Macht und Imperialismus: Teil 14
ab April 2026


01.04.2026 Zustimmung in Echtzeit herstellen: Der Staat greift in den Algorithmus ein.

Übersetzung des Artikels von William Murphy

Wenn Diplomatie, psychologische Kriegsführung und „Community-Moderation“ verschmelzen, ist das Schlachtfeld nicht länger Territorium – es ist die Wahrnehmung selbst.

Was passiert, wenn das Imperium aufhört, so zu tun, als sei das Internet neutral – und anfängt, es offen wie ein Schlachtfeld zu behandeln?

Jahrzehntelang hat die herrschende Klasse darauf beharrt, dass der digitale öffentliche Raum ein offenes Feld sei – unübersichtlich, chaotisch, aber letztlich geprägt vom freien Austausch von Ideen. Dieser Mythos bricht nun in Echtzeit zusammen.

Eine kürzlich vom US-Aussenministerium erlassene Richtlinie, die Diplomaten Berichten zufolge dazu auffordert, sich mit militärischen Einheiten für psychologische Kriegsführung abzustimmen und direkt mit Moderationssystemen von Plattformen wie Community Notes zu interagieren, offenbart etwas weit Fundamentales, das weit über einen Politikwechsel hinausgeht. Sie legt einen strukturellen Wandel offen: die Integration staatlicher Macht in die Architektur der Wahrnehmung selbst.

Dies ist keine Ausnahmeerscheinung. Es ist die logische Weiterentwicklung der Informationskontrolle im Spätkapitalismus.

Die Verschmelzung von Soft Power und psychologischer Kriegsführung

Traditionell wurden in den imperialen Mächten Unterscheidungen gewahrt – zumindest auf dem Papier.

Diplomaten waren mit Überzeugung, Öffentlichkeitsarbeit und Verhandlungen beauftragt. Militärische psychologische Operationen hingegen operierten im Verborgenen und prägten die Wahrnehmung in Konfliktgebieten, oft durch Manipulation, Täuschung und strategische Narrativkonstruktion.

Diese Grenze löst sich nun auf.

Die Richtlinie signalisiert eine Konvergenz: Diplomatie beschränkt sich nicht mehr allein auf die Repräsentation des Staates, sondern umfasst die aktive Steuerung der Realitätsinterpretation in digitalen Netzwerken. Psychologische Operationen beschränken sich nicht mehr auf ausländische Schlachtfelder, sondern sind in den alltäglichen Informationsfluss integriert.

Diese Verschmelzung stellt einen qualitativen Sprung dar. Der Staat reagiert nicht länger auf Narrative, sondern positioniert sich, um direkt in deren Entstehung einzugreifen.

Plattformkapitalismus trifft auf Staatsmacht

Um die Bedeutung dieses Wandels zu verstehen, müssen wir ihn in den breiteren politischen und ökonomischen Kontext digitaler Plattformen einordnen.

Social-Media-Unternehmen präsentieren sich als neutrale Vermittler – als Gastgeber von Diskussionen, nicht als Teilnehmer daran. Funktionen wie Community Notes werden als dezentrale Werkzeuge vermarktet, die es Nutzern ermöglichen, Informationen gemeinsam zu überprüfen und Falschmeldungen zu korrigieren.

Neutralität ist jedoch eine Fiktion.

Diese Plattformen sind privatwirtschaftliche Infrastrukturen ideologischer Produktion. Ihre Algorithmen prägen die Sichtbarkeit, ihre Richtlinien definieren Legitimität und ihre Gestaltung strukturiert die Partizipation. Sie sind keine passiven Räume, sondern aktive Kontrollsysteme, die in kapitalistische Verhältnisse eingebettet sind.

Wenn staatliche Akteure dazu ermutigt werden, innerhalb dieser Systeme strategisch, gezielt und in grossem Umfang zu agieren, bricht die Illusion der Dezentralisierung zusammen.

Was bleibt, ist ein hybrider Apparat: Unternehmensplattformen liefern die Infrastruktur, der Staat die strategische Ausrichtung.

Die Illusion der „Gemeinschaftswahrheit“

Community Notes stellt theoretisch eine Demokratisierung der Wissensverifizierung dar. Nutzer bewerten gemeinsam Behauptungen und ergänzen so irreführende oder falsche Inhalte um Kontext.

Doch was geschieht, wenn organisierte, gut ausgestattete staatliche Akteure in dieses System eintreten?

Die Prämisse der „Gemeinschaft“ wird instabil.

Ein dezentraler Mechanismus setzt eine relativ gleichberechtigte Beteiligung voraus. Er geht davon aus, dass die Beteiligten unabhängig und ohne koordinierten externen Druck handeln. Staatliche Eingriffe hingegen führen zu Asymmetrien – hinsichtlich Ressourcen, Organisation und Zielsetzung.

Das bedeutet nicht zwangsläufig plumpe Manipulation. Die wirksamere Strategie ist subtiler: Konsens lenken, bestimmte Interpretationen verstärken und Narrative einbetten, die organisch wirken.

In diesem Sinne wird die Wahrheit nicht aufgezwungen, sondern sorgfältig ausgewählt.

Das Ergebnis ist eine Form der gesteuerten Wahrnehmung, bei der die Ergebnisse durch strukturierte Einflussnahme und nicht durch offene Kontrolle erzielt werden.

Vorgetäuschte Authentizität und die Rolle von Zwischenhändlern

Die Richtlinie legt Berichten zufolge besonderen Wert auf die Nutzung lokaler Stimmen – Journalisten, Influencer, Akademiker –, um die gewünschten Narrative zu verstärken.

Das ist kein Zufall. Es ist von zentraler Bedeutung.

Direkte staatliche Botschaften sind oft wenig glaubwürdig, insbesondere in Regionen, in denen imperialer Macht mit Misstrauen begegnet wird. Authentizität muss daher indirekt erzeugt werden.

Durch die Mobilisierung von Vermittlern, die unabhängig erscheinen, kann der Staat seine Narrative in den lokalen Diskurs einbetten. Die Botschaft lautet nicht mehr „Die USA sagen dies“, sondern „Menschen wie Sie sagen dies“.

Das ist die Logik vorgetäuschter Authentizität.

Es spiegelt ein tieferes Verständnis des modernen ideologischen Kampfes wider: Legitimität wird nicht allein durch Autorität erreicht, sondern durch den Anschein von Konsens.

Historische Kontinuität, Strukturelle Entwicklung

Man ist versucht, diesen Moment als beispiellos zu betrachten. In Wirklichkeit ist er Teil einer langen Entwicklung.

Von Propagandasendungen im Kalten Krieg bis hin zu verdeckten Einflussoperationen im Krieg gegen den Terror haben die USA kontinuierlich in die Beeinflussung der globalen Wahrnehmung investiert. Geändert hat sich nicht das Ziel, sondern das Terrain.

Das digitale Zeitalter hat Information zu einem zentralen Schauplatz von Auseinandersetzungen gemacht. Soziale Medien sind nicht länger Randerscheinungen; sie sind zentrale Infrastrukturen, durch die Bewusstsein produziert und umstritten wird.

Der gegenwärtige Wandel stellt die Formalisierung von Praktiken dar, die sich über Jahre hinweg entwickelt haben. Was einst im Verborgenen stattfand, wird nun offengelegt. Was einst fragmentiert war, integriert sich.

Der Widerspruch im Herzen der liberalen Ideologie

Diese Entwicklung offenbart einen grundlegenden Widerspruch.

Die liberale Ideologie beharrt auf der Existenz eines freien und offenen Marktes der Ideen. Sie befürwortet Dezentralisierung, Transparenz und nutzerorientierte Regierungsführung.

Doch dasselbe System fördert nun aktiv staatliche Eingriffe in diesen Markt – koordiniert, strategisch und auf nationale Interessen abgestimmt.

Dieser Widerspruch lässt sich im Rahmen des Liberalismus nicht auflösen.

Entweder ist der Raum wirklich offen, oder er ist von Machtstrukturen geprägt. Entweder entsteht die Wahrheit organisch, oder sie wird durch Eingriffe geformt.

Der Versuch, beide Ansprüche gleichzeitig aufrechtzuerhalten, offenbart die ideologische Funktion des Systems: die Kontrolle zu verschleiern, während man sie gleichzeitig ausübt.

Information als strategische Domäne

Was wir erleben, ist die Konsolidierung von Information als Kriegsdomäne.

So wie frühere Epochen die Militarisierung von Land, See, Luft und Cyberspace erlebten, markiert der gegenwärtige Moment die vollständige Integration der Wahrnehmung in die strategische Doktrin.

