu vertreiben – die Vollendung des zionistischen Traums.
So begriffsstutzig Trump auch sein mag, das hat er zumindest begriffen.
Heinrich Frei / 10.08.2026 Unser Gastautor Heinrich Frei fordert, dass die Schweiz nach dem Glyphosat-Einsatz von Israel nun endlich handelt.
Sangita Myska wurde nach einem ihrer zahlreichen Interviews mit israelischen Offiziellen, im Besonderen nach dem Interview am 14.4.2024 mit dem damaligen Regierungssprecher der israelischen Regierung, Avi Hyman.
Zum Interview von DDN mit Sangita Myska
Nun bricht die ehemalige LBC-Moderatorin Sangita Myska ihr Schweigen in der Sendung „Double Down Newswatch“ und enthüllt die juristischen Maulkorberlasse, die ständigen Geheimhaltungsvereinbarungen, die Überwachung sozialer Medien und die institutionelle Feigheit, mit denen Journalisten in den britischen Mainstream-Medien zum Schweigen gebracht werden.
Zusammenfassung des Interviews
Die Ereignisse haben Sangita Myska persönlich schwer getroffen. Sie beschreibt die öffentliche Demütigung nach ihrem Ausscheiden bei LBC und berichtet, dass sie psychisch und emotional „von der Klippe gefallen“ sei. Besonders belastend waren für sie die berufliche Isolation, der öffentliche Druck und die Erfahrung, dass Kolleg:innen sie privat unterstützten, sich öffentlich aber nicht vor sie stellten.
Gleichzeitig ordnet sie ihr eigenes Leiden ausdrücklich dem Leid der Palästinenser unter: Was ihr widerfahren sei, sei „nichts“ im Vergleich zu dem, was den Palästinensern widerfahren sei. Langfristig habe die Erfahrung sie jedoch auch journalistisch emanzipiert: Sie habe ihre eigene Stimme gefunden und sich von den Zwängen des etablierten Medienbetriebs gelöst.
Die zentrale Botschaft des Gesprächs ist eine fundamentale Anklage gegen den britischen Medienbetrieb: Dort, wo Journalismus eigentlich Macht kontrollieren und politische Akteure zur Rechenschaft ziehen sollte, sorgen Karrierelogik, Konzerninteressen, politische Loyalitäten und Angst vor Konsequenzen dafür, dass viele Journalist:innen lieber nicht zu unbequem werden.
Sangita Myska schildert, wie sie nach mehreren kritischen Interviews mit israelischen Regierungs- und Militärvertretern im April 2024 bei LBC aus dem Programm verschwand. Sie betont ausdrücklich, dass sie die genauen Umstände wegen vertraglicher Verschwiegenheits- und Nichtabwertungsklauseln nicht offenlegen darf. Bemerkenswert ist dabei gerade diese Einschränkung: Selbst nachdem eine Journalistin aus dem Programm genommen wurde, soll sie dauerhaft daran gehindert werden können, öffentlich darüber zu sprechen.
Aus linker Perspektive ist das besonders problematisch, weil es nicht bloss um den individuellen Fall einer Moderatorin geht. Es geht um die materiellen Bedingungen journalistischer Arbeit. Wer weiss, dass ein kritischer Beitrag die eigene Anstellung, zukünftige Aufträge oder die berufliche Reputation gefährden kann, muss nicht ausdrücklich zensiert werden. Die Aussicht auf Konsequenzen erzeugt Selbstzensur. Das System funktioniert dann gerade dadurch, dass Journalist:innen lernen, welche Fragen besser nicht gestellt und welche Machtzentren besser nicht zu hart angegriffen werden.
Genau hier setzt die Kritik der Gesprächspartner an. Sie behaupten nicht primär, dass sämtliche Journalist:innen überzeugte Unterstützer der israelischen Regierung seien. Vielmehr zeichnen sie das Bild einer Medienbranche, in der Karrierismus und institutionelle Feigheit häufig stärker wirken als politische Überzeugungen. Viele wüssten durchaus, dass die Berichterstattung über Gaza problematisch sei, wollten aber nicht diejenigen sein, die ihre Karriere dafür aufs Spiel setzen.
Besonders deutlich wird das an der Schilderung, dass Kolleg:innen Myska privat unterstützt hätten, öffentlich jedoch Abstand hielten. Das ist aus dieser Perspektive geradezu das perfekte Beispiel für strukturelle Konformität: Man muss nicht an die offizielle Linie glauben, um sie zu reproduzieren. Es genügt, Angst davor zu haben, von ihr abzuweichen.
Die Kritik richtet sich ausserdem gegen den journalistischen Reflex, bei Israel und Palästina immer eine künstliche Symmetrie herzustellen. Die Gesprächspartner wenden sich gegen eine Vorstellung von „Ausgewogenheit“, bei der jede nachgewiesene oder umfassend dokumentierte Anschuldigung automatisch mit der Position der beschuldigten Regierung gleichgewichtet wird. Journalistische Neutralität bedeutet aus ihrer Sicht nicht, Fakten und Behauptungen unabhängig von ihrer Beweislage mit exakt demselben Gewicht zu präsentieren.
Das ist der entscheidende linke Punkt: Neutralität ist nicht automatisch unpolitisch. Wenn zwei Seiten über völlig unterschiedliche Machtmittel verfügen, kann eine Darstellung, die beide Positionen formal gleich behandelt, die bestehenden Machtverhältnisse faktisch reproduzieren. Ein Staat mit Militär, Geheimdiensten, diplomatischem Apparat und internationalem Einfluss steht nicht auf derselben Ebene wie eine Zivilbevölkerung unter Besatzung oder Belagerung. Wer diese Asymmetrie ausblendet, produziert zwar den Anschein von Ausgewogenheit, kann dadurch aber gerade die Macht des Stärkeren normalisieren.
Entsprechend scharf ist die Kritik an der Formel „Es gibt immer zwei Seiten“. Bei schweren Vorwürfen wie Kriegsverbrechen, ethnischer Säuberung oder Genozid dürfe die Aufgabe des Journalismus nicht darin bestehen, eine scheinbar neutrale Mitte zwischen Tätervorwürfen und deren Dementis zu konstruieren. Die Aufgabe wäre vielmehr, Beweise zu prüfen, Verantwortlichkeiten zu benennen, Widersprüche aufzudecken und Macht zur Rechenschaft zu ziehen.
Die Gesprächspartner verbinden diese Kritik mit einer grundsätzlichen Abrechnung mit dem Mythos des Journalismus als Beruf voller Menschen, die ausschliesslich deshalb dort arbeiten, „um die Wahrheit zu sagen“. In Wirklichkeit sei Journalismus – wie praktisch jede andere Branche – von Einkommen, Status, Aufstiegschancen und institutionellen Abhängigkeiten geprägt. Wer die Karriereleiter hinaufwill, hat einen materiellen Anreiz, nicht ständig mit denjenigen anzuecken, die über Zugang, Jobs, Budgets und Plattformen verfügen.
Besonders problematisch wird das bei freien Journalist:innen. Dort muss es nicht einmal eine Kündigung geben. Es reicht, wenn das Telefon nicht mehr klingelt. Aufträge bleiben aus, Redaktionen reagieren nicht mehr, Kontakte versanden. Formal existiert weiterhin Pressefreiheit; praktisch kann eine Person jedoch aus dem professionellen Netzwerk herausgedrängt werden. Gerade diese Form informeller Sanktionierung ist schwer nachzuweisen und deshalb besonders wirksam.
Die Geschichte von Richard Sanders wird im Gespräch als weiteres Beispiel dafür präsentiert. Nach einer Dokumentation über die Labour-Antisemitismusdebatte, die eine jüdische, aber israelkritische Perspektive auf den Konflikt einbezog, seien seine Aufträge plötzlich ausgeblieben. Die behauptete „Blacklisting“-Erfahrung steht dabei exemplarisch für den weitergehenden Vorwurf: Wer etablierte politische Narrative infrage stellt, muss nicht offiziell verboten werden, um beruflich an den Rand gedrängt zu werden.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Vorwurf, dass der Antisemitismusvorwurf teilweise als politisches Disziplinierungsinstrument eingesetzt werde. Aus linker Perspektive muss dabei sauber unterschieden werden: Antisemitismus ist real und muss entschieden bekämpft werden. Die Kritik lautet jedoch, dass die berechtigte Bekämpfung von Judenfeindlichkeit nicht dazu missbraucht werden dürfe, Kritik an der israelischen Regierung, an Besatzung, Siedlungspolitik, militärischer Gewalt oder der Behandlung der Palästinenser pauschal zu delegitimieren. Andernfalls würde eine notwendige antirassistische Position gegen eine andere antirassistische Verpflichtung ausgespielt.
Bemerkenswert ist ausserdem die Betonung, dass die öffentliche Meinung der medialen und politischen Elite teilweise voraus sein könne. Die Gesprächspartner argumentieren, dass man kein radikaler Linker sein müsse, um angesichts getöteter und verletzter Kinder zu sagen: Das kann nicht akzeptabel sein. Die Forderung nach einem Ende des Leidens und danach, dass die eigene Regierung nicht an möglichen Verbrechen beteiligt sein darf, sei keine extremistische Position, sondern eine elementare moralische und menschenrechtliche Forderung.
Aus dieser Perspektive entsteht ein immer grösserer Widerspruch zwischen dem, was Menschen sehen, und dem, was politische und mediale Institutionen ihnen erklären. Wenn das Publikum über Jahre Bilder von zerstörten Städten, getöteten Zivilist:innen und leidenden Kindern sieht, gleichzeitig aber immer wieder hört, die Lage sei lediglich „kompliziert“ oder müsse aus „beiden Perspektiven“ betrachtet werden, wächst zwangsläufig das Misstrauen gegenüber den Institutionen, die diese Einordnung liefern.
Die daraus folgende Medienkritik ist deshalb grundsätzlicher als die Frage, ob einzelne Journalist:innen „pro-israelisch“ oder „pro-palästinensisch“ sind. Es geht um die Frage, wem Journalismus letztlich verpflichtet ist: den Eigentümern und Arbeitgebern, den politischen Eliten, den Quellen mit privilegiertem Zugang – oder der Öffentlichkeit.
Die Forderung nach unabhängigen Medien wird in diesem Zusammenhang nicht als romantische Flucht aus dem Mainstream verstanden, sondern als demokratische Notwendigkeit. Wenn etablierte Medien aufgrund von Konzerninteressen, politischem Druck oder beruflichen Abhängigkeiten bestimmte Fragen nicht mehr ausreichend stellen, entsteht ein Vakuum. Unabhängige Redaktionen können dieses Vakuum füllen – vorausgesetzt, sie sind selbst transparent, faktentreu und bereit, auch die eigenen politischen Verbündeten kritisch zu hinterfragen.
Am Ende steht damit eine ziemlich radikale Vorstellung von Journalismus: Nicht Neutralität um ihrer selbst willen, sondern Wahrheit; nicht „beide Seiten“ um jeden Preis, sondern Beweise und Verantwortlichkeit; nicht Schonung der Mächtigen, sondern Kontrolle der Mächtigen.
Die schärfste linke Lesart des Gesprächs lautet deshalb: Ein Mediensystem, in dem Journalist:innen ihre Karriere riskieren, sobald sie mächtige Staaten oder Institutionen konsequent zur Rechenschaft ziehen, kann sich nicht damit herausreden, lediglich „neutral“ zu sein. Wenn die institutionelle Neutralität dazu führt, dass Macht geschützt und ihre Opfer relativiert werden, wird Neutralität selbst zu einer politischen Entscheidung.