Narrative sind nicht länger zweitrangig gegenüber materiellen Konflikten. Sie sind integraler Bestandteil davon.

Die Kontrolle über Informationsflüsse ermöglicht die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, die Rechtfertigung politischer Massnahmen und die Unterdrückung abweichender Meinungen. Es handelt sich um eine Form der Macht, die nicht allein durch Zwang wirkt, sondern durch die Strukturierung der Realität selbst.

In diesem Kontext werden Plattformen zu Schlachtfeldern und Nutzer zu Teilnehmern – ob sie es merken oder nicht.

Die Bedeutung des revolutionären Bewusstseins

Für diejenigen, die sich einer revolutionären Transformation verschrieben haben, sind die Konsequenzen klar.

Der Kampf richtet sich nicht nur gegen wirtschaftliche Ausbeutung oder politische Unterdrückung. Er richtet sich auch gegen die Mechanismen, die prägen, wie Menschen ihre eigenen Lebensumstände verstehen.

Wird die Wahrnehmung kontrolliert, wird auch das Bewusstsein eingeschränkt.

Und wenn das Bewusstsein eingeschränkt ist, wird die Möglichkeit kollektiven Handelns geschwächt.

Deshalb ist die Integration staatlicher Macht in digitale Plattformen so wichtig. Es geht nicht einfach nur um Fehlinformationen oder Voreingenommenheit. Es geht darum, wer die Macht hat, die Realität zu definieren – und wessen Interessen diese Definition dient.

Fazit: Jenseits der Illusion

Die Ära der plausiblen Abstreitbarkeit geht zu Ende.

Der Staat begnügt sich nicht länger damit, vom Rand her Einfluss zu nehmen. Er dringt in das System ein und verankert sich in den Mechanismen, die den Diskurs produzieren und regulieren.

Der Mythos eines neutralen Internets löst sich auf. An seine Stelle tritt die Entstehung einer gelenkten Informationsumgebung – strukturiert durch die vereinten Kräfte von Kapital und Staatsmacht.

Die Aufgabe besteht also nicht darin, die Illusion zu verteidigen, sondern sich der Realität zu stellen.

Um es klar zu analysieren.
Um es unerbittlich aufzudecken.
Und um Kommunikations- und Organisationsformen aufzubauen, die nicht so leicht absorbiert, umgeleitet oder neutralisiert werden können.

Denn in einer Welt, in der Wahrnehmung ein Schlachtfeld ist, ist Klarheit nicht nur eine Tugend.

Es ist eine Waffe.


01.04.2026 Der Pranger trägt Presseausweis

Die Polizei fahndet nach Verdächtigen einer Demo. Medien machen daraus Reichweite, Wiedererkennung und öffentliche Vorverurteilung.

Weiterlesen auf infosperber

Kommentar: Meines Erachtens ein wichtiger Artikel!


01.04.2026 „Kopf hoch und Widerstand leisten“: Wie Europas Zivilgesellschaft gegen die extreme Rechte kämpft

Übersetzung des Artikels von The Guardian

Rechtsparteien nutzen parlamentarische Anfragen, juristische Fallen und Polizeieinsätze, um NGOs ins Visier zu nehmen und abweichende Meinungen zu unterdrücken.

Pauline Voss, stellvertretende Chefredakteurin von Nius, einem schnell wachsenden rechtsgerichteten Medienunternehmen mit dem Ziel, Deutschlands Fox News zu werden, glaubt, dass progressive zivilgesellschaftliche Gruppen in Deutschland eine koordinierte Kampagne führen, um „gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen“.

(AfD) laut einer diesjährigen Studie der progressiven Interessengruppe Campact Das könnte der Grund dafür sein, dass die rechtsextreme Alternative für Deutschland im vergangenen Jahr 295 parlamentarische Anfragen an linksorientierte Nichtregierungsorganisationen gerichtet hat – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2024.

Parlamentarische Anfragen sind in Deutschland eine legitime Form der demokratischen Kontrolle. Aktivisten argumentieren jedoch, dass die grosse Anzahl an Anfragen, die alle dasselbe unterstellen – nämlich, dass der Schutzstatus von NGOs und deren öffentliche Finanzierung ihnen unfairen politischen Einfluss verleihen –, einer Schikane, Einschüchterung und dem „Versuch, eine politische Erzählung aufzuzwingen“, gleichkomme.

Einst habe die deutsche Zivilgesellschaft „als Gegengewicht zum Staat und seinen Institutionen gedient“, sagte Voss im vergangenen September. „Heute agiert sie als verlängerter Arm des Staates.“ Dies sei eine Bedrohung für den „freien demokratischen Diskurs“. Zivilgesellschaftliche Gruppen würden im Grunde gegen das Volk „kämpfen“.

Die Rechtsstaatlichkeit hängt nicht nur von einem unabhängigen und effektiven Justizsystem und freien und pluralistischen Medien ab, sondern auch von einem robusten System zivilgesellschaftlicher Kontrollmechanismen, so die Civil Liberties Union for Europe (Liberties): „Unabhängige Institutionen, die Regierungen zur Rechenschaft ziehen; die Möglichkeit, auf Informationen zuzugreifen und Entscheidungen anzufechten; und die Möglichkeit für die Zivilgesellschaft, sich zu organisieren.“

Dies war der Bereich, der im Rechtsstaatsbericht 2026 von Liberties die grössten Bedenken hervorrief . In Ungarn, wo Viktor Orbán diesen Monat um den Machterhalt kämpft, sind diese Kontrollmechanismen stark geschwächt. Nichtregierungsorganisationen, die auch nur geringfügige ausländische Fördermittel erhalten, werden auf schwarze Listen gesetzt ; gezielte Steuerprüfungen, mediale Verleumdungskampagnen und juristische Fallen machen jegliche Kritik unerschwinglich; LGBTQ+-Demonstrationen sind faktisch verboten .

Ähnliche Taktiken, die oft (wenn auch nicht ausschliesslich) von rechtsextremen Parteien vorangetrieben werden, die entweder an der Macht sind oder in den Umfragen gut abschneiden, werden jetzt auch in vielen anderen EU-Ländern eingesetzt, darunter einige – wie Deutschland –, die ansonsten einen soliden Ruf in Bezug auf die Rechtsstaatlichkeit geniessen.

Die rechtsextreme AfD ist nicht die einzige deutsche Partei, die gegen Gruppen vorgeht, die ihrer Agenda ablehnend gegenüberstehen. Nur einen Tag nach dem Wahlsieg der Mitte-Rechts-Partei CDU von Friedrich Merz bei den Bundestagswahlen 2025 reichte diese ihrerseits eine formelle parlamentarische Untersuchung zu Nichtregierungsorganisationen ein.

Die Untersuchung umfasste mehr als 550 detaillierte Fragen zur Finanzierung von Gruppen wie Greenpeace und Omas gegen Rechts, die während des Wahlkampfs gegen den ihrer Ansicht nach rückläufigen Rechtsruck der CDU demonstriert hatten.

„Wir waren sprachlos und wütend“, sagte Kerstin Neurohr von „Omas gegen Rechts“ damals gegenüber deutschen Medien. „Und jeder von uns erkannte: Unsere Arbeit wird auf absehbare Zeit notwendig bleiben; irgendwie wird alles nur noch schlimmer.“

Kritiker bemängelten, die Untersuchung erinnere an repressive Massnahmen gegen die Zivilgesellschaft in Ungarn und der Slowakei, beides Länder mit nationalistisch-autoritären Regierungen. Die betroffenen NGOs berichteten von einer abschreckenden Wirkung und der Befürchtung, ihren Status der Steuerbefreiung zu verlieren, sollte ihre Arbeit als zu politisch eingestuft werden.

Parallel zum wachsenden politischen Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen und wie auch andere Länder in Europa hat Deutschland, wie Liberties es nennt, „massive Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit“ eingeführt, die insbesondere Demonstrationen zur Solidarität mit dem Klimaschutz und Palästina betreffen.

Gruppen, die die Unterstützung der Regierung für Israel und ihren Krieg im Gazastreifen kritisieren, prangern die ihrer Ansicht nach überzogenen Taktiken bei der Einschränkung des Demonstrationsrechts an. Zusammenstösse zwischen Polizei und Demonstranten bei pro-palästinensischen Kundgebungen in Berlin sind an der Tagesordnung.

Die Behörden haben Aktivisten vorgeworfen, eine „aggressive Atmosphäre“ geschaffen zu haben, doch Teilnehmer und Beobachter haben wiederholt die ihrer Meinung nach übertriebenen und unprovozierten Angriffe der Polizei auf Demonstranten angeprangert, bei denen Pfefferspray, Wasserwerfer, Schlagstöcke und Handgriffe eingesetzt wurden, die absichtlich darauf abzielten, Schmerzen zu verursachen.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in Italien, wo die regierende Koalition von Giorgia Meloni die Wiederherstellung von „Recht und Ordnung“ zu einer Priorität seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2022 erklärt hat. Im April letzten Jahres setzte sie – per Dekret und unter Umgehung politischer und technischer Debatten – ein drakonisches neues Sicherheitsgesetz durch , das eine Reihe neuer Straftatbestände einführte, die Aktivisten, Minderheiten und ihre Gegner betreffen.

Die Bestimmungen des Gesetzes, die zwei Monate später erstmals gegen protestierende Stahlarbeiter in Bologna angewendet wurden, kriminalisieren darüber hinaus verschiedene Formen des friedlichen Protests und des passiven Widerstands – darunter beispielsweise Umweltaktivisten, die Strassen blockieren, und Demonstranten, die sich der Polizei widersetzen.

Ein zweites Sicherheitsgesetz, das nach gewaltsamen Auseinandersetzungen in Turin über die Räumung eines linken Sozialzentrums entworfen und gerade noch rechtzeitig vor den Olympischen Winterspielen verabschiedet wurde, erlaubt es der Polizei, Personen, die im Verdacht stehen, potenzielle Unruhestifter zu sein, bis zu 12 Stunden lang festzuhalten – noch bevor ein Protest überhaupt begonnen hat.

Ende letzten Jahres legte die rechtsextreme Lega-Partei von Vizepremier Matteo Salvini einen weiteren Sicherheitsgesetzentwurf (den dritten) vor, der 14 zusätzliche Bestimmungen zur weiteren Kriminalisierung von Protesten und abweichenden Meinungen enthielt. Darin enthalten war unter anderem der Vorschlag, von Demonstrationsorganisatoren eine Kaution zur Deckung möglicher Schäden zu verlangen.

Riccardo Magi, der Vorsitzende der linken Partei Più Europa (Mehr Europa), erklärte, der allgemeine Trend zeige deutlich einen „Hinwendung zum Illiberalismus“. Angelo Bonelli, Abgeordneter der Grün-Linken-Allianz (AVS), bezeichnete dies als „schwerwiegende Verletzung des verfassungsmässigen Demonstrationsrechts“.

Die Regierung von Meloni, angeführt von ihrer Partei Fratelli d’Italia mit neofaschistischen Wurzeln, ist auch gegen zivilgesellschaftliche Gruppen und NGOs vorgegangen – insbesondere gegen diejenigen, die Such- und Rettungsschiffe im Mittelmeer betreiben.

Eine Reihe von Regierungsverordnungen hat zur „Verwaltungshaft“ von Rettungsschiffen und Unterstützungsflugzeugen sowie zu harten Wirtschaftssanktionen gegen die Betreiberorganisationen geführt. Im Juli letzten Jahres erklärten 32 Such- und Rettungs-NGOs, dies bedeute, dass sie seit 2023 insgesamt „960 Tage im Hafen verbracht haben, anstatt Menschenleben auf See zu retten“.

Aufgrund der harten Massnahmen Roms sind nur noch sehr wenige NGOs im Mittelmeerraum tätig. Obwohl die Politik zu einem Rückgang der Zahl der Menschen geführt hat, die mit dem Boot nach Italien kommen, bleibt die Zahl der Todesfälle auf See hoch .

Auch in Frankreich haben sich die Kontrollmechanismen geschwächt. Im Juli unterzeichneten mehr als 30 führende Nichtregierungsorganisationen, darunter Greenpeace und Oxfam, einen offenen Brief, in dem sie vor einem „besorgniserregenden“ Trend warnten: Zivilgesellschaftliche Gruppen würden im Rahmen einer Einschüchterungskampagne regelmässig „Bedrohungen, Überwachung und Verleumdung“ ausgesetzt.

Die in den 1930er Jahren ursprünglich zur Bekämpfung faschistischer Ligen entwickelten „Verwaltungsauflösungen“ wurden von der französischen Regierung im Jahr 2025 gegen verschiedene Bürgerbewegungen eingesetzt oder angedroht, darunter Umweltaktivisten und eine pro-palästinensische Gruppe.

Routenbeschränkungen oder gänzliche Verbote von Demonstrationen, Polizeigewalt – ein in Frankreich seit langem bestehendes Problem – und der Entzug öffentlicher Subventionen oder Räumlichkeiten für Gruppen und Vereine trügen allesamt zu einer „gefährlichen Einschränkung des zivilgesellschaftlichen Raums“ bei, schrieben die Unterzeichner des Briefes.

Polen hingegen, das acht Jahre lang unter der nationalistischen Herrschaft der vorherigen Regierung von Recht und Gerechtigkeit (PiS) stand, dient als Mahnung, wie wichtig eine lebendige Zivilgesellschaft sein kann.

Im Spannungsfeld zwischen dem Krieg in der Ukraine, dem wachsenden Zuspruch für rechtsextreme Parteien und einem feindseligen Präsidenten mit Vetorecht hat die Regierung von Donald Tusk einige umstrittene Entscheidungen getroffen. Doch zivilgesellschaftliche Organisationen, so die Organisation Liberties, „halten Standards aufrecht und schlagen Alarm“.

Wie die französischen Briefschreiber es ausdrücken, sind sie „das schlagende Herz unserer Demokratien. Sie schärfen das Bewusstsein, schützen und verteidigen das öffentliche Interesse.“

Angesichts eines europaweiten Trends hin zur „Normalisierung der Repression“, bei dem „die Verteidigung der Menschenrechte zunehmend mit Extremismus gleichgesetzt wird“, sei es an der Zeit, sagten sie, „gemeinsam den Kopf zu heben und Widerstand zu leisten“.


02.04.2026 Der US-Krieg gegen Kubas Ärzte

Übersetzung des Artikels auf Scheer Post

Den kubanischen Augenärzten in Jamaika verdanke ich es, dass meine Grossmutter nach einer missglückten Operation nicht auf einem Auge vollständig erblindet ist. Ihre Arbeit für die ländliche und arme Bevölkerung Jamaikas ist unermesslich“, schrieb ein Twitter-Nutzer letzte Woche, nachdem die ersten kubanischen Ärzte und Krankenschwestern Jamaika verlassen hatten.

Vor zwei Wochen demonstrierten Hunderte Jamaikaner in einem „Dankesmarsch“, um Kuba für die 50-jährige medizinische Unterstützung zu danken. Gleichzeitig suchten Berichten zufolge viele Menschen auf der Insel augenärztlich behandeln zu lassen Kliniken auf, um sich vor der Abreise der kubanischen Ärzte noch. Vor einigen Wochen flossen in Honduras Tränen, als Menschen den kubanischen Ärzten applaudierten und ihnen für ihren jahrelangen Einsatz, insbesondere für die kostenlosen Augenoperationen, dankten. Wenn dies eindeutig im Widerspruch zu den Interessen der Bevölkerung steht, warum verlassen dann all die kubanischen Ärzte, Krankenschwestern, Medizintechniker und Biomedizintechniker das Land?

Sie verlassen das Land nicht, weil diese Länder es wollen, sondern weil die Vereinigten Staaten sie dazu zwingen.

Im vergangenen Jahr drohten die Vereinigten Staaten, Staatsoberhäuptern von Ländern, in denen kubanische Ärzte tätig sind, die US-Visa zu entziehen. Dies war Teil einer jahrzehntelangen Kampagne der Aggression, die darauf abzielte, die medizinische Solidarität Kubas zu zerstören, die weltweit über 12 Millionen Menschenleben gerettet hat. Als Reaktion auf diesen Druck beendeten die Regierungen von Jamaika, Honduras, Guatemala, Paraguay, den Bahamas, St. Vincent und den Grenadinen sowie Guyana nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit die kubanischen Ärzteeinsätze. Die Regierungen von Grenada, Antigua und Barbuda sowie Kalabrien in Italien verpflichteten sich, die kubanischen Ärzteeinsätze schrittweise zu reduzieren. Die USA zwingen Länder, ihre jahrzehntelangen Beziehungen zu Kuba zu beenden, um die Insel weiter von der Welt zu isolieren – und das alles auf Kosten des Zugangs zu und der Qualität der Gesundheitsversorgung für Millionen von Menschen.