Und genau deshalb ist der Fall Myska in dieser Erzählung mehr als eine persönliche Karrieregeschichte. Er steht symbolisch für die Frage, ob Journalismus tatsächlich den Mächtigen unbequem sein darf – oder ob die Grenzen des Sagbaren letztlich dort verlaufen, wo die beruflichen und ökonomischen Interessen der Medienbranche beginnen.
Übersetzung des Artikels von Middle East Eye
Die Entscheidung unterstreicht die Tatsache, dass politische Verpflichtungen - so tief sie auch verwurzelt sein mögen - die Grundrechte nicht ausser Kraft setzen dürfen
Ein deutsches Gericht entschied diesen Monat, dass der Vergleich Israels mit Nazi-Deutschland eine geschützte Rechtsrede sei, und verdeutlichte damit einen wachsenden Konflikt zwischen Verfassungsschutz und Berlins politischem Engagement für Tel Aviv.
Das Regionalgericht sprach eine Frau frei, die von einem niedrigeren Gericht wegen Social-Media-Posts verurteilt worden war, in denen das Verhalten Israels im Gazastreifen mit den Methoden des Nazi-Regimes verglichen wurde.
In den letzten Jahren hat die Unterstützung Deutschlands für Israel zunehmend die Polizeiarbeit, Verwaltungsentscheidungen und Strafverfolgungen geprägt.
Nach dem 7. Oktober 2023 verbot Deutschland Hamas und Samidoun, eine palästinensische Interessenvertretung, und nutzte gleichzeitig zunehmend Gesetze, die ursprünglich darauf abzielten, eine Wiederbelebung der Nazis zu verhindern, um gegen Kritik an Israel vorzugehen.
Das jüngste Gerichtsurteil, in dem festgestellt wurde, dass die Verwendung von Nazi-Bildern durch die Frau im Zusammenhang mit dem Verhalten Israels in Gaza einen geschützten politischen Ausdruck darstellte, lehnte die in deutschen Kreisen vorherrschende Vorstellung ab, dass solche Analogien von Natur aus krimineller Natur seien.
Angesichts der anhaltenden Diskussion über einen Völkermord Israels im Gazastreifen, der Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs gegen hochrangige israelische Politiker und der beim Internationalen Gerichtshof anhängigen Verfahren gegen Israel und Deutschland ist die deutsche Regierung weit davon entfernt, einen öffentlichen Konsens zu erzielen.
Schon vor den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 und dem darauf folgenden Krieg gab mehr als ein Drittel der befragten Deutschen an, dass sie glaubten, dass Israel dem palästinensischen Volk dasselbe antat “im Prinzip dasselbe, was die Nazis den Juden im Dritten Reich angetan hatten”.
Seitdem hat sich die öffentliche Meinung weiter verschlechtert, mehr als 60 Prozent der Deutschen befürworten mittlerweile europäische Sanktionen gegen Israel.
Moralische Reflexion
Vergleiche zwischen Israel und Nazi-Deutschland sind seit der Gründung des Staates Israel, der 1948 inmitten der brutalen Vernichtung und ethnischen Säuberung der indigenen palästinensischen Bevölkerung gegründet wurde, Teil akademischer, philosophischer und rechtlicher Debatten.
Diese Vergleiche tauchen seit langem in Diskussionen über palästinensisches, israelisches und deutsches Gedächtnis, Identität und moralische Reflexion auf. Shoah und Nakba bedeuten beide “Katastrophe”, und Wissenschaftler wie Amos Goldberg und Bashir Bashir haben sie als miteinander verbundene nationale Traumata untersucht.
Sie werfen Fragen der historischen Verantwortung und der ererbten Schuld auf, insbesondere im Hinblick darauf, wie die Erinnerung an eine Katastrophe die Interpretation einer anderen prägt.
Dieser Zusammenhang bleibt auch im zeitgenössischen deutschen Diskurs über das jüdische Gedächtnis sichtbar: Im Jahr 2023 verglich Masha Gessen Gaza mit jüdischen Ghettos unter der Nazi-Besatzung, was eine Kontroverse um den Hannah-Arendt-Preis auslöste.
Die Kontroverse offenbart einen besonderen deutschen Autoritätsanspruch darüber, wie das jüdische Gedächtnis angerufen und das palästinensische Leid damit verglichen werden kann.
Während der Ersten Intifada beschrieben einige israelische Soldaten, dass sie sich mit den Nazis identifizierten, während sie Zeuge der Verfolgung der Palästinenser wurden. Einer von ihnen enthüllte in einer Studie über den Aufstand von 1987 bis 1993: “Ich fühlte mich wie, wie, wie ein Nazi … es sah genauso aus, als wären wir tatsächlich die Nazis und sie die Juden.”
Doch im letzten Jahrzehnt hat sich Deutschlands Engagement für die Sicherheit Israels von einem aussenpolitischen Prinzip zu einem umfassenderen Rahmen entwickelt, der die inländische Regierungsführung prägt.
Obwohl dieser “Staatsgrund” keine eigenständige Rechtskraft besitzt, hat er zunehmend Entscheidungen von Ministerien, Universitäten, Kommunen und Strafverfolgungsbehörden beeinflusst. Das jüngste Gerichtsurteil macht jedoch deutlich, dass solche politischen Verpflichtungen verfassungsrechtliche Standards bei der Feststellung der Rechtmässigkeit politischer Äusserungen nicht ersetzen können.
Regierungen können bestimmte aussenpolitische Ziele verfolgen, Gerichte bleiben jedoch an Verfassungsgrundsätze und nicht an Präferenzen der Exekutive gebunden. Die Entscheidung lehnt somit implizit Versuche ab, die “Staatsräson” Deutschlands in ein quasi-verfassungsmässiges Konstrukt umzuwandeln, das die politische Meinungsäusserung einschränken kann.
Damit bekräftigt es die Autonomie des Verfassungsrechts gegenüber dem wachsenden Einfluss der politischen Doktrin.
Umfassendere Transformation
In Erinnerung an die Nazi-Vergangenheit Deutschlands und die Rolle, die Gesetzgeber und Justiz bei der Verfolgung und Folter von Minderheiten spielten, haben Richter heute die moralische Verpflichtung, die Ideologie der Regierung nicht als Rechtfertigung für die Unterdrückung oppositioneller Meinungen zu betrachten – insbesondere angesichts der Unterstützung Berlins für ein Israel, das Palästina und den Südlibanon ethnisch säubert.
Der Fall der freien Meinungsäusserung spiegelt einen umfassenderen Wandel im heutigen Deutschland wider. Strafverfahren im Zusammenhang mit Palästina sind zunehmend zu symbolischen Kämpfen um nationale Identität und historisches Gedächtnis geworden.
Solche Debatten beschränken sich selten auf die Einzelheiten eines einzelnen Slogans oder Bildes, sondern fungieren vielmehr als Mechanismen, mit denen der Staat versucht, eine bestimmte Interpretation der deutschen Nachkriegsverantwortung zu reproduzieren. Aus dieser Perspektive wird der Gerichtssaal zu einem Ort, an dem unterschiedliche Interpretationen von Geschichte, Demokratie und staatlicher Legitimität ausgehandelt werden.
Das jüngste Urteil begründet weder ein uneingeschränktes Recht für Andersdenkende, Israel mit Nazi-Deutschland zu vergleichen, noch hebt es die deutschen Gesetze gegen Holocaustleugnung oder -aufstachelung auf. Vielmehr besteht sie darauf, dass das Strafrecht nicht zu einem Instrument zur Durchsetzung eines politischen Konsenses werden kann.
Verfassungsmässige Rechte dienen gerade dem Schutz der politischen Meinungsäusserung, insbesondere wenn staatliche Interessen ihre Einschränkung begünstigen.
Ob das Urteil den Beginn eines umfassenderen richterlichen Wandels markiert, bleibt ungewiss. Deutsche Gerichte fällen weiterhin inkonsistente Entscheidungen zu palästinensbezogenen Äusserungen, was Aktivisten, Journalisten und Wissenschaftler über die Grenzen der rechtmässigen Meinungsäusserung im Unklaren lässt.
Die Gesetze zur Terrorismusbekämpfung werden verschärft, Aktivisten werden wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung angeklagt und Gerichtsentscheidungen darüber, ob der Slogan “vom Fluss bis zum Meer” gesetzlich verboten ist, sind noch unklar.
Doch angesichts der eigenen Geschichte der richterlichen Mittäterschaft Deutschlands bei der Legitimierung staatlicher Verfolgung tragen Richter eine besondere verfassungsrechtliche Verantwortung dafür, dass politische Verpflichtungen - so tief sie auch verwurzelt sein mögen - nicht Vorrang vor Grundrechten haben.
Übersetzung des Artikels von Middle East Eye
Pro-israelische Gruppen haben die Bedeutung von „Intifada“ und „Palästina“ verändert, indem sie Völkermord ermöglichten und ihre Gegner kriminalisierten
Es ist früh an einem Sonntagmorgen und Sie werden von bewaffneten Polizisten geweckt, die gegen Ihre Tür schlagen. Sie überreichen Ihnen einen Brief: Der Staat wird Ihr Vermögen für weitere sechs Monate einfrieren und Ihnen den Zugang zu Ihren eigenen Bankkonten verweigern, weil er mit der von Ihnen öffentlich geäusserten Haltung gegen Völkermord nicht einverstanden ist.
Der Brief zitiert einen Tweet, den Sie vor einigen Monaten gepostet haben und in dem Sie die israelische und US-amerikanische Bombardierung des Iran kritisierten. Darin wird die Tatsache angeführt, dass Sie ein Interview mit einem pro-palästinensischen Aktivisten und einen Artikel eines akademischen Historikers in den sozialen Medien geteilt haben. Diese Handlungen seien ein Beweis dafür, dass Sie es versäumt hätten, Ihre „pro-dschihadistischen“ Überzeugungen aufzugeben, heisst es in dem Brief.
Es klingt wie etwas aus den Seiten eines dystopischen Science-Fiction-Romans, aber für Elias d'Imzalene, einen französischen Anti-Völkermord-Aktivisten und Gründungsmitglied der pro-palästinensischen Organisation Urgence Palestine, ist es zum wirklichen Leben geworden.
Das Verbrechen, dessen d'Imzalene beschuldigt wird – und für das seine Freiheiten eingeschränkt und sein Vermögen seit über einem Jahr eingefroren ist – ist weniger ein Gedankenverbrechen, um George Orwells Begriff zu verwenden, als vielmehr ein Wortverbrechen.
Im September 2024 verwendete er bei einer Anti-Völkermord-Demonstration in Paris das arabische Wort Intifada, um den weltweiten gewaltlosen Aufstand gegen die israelische Besetzung Palästinas zu bezeichnen, der immer noch regelmässig in Städten auf der ganzen Welt stattfindet.
Der Clip seiner Rede verbreitete sich weit in den sozialen Medien, und als d'Imzalene im Gerichtssaal ankam, um sich zu verteidigen, hatte sich die Bedeutung des Wortes Intifada völlig geändert.
Nach Angaben der zionistischen Organisationen, die das Verfahren gegen ihn eingeleitet hatten, bezog sich das Wort nicht auf einen Aufstand gegen Unterdrücker. Sie hatten das Wort Intifada in ein Wort umgewandelt, das antisemitische Gewalt bezeichnete.
Löschen und Kontrollieren
Das Wort Intifada ist nicht das einzige Wort, dessen Bedeutung von zionistischen politischen Organisationen auf diese Weise verändert wurde.
Im Februar 2026 schrieb die pro-israelische Lobbygruppe UK Lawyers for Israel an das British Museum und forderte es auf, den Begriff „Palästina“ aus den Galerieetiketten zu entfernen.