Kuba hat in Honduras 30 Millionen medizinische Beratungen, 900.000 Operationen und 80.000 Augenoperationen durchgeführt. Viele der Ärzte arbeiteten im Rahmen der venezolanisch-kubanischen „Operation Wunder“ in einer kostenlosen Augenklinik in San José de Colinas in Santa Barbara. Diese Operation ermöglichte Millionen von Menschen eine kostenlose Augenversorgung. Nun haben 150 kubanische Ärzte das Land verlassen, nachdem die neu gewählte rechtsgerichtete Regierung die medizinische Mission umgehend beendet hatte. In Guyana haben 200 Ärzte das Land verlassen, nachdem sie 50 Jahre lang Menschen Zugang zu Gesundheitsversorgung ermöglicht hatten, die sonst keinen Zugang gehabt hätten. Letzte Woche begannen kubanische Ärzte, Guatemala zu verlassen , nachdem die Regierung die kubanischen medizinischen Missionen beendet hatte. Diese waren 1998 nach Hurrikan Mitch ins Leben gerufen worden, um indigenen Gemeinschaften, die vom guatemaltekischen Gesundheitssystem unterversorgt waren, lebenswichtige Gesundheitsdienste zu bieten. Nun beenden 412 kubanische Gesundheitsfachkräfte ihren Dienst, nachdem die Beziehungen zur Regierung Guatemalas und der Vereinigten Staaten abgebrochen wurden und die Bereitschaft deutlich wurde, sich Zwangsmassnahmen zu beugen. Die Bahamas haben ihre kubanischen Brigaden aufgelöst und sich stattdessen für Gespräche mit den Vereinigten Staaten über den Aufbau einer in Kanada ansässigen Belegschaft zur Unterstützung des medizinischen Systems entschieden.

In diesem Zeitraum behandelten kubanische Ärzte über 8.176.000 Patienten, führten 74.302 Operationen durch, betreuten 7.170 Geburten und retteten 90.000 Menschenleben. Mit dem Ende des jamaikanisch-kubanischen Augenversorgungsprogramms nach 16 Jahren der Solidarität und 25.000 Fällen, in denen Menschen ihr Augenlicht wiedererlangten, hat der Premierminister von St. Vincent und den Grenadinen, obwohl er zunächst erklärt hatte: „Ich verliere lieber mein Visum, als dass 60 arme und arbeitende Menschen sterben“, entschieden, dass die 60 Patienten, die auf Dialyse und Intensivpflege durch kubanische Ärzte angewiesen waren, mit dem Ende der kubanischen Ärzteeinsätze im Land ihre Behandlung verlieren.

Nicht alle Länder akzeptieren diesen Versuch der Nötigung und die damit einhergehende Gefährdung der Gesundheit ihrer Bevölkerung. Trinidad und Tobago sowie Kalabrien in Italien weigern sich, die kubanischen Ärzteeinsätze abzusagen. Der Präsident von Trinidad und Tobago erklärte : „Ich bin gerade aus Kalifornien zurückgekehrt, und sollte ich nie wieder dorthin zurückkehren, werde ich dafür sorgen, dass die Souveränität von Trinidad und Tobago dem Volk bekannt ist und von allen respektiert wird.“

Geschichte der medizinischen Solidarität

1960 wurde nach dem Erdbeben von Valdivia medizinische Hilfe nach Chile geschickt. Doch erst 1963 begannen die kubanischen Ärztebrigaden. 58 medizinische Fachkräfte reisten nach Algerien, um beim Wiederaufbau des Gesundheitssystems nach dem Sieg der Unabhängigkeitsbewegung und der Vertreibung der französischen Kolonialherren zu helfen. Fidel Castro hielt wenige Stunden nach einem Treffen mit dem algerischen Präsidenten Ben Bella eine Rede zur Eröffnung einer neuen medizinischen Fakultät in Kuba.

„Die meisten Ärzte in Algerien waren Franzosen, und viele haben das Land verlassen. Es gibt vier Millionen mehr Algerier als Kubaner, und der Kolonialismus hat ihnen viele Krankheiten hinterlassen, aber sie haben nur ein Drittel – und sogar weniger – der Ärzte, die wir haben… Deshalb habe ich den Studenten gesagt, dass wir 50 Ärzte brauchen, die sich freiwillig für einen Einsatz in Algerien melden.“

Ich bin sicher, dass es an Freiwilligen nicht mangeln wird… Heute können wir nur 50 entsenden, aber in 8 oder 10 Jahren, wer weiss wie viele, und wir werden unseren Brüdern helfen… denn die Revolution hat das Recht, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten.“

Dieser Akt revolutionärer Solidarität, nur vier Jahre nach der Revolution, markierte den Beginn jahrzehntelanger Solidarität Kubas mit der Welt. Seitdem haben über 600.000 kubanische Ärzte und Gesundheitsfachkräfte in 165 Ländern medizinische Hilfe geleistet. Tatsächlich sind noch immer kubanische Ärztebrigaden in 15 algerischen Provinzen im Einsatz, vor allem um die Mütter- und Säuglingssterblichkeit zu senken.

Im Jahr 2004 starteten Kuba und Venezuela die „Operación Milagro“ (Operation Wunder), ein Programm zur kostenlosen Augenversorgung und -operationen für Menschen mit vermeidbarer Blindheit und anderen Sehbehinderungen. Innerhalb von nur 15 Jahren ermöglichte das Programm über vier Millionen Menschen die Wiederherstellung ihres Sehvermögens. Dieses historische Programm wird nun zwangsweise eingestellt, da die USA kubanische Ärzte aus dem Land drängen und damit einen der weltweit bemerkenswertesten Fortschritte in der Gesundheitsversorgung zunichtemachen.

Nach den verheerenden Auswirkungen des Hurrikans Katrina im Jahr 2005 in den Vereinigten Staaten gründete Kuba das Henry-Reeve-Internationale Kontingent, um auf Naturkatastrophen und Epidemien zu reagieren. Obwohl die Bush-Regierung kubanische Hilfe bei der Bewältigung von Katrina ablehnte, entsandte diese bemerkenswerte Mission 90 Brigaden in 55 Länder, um unter anderem gegen COVID-19 in Europa und Lateinamerika, Ebola in Westafrika und Cholera in Haiti zu kämpfen. Im Jahr 2020 wurde das Henry-Reeve-Internationale Kontingent für den Friedensnobelpreis nominiert.

2014 stellte Kuba als einziges Land eine ständige Brigade zur Unterstützung von Sierra Leone, Guinea-Conakry und Liberia im Kampf gegen die Ebola-Epidemie. Kein anderes Land oder keine andere internationale Organisation leistete langfristige Unterstützung. Es waren kubanische Ärzte, die die Epidemie erfolgreich eindämmen konnten.

Im März 2020, als die Weltgesundheitsorganisation COVID-19 zur Pandemie erklärte, reisten kubanische Ärzte umgehend in die Lombardei in Italien, das Epizentrum der Pandemie, nach Angola sowie in lateinamerikanische Länder wie Venezuela und Suriname, um Unterstützung zu leisten. Als einem COVID-19-positiven Kreuzfahrtschiff mit über 600 Menschen an Bord die Anlegestelle in allen karibischen Ländern verweigert wurde, war es Kuba, das dem Schiff die Einreise erlaubte – „in einem gemeinsamen Bemühen, die Ausbreitung der Pandemie zu bekämpfen und einzudämmen“. Da die US-Blockade Kuba den Zugang zu Impfstoffen verwehrte, stellte das Land seine eigenen her – und zwar gleich fünf. Die Blockade verlangsamte den Prozess erheblich, da es an medizinischer Ausrüstung mangelte, die Forschungslabore nur begrenzt zur Verfügung standen und nicht genügend Spritzen für Massenimpfungen beschafft werden konnten. Nur dank der Widerstandsfähigkeit und Menschlichkeit kubanischer Ärzte und Forscher sowie der internationalen Solidarität von Organisationen wie CODEPINK, die Spritzen spendeten, gelang es Kuba nicht nur, seine Bevölkerung vor der Pandemie zu schützen, sondern auch Impfstoffe in die Welt zu exportieren. Tatsächlich benötigten die in Kuba hergestellten Impfstoffe – anders als die meisten im globalen Norden produzierten – keine Kühlung, da der Zugang zu entsprechenden Einrichtungen fehlte, insbesondere da sie über die ganze Insel verteilt wurden. Dadurch konnte der Impfstoff erfolgreich in Länder des globalen Südens mit ähnlichem Mangel an Kühlmöglichkeiten geliefert werden, um diejenigen zu schützen, die sonst von den Lieferketten des globalen Nordens ausgeschlossen wären. Angesichts der Angriffe ist Kubas Widerstandsfähigkeit ein Gewinn für die gesamte Menschheit.