Ihrer Ansicht nach stelle diese Terminologie eine „Auslöschung“ der jüdischen Geschichte dar und könne für jüdische oder israelische Besucher „einer Schikane gleichkommen“. Der Begriff „altes Palästina“ löscht in keiner Weise die jüdische Geschichte aus, das Museum hat ihn jedoch dennoch von den Galerieetiketten entfernt.
Ihr Brief war Teil einer langjährigen Kampagne – die inzwischen von Middle East Eye aufgedeckt wurde –, die darauf abzielte, die Vergangenheit umzuschreiben und eine Version der Geschichte durchzusetzen, die der israelischen Besetzung Palästinas Legitimität verleiht.
Ziel der Kampagne, die sich nicht nur an das British Museum, sondern auch an Universitäten richtete, darunter auch an die, an der ich arbeite, war es, die Bedeutung von Wörtern zu verändern.
Begriffe wie „altes Palästina“, die mindestens seit dem 12. Jahrhundert v. Chr. historisch belegt sind und heute von professionellen Historikern häufig verwendet werden, wurden durch diese zionistische Kampagne in eine „antisemitische“ Auslöschung der von Israel bevorzugten Version der Geschichte verwandelt.
Diese Beispiele spiegeln andere Versuche wider, die Bedeutung von Worten zu verändern und zu kontrollieren, um den Widerstand gegen den Völkermord in Israel einzuschränken.
Der Ausdruck „vom Fluss zum Meer“ wurde an mehreren Orten verboten, unter anderem in Deutschland und im australischen Bundesstaat Queensland, weil er als antisemitisch bezeichnet wird – obwohl er in der Gründungsurkunde von Benjamin Netanjahus Likud-Partei aus dem Jahr 1977 zur Unterstützung der Idee eines jüdischen Ethnostaats erscheint.
Und fast 3.000 Menschen wurden in Grossbritannien verhaftet, weil sie nach dem Verbot der Direct-Action-Gruppe den Satz „Ich bin gegen Völkermord, ich unterstütze die Palästina-Aktion" zur Schau stellten .
Das Verbot, das nun vor dem Obersten Gerichtshof angefochten wird, verwandelte Palestine Action in eine Terrororganisation und änderte die Bedeutung des Ausdrucks in Unterstützung des Terrorismus.
In jedem dieser Beispiele sehen wir eine der wirksamsten Waffen des Zionismus am Werk: seinen Versuch, die Bedeutung von Worten zu kontrollieren.
Das Wort Intifada wird im Arabischen und in anderen Sprachen häufig verwendet, um den Widerstand gegen Unterdrücker zu bezeichnen – vom Streik der Hafenarbeiter im Hafen von Basra im Jahr 1952 über den irischen antikolonialen Protest gegen die Briten, die beiden palästinensischen Intifadas und die Intifada des jüdischen Widerstands gegen die Nazis im Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943.
Zu argumentieren, dass sich der Begriff Intifada auf antisemitische Gewalt bezieht, bedeutet, die Bedeutungsebenen auszuhöhlen, die das Wort über Jahrzehnte der Verbreitung und Verwendung aufgebaut hat, und ihm eine neue Bedeutung aufzuzwingen.
Der Versuch, die Bedeutung von Wörtern zu kontrollieren, wird von Linguisten allgemein als Technik des Faschismus anerkannt. Victor Klemperer schrieb 1947 in seinem Buch „Die Sprache des Dritten Reiches“ darüber, wie auch die Nazi-Propaganda die Bedeutung von Wörtern veränderte.
Wie die anderen Beispiele für Wörter, deren Bedeutung zur Verteidigung des Völkermords in Israel verändert wurde, wird das Wort „Intifada“ verzerrt und als Zeichen des Antisemitismus neu interpretiert, wodurch diejenigen, die es aussprechen, selbst zu Antisemiten werden.
Neudefinition der Kolonisierung
Die Fähigkeit des Zionismus, die Bedeutung von Wörtern zu kontrollieren, ist nicht neu. Tatsächlich ist der vielleicht erfolgreichste Akt der sprachlichen Transformation das Wort „Zionismus“ selbst.
In seinem 1896 erschienenen Buch „Der jüdische Staat“ erklärte Theodor Herzl, dass der Zionismus ein Projekt europäischer Vorherrschaft sei. Bei der Überlegung, ob Argentinien oder Palästina kolonisiert werden sollten, um einen jüdischen Ethnostaat zu errichten, argumentierte Herzl, dass Palästina vorzuziehen sei, weil ein jüdischer Staat dort „einen Wall Europas gegen Asien, einen Aussenposten der Zivilisation im Gegensatz zur Barbarei" bilden könne.
Er skizzierte eine „Jüdische Kompanie“ nach dem Vorbild anderer europäischer Kolonialkompanien, etwa der Niederländischen Ostindien-Kompanie und der Imperial British East Africa Company.
Andere Zionisten stimmten zu. Chaim Weizmann erinnerte sich in seiner Autobiografie auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 daran, dass „was die Franzosen in Tunesien tun könnten... die Juden könnten dies in Palästina tun“, und Vladimir Jabotinsky schrieb, dass „der Zionismus ein kolonisierendes Abenteuer ist“.
Doch die Bedeutung des Wortes „Zionismus“ wandelte sich bald vom europäischen Kolonialismus zur nationalen Befreiung.
In einem Brief an Max Nordau schrieb Herzl: „Die Jüdische Kolonialbank muss eigentlich zur Jüdischen Nationalbank werden.“ Und viele andere Kolonialorganisationen wurden auf ähnliche Weise umbenannt. Die Jewish Colonisation Association, die die Migration von Siedlerkolonisierern aus Osteuropa in besetztes Land in Palästina erleichterte, wurde in Jewish Charitable Association umbenannt.
Die Tatsache, dass das Wort „Zionismus“ Kolonisierung bedeutet hatte, wurde ausgelöscht und dem Wort eine neue Bedeutung gegeben. Es bedeutete nun die karitative Einrichtung eines Zufluchtsortes und eine nationale Befreiungsbewegung zur Selbstbestimmung.
Zu sagen, dass die Waffen des Zionismus auch sprachlicher Natur seien, ist keine Möglichkeit, ihr zerstörerisches Potenzial zu minimieren. Was Wörter bedeuten, ist nicht einfach eine Angelegenheit, über die Akademiker oder Philologen in Elfenbeintürmen nachdenken und in Lexika und etymologischen Wörterbüchern blättern müssen.
Wir leben in einem Moment, in dem Worte töten können.
Die Fähigkeit des Zionismus, die Bedeutung von Worten zu kontrollieren, war entscheidend für den Völkermord Israels an den Palästinensern.
Sie hat die Geschichte umgeschrieben, Aktivisten inhaftiert und Freiheiten aller Art für diejenigen eingeschränkt, die sich den Versuchen des Zionismus, die Sprache selbst zu kontrollieren, nicht unterwerfen wollen.
Es ist höchste Zeit, dass wir alle lernen zu erkennen, dass die Kontrolle von Worten eine Waffe ist. Und es ist höchste Zeit, dass wir uns mit der Sprache bewaffnen, um uns zu wehren.
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Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten gehören dem Autor und spiegeln nicht unbedingt die redaktionelle Politik von Middle East Eye wider.
Marchella Ward ist Dozentin für klassische Studien an der Open University. Derzeit schreibt sie ein Buch mit dem Titel „Klassizismus: Wie der Westen die Antike erfand“.Während das Pentagon heimlich seine begrenzten Raketenabwehrraketen verschwendet, schlagen hochrangige aussenpolitische Experten und US-Truppen vor Ort Alarm: Washington gehen Zeit, Einfluss und Munition aus. In diesem brisanten Interview analysiert die renommierte aussenpolitische Analystin Dr. Trita Parsi (Executive Vice President des Quincy Institute) die verborgenen Hintergründe des Nahostkonflikts und warnt, dass Amerika in eine verhängnisvolle geopolitische Falle geraten ist.
Zusammenfassung
Kapitel 1: Einleitung – Hat Amerika den Krieg mit Iran verloren?
Seit der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding (MOU) haben die Amerikaner im Juli eine 13-tägige Phase vollständiger Bombardierungen wiederaufgenommen, und die Waffenruhe bleibt brüchig. Etwa 8'000 Menschen wurden getötet – die grosse Mehrheit davon Iraner und Libanesen. Die direkten und indirekten Kriegskosten werden nun auf über eine Billion Dollar geschätzt. Trita Parsi, ein iranisch-schwedischer Analyst mit Sitz in den USA, wo er Exekutiv-Vizepräsident des Quincy Institute ist – eines Think Tanks, der sich für eine weniger interventionistische amerikanische Aussenpolitik einsetzt – erklärt die geostrategischen Realitäten, der anhaltenden Pattsituation zugrunde liegen. Aus israelischer Sicht wurde der Krieg geführt, um die iranische Souveränität zu beenden und die Fähigkeit Irans zur Selbstverteidigung zu zerstören.
Kapitel 2: Scheitern Israels und der USA an ihren strategischen Kernzielen
In diesem Sinne scheiterte der Krieg eindeutig. Das Kräfteverhältnis hat sich sogar noch mehr zugunsten der Iraner verschoben. Die Trump-Administration hat mehrmals die militärische Option versucht, in der Hoffnung auf einen entscheidenden Schlag oder dass dies den iranischen Widerstandswillen brechen und zur Kapitulation zwingen würde – doch dies sei von vornherein eine gewaltige Fehlkalkulation gewesen. Das israelische Ziel war es, Iran denselben Status wie Syrien, Jordanien, Libanon und Palästina zu unterwerfen – Länder, die keinerlei Abschreckung gegenüber Israel besitzen und die Israel nach Belieben und ohne amerikanische Beteiligung bombardieren kann. Dies hätte das israelische Sicherheitsgefühl begründen sollen: Israel sollte die Fähigkeit haben, jeden zu bombardieren und abzuschrecken, während niemand in der Region Israel abschrecken können sollte – vollständige Sicherheit für Israel, völlige Unsicherheit für alle anderen. Dieses Ziel ist vollständig gescheitert. Im zweiten Krieg war die USA vollständiger Teilnehmer, was bedeutet, dass eine dritte Kriegsrunde kurzfristig kaum Erfolg versprechend wäre – eine weitere Kampfrunde würde für die USA und Israel eine noch grössere Niederlage bedeuten als die erste, insbesondere hinsichtlich Waffenbeständen, ballistischen Raketen, Drohnen und Abwehrsystemen.
Kapitel 3: Die Krise der Abfangraketen-Verknappung
Beim Kräfteverhältnis und der Frage, wer von beiden Seiten nach der Hauptkampfperiode erschöpfter dasteht, besteht absoluter Konsens: Die Iraner können Raketen viel schneller und viel billiger produzieren, als die Amerikaner und Israelis gemeinsam Abfangraketen herstellen können. Abfangraketen sind weitaus fortschrittlicher als die Raketen – sie sind im Wesentlichen Geschosse, die dazu entwickelt wurden, andere Geschosse zu treffen, was wesentlich schwieriger und kostspieliger in der Produktion ist. Die Rechnung war von Anfang an aufseiten der Iraner. Überraschend war lediglich die Geschwindigkeit, mit der der amerikanische Vorrat erschöpft wurde – nicht nur bei Abfangraketen, sondern auch bei anderen Projektilen und Munition, sodass offenbar nicht einmal genügend Tomahawk-Marschflugkörper vorhanden sind.
Kapitel 4: Wandel im Pentagon und bei den US-Geheimdiensten
Beim amerikanischen Sicherheitsapparat, dem Militär und den Geheimdiensten hat sich die grundlegende Haltung gegenüber Israel durch den Iran-Krieg erheblich verändert. In der amerikanischen Öffentlichkeit hat sich ein seit Jahren bestehender Trend sowohl auf der Linken als auch auf der Rechten aufgrund des Völkermords in Gaza dramatisch beschleunigt, und durch diesen Krieg sogar noch verstärkt – besonders auf der amerikanischen Rechten und bei jüngeren Bevölkerungsgruppen ist die Abkehr von Israel tiefgreifend und dramatisch. Im Gegensatz zum Irak-Krieg, wo Israels Rolle debattierbar war, ist im Iran-Fall Israels entscheidende Rolle für alle offensichtlich. Bereits im Februar 2025, nicht einmal anderthalb Wochen nach Trumps Amtsantritt, begann Netanyahu mit der Drängerei auf den Iran-Krieg – alles transparent. Dies hat tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Rechte hinsichtlich der Natur der US-israelischen Beziehung und ob diese für die USA wirklich vorteilhaft ist. In den Eliten, beim Pentagon und in den Geheimdienstkreisen ist ein Erwachen zu beobachten – oder vielmehr ein Wachstum bereits bestehender Sentiments, besonders im Militär. Die Haltung der vor Ort eingesetzten Soldaten ist erstaunlich: Die verbreitete Ansicht ist, dass dieser gesamte Krieg nur für Israel geführt wird und sonst nichts. Die Fähigkeit, solche Ansichten zu äussern, hat sich jedoch verändert – sie wurden bereits früher von vielen im Militär und Geheimdienst geteilt, doch nun ist die Atmosphäre so, dass es viel zulässiger ist, darüber zu sprechen.
Kapitel 5: "Dieser Krieg ist nur für Israel" – Was eingesetzte Soldaten sagen
Die Haltung der Soldaten hat sich auf erstaunliche Weise verschoben – die verbreitete Ansicht unter den in der Region eingesetzten Soldaten ist, dass dieser gesamte Krieg nur für Israel geführt wird und sonst nichts. Innerhalb der Eliten ist es nun viel leichter geworden, diese bereits zuvor vorhandenen Ansichten zu äussern. Die Zahlen sind wahrscheinlich gewachsen, doch vor allem hat sich das Klima verändert, in dem es nun viel mehr erlaubt ist, darüber zu sprechen. Das Ausmass der amerikanischen Niederlage kann kaum überschätzt werden.
Kapitel 6: Evakuierung und Zerstörung der US-Stützpunkte im Nahen Osten
Von den 19 amerikanischen Stützpunkten in der Region wurden praktisch alle evakuiert und haben enorme Schäden erlitten. Der Wiederaufbau wird sehr kostspielig sein – insbesondere die Radaranlagen, deren Wiederherstellung extrem teuer ist und unklar bleibt, wer dafür aufkommen wird. Die GCC-Staaten werden wahrscheinlich nicht mehr so stark in die amerikanische Stützpunktstruktur investieren, obwohl sie weiterhin Waffen von den USA kaufen werden. Ob amerikanische Stützpunkte auf ihrem Territorium sie jedoch tatsächlich schützen, dafür gibt es keinerlei Beweise – sie schützten weder vor israelischen noch vor iranischen Angriffen. Ein wahrscheinliches Szenario ist, dass in den nächsten Jahren eine völlig andere militärische Präsenz im Nahen Osten entstehen wird, bei der viele Stützpunkte einfach auslaufen werden. Die USA hätten diese Stützpunkte ohnehin nie dort haben sollen – sie dienten keinem sinnvollen Zweck. Amerikanische Präsidenten versprachen stets, die Truppen aus der Region abzuziehen; nun geschieht dies nicht aufgrund einer proaktiven Entscheidung, sondern wegen eines Krieges, der niemals hätte geführt werden dürfen. Die Frage ist, inwieweit das Ausmass dieser amerikanischen Niederlage im Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit angekommen ist.
Kapitel 7: Die China-Rechnung – Kann die USA Taiwan nach dem Iran noch schützen?
Die volle Tiefe des Geschehenen ist noch nicht bekannt und wird es für einige Zeit auch nicht sein – sie ist weder bei den Eliten noch in der Öffentlichkeit angekommen. Die Konsequenzen werden sich erst mit der Zeit vollständig zeigen. Dies wird Auswirkungen darauf haben, wie asiatische Länder weiterhin auf die USA vertrauen. Wenn die USA die Strasse von Hormus militärisch nicht öffnen konnten, was werden sie im Falle eines Krieges mit China für Taiwan tun? Wenn sie Iran nicht besiegen konnten, wie sollen sie China besiegen? Diese Fragen werden erst jetzt gestellt, weil viele dieser Schwächen und systemischen Probleme zuvor nicht sichtbar waren. Wer wird noch das Vertrauen haben, dass die USA einen Krieg über mehr als zwei bis drei Monate auf diesem hohen Niveau mit extrem teurer militärischer Ausrüstung fortsetzen kann? Es wird einige Zeit dauern, bis alle Konsequenzen wirklich verstanden sind – derzeit wird so getan, als wäre nichts geschehen.
Kapitel 8: Irans sechs kühne Forderungen und das Patt bei den Waffenstillstandsverhandlungen
Die sechs Forderungen, die Iran vor wenigen Tagen aufstellte, sind bemerkenswert: Amerika darf Iran nie wieder bedrohen oder beleidigen und muss Kriege gegen Iran und seine Verbündeten, einschliesslich Palästina, für immer beenden. Es gibt mehrere Erklärungsmöglichkeiten: Entweder wollen die Iraner derzeit keinen Deal abschliessen und verschieben die Torpfosten, indem sie neue Forderungen zu Vorbedingungen machen – alles, um den Prozess in die Länge zu ziehen, die USA und Trump zu schädigen und ihn bei den Zwischenwahlen zu demütigen. Dies wird teilweise von der Erzählung angetrieben, dass Iran das vorherige MOU zu schnell unterzeichnet habe – hätte man nur länger gewartet und Trump mehr Schmerzen zugefügt, wäre er nicht wieder in den Krieg zurückgekehrt. Dieses Mal könnte versucht werden, den Schmerz hinauszuzögern, um Trump wirklich die Lektion zu erteilen. Es gibt aber auch die iranische Erzählung, dass die USA in den Verhandlungen in letzter Minute die Torpfosten verschoben und Forderungen ausserhalb des Kernbereichs gestellt hätten – Irans Reaktion sei es, nun seinerseits eine Wunschliste vorzulegen, wobei Palästina beispielsweise nicht explizit im ursprünglichen MOU enthalten war. Es gibt ein Muster: Wenn die Iraner das Gefühl haben, dass die USA unrealistische Ziele vorgeben, kontern sie mit ihren eigenen unrealistischen Zielen.
Kapitel 9: Widerstandsfähigkeit des iranischen politischen Systems trotz Massenattentaten
Die iranische Entscheidungsfindung erscheint im Vergleich zur amerikanischen bemerkenswert kohärent und rational. Trotz der Ermordung von etwa vier Dutzend hochrangiger iranischer Führungskräfte zu Kriegsbeginn hat das System nicht nur überlebt, sondern die Erwartungen dramatisch übertroffen. Es war ein gewaltiger Fehler der israelischen und westlichen Seite, die Islamische Republik auf ein oder zwei Individuen zu reduzieren – diese Tendenz besteht in westlichen Hauptstädten gegenüber fast jedem Nahost-Land. Doch im Gegensatz zu Diktaturen wie im Irak unter Saddam Hussein oder Libyen unter Gaddafi, wo die Macht vollständig auf eine Person zentriert war, oder auch dem Iran unter dem Schah, ist das iranische System darauf ausgelegt, eine Konterrevolution zu überleben. Redundanzen sind der Kern dieses Systems – die Macht ist im gesamten System verteilt. Der Oberste Führer ist zwar die wichtigste Figur, aber er kann nicht mit derselben Leichtigkeit Entscheidungen treffen wie Saddam Hussein. Dies macht es sehr schwierig, ein solches Regime durch eine Attentatskampagne zu beseitigen, selbst wenn nicht nur ein oder zwei, sondern 135 hochrangige Beamte getötet werden.
Kapitel 10: Öffentliche Meinung im Iran und der "Rally-around-the-Flag"-Effekt
Der Krieg hat im Iran kurzfristig nationalistische "Rally-around-the-Flag"-Effekte ausgelöst. Die Frage ist, ob dies langfristig anhält oder nur während des Krieges besteht. Nach dem Junikrieg des Vorjahres hielt dieser Effekt nicht länger als zwei bis drei Monate nach Kriegsende an. Dieses Mal könnte es etwas anders sein, da die Regierungserzählung in den Augen vieler Iraner bestätigt wurde – sie haben gesehen, dass es keinen amerikanischen Wunsch gibt, dem iranischen Volk zu helfen, und dass ein Krieg nicht für ihre Freiheit geführt würde. Wenn Trump von der Zerstörung einer Zivilisation spricht und die Israelis kritische Infrastruktur bombardieren, die das Atmen in Teheran unmöglich macht, und wenn Mädchensschulen mit Tomahawk-Raketen nach zehn Jahre alten Karten angegriffen werden, dann sind diejenigen, die noch Illusionen hatten, dass die USA nach ihren Misserfolgen in Afghanistan und im Irak nun Befreier im Iran sein könnten, zu anderen Schlüssen gekommen. Dies nimmt jedoch nicht die enormen Herausforderungen und Probleme im Iran weg, die grösstenteils in der Unterdrückung durch die Regierung selbst wurzeln. Die Iraner haben gelernt, nicht auf die Amerikaner für ihr Heil zu schauen – das bedeutet nicht, dass sie ihre eigene Regierung mögen. Kurzfristig sind die Elemente in der iranischen Gesellschaft, die die Islamische Republik stark unterstützen, viel stärker und selbstbewusster geworden – einer von ihnen sagte, er habe nie gedacht, dass die Islamische Republik dies erreichen könnte.
Kapitel 11: Warum sich das Waffenstillstands-MOU als so brüchig erwies
Die Brüchigkeit der Waffenruhe seit der Unterzeichnung des MOU Mitte Juni liegt zum Teil darin, dass die Amerikaner nicht akzeptieren können, dass sie verloren haben. Das MOU enthielt viel vage Sprache, die zwar notwendig war, um es über die Ziellinie zu bringen, aber später erhebliche Probleme schuf. Ein zentraler Punkt war Paragraph 5 zur Strasse von Hormus, wo die Interpretationen weit auseinandergingen. Während die USA das MOU unterzeichneten, arbeiteten sie gleichzeitig an einem alternativen Kanal in der Strasse von Hormus – dem omanischen Kanal – und befestigten ihn, um sicherzustellen, dass Iran die Strasse nicht vollständig schliessen könnte, falls der Krieg wieder ausbrechen sollte. Es ist zwar aus amerikanischer Sicht verständlich, dass dies ein Interesse der USA ist, aber es ist fragwürdig, ein MOU zu unterzeichnen und zu versprechen, die Angelegenheit darüber zu lösen, während man gleichzeitig ausserhalb des MOU daran arbeitet, es zu untergraben. Dasselbe Problem besteht nun beim Libanon: Die ursprüngliche amerikanische Interpretation war, dass Israel den Libanon verlassen müsse, doch dann vermittelte die USA über Marco Rubio ein anderes Abkommen zwischen Israel und dem Libanon, das völlig andere Bedingungen für den israelischen Abzug schuf – ähnlich wie in Gaza, wo kein Abzug stattfindet, bis Hisbollah oder Hamas vollständig entwaffnet sind, was höchst unwahrscheinlich ist. Dies gab Israel die Möglichkeit, im Libanon zu bleiben und Territorium zu besetzen – ein direkter Widerspruch zum MOU. Es ist unklar, ob dies auf Doppelzüngigkeit zurückzuführen ist oder einfach auf unterschiedliche Fraktionen im Weissen Haus mit unterschiedlichen Interessen.