Zerstörungskampagne

Die Vereinigten Staaten haben versucht, diese enorme Leistung zu unterbrechen, zu diskreditieren und zu demontieren, um die kubanische Revolution zu zerstören. Kubas Fähigkeit, trotz der 66 Jahre andauernden, völkermörderischen Blockade medizinische Hilfseinsätze durchzuführen, zeugt vom unerschütterlichen Willen des kubanischen Volkes und dem Engagement des Landes für die Menschlichkeit.

Am 23. Februar dieses Jahres sandte das US-Aussenministerium ein brisantes Memorandum an Marco Rubio, in dem eine Strategie zur Unterdrückung kubanischer medizinischer Missionen in Lateinamerika innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre skizziert wurde. Diese Angriffe auf Kubas medizinische Missionen stellten eine Eskalation des imperialistischen Aggressionskrieges der USA gegen die Insel dar, weil diese es gewagt hatte, sich zu Solidarität und Frieden zu bekennen, anstatt Gier und Zerstörung zu befürworten. Am 2. März verabschiedete der Kongress ein Gesetz zur Verhängung von Sanktionen gegen alle Länder, in denen kubanische Gesundheitsfachkräfte tätig sind. Im vergangenen August verhängte die Trump-Regierung Beschränkungen und entzog Ländern, die mit Kuba im Rahmen medizinischer Missionen zusammenarbeiten, die entsprechenden Visa. Seitdem ziehen sich Länder aus Angst vor US-Vergeltungsmassnahmen aus diesen Missionen zurück.

Unter der Präsidentschaft von George W. Bush richteten die USA das „Cuban Medical Professional Parole Program“ ein, das darauf abzielte, kubanische Ärzte zur Desertion aus ihrem Einsatzgebiet und zur Erlangung einer Facharztausbildung in den Vereinigten Staaten zu bewegen. Dieses Programm wurde unter der Regierung Obama beendet.

Diese Politik wurde von einem bösartigen Propagandakrieg begleitet, der kubanische medizinische Missionen als „Zwangsarbeit“ und kubanische Ärzte als „Sklaven“ diffamieren wollte. Dies ist nicht nur ein offenkundig beleidigender und respektloser Versuch, einen revolutionären Akt der Solidarität zu diskreditieren, sondern auch ein Vorwand, um Angriffe auf kubanische Ärzte zu rechtfertigen, sondern offenbart auch ein fundamentales Bild der USA. Die Nachkommen von Sklavenhaltern können Kubanern vorwerfen, sie seien Sklaven, weil sie Länder unterstützen, die Opfer von Kolonialismus und Imperialismus wurden, weigern sich aber anzuerkennen, dass der transatlantische Sklavenhandel das grösste Verbrechen unserer Zeit war.

Kubas medizinische Missionen leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung von Millionen Menschen, sondern unterstützen auch das kubanische Gesundheitssystem und die Wirtschaft. Wenn Ärzte in den Ländern bezahlt werden, in denen sie arbeiten, fliesst ihr Geld in das öffentliche Gesundheitssystem – zur Bezahlung der Ärzte, zur Unterstützung ihrer Familien sowie zur Versorgung von Patienten, Ärzten und des gesamten Gesundheitssystems der Insel. Dies ist ein bemerkenswerter Akt der Solidarität für Kubaner und die Welt. Das kubanische Gesundheitssystem funktioniert; es funktioniert sogar so gut, dass Kuba die höchste Arztdichte pro Kopf weltweit aufweist . In den Vereinigten Staaten hingegen hängt das Überleben der Menschen davon ab, ob ein Unternehmen ihnen ein Medikament zur Verfügung stellt oder ob sie es sich leisten können, einem anderen Grosskonzern Tausende von Dollar für die Behandlung einer Krankheit zu zahlen. Die USA wagen es, Kuba zu belehren, während sich mehr als ein Drittel der Amerikaner keine Gesundheitsversorgung leisten kann; während 1,3 Millionen Diabetiker Insulin rationieren müssen, weil der Preis jährlich aufgrund gieriger Pharmamanager in die Höhe schnellt; und während über 66 % der Insolvenzen in den USA auf die Kosten des Gesundheitswesens zurückzuführen sind.

Es ist kein Wunder, dass das Gesundheitswesen ein Hauptziel der Angriffe des US-Imperiums ist. Kuba vertritt die Auffassung, dass Gesundheitsversorgung ein Recht ist, während die USA sie als Privileg und Profitquelle betrachten.

Ein weiterer entscheidender Aspekt der medizinischen Solidarität Kubas ist die weltbekannte Lateinamerikanische Medizinische Hochschule (ELAM). Die 1999 gegründete Hochschule bietet Studierenden aus aller Welt, die sonst keinen Zugang zu einem Medizinstudium hätten, eine kostenlose medizinische Ausbildung. Sie erwerben in Kuba einen kostenlosen medizinischen Abschluss und kehren anschliessend in ihre Heimatländer zurück, um dort die medizinische Selbstversorgung und Souveränität ihrer Länder zu fördern. Über 250 palästinensische Studierende aus Gaza studieren in Kuba Medizin – völlig kostenlos – in der Hoffnung, dass sie nach Palästina zurückkehren und ihre Bevölkerung versorgen werden. Heute gibt es mehr als 31.000 Ärzte in 120 Ländern, die an der ELAM ausgebildet wurden. Dieser aussergewöhnliche und selbstlose Akt materieller Solidarität stösst jedoch auch auf Kritik. Die USA haben St. Lucia aufgefordert , keine Ärzte mehr zum Medizinstudium nach Kuba zu entsenden, was laut Premierminister würde . ein „grosses Problem“ verursachen

Letztes Jahr besuchte ich ELAM und unterhielt mich mit zwei Medizinstudentinnen aus Sri Lanka, die sich riesig freuten, jemanden aus Südasien in Kuba zu treffen! Ich fragte sie, wie ihnen das Studium an der ELAM, das Leben in Kuba und die kostenlose medizinische Ausbildung, die sie anschliessend in ihre Heimatländer zurückbringen konnten, gefielen. Sie waren begeistert und erzählten mir, wie sehr sie ihren Aufenthalt dort genossen und welch einzigartige Chance es für sie war, Ärztinnen zu werden, obwohl ihnen dies sonst verwehrt geblieben wäre. Ihr einziger Kritikpunkt an Kuba war das fehlende scharfe Essen!

Auf dieser Reise nach Kuba traf ich auch Ärzte, die in einem Krankenhaus ausserhalb von Havanna arbeiteten. Jeder von ihnen erzählte voller Stolz von den verschiedenen Ländern, in denen er gedient hatte: Angola, Venezuela, Bolivien und Italien. Eine ähnliche Situation findet man in den Vereinigten Staaten oder anderswo im globalen Norden: Angehörige des Militärs berichten stolz von ihren Einsätzen im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien. Während Kubas Missionen Leben retten und den Menschen dienen, massakrieren die US-Militäreinsätze Menschen und dienen Lockheed Martin.

Angesichts der Tatsache, dass immer mehr US-Soldaten nach Westasien entsandt werden, um mit einer Invasion des Iran zu drohen und im Interesse des Imperialismus zu töten, ist es wirklich erschütternd zu sehen, wie kubanische Ärzte Krankenhäuser in der Karibik verlassen und dabei die Tränen der Einheimischen vergiessen, denen sie geholfen haben.

Die Gegensätze könnten nicht grösser sein. Kuba, das am stärksten blockierte Land der Geschichte, hat mit seinen medizinischen Hilfseinsätzen über 12 Millionen Menschenleben gerettet. Die USA, ein kriegerisches Imperium mit der grössten Volkswirtschaft der Welt, haben seit den 1950er Jahren in 28 Ländern bis zu 23 Millionen Menschen getötet.

Kuba entlarvt die ungezügelte Barbarei der Vereinigten Staaten. Deshalb fürchten sie eine winzige Insel, nur 145 Kilometer vor der Küste Floridas. Kuba zeigt uns, dass die Welt nicht von einem einzigen Imperium beherrscht werden muss, das Menschen brutal ausbeutet, Ressourcen raubt und seinen Willen mit F-35-Kampfjets und 900-Kilo-Bomben durchsetzt. Kuba offenbart die Menschlichkeit jener Menschen, die durch Propaganda glauben, jeder sei auf sich allein gestellt und überall lauerten Gefahr und Gewalt. Kuba entlarvt die Lügen, auf denen die Vereinigten Staaten basieren.