Kapitel 12: Der Kampf um die Strasse von Hormus und die Ölschifffahrt
Die Berichte über die Kontrolle der Strasse von Hormus gehen auseinander. Die USA verkünden täglich, dass etwa 9 Millionen Barrel Öl täglich die Strasse passieren – zwar nicht mehr die Menge von vor Kriegsbeginn, aber dennoch ein Zeichen dafür, dass Iran die Strasse nicht vollständig schliessen kann. Andere Daten zeigen jedoch, dass fast nichts mehr die Strasse verlässt – wobei unklar ist, ob Schiffe, die ihre Transponder ausschalten und den südlichen Korridor nutzen, in diesen Statistiken erfasst werden. Die Iraner haben durchaus die Kapazität, jedes einzelne Schiff anzugreifen, das die Strasse passieren will – es ist eine Frage, ob sie eine weitere Eskalation wollen. Die Iraner schiessen fast täglich auf Schiffe, aber sie leiden selbst unter der Schliessung der Strasse, da ihr eigenes Öl nicht mehr heraus- und ihre Importe nicht mehr hereinkommen. Es gibt ein gemeinsames Interesse an einer offenen Strasse – die Frage ist, zu wessen Bedingungen. Die USA verhängen gleichzeitig eine eigene Blockade der Strasse, was erheblichen Druck auf Iran ausübt. Das Problem ist jedoch, dass die USA seit Jahrzehnten Sanktionen oder Blockaden verhängen, die zwar Auswirkungen auf die iranische Wirtschaft haben, aber niemals den erhofften vernichtenden Schlag geliefert haben – eine solche wirtschaftliche Waffe gibt es nicht.
Kapitel 13: Wiederherstellung der Abschreckung im Libanon und regionale Waffenstillstände
Die Hisbollah hat Israel durch ihren anhaltenden Widerstand überrascht. Die Iraner versuchten nicht nur, ihre eigene Abschreckungsfähigkeit wiederherzustellen, sondern ihren Abschreckungsschirm auf den Libanon auszudehnen. Dies war ein Versuch, die erweiterte Abschreckung wiederherzustellen, die sie zuvor hatten und dann verloren. Die Iraner schlugen tatsächlich auf Israel zurück, nachdem Israel Beirut angegriffen hatte – nachdem sie gewarnt hatten, dass dies eine rote Linie sei. Dies war das erste Mal, dass die Iraner Israel trafen, nachdem Israel ein anderes Land angegriffen hatte, nicht Iran selbst. Schockierend für Israel war, dass das MOU und die amerikanische Interpretation im Wesentlichen die iranischen Forderungen akzeptierten – es forderte einen regionalen Waffenstillstand, was bedeutete, dass Israel den Libanon nicht mehr angreifen durfte, und es verlangte den israelischen Abzug aus libanesischem Territorium. Dies wurde von den USA nicht als Annahme einer iranischen Forderung dargestellt, sondern als amerikanische Forderung, um den Konflikt vollständig zu beenden. Wenn es den Iranern gelingt, diese erweiterte Abschreckung zu etablieren, und wenn das MOU letztlich den vollständigen israelischen Abzug aus dem Libanon ohne Entwaffnung der Hisbollah fordert, wäre dies völlig neu – zum ersten Mal würde die USA Israel zum Rückzug aus Territorium drängen, ohne dass die unerreichbare israelische Forderung nach vollständiger Niederlage des Gegners erfüllt wäre. Dies wäre ein gewaltiger Wandel, der die Israelis sehr nervös macht – ein Spiegelbild, wie sich das Kräfteverhältnis tatsächlich verschoben hat und die USA Israel nicht mehr diese uneingeschränkte Manövrierfreiheit gewähren will, weil diese nun schwerwiegende Kosten für die USA selbst verursacht. Bisher gibt es jedoch keinerlei Anzeichen für einen israelischen Abzug aus dem Libanon. Die starke rhetorische Zurückweisung der USA in den ersten Tagen nach dem MOU – der Vizepräsident sagte, Israel könne sich nicht aus jedem Konflikt heraustöten, der Präsident kritisierte die israelische Praxis, ganze Gebäude für einen einzigen Hisbollah-Kämpfer zu zerstören – wurde später nicht aufrechterhalten. Dennoch wäre bei Umsetzung des MOU ein Zusammenstoss zwischen Israel und den USA entstanden, wie es ihn seit Jahrzehnten nicht gegeben hat.
Kapitel 14: Was dies für die Zukunft von Gaza und Palästina bedeutet
Für die Palästina-Frage gibt es verschiedene mögliche Wege. Wenn ein Abkommen mit einem regionalen Waffenstillstand zustande kommt, wird es schwierig sein zu bestimmen, inwieweit Israel-Palästina einbezogen wird. Die Iraner würden dies sicherlich gerne einbeziehen – es wäre ein enormer regionaler und ideologischer Gewinn für sie auf der arabischen Strasse, wenn sie Israel zu einem Waffenstillstand zwingen und die USA zur Annahme zwingen könnten. Die Frage ist, ob Iran derzeit über diesen Einfluss verfügt – selbst im Südlibanon ist unklar, ob sie bereits Erfolg hatten, und Gaza ist eine ganz andere Geschichte. Wenn aus dieser Situation eine neue geopolitische Gleichung entsteht, in der regionale Staaten tatsächlich die Fähigkeit haben, Israel militärisch zu begegnen, unter Druck zu setzen und abzuschrecken – was in den letzten 25 Jahren nicht der Fall war – dann wird dies letztlich auch Auswirkungen auf Israel haben. Ein Grund, warum ein Völkermord in dieser Weise durchgeführt werden konnte, war die Kombination aus politischer, diplomatischer und militärischer Unterstützung durch Europa und die USA einerseits und dem Fehlen jeglicher militärischer Gegenmacht in der Region andererseits. Dies scheint sich nun zu ändern. Das bedeutet nicht unbedingt, dass kurzfristig ein palästinensischer Staat entsteht, aber es wird wahrscheinlich bedeuten, dass Israel nicht mehr tun kann, was es in den letzten 20 Jahren ohne grössere Kosten getan hat. Vor dem 7. Oktober zog Israel die Golfstaaten, Saudi-Arabien, Katar und besonders die VAE in seinen Orbit – dies hat sich grundlegend geändert, könnte sich aber wieder zurückändern, wenn die GCC-Staaten wieder zu dem Schluss kommen, dass Iran die grössere Bedrohung darstellt.
Kapitel 15: Der Zusammenbruch der "Abraham Accords" und die Zersplitterung des GCC
Die Idee einer sunnitisch-israelischen Allianz gegen Iran ist völlig tot – trotz amerikanischer Bemühungen und Trumps Reden über die Abraham Accords. Die GCC selbst ist aufgrund schwerwiegender interner Differenzen kaum noch als funktionierendes Gremium zu betrachten. Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan haben ein neues Bündnis gebildet, das andere GCC-Staaten nicht einschliesst. Bis diese Länder jedoch wirklich zu einer Kraft zugunsten der Palästinenser werden, ist es noch ein weiter Weg. Kuwait hat eine der stärksten pro-palästinensischen öffentlichen Meinungen, aber die Regierung geht seit geraumer Zeit in die entgegengesetzte Richtung. Die VAE sind de facto ein israelischer Verbündeter – ein gewaltiger strategischer Fehler, der sich nur sehr schwer rückgängig machen lässt und weiterhin erhebliche Spannungen innerhalb der GCC verursachen wird.
Kapitel 16: Wie die Israel-Allianz die amerikanische Demokratie schädigt
Die massive Eskalation der Unterdrückung von pro-palästinensischen Stimmen in den USA begann unter der Biden-Administration, als Anti-Terror-Polizei friedliche Lager auf Universitätsgeländen auflöste und Studenten mit Terroristen gleichsetzte. Dies geschah in demokratischen Staaten unter demokratischen Gouverneuren – es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht nur unter Republikanern oder Trump geschieht. Dies ist ein Grund für die Spaltung zwischen progressiven und zentristischen Demokraten – aus progressiver Sicht haben sich die Zentristen als moralisch nicht anders erwiesen als das, was sie der Trump-Administration vorwerfen, denn dieser Völkermord begann mit ihrer aktiven Unterstützung unter Biden. Die Israel-Lobby und die Unterwürfigkeit gegenüber Israel sind keine reinen Aussenpolitik-Themen mehr, sondern eine Bedrohung der amerikanischen Demokratie und der Freiheiten der Amerikaner selbst. Biden, der die Wahl 2024 als Entscheidung über das Überleben der amerikanischen Demokratie darstellte, opferte diese trotz überwältigender Daten, die zeigten, dass er aufgrund seiner Israel-Unterstützung die Wahl verlieren würde – offenbar war die Unterstützung Israels für ihn wichtiger als die amerikanische Demokratie. Die Loyalität gilt eher der Spenderbasis als der Wählerbasis, und das ist das Muster, das wir auf der demokratischen Seite gesehen haben.
Kapitel 17: AIPAC, Grossspender und die Kosten für die Basis der Demokratischen Partei
Die Unterstützung der Grossspender und die Zusicherungen, die vom Weissen Haus kamen, setzten sich über die eigenen internen Umfragen hinweg, die zeigten, dass man die demokratische Basis verlor und die Wähler nicht zur Wahl gehen würden. Man entschied sich, auf die Spender statt auf die Wähler zu hören. Die AIPAC-Unterstützung scheint nun in den Vorwahlen für demokratische Kandidaten zum "Kuss des Todes" zu werden, da sich eine massive Mobilisierung von der anderen Seite entwickelt – Völkermord ist für die grosse Mehrheit der Amerikaner nicht akzeptabel. Die Assoziation der AIPAC mit Israel wird politisch zunehmend negativ, wenn auch nicht überall. Die pro-israelische Lobby hat Millionen ausgegeben – 30 Millionen allein in der Michigan-Vorwahl – um Kandidaten zu besiegen, und sie hat versagt. An manchen Orten hatten sie Erfolg, aber die Menge an Geld, die sie jetzt ausgeben müssen, um die Hälfte dessen zu erreichen, was sie vor zehn Jahren erreichten, ist auf einem Niveau, das auf Dauer nicht nachhaltig erscheint. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit eines Wandels zumindest auf amerikanischer Seite – ob dies auf die europäische Seite übergreift, ist ungewiss.
Zusammenfassung des Gesprächs
1. Die Zerstörung Gazas und internationale Untätigkeit
Das Gespräch beginnt mit der Feststellung, dass Gaza «verschwunden» und «in einen Parkplatz verwandelt» worden sei. Israel habe zwei Jahre lang systematisch investiert, um Gaza unbewohnbar zu machen – dies sei kein Krieg, sondern ein Völkermord. Jeder Beobachter habe Gaza früher als «Konzentrationslager» oder «Freiluftgefängnis» beschrieben. Die Bevölkerung habe keine Bleibeperspektive mehr; Israel werde nicht zulassen, dass Gaza mit seiner Bevölkerung wiederaufgebaut wird. Die südafrikanische Delegation sei mehrmals vor den Internationalen Gerichtshof (ICJ) getreten und habe gewarnt, dass Rafah der letzte bewohnbare Ort sei – Israel habe Rafah dennoch zerstört. Die Vorstellung, dass Netanjahu nun umschwenke und Frieden schliesse, wird als «Märchenland» bezeichnet.
2. Medienvoreingenommenheit und «Gatekeeper»-Fragen
Kritisiert wird die Rolle von Journalisten wie Piers Morgan, die immer wieder dieselben «Gatekeeper»-Fragen stellten: «Verurteilen Sie den 7. Oktober?», «Was hätte Israel nach dem 7. Oktober tun sollen?» und zuletzt «Müssen Sie nicht positiv über Trumps Waffenstillstand sein?». Ein Gast (Makti Hassan) bejahte zwar die schlechten Aspekte des 7. Oktober, wies aber darauf hin, dass niemand, der die Geschichte Gazas kenne, die israelische Reaktion als gerechtfertigt ansehen könne.
3. Geschichte Gazas als offenes Gefängnis
Bereits 1948, unter ägyptischer Herrschaft, hätten Beobachter Gaza als «Konzentrationslager» beschrieben – so der UN-Vertreter Elm Burns in den 1950er-Jahren, Senator Al Gore senior 1967 und der israelische Nationale Sicherheitsberater Guer Island 2004. Diese Bezeichnung ziehe sich durch die gesamte neuere Geschichte.
4. Vergleich mit früheren Aktivismus-Bewegungen
Der Vietnamkrieg und die Anti-Apartheid-Bewegung hätten starke persönliche Betroffenheit erzeugt (Wehrpflicht, direkte Bedrohung). Bei Gaza fehle diese persönliche Betroffenheit für Amerikaner oder Europäer – dennoch sei das Engagement riesig. Der Grund: Gaza stehe als Metapher für ohnmächtige Menschen, die von einem übermächtigen Juggernaut zermalmt werden – viele junge Menschen sähen darin ihr eigenes Schicksal unter dem Kapitalismus. Die Bewohner Gazas seien hochgebildet (mehr Akademiker pro Kopf als anderswo), aber ohne Arbeitsperspektive – ein «supergebildetes, superintelligentes, superbewusstes Volk in einem offenen Gefängnis».
5. Der 7. Oktober als Wendepunkt
Vor 2020 habe es so ausgesehen, als würden die Palästinenser einfach «aussterben wie die Ureinwohner Amerikas». Der 7. Oktober sei völlig unerwartet gekommen – nicht nur wegen der technischen Raffinesse der Aktion, sondern auch wegen der israelischen Nachlässigkeit. Vor allem aber hätte der Redner nie geglaubt, dass die Westmächte einen zweijährigen Völkermord in Echtzeit zulassen würden. Sie hätten es aber getan.
6. Biografische Einblicke von Norman Finkelstein
Finkelstein erzählt, wie er 1982 nach der israelischen Invasion in den Libanon in die Palästina-Frage einstieg. Zuvor war er Maoist und beschäftigte sich mit der chinesischen Revolution, die er als wichtigstes Ereignis des 20. Jahrhunderts betrachtet. Seine Dissertation und sein gesamtes späteres Leben waren Gaza und Palästina gewidmet – über vier Jahrzehnte. Er habe sich auf die minutiöse Arbeit mit Menschenrechtsberichten spezialisiert, um Lügen zu widerlegen, und dies sei seine Lebensaufgabe geworden. Er sieht es nicht als Obsession, sondern als Beitrag zur Wahrheit.
7. Wirtschaftliche Realitäten heute vs. früher
In den 1960er-Jahren gab es in den USA eine breite Mittelschicht (ca. 80 %), und der soziale Aufstieg war kein Traum, sondern realistisch. Die Jugend von heute hingegen lebe von Gelegenheitsjobs («Gigs»), sei oft arbeitslos oder habe mehrere Teilzeitstellen. Die Generation der Babyboomer unterstütze Bernie Sanders nicht, weil sie bereits Medicare habe und keine Studienkredite kenne – im Gegensatz zu den Jungen, die mit immensen Schulden und prekären Arbeitsverhältnissen kämpfen.
8. Bildung und Lesekompetenz
Früher war die Universität (z.B. City University of New York) kostenlos, und es gab klare geisteswissenschaftliche Hauptfächer. Heute wählen die Studierenden ausschliesslich berufsvorbereitende Fächer (Graphikdesign, Marketing etc.), weil sie eine direkte Jobgarantie brauchen. Finkelstein stellt fest, dass die Lesefähigkeit stark abgenommen habe – er könne keine langen Texte wie John Stuart Mills «On Liberty» mehr mit seinen Studierenden lesen, da sie die Konzentration dafür nicht aufbrächten. Er vergleicht dies aber mit der Fernsehsucht der 1950er/60er-Jahre und relativiert den Einfluss der sozialen Medien etwas.
9. Technologie und Aufmerksamkeitsspanne
Die ständige Nutzung von Smartphones und sozialen Medien habe die mentale Disziplin geschwächt, so Finkelstein. Er selbst besitze kein iPhone und habe schon 1970 den Fernseher abgeschafft, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Er kritisiert auch die SUV-Kultur, die in Städten den Platz für Fussgänger und Velofahrer raube – im Gegensatz zu Amsterdam, wo hohe Steuern auf SUVs eine Velokultur ermöglichen.
10. Schlussappell
Am Ende dankt Finkelstein dem Sender (DoubleDown News) für die Arbeit und fordert die Zuschauer auf, den unabhängigen Journalismus durch Patreon-Abos zu unterstützen, da nur solche Programme die Wahrheit ans Licht bringen könnten.
Fazit des Gesprächs: Das Gespräch verbindet eine scharfe politische Analyse der Zerstörung Gazas und der israelischen Strategie mit einer tiefen gesellschaftskritischen Reflexion über den Verlust von sozialem Aufstieg, Bildung und Aufmerksamkeit in der westlichen Welt. Der 7. Oktober und der anschliessende Krieg werden als historische Zäsur gesehen, die das Versagen der internationalen Gemeinschaft und die Entmenschlichung der Palästinenser schonungslos offenlegt. Gleichzeitig wird ein Bogen zu den wirtschaftlichen und kulturellen Verwerfungen in den USA und Europa gespannt, die viele junge Menschen mit Gaza solidarisch machen, weil sie sich selbst als ohnmächtige Opfer eines übermächtigen Systems wiedererkennen.
Übersetzung des Artikels von Common Dreams
„Ist das ein Sieg oder ein Eingeständnis des amerikanischen Scheiterns!?“ fragte Irans Vizeaussenminister.
Führende iranische Offizielle haben am Montag die Drohungen der Trump-Administration mit einem totalen Wirtschaftskrieg gegen den Nahoststaat verspottet und den geplanten „finanziellen Feldzug“ des US-Finanzministeriums als Akt der Verzweiflung bezeichnet, während der kostspielige Konflikt ohne Ende weitergeht.
„Ist das ein Sieg oder ein Eingeständnis des amerikanischen Scheiterns!?“
schrieb Kazem Gharibabadi, Irans Vizeaussenminister, in den sozialen Medien, nachdem US-Finanzminister Scott Bessent den geplanten Wirtschaftsangriff der Trump-Regierung in einem Gastbeitrag für die Financial Times mit dem Titel „Ein wirtschaftlicher D-Day kommt für den Iran“ dargelegt hatte.
In einem Social-Media-Beitrag, mit dem er seinen Gastbeitrag bewarb, erklärte Bessent, dass US-Präsident Donald Trump „die militärischen Fähigkeiten des Iran zerschlagen, fast 100 % seiner Militärfabriken zerstört und sein Atomprogramm begraben“ habe.
„Wir treten nun in die Endphase ein“, fügte Bessent hinzu. „Bei Tagesanbruch beginnt ein wirtschaftlicher D-Day – die grösste finanzielle Offensive, die jemals gegen einen Gegner geführt wurde.“
Gharibabadi antwortete, dass Bessents „Erzählung nicht aufgeht“.
„Sie sagen, die militärische Fähigkeit des Iran sei ‚zerschlagen‘, 100 % seiner Militärfabriken seien ‚zerstört‘ und sein Atomprogramm ‚begraben‘ – aber für genau diesen Iran waren die ‚grösste finanzielle Offensive der Geschichte‘ und die Mobilisierung ‚aller US-Institutionen und -Behörden‘ notwendig!“, schrieb Gharibabadi.
Auch Irans Top-Diplomat, Abbas Araghchi, wies das Versprechen der Trump-Regierung, den Wirtschaftskrieg gegen den Iran zu verschärfen, zurück und sagte, es sei „zum Scheitern verurteilt“.
„Diesen Film haben wir schon gesehen“, sagte Araghchi. „Derselbe Blödsinn. Andere Schläger.“
Bessent wird voraussichtlich die Einzelheiten der wirtschaftlichen Massnahmen auf einer Pressekonferenz am Montag vorstellen und damit eine neue Phase eines Krieges einleiten, den die USA und Israel Ende Februar begonnen haben.
Analysten zufolge erinnern die erneuten Drohungen mit einem totalen Wirtschaftskrieg an die „Maximaldruck“-Kampagne, die die erste Trump-Administration gegen den Iran startete, nachdem sie das unter Obama geschlossene Atomabkommen zerrissen hatte – und damit die Bühne für den derzeitigen Krieg bereitete.
„Die Vereinigten Staaten können den Iranern sicherlich erhebliche Schmerzen zufügen“, sagte Trita Parsi, Exekutiv-Vizepräsident des Quincy Institute for Responsible Statecraft, am Wochenende gegenüber CNN. „Aber sie an einen Bruchpunkt zu bringen, der sie zur Kapitulation zwingt, halte ich für äusserst unwahrscheinlich. Ich denke, wir sollten uns daran erinnern: Das hatten wir schon einmal. Genau das sollten die Maximaldruck-Sanktionen vor acht Jahren bewirken.“
„Wenn dies tatsächlich erfolgreich sein sollte, um grossen Druck auf die Iraner auszuüben“, fügte Parsi hinzu, „dann ist das wahrscheinlichste Ergebnis, dass sie mit einer Gegeneskalation reagieren, und ihre Gegeneskalation könnte darin bestehen, Länder in der Region anzugreifen.“
Esmail Baghaei, ein Sprecher des iranischen Aussenministeriums, warnte auf einer Pressekonferenz am Montag, dass „jede Kollusion mit den Vereinigten Staaten bei diesem Plan sicherlich Konsequenzen haben wird“.
***
Kommentar: Es ist zu bedenken, dass Iran enge Beziehungen zu China und Russland unterhält. China ist Irans Haupthandelspartner. Diese Wirtschaftsblockade wird auch deswegen kaum zu einer Kapitulation Irans führen. Bis eine Wirtschaftblockade greift, vergeht einige Zeit. Die USA und die Welt haben diese Zeit nicht. Wegen der blockierten Strasse von Hormuz könnte die Weltwirtschaft deshalb in eine Depression stürzen. Es ist durchaus möglich, dass die USA deshalb wieder zurückkrebsen, wie sie das schon unzählige Male getan hat.
Übersetzung des Artikels von Chris Hedges
Die westlichen Medien erleichtern durch die Anwendung von Doppelstandards, Zensur, trügerischer Sprache, der Verstärkung israelischer Lügen und der Entmenschlichung der Palästinenser den Völkermord in Gaza.
Die westlichen Medien fertigen die Zustimmung für Völkermord an. Sie normalisieren Israels jahrzehntelange militärische Besatzung und Apartheid. Sie löschen Israels flagrante Verstösse gegen das Völkerrecht aus. Sie verewigen den Trugschluss der israelischen Opferrolle. Sie verraten, diskreditieren und verteufeln die Arbeit palästinensischer Journalistinnen und Journalisten sowie Medienschaffender in Gaza, von denen zwischen dem 7. Oktober 2023 und August 2025 mindestens 220 von Israel getötet worden sind. Sie akzeptieren unterwürfig die drakonische israelische Zensur. Sie fügen sich mit lauen Protestbriefen in die israelische Weigerung, ausländische Reporter nach Gaza zu lassen – ein Versuch Israels, seine Kriegsverbrechen zu verschleiern. Sie verstärken israelische Lügen, von enthaupteten Babys bis hin zu weitverbreiteten sexuellen Übergriffen auf israelische Frauen am 7. Oktober, um die Wahrheit zu verschleiern.