Jedes Mal, wenn die USA Kuba angreifen und dessen Regierung, Wirtschaft, Bevölkerung und Gesellschaft diskreditieren, versuchen sie, sich selbst zu schützen. Das hat nichts mit Kuba zu tun, sondern alles mit den USA. Die einzige Zukunft der Menschheit liegt im Ende des US-Imperiums.


02.04.2026 Analyse der globalen wirtschaftlichen Folgen des Krieges gegen den Iran: Erkenntnisse von Professor Michael Hudson

Übersetzung des Artikels von Scheer Post

Der andauernde Krieg gegen den Iran ist nicht nur eine regionale Auseinandersetzung; laut dem Wirtschaftswissenschaftler und Historiker Professor Michael Hudson handelt es sich um eine Krise mit tiefgreifenden globalen wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen. In der Sendung von Glenn Diesen erklärte Hudson, der Konflikt sei ein strategischer Versuch der Vereinigten Staaten, die Kontrolle über wichtige Energieressourcen zu behalten und gleichzeitig die globalen Finanz- und Handelssysteme zu destabilisieren.

US-Strategie und globale Auswirkungen

Hudson beschreibt den Krieg als „Dritten Weltkrieg in Zeitlupe“ und merkt an, dass Energie, Düngemittel und andere lebenswichtige Exportgüter aus Ölförderländern die Grundlage der Weltwirtschaft bilden. Die USA, so argumentiert er, hätten sich historisch gesehen auf die Kontrolle dieser Rohstoffe als Druckmittel gegenüber anderen Nationen verlassen. Wie Hudson erklärt:

„Die Vereinigten Staaten führten Krieg gegen Iran und Venezuela aus demselben Grund: um die Ölexporte zu kontrollieren und zu bestimmen, wer davon profitiert. Es geht hier nicht um Irans Streben nach Atomwaffen – es geht um die Aufrechterhaltung der US-Vorherrschaft über die globale Energieversorgung.“

Mit den Sanktionen gegen Iran, Venezuela und Russland haben die USA versucht, die globalen Öllieferungen über Verbündete unter amerikanischem Einfluss zu lenken. Hudson warnt, dass diese Massnahmen kurzfristig unumkehrbar seien und den Handel stören, Energieknappheit verursachen und die globale Stabilität untergraben würden.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Die Diskussion verdeutlichte das Zusammenspiel von Geopolitik und der finanzialisierten US-Wirtschaft. Hudson zeichnete die jahrzehntelange Entwicklung niedriger Zinsen, quantitativer Lockerung und Vermögenspreisinflation nach und zeigte auf, wie diese Politik Finanzinstitute bereicherte, während die Reallöhne stagnierten und die Industrieproduktion geschwächt wurde.

„Seit 2008 ist das gesamte Wachstum finanzialisiert – Aktien, Immobilien und Anleihen. Gleichzeitig verfügen 40 % der Amerikaner über keinerlei Ersparnisse. Nun werden die durch den Iran-Krieg verursachten Störungen sich kaskadenartig auf die Energie- und Düngemittelmärkte auswirken und eine weltweite Wirtschaftskrise auslösen.“

Hudson merkt ausserdem an, dass die Auswirkungen des Krieges auf Düngemittel und Helium, die für Landwirtschaft und Industrie unerlässlich sind, eine drohende globale Nahrungsmittel- und Energiekrise verschärfen werden.

Verschiebung der globalen Machtverhältnisse

Ein wesentlicher Teil von Hudsons Analyse konzentriert sich auf den Niedergang der US-Hegemonie. Während frühere Jahrzehnte die Vorstellung eines „wohlwollenden Hegemons“ zuliessen, argumentiert Hudson, dass die USA ihre Dominanz nicht länger ohne Zwang aufrechterhalten können:

„Eine wohlwollende Hegemonialmacht würde den offenen Zugang zu Handel und Technologien unterstützen. Eine absteigende Hegemonialmacht greift hingegen zu aggressiven Massnahmen – sie blockiert Wettbewerber, instrumentalisiert den Handel und verhängt Sanktionen.“

Hudson argumentiert, dass diese aggressive Haltung Länder wie China, Russland, Indien und Iran dazu zwingt, Selbstversorgung anzustreben und alternative Allianzen zu bilden. Europa, das stark von US-kontrollierten Energielieferungen abhängig ist, steht vor wirtschaftlichem Druck und dem potenziellen Zusammenbruch seiner industriellen Basis.

Nahrungsmittel, Energie und Klima

Das Interview befasste sich auch mit den weiterreichenden Folgen für Landwirtschaft und Energiesicherheit. Hudson betonte, dass Düngemittelknappheit die Ernteerträge verringern, die Lebensmittelpreise erhöhen und in gefährdeten Regionen zu Instabilität führen werde.

„Ohne Dünger sinken die Ernteerträge. Die Preise steigen, und in Krisenzeiten erhalten diejenigen mit dem meisten Geld die verbleibenden Lebensmittel. Afrika und Teile Lateinamerikas werden vor grossen Herausforderungen stehen, wenn sie keine Selbstversorgung erreichen.“

Hudson hebt hervor, dass sich das US-amerikanische Modell der Abhängigkeit vom internationalen Handel und komparativen Vorteilen, das einst den verbündeten Nationen Wohlstand ermöglichte, nun umkehrt. Nationen, die bisher auf US-Netzwerke angewiesen waren, müssen sich anpassen, sonst drohen ihnen Versorgungsengpässe und ein wirtschaftlicher Zusammenbruch.

Ein moralischer und wirtschaftlicher Kampf

Schliesslich deutet Hudson den Konflikt nicht nur als wirtschaftlichen, sondern auch als moralischen Kampf um Souveränität und Überleben. Er zieht Parallelen zu historischen Widerstandsbewegungen und merkt an, dass Irans Haltung eine Verteidigung gegen äussere Dominanz darstellt.

„Irans Weigerung, zu kapitulieren, hat mit Autonomie, Selbstversorgung und der Fähigkeit zu tun, die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Die USA haben faktisch jedem Land den Krieg erklärt, das sich weigert, ihre Interessen unterzuordnen.“

Das Interview lässt kaum Zweifel daran, dass die Folgen des Krieges weit über den Nahen Osten hinausreichen. Hudson warnt, dass die Welt ohne strukturelle Veränderungen der globalen Finanz-, Handels- und Energiesysteme eine lange Phase wirtschaftlicher Instabilität, Deindustrialisierung und geopolitischer Fragmentierung bevorsteht.

Wichtigste Erkenntnisse aus dem Hudson-Diesel-Interview:

  1. Im Krieg der USA gegen den Iran geht es in erster Linie um die Kontrolle der globalen Energieexporte, nicht um die Verbreitung von Atomwaffen.
  2. Das finanzialisierte Wachstum in den USA verschleiert die Stagnation der Reallöhne und der Industrieproduktion, wodurch die Wirtschaft anfällig für globale Schocks wird.
  3. Düngemittel-, Energie- und Heliumknappheit werden sich weltweit auswirken und die Ernährungssicherheit sowie die industrielle Stabilität gefährden.
  4. Der schwindende Einfluss der USA führt zu einer repressiven und aggressiven Aussenpolitik, die andere Nationen zur Selbstversorgung zwingt.
  5. Der Konflikt stellt einen moralischen und wirtschaftlichen Kampf um nationale Souveränität dar, mit langfristigen Folgen für die globale Ordnung.

Hudsons Analyse unterstreicht die enge Verknüpfung von Krieg, Wirtschaft und Geopolitik. Während die Nationen diese Krise bewältigen, könnten die Folgen des Konflikts zwischen den USA und dem Iran die Regeln des Welthandels, der Energiepolitik und der internationalen Beziehungen für Jahrzehnte neu definieren.

Schliesslich deutet Hudson den Konflikt nicht nur als wirtschaftlichen, sondern auch als moralischen Kampf um Souveränität und Überleben. Er zieht Parallelen zu historischen Widerstandsbewegungen und merkt an, dass Irans Haltung eine Verteidigung gegen äussere Dominanz darstellt.