Wenn über Gaza geschrieben wird, stehen die Verben im Passiv. Es gibt kein Subjekt. Niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Völkermord scheint ein Akt Gottes zu sein. Nicht anders als ein Erdbeben oder ein Tsunami. Klischees und undurchsichtige Adjektive wie «Gewaltspirale» oder «Auseinandersetzungen» verzerren und verfälschen die Realität.
«Wenn das Denken die Sprache verdirbt, kann auch die Sprache das Denken verderben», warnte George Orwell.
Begriffe wie «Völkermord», «Gräueltat», «ethnische Säuberung» und «besetzte Gebiete» verschwinden auf magische Weise aus den Medienberichten über Palästinenser, deren Widerstand routinemässig als «wild» und «barbarisch» bezeichnet wird. Die Redakteure der New York Times weisen ihre Journalisten an, Begriffe wie «Palästina», «Völkermord», «Blutbad», «Flüchtlingslager», «Gemetzel» und «Massaker» im Zusammenhang mit Palästinensern zu vermeiden.
Die Medien geben in sklavischer Manier nach, was Israel ihnen liefert. Flächenbombardement wird zu «chirurgischen Luftangriffen». Israels Waffeneinsatz von Hunger wird zu einer «Nahrungsmittelknappheit». Die Tötung unbewaffneter Zivilisten – darunter Kinder – wird zu «Auseinandersetzungen». Die burgartigen Siedlungen jüdischer Kolonisten auf Hügeln werden zu «Nachbarschaften». Die aussergerichtliche Tötung eines Journalisten oder Arztes wird zu «gestorben».
Völkermord, als «Israel-Hamas-Krieg» bezeichnet, wird als «Selbstverteidigung» gerechtfertigt, als Teil des Mantras von Israels «Recht auf Selbstverteidigung». Wenn Schulen, Krankenhäuser, Kliniken, Krankenwagen, Moscheen, Kirchen und andere zivile Ziele zerstört werden, werden sie als «Hamas-Kommandozentralen» bezeichnet oder damit begründet, dass die Hamas «Zivilisten als menschliche Schutzschilde» benutze – etwas, das Israel routinemässig tut, wenn die Armee gefangene Palästinenser fesselt und zwingt, vor den israelischen Truppen in möglicherweise mit Sprengfallen versehene Gebäude und Tunnel zu gehen.
Wenn Israel von der Hamas festgehalten wird, sind sie «Geiseln», selbst wenn sie Militärdienst leisten. Wenn Palästinenser – darunter Kinder – ohne Anklage oder Prozess festgehalten und in israelischen Haftzentren verschwinden, wo Folter «weitverbreitet» und «systematisch» ist, sind sie «Gefangene».
Raketenangriffe auf Zeltstädte oder Krankenhäuser werden palästinensischen bewaffneten Gruppen zugeschrieben, die irreguläre Raketen abfeuern. Wenn Israel die Angriffe einräumt – was sehr selten vorkommt – werden sie als «tragischer Fehler» bezeichnet.
Zivile Einrichtungen in Gaza werden als «von der Hamas geführt» charakterisiert, um Zweifel an der Wahrhaftigkeit ihrer Berichte zu säen. Die New York Times qualifiziert routinemässig Mitteilungen des Gesundheitsministeriums von Gaza mit dem Hinweis, es «unterscheide nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern», und verschleiert so die Tötung Zehntausender Zivilisten.
Das Ergebnis ist einer der verschrobensten Schreibstile in der Geschichte des Journalismus, einschliesslich der Schlagzeile der New York Times vom 5. November 2023: «Explosionen, von denen Gazaner sagen, sie seien ein Luftangriff, fordern viele Opfer in einem dichten Viertel.»
«Als die Middle East Eye-Journalisten Mohamed Salama und Ahmed Abu Aziz zusammen mit dem Reuters-Fotografen Hussam al-Masri und den Freiberuflern Moaz Abu Taha und Mariam Dagga – die für mehrere Medien, darunter die Associated Press, gearbeitet hatten – bei einem ‹Double-Tap›-Angriff getötet wurden – der darauf abzielte, Ersthelfer zu töten, die zu den Opfern der ersten Angriffe eintrafen –, wie reagierten die westlichen Nachrichtenagenturen?», fragte ich in meiner Kolumne «Der Verrat an palästinensischen Journalisten».
«Israels Militär sagt, Angriffe auf Gazaspital hätten Hamas-Kamera gegolten», berichtete die Associated Press.
«IDF behauptet, Spitalangriff habe Hamas-Kamera gegolten», verkündete CNN.
Die Kamera gehörte Reuters, das erklärte, Israel sei «vollständig bewusst» gewesen, dass die Nachrichtenagentur vom Spital aus gefilmt habe.
«Als der Al Jazeera-Korrespondent Anas Al Sharif und drei andere Journalisten am 10. August in ihrem Medienzelt nahe des Al-Shifa-Spitals getötet wurden, wie wurde das in der westlichen Presse berichtet?», fragte ich.
«Israel tötet Al Jazeera-Journalisten, den es als Hamas-Führer bezeichnet», titelte Reuters, obwohl Al Sharif Teil eines Reuters-Teams war, das 2024 einen Pulitzer-Preis gewann.
Die deutsche Zeitung Bild veröffentlichte eine Titelgeschichte mit der Überschrift: «Als Journalist getarnter Terrorist in Gaza getötet.»
«Die sprachlichen Verrenkungen der Medien gingen so weit, dass Wörter neu definiert und bedeutungslos gemacht wurden», schreibt Assal Rad in «Don't Say Palestine: How the Media Manufactured Consent for Genocide»:
Die Mainstream-Medien versäumten es, Israels wiederholte Verstösse gegen die Waffenruhe mit der Sprache des Vergehens zu beschreiben. Stattdessen folgte die Berichterstattung denselben Mustern, Israels Angriffe zu rationalisieren und Israels Behauptungen unkritisch nachzuplappern, um seine Handlungen zu rechtfertigen. Während weiterhin Palästinenser – während einer ‹Waffenruhe› – getötet wurden und die Hilfslieferungen weder das erforderliche Niveau noch das Vereinbarte erreichten, stellten die westlichen Medien diese flagranten Verstösse als ‹Prüfungen› oder ‹Herausforderungen› für eine ‹wackelige Waffenruhe› dar. Während führende Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International warnten, dass der Völkermord tatsächlich nicht vorbei sei, stellten die etablierten Medien es weiterhin als Krieg mit einer ‹brüchigen Waffenruhe› dar.
Worte sind wichtig. Worte rechtfertigen Handlungen. Wenn es keinen Völkermord gibt, wenn sich Israel in einem Krieg verteidigt, haben die USA und Israels europäische Verbündete das Recht, Dutzende Milliarden Dollar an Militärhilfe zu leisten. Wenn dies ein Krieg ist, der von der Hamas am 7. Oktober begonnen wurde, dann ist es möglich, die Zerstörung Gazas und das massenhafte Gemetzel durch Israel als bedauerliches Ergebnis des Hamas-Angriffs zu beklagen.
Diese Korruption der Sprache ist, wie Orwell feststellte, darauf ausgelegt, das Unvertretbare zu verteidigen:
Dinge wie die Fortdauer der britischen Herrschaft in Indien, die russischen Säuberungen und Deportationen, den Abwurf der Atombomben auf Japan – all das kann zwar verteidigt werden, aber nur mit Argumenten, die für die meisten Menschen zu brutal sind, um sie sich einzugestehen, und die nicht mit den vorgeblichen Zielen der politischen Parteien übereinstimmen. Daher muss die politische Sprache weitgehend aus Euphemismen, Frageumgehungen und schlichter wolkenhafter Verschwommenheit bestehen. Wehrlose Dörfer werden aus der Luft bombardiert, die Bewohner aufs Land vertrieben, das Vieh mit Maschinengewehren beschossen, die Hütten mit Brandgeschossen angezündet: das nennt man Befriedung. Millionen von Bauern werden ihres Hofes beraubt und trudeln mit nichts weiter als dem, was sie tragen können, über die Strassen: das nennt man Bevölkerungsverschiebung oder Grenzbereinigung. Menschen werden jahrelang ohne Prozess eingesperrt oder im Genick erschossen oder zum Verhungern in arktische Holzfällerlager geschickt: das nennt man Eliminierung unzuverlässiger Elemente.
Adam Johnson untersuchte in «How to Sell a Genocide: The Media's Complicity in the Destruction of Gaza» über 12'000 Artikel der New York Times, der Washington Post, von CNN.com, Politico, Axios, USA Today und der Associated Press sowie 5'000 Fernsehbeiträge von CNN und MSNBC. Sein sorgfältig recherchiertes Buch ist ein vernichtendes Zeugnis für die Rechtfertigung des Völkermords durch die «liberalen» Medien.
CNN und die New York Times wiesen ihre Redakteure und Journalisten an, dass Angriffe Israel nur nach Bestätigung durch die IDF und GPS-Koordinaten zugeschrieben werden dürften. Johnson zitiert eine Quelle bei CNN:
Ob im Newsroom oder vor Ort, wir konnten Israel nichts zuschreiben, es sei denn, wir waren an diese unmöglich hohe Hürde gebunden, es erst eine ‹Explosion› nennen zu müssen, bis wir den Ort der Explosion geolokalisiert, die Koordinaten an die Israelis gesendet und sie um einen Kommentar gebeten hatten.
Ein Interview mit Johnson über sein Buch ist bei The Electronic Intifada hier zu sehen.
CNN-Journalisten, die über Israel und Palästina berichten, müssen ihre Beiträge vor der Ausstrahlung dem Jerusalemer Büro des Senders zur Überprüfung vorlegen. Das CNN-Büro ist wie alle Nachrichtenbüros in Israel verpflichtet, die von der israelischen Militärzensur auferlegten Beschränkungen einzuhalten.
Die sehr wenigen Palästinenser, die bei CNN und anderen etablierten Medien auftreten, werden routinemässig – meist bevor sie überhaupt auf Sendung dürfen – gefragt, ob sie die Hamas «verurteilen». Gäste, die auch nur milde Kritik an Israel äussern, werden gefragt, ob Israel ein «Recht auf Existenz» habe.
Niemand wird jemals gefragt, ob er Zionismus, Apartheid, ethnische Säuberungen, Völkermord oder Israels hundertjährigen Krieg gegen Palästina verurteilt. Ebenso wenig wird gefragt, ob die Palästinenser ein Recht auf Selbstverteidigung haben – was sie nach internationalem Recht durchaus haben, auch mit Waffen.
Unsere gezähmten Journalisten und Nachrichtenorganisationen sind, wie Robert Fisk feststellte, «Gefangene der Sprache der Macht». Sie plappern pflichtgemäss das offizielle Vokabular nach. Das macht sie nicht nur zu Propagandisten, sondern zu Komplizen des Völkermords.
Diejenigen, die gegen den Völkermord protestieren, darunter Studierende auf Universitätscampus – viele von ihnen jüdisch – werden als «Hamas-Unterstützer» und «Antisemiten» verunglimpft. Journalisten spüren zionistische Studierende auf, die sich meist in Campus-Hillel-Häusern aufhalten und behaupten, wegen der Proteste «um ihre Sicherheit zu fürchten». Die Medien schenken dem Anstieg des antimuslimischen Rassismus oder der Repression gegen studentische Protestierende wenig Beachtung, die nicht nur Polizeibrutalität und 3'000 Festnahmen und Verhaftungen umfasst, sondern auch Suspendierungen, Bewährungsstrafen, Exmatrikulationen, die Verweigerung von Diplomen und die Entlassung sympathisierender Dozierender.
Parolen, die zur palästinensischen Befreiung aufrufen – einschliesslich «From the river to the sea, Palestine will be free» – sowie die palästinensische Flagge sind kriminalisiert worden.
Die Botschaft ist klar: Jüdisches Leben zählt. Palästinensisches Leben nicht.
«Die Berichte von UN-Agenturen, angesehenen Menschenrechtsbeobachtern, medizinischen Fachzeitschriften und professionellem medizinischem Personal werden in der Regel mit Respekt behandelt und in den Mainstream-Medien hervorgehoben», schreibt der Historiker Rashid Khalidi in der Einleitung zu Robin Andersons Buch «The Complicit Lens: US Media Coverage of Israel's Genocide in Gaza»:
Nicht in diesem Krieg: Stattdessen wird, wenn solche Quellen überhaupt zitiert werden, den ungeheuerlichen Verleumdungen und Schmähungen gegen diese Organisationen und Einzelpersonen gleiche Medienbehandlung zuteil – Schmutzkampagnen, die von Israels Legion professioneller Propagandisten und seiner unzähligen Verteidiger in den USA in Hülle und Fülle produziert werden. Neben der Verunglimpfung von Kritikern des israelischen Völkermords als Hamas-Unterstützer oder Terroristen-Sympathisanten ist die Hauptwaffe in ihrem Arsenal der Verleumdung ihr systematischer und ungeheuerlicher Missbrauch der verheerenden Anschuldigung des Antisemitismus.
Die massiven Abwanderungen von Leserinnen und Lesern sowie Zuschauerinnen und Zuschauern von den Mainstream-Medien zu sozialen Medienplattformen, die Nachrichten nicht durch die Israel-Lobby, die US-Regierung oder Konzerne filtern, sind ein deutlicher Indikator für die Bankrotterklärung der Medien. Die Reaktion auf diese Abwanderungen war «Plattformizid» – der Einsatz von Algorithmen, Shadow Banning, Einschränkungen von Live-Streaming-Funktionen und die Schliessung von Konten durch soziale Medien-Giganten wie Facebook, Instagram, X, YouTube und TikTok, um die Reichweite der Berichterstattung über Palästina drastisch zu reduzieren.
Diese Zensur ist Teil einer koordinierten Bemühung, das Grauen des Völkermords vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Indem die westlichen Medien ständig auf den 7. Oktober verweisen, entkontextualisieren sie den Völkermord. Sie ignorieren Israels 19-jährige Belagerung Gazas. Der 7. Oktober wird in den westlichen Medien als «unprovoziert» dargestellt. Israels Massaker an unbewaffneten Palästinensern in Gaza im Winter 2008/2009 sowie seine Angriffe auf Gaza 2012, 2014 und während des Grossen Marsches der Rückkehr 2018 und 2019 werden ignoriert.
Die Nakba von 1948 – als europäische Zionisten mehr als 78 Prozent des historischen Palästina an sich rissen, 750'000 Palästinenser gewaltsam vertrieben, mehr als 530 palästinensische Dörfer zerstörten und 15'000 Palästinenser töteten – wird selten erwähnt. Siebzig Prozent derjenigen, die 1948 aus ihren Häusern vertrieben wurden, wurden nach Gaza gezwungen.
Das zionistische Projekt beruht auf der Förderung historischer Amnesie.
«Sobald die Hamas als brutale Terrorgruppe etabliert war, deren Mitglieder ohne Gewissen Babys folterten, zerstückelten und enthaupteten, bedurfte es keiner weiteren Erklärung mehr», schreibt Anderson in ihrem Buch. «Die Medien vermieden es einfach, über Israels Gewaltgeschichte zu berichten, und infolgedessen vermieden die etablierten Medien auch die Lebensbedingungen der Palästinenser im Alltag.»
Die Fiktion, dass es derzeit eine Waffenruhe in Gaza gebe – Israel hat seit ihrem angeblichen Inkrafttreten mindestens 1'286 Palästinenser getötet und 4'257 verletzt – ist zur Ausrede geworden, die die westlichen Medien nutzen, um Gaza den Rücken zu kehren. Diese Völkermord-Leugnung kennzeichnet die Berichterstattung von Anfang an. Sie verschleiert nicht nur Israels Verbrechen, sondern auch Israels erklärte Absicht, alle Palästinenser aus Gaza ethnisch zu säubern. Sie entwertet effektiv das Völkerrecht. Und sie macht den Beruf des Journalismus zur Farce.
Wenn der letzte Akt der ethnischen Säuberung stattfindet, werden die westlichen Medien, da bin ich sicher, uns weiterhin mit israelischer Agitprop, Euphemismen und Klischees bombardieren.
Sie werden den Völkermord bis zum Ende rechtfertigen.
Übersetzung des Briefs
Mein neues Buch «GAZA’S GRAVEDIGGERS: An Inquiry into Corruption in High Places» ist diese Woche offiziell erschienen. Als ich mit dem Schreiben des Buches begann, war es mein Ziel, Korruptionsherde in den Vereinten Nationen aufzudecken. Als ich das Buch fertiggestellt hatte, war mir schmerzlich klar geworden, dass das internationale System im freien Fall war. Am 17. November 2025 übergab die Resolution 2803 des Sicherheitsrats – schockierenderweise! aber im wahrsten Sinne des Wortes – die Urkunde für Gaza an den zurückgebliebenen Affen, der derzeit das Weisse Haus besetzt. Meine abschliessenden Worte im Buch lauten: «Nach dem 17. November 2025 ist die UNO eine verwesende Leiche.» Fast ein Jahr später sehe ich keinen Grund, dieses Urteil zu revidieren. Während die Resolution umfangreiche humanitäre Hilfe für Gaza sowie dessen Wiederaufbau vorschrieb, prognostizierte ich: «Weder das eine noch das andere wird geschehen... Israel wird nicht mehr als ein ‹humanitäres Minimum› an Hilfe zulassen, wenn überhaupt so viel und wahrscheinlich viel weniger... Der Wiederaufbau von Gaza wird nicht stattfinden, weil ... Israel ihn nicht zulassen wird.» Leider bedürfen auch diese Vorhersagen keiner Korrektur.
«GAZA’S GRAVEDIGGERS» ist der Höhepunkt meines Lebenswerks. Ich trat erstmals in der Öffentlichkeit in Erscheinung, als ich noch an der Universität studierte. Ich wies methodisch nach, dass ein weithin gefeiertes Werk über den Israel-Palästina-Konflikt eine Fälschung war. Diese Enthüllung machte mich gleichzeitig bekannt und besiegelte mein Schicksal. Von da an war ich nicht nur arbeitslos, sondern – was etwas ganz anderes ist – unvermittelbar. Später scherzte ich, dass meine beiden Brüder bereits in Rente gegangen waren, während ich noch auf der Suche nach meinem ersten Job war.
Obwohl ich nie eine einträgliche Anstellung finden konnte, fehlte es mir nicht an einer Mission. Schon in meinen frühen Teenagerjahren hatte ich beschlossen, mein Leben der Rache und der Rehabilitierung des Märtyrertodes meiner Familie zu widmen. Welche Form diese Mission annehmen würde, war in diesem zarten Alter noch unklar. Schliesslich wurde ich Rechtswissenschaftler: Ich decke Betrug auf und enthülle die Wahrheit im Dienste der Gerechtigkeit. Während mein Engagement für die Gerechtigkeit offensichtlich auf meine Familiengeschichte zurückging, ist nicht ganz klar, warum ich mich so fanatisch der Wahrheit verschrieben hatte. Ich vermute, es liegt daran, dass ich, so sehr ich mich auch der Gerechtigkeit verschrieben hatte, dem geistigen Leben ebenfalls höchsten Wert beimass; und ich glaube, es ist unmöglich, das geistige Leben zu verehren, ohne die Wahrheit zu verehren. Seit meiner Jugend bin ich einer historischen Tradition verbunden, in der die Wahrheit nicht nur mit radikaler Politik vereinbar ist, sondern sogar eine unabdingbare Voraussetzung dafür darstellt: «Die Wahrheit zu sagen ist revolutionär» (Gramsci); «Nichts ist für die Revolution zerstörerischer als Illusionen, und nichts nützt ihr mehr als die klare und offene Wahrheit» (Luxemburg); «Wir müssen die Wahrheit sagen: Darin liegt unsere Stärke» (Lenin).
Der einzigartige Vorteil der Wahrheit besteht darin, dass sie in sich schlüssig ist; alle Teile fügen sich zusammen; da sie wahr ist, bildet sie ein Ganzes. Der einzigartige Nachteil der Lüge besteht darin, dass sie bei genauer, wenn auch mühsamer Prüfung unweigerlich auseinanderfällt. Ich habe mein Erwachsenenleben der Analyse von Texten gewidmet, um deren Verlogenheit aufzudecken. Es ist üblich, einen Text vorschnell als Propaganda abzutun; ich bemühe mich, dies zu beweisen. Der grosse Gelehrte zum Thema des Nazi-Holocausts, Raul Hilberg, stellte scharfsinnig fest, dass der Nazi-Holocaust zwar tatsächlich stattgefunden habe, dies aber «leichter gesagt als bewiesen» sei. Mein Ziel in «GAZA’S GRAVEDIGGERS» ist es, den Mythos rund um den 7. Oktober 2023 und den darauf folgenden israelischen Völkermord endgültig zu entlarven: Unter anderem widerlege ich die Falschmeldung, dass die Hamas Vergewaltigung als Kriegswaffe instrumentalisiert habe, und ich zeige auf, dass das, was sich in Gaza abspielte, kein Krieg, sondern ein Völkermord war – und warum diese Unterscheidung von Bedeutung ist.
«Es gibt keine Grösse ohne Einfachheit, Güte und Wahrheit.» Obwohl «GAZA’S GRAVEDIGGERS» nicht ganz ohne gelegentliche Wortspielereien und geistreiche Einfälle auskommt, wurde es im Sinne von Tolstois Maxime verfasst: nicht, um rhetorisch zu beeindrucken, sondern vielmehr, um wichtige Wahrheiten zu vermitteln. Dennoch ist es eine anspruchsvolle Lektüre. Aber ich glaube, dass sich der geistige Aufwand lohnt. Es ist die bislang massgebendste Darstellung des Grauens, das über Gaza hereingebrochen ist. Es ist ein praktisches Lehrbuch – sozusagen mein Vermächtnis an eine neue Generation – darüber, wie man Falschmeldungen entlarvt. Es ist ein Zeugnis der Verpflichtung gegenüber der strengen Wahrheit. Das Buch zu erwerben, es im eigenen Bücherregal stehen zu haben, ist schliesslich ein Akt des Gedenkens. Mein allererstes veröffentlichtes Werk war meinen Eltern gewidmet. Das Motto lautete: «Möge ich niemals vergessen oder vergeben, was ihnen angetan wurde.» Im gleichen Geist sende ich «GAZA’S GRAVEDIGGERS» in die Welt hinaus.
Dies wird höchstwahrscheinlich mein letztes Buch sein. Mein Geist ist erschöpft; es ist Zeit für eine geistige Auszeit. Um Othello zu paraphrasieren: Ich habe der Sache einen Dienst erwiesen, und sie wissen es. Ich danke euch demütig für eure Unterstützung.
Ohne Transparenz gibt es kein Vertrauen
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"Die Verpflichtung zum Widerstand beginnt dort, wo man erstens das Verbrechen und den Katastrophenweg erkennt, und zweitens die Möglichkeit hat, etwas dagegen zu tun" (Kurt Sendtner)
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Reden und diskutieren wir mit Andersdenkenden - Setzen wir uns für unsere Anliegen ein - Demonstrieren wir - Seien wir Ungehorsam - Handeln wir friedlich.