„Irans Weigerung, zu kapitulieren, hat mit Autonomie, Selbstversorgung und der Fähigkeit zu tun, die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Die USA haben faktisch jedem Land den Krieg erklärt, das sich weigert, ihre Interessen unterzuordnen.“

Das Interview lässt kaum Zweifel daran, dass die Folgen des Krieges weit über den Nahen Osten hinausreichen. Hudson warnt, dass die Welt ohne strukturelle Veränderungen der globalen Finanz-, Handels- und Energiesysteme eine lange Phase wirtschaftlicher Instabilität, Deindustrialisierung und geopolitischer Fragmentierung bevorsteht.

Wichtigste Erkenntnisse aus dem Hudson-Diesel-Interview:

  1. Im Krieg der USA gegen den Iran geht es in erster Linie um die Kontrolle der globalen Energieexporte, nicht um die Verbreitung von Atomwaffen.
  2. Das finanzialisierte Wachstum in den USA verschleiert die Stagnation der Reallöhne und der Industrieproduktion, wodurch die Wirtschaft anfällig für globale Schocks wird.
  3. Düngemittel-, Energie- und Heliumknappheit werden sich weltweit auswirken und die Ernährungssicherheit sowie die industrielle Stabilität gefährden.
  4. Der schwindende Einfluss der USA führt zu einer repressiven und aggressiven Aussenpolitik, die andere Nationen zur Selbstversorgung zwingt.
  5. Der Konflikt stellt einen moralischen und wirtschaftlichen Kampf um nationale Souveränität dar, mit langfristigen Folgen für die globale Ordnung.

Hudsons Analyse unterstreicht die enge Verknüpfung von Krieg, Wirtschaft und Geopolitik. Während die Nationen diese Krise bewältigen, könnten die Folgen des Konflikts zwischen den USA und dem Iran die Regeln des Welthandels, der Energiepolitik und der internationalen Beziehungen für Jahrzehnte neu definieren.

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02.04.2026 USA, Grossbritannien, Frankreich: Zieht euch aus dem Indischen Ozean zurück

Übersetzung des Artikels von Pascal Lottaz

Es ist an der Zeit, die Militärbasen zu schliessen, zu entkolonisieren und den Krieg zu beenden.

Die Leichen von 84 iranischen Seeleuten, die bei einem US-Torpedoangriff in den Gewässern Sri Lankas ums Leben kamen, wurden gestern, am 13. März 2026, repatriiert. Der Kommandant der sri-lankischen Marine, Buddhika Sampath, beschrieb die Szene der Rettung einiger Seeleute, die den heimtückischen Angriff überlebt hatten, und sagte, dass die Boote, die am 4. März den Ort des Notrufs erreichten, lediglich einen Ölteppich vorgefunden hatten.

In Washington hatten Donald Trump und sein Kriegsminister damit geprahlt, die iranische Marine vernichtet zu haben. „Ein amerikanisches U-Boot versenkte ein iranisches Kriegsschiff, das sich in internationalen Gewässern in Sicherheit wähnte“, sagte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth im Pentagon. „Stattdessen wurde es von einem Torpedo versenkt. Ein stiller Tod.“

„Wir fanden Menschen, die im Wasser trieben, und retteten sie“, sagte der sri-lankische Marineoffizier Sampath gegenüber Reportern. „Später stellten wir bei Nachforschungen fest, dass sie zu dem iranischen Schiff gehörten.“

Das gesunkene Schiff IRIS Dena war unbewaffnet, nachdem es kurz zuvor an der Internationalen Flottenparade im indischen Nagapatnam teilgenommen hatte. Hätte das Colombo-Regime unter Präsident Anura Kumara Dissanayaka die Gewährung eines sicheren Hafens für die IRIS Dena nicht aufgrund von US-Druck verzögert, wäre das Kriegsverbrechen in der ausschliesslichen Wirtschaftszone der Insel höchstwahrscheinlich nicht geschehen. Anschliessend wurde einem zweiten iranischen Schiff in Sri Lanka ein sicherer Hafen gewährt, wodurch das Colombo-Regime seine humanitäre Rolle unter Berufung auf das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) in den Vordergrund stellen konnte.

Umweltschäden

Wenige Tage nach dem Untergang der IRIS Dena bemerkten Fischer und Küstenbewohner in Hikkaduwa, Galle und Unawatunna einen dicken Ölteppich entlang der Küste. Dies beeinträchtigte die Küstenwirtschaft, die Fischerei und den Tourismus des Inselstaates. Es handelt sich dabei um einige der unberührtesten Küstenabschnitte im Süden Sri Lankas, die ganzjährig von Touristen besucht werden, wobei die Hauptsaison von Dezember bis März dauert.

Es wird immer deutlicher, dass eine ordnungsgemässe Untersuchung des Untergangs des iranischen Schiffes und der Reaktion darauf sowie eine Bewertung der Umweltauswirkungen notwendig ist. Sollten die Vereinigten Staaten für die Umweltschäden verantwortlich sein, müssen sie Sri Lanka Entschädigungen für die Schäden zahlen, die dem Fischfang und dem Tourismussektor durch den Untergang des unbewaffneten iranischen Schiffes in der ausschliesslichen Wirtschaftszone Sri Lankas entstanden sind. Der neue spirituelle Führer des Iran hat erklärt, dass die USA und Israel für den von ihnen begonnenen Krieg Reparationen zahlen müssen.

Die USA liegen im Atlantik und Pazifik und haben kein Recht, ihre umweltschädliche Kriegsmaschinerie in den Indischen Ozean zu verlegen. Die USA sollten ihre Kriegswaffen in den Atlantik zurückverlegen und alle Militärbasen aus dem Indischen Ozean abziehen. Dasselbe gilt für ihre NATO-Partner Grossbritannien und Frankreich.

Eine Friedenskampagne ist nötig, um die USA, Grossbritannien, Frankreich und Israel aus dem Indischen Ozean zu vertreiben.

Indien hat trotz seines Bestrebens, die Führungsrolle im globalen Süden zu übernehmen, nicht in der Lage sein können, den Indischen Ozean vom euroamerikanischen Neokolonialismus und den Militärbasen zu befreien. Es ist den euroamerikanischen imperialistischen Narrativen und Strategien des Teilens und Herrschens zum Opfer gefallen – angesichts der Angst vor dem Aufstieg Chinas und der „Perlenkette“ der CIA.

Daher wird immer deutlicher, dass kleine Anrainerstaaten und Inseln des Indischen Ozeans eine Volksfriedenskampagne benötigen, um die Schliessung der neokolonialen Militärbasen der USA, Grossbritanniens und Frankreichs zu erreichen und die Region des Indischen Ozeans zu entmilitarisieren und zu dekolonisieren.

Die US-Kriegsmaschinerie nutzt den riesigen Militärstützpunkt Diego Garcia auf den besetzten Chagos-Inseln, unweit der Malediven und Sri Lankas, um Angriffe im Rahmen ihres Angriffskrieges gegen den Iran zu starten und einen hybriden Wirtschaftskrieg gegen aufstrebende asiatische und indische Ozeanstaaten, insbesondere in Süd- und Südostasien, zu führen.

Geoengineering und Wetterkriegsführung im Indischen Ozean sowie der Einsatz von Wetterextremen als „Kraftverstärker“ gegen aufstrebende süd- und südostasiatische Länder, um deren Wirtschaft massiv zu schädigen – wie etwa die Ditwah-Twister, die Sri Lanka und Aceh in Indonesien im vergangenen Dezember heimsuchten –, sind derzeit offensichtlich. Inszenierte Umweltkatastrophen erinnern an die „Operation Popeye“ während des Vietnamkriegs, die zum ENMOD-Vertrag (Vertrag über Technologien zur Umweltmodifizierung) führte.

Bereits das Erdbeben und der Tsunami im Indischen Ozean 2004 zerstörten Küstengebiete in denselben Ländern der Region. Es zeichnet sich ein Muster hybrider Wirtschaftskriegsführung ab, die sich plausibel abstreiten lässt und sich gegen aufstrebende Volkswirtschaften Süd- und Südostasiens richtet. Auch Chinas maritime Seidenstrasseninitiative (BRI) mit dem Ziel globaler Handels- und Vernetzungsmöglichkeiten ist ins Visier genommen.

Die US-israelische Aggression breitet sich im Indischen Ozean aus

Einst wurde der Indische Ozean als „britischer See“ oder Teich bezeichnet, als „Britannien die Wellen beherrschte“. Heute breiten sich Israelis zunehmend in Sri Lanka aus, das im Zentrum der wichtigsten Handels-, Energie- und Unterseekabelrouten des Indischen Ozeans liegt, sowie in den touristischen Hotspots der Welt – auch um „Klimakatastrophen“ zu inszenieren. Gleichzeitig behaupten israelische Surfer, die Wellen in Arugam Bay im Osten zu beherrschen.

Küste von Sri Lanka!

Proteste vor britischen Gerichten in London gegen die illegale Besetzung der Chagos-Inseln durch die USA und Grossbritannien, wo sich ein grosser Militärstützpunkt befindet, sowie gegen Diego Garcia, das nahe den Malediven und Sri Lanka liegt. Ein US-amerikanisches U-Boot griff die iranische Fregatte „ISIS Dena“ an, wobei 87 Seeleute getötet und Umweltschäden in der ausschliesslichen Wirtschaftszone Sri Lankas verursacht wurden.

Obwohl Frankreich kein Land im Indischen Ozean ist, beansprucht es mehr als zehn Prozent der gesamten Oberfläche des Indischen Ozeans und einen grösseren Teil des Meeresbodens als seine ausschliessliche Wirtschaftszone (AWZ) gemäss dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen!1

Frankreich nutzt die vor Jahrhunderten kolonisierten kleinen Inseln im Indischen Ozean als Militärstützpunkte und zur Ausbeutung der Fischbestände. Frankreich und Spanien mit ihren riesigen industriellen Fischereiflotten gehören zusammen mit Japan und Taiwan zu den grössten Nutzniessern der Fischerei im Indischen Ozean.

Laut Daten der Thunfischkommission des Indischen Ozeans (IOTC) berauben diese industrialisierten Hochseefischereistaaten die verarmten Küstengemeinden des Indischen Ozeans ihrer Meeresressourcen. Daher sollten auch die britischen, französischen und US-amerikanischen Militärbasen im Indischen Ozean geschlossen und der Indische Ozean dekolonisiert werden, damit die verarmten Küstengemeinden ihre Meeresressourcen selbst nutzen können.

Derzeit breitet sich der Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran in der gesamten Welt des Indischen Ozeans aus, die von den vergangenen und gegenwärtigen US-amerikanisch-britisch-französischen Militärbasen, der Besatzung und dem Neokolonialismus sowie der Ausbeutung der Fischerei und der Bodenschätze des Indischen Ozeans befreit werden muss.

Die US-amerikanische, britische und französische (NATO-)Kriegsmaschinerie, die die Umwelt stark verschmutzt, muss aus dem Indischen Ozean vertrieben und in den Atlantischen Ozean zurückgeschickt werden, wo sie hingehört.

Diese imperialistischen und neokolonialen Länder haben die schreckliche Angewohnheit, Kriege in fremden Ländern und Meeren zu führen und massive Umweltverschmutzung zu verursachen. Es ist an der Zeit, dass die Völker des Indischen Ozeans, insbesondere die kleinen Inseln, ein Ende der neokolonialen Besatzung, Aggression und des hybriden Wirtschaftskriegs der USA, Grossbritanniens und Frankreichs gegen den Aufstieg asiatischer Volkswirtschaften, insbesondere Süd- und Südostasiens, fordern – in dem, was der singapurische Akademiker Kishore Mabubani als „das asiatische 21. Jahrhundert“ bezeichnet hat.

Der Indische Ozean muss dekolonisiert werden, damit seine reichen Ressourcen nachhaltig genutzt und von den Anrainerstaaten und der Bevölkerung des Indischen Ozeans, von denen viele bitterarm sind, geerntet werden können.

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03.04.2026 Wie die USA zu einem internationalen Serienmörder wurden

Jahrzehntelang haben sich die Vereinigten Staaten von geheimen Attentatsplänen hin zu einer Politik entwickelt, in der Attentate oder „gezielte Tötungen“ offen befürwortet werden. Jetzt, in ihrem Krieg gegen den Iran, erreicht diese Entwicklung ihre gefährlichste Phase.

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03.04.2026 Einwanderung? Brauchen wir nicht wirklich!

Die Schweiz muss und kann ihr demografisches Problem selber lösen. Das wäre auch im Interesse der EU.

Die Gegner der Nachhaltigkeits-Initiative der SVP wollen uns weismachen, dass unser Wohlstand und vor allem derjenige der Rentner davon abhängt, dass immer noch mehr reiche Leute aus der EU einwandern. Diese sollen hier die Arbeit machen, die sonst niemand macht. Die Schweiz, so etwa der «Tages-Anzeiger», «braucht junge Menschen aus dem Ausland, um den Altersmix im Gleichgewicht zu halten und um zu funktionieren.» Und «Blick»-Chefredaktor Rolf Cavalli fasst zusammen: «Wohlstand gibt es nicht gratis. Er braucht Arbeit, Wachstum, Dynamik – und Zuwanderung.»

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04.04.2026 «Solidarität mit Kuba bedeutet nicht Philanthropie, sondern Zukunft»

(Red.) Wer es schon versucht hat, weiss es: Die Schweizer Banken verweigern Zahlungen aus der Schweiz nach Kuba. Nicht etwa nur die Schweizer Privatbanken, auch die Postfinance, die dem Staat Schweiz gehört. Damit hilft die Schweiz den USA, die Kuba seit gut 60 Jahren (!) mit Wirtschaftssanktionen wirtschaftlich in die Knie zu zwingen versuchen. Auch der gegenwärtige US-Präsident Donald Trump operiert mit der altbekannten Methode: Man bringt die Bevölkerung mit Wirtschaftssanktionen in Not, dann wächst die Bereitschaft zum Widerstand aus dem innern des Landes, und dann kann man auch militärisch zuschlagen. – Warum soll Kuba nicht versuchen dürfen, ein Wirtschaftsmodell zu pflegen, bei dem das Geld nicht gemäss dem neoliberalen Wirtschaftssystem nach oben, zu den Reichen fliesst, wie in den USA, sondern bei der arbeitenden Bevölkerung landet? Ein mexikanischer Philosoph versucht zu erklären, warum die Unterstützung Kubas nicht einfach „Philanthropie“ ist. (cm)

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07.04.2026 Musks Starlink-Pläne gefährden Schweizer Souveränität

Im Wallis ist die grösste Starlink-Bodenstation Europas geplant. Der Bundesrat sieht kein Problem. Wem vertrauen wir hier?

In Leuk wehren sich zwei Dorfärzte gegen vierzig Starlink-Antennen (Infosperber berichtete). Die Gemeinde winkt das Projekt durch. Arbeitsplätze. Steuereinnahmen. Die Leute hätten schon immer Angst gehabt vor dem Unsichtbaren. Der Bundesrat findet: Zusätzliche Anschlüsse an Satellitennetzwerke seien «zu begrüssen» und stärkten «die digitale Souveränität». Alles geregelt, alles kein Problem. Das ist auf eine sehr schweizerische Art typisch, und auf eine sehr schweizerische Art kurzsichtig.

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07.04.2026 Er verbrachte Jahre mit Ermittlungen gegen Opus Dei, eine katholische Organisation, die einer umfassenden Missbrauchsverschwörung beschuldigt wurde. Dann bat Papst Leo um ein Treffen.

Übersetzung des Artikels von The Guardian

Gareth Gores Buch „Opus“ (2024) wirft der Gruppe jahrzehntelange Manipulation vor, was diese jedoch bestreitet. Er glaubt, der Papst habe eine klare Botschaft senden wollen.

Gareth Gore befand sich Anfang des Jahres auf einer Forschungsreise in Kalifornien, als ihm mitgeteilt wurde, dass er mit einem Anruf aus dem Vatikan rechnen könne, in dem eine persönliche Audienz beim Papst vereinbart werde.

Gore war fassungslos. 2024 veröffentlichte er das Buch „Opus“, einen akribisch recherchierten und packenden Bericht über die mutmasslichen Missbräuche durch Opus Dei, die streng geheime katholische Gruppe, die in den 1920er Jahren von dem spanischen Priester Josemaría Escrivá gegründet wurde. Über ein Jahrhundert hinweg etablierte sich Opus Dei als ein zutiefst religiöser Orden, der nach eigenen Angaben einfachen Menschen hilft, „Gott zu lieben und anderen durch gut geleistete Arbeit, ausgeführt mit Ehrlichkeit und Integrität, zu dienen“.

Gores Buch legt Behauptungen dar, die Organisation stehe im Zentrum einer Verschwörung, die Kindesmissbrauch, Menschenhandel sowie psychische und emotionale Kontrolle umfasse. Ehemalige Mitglieder gaben an, die Gruppe habe private Geständnisse als Druckmittel gegen Mitglieder eingesetzt und die ihr Untergebenen unter Drogen gesetzt – Vorwürfe, die Opus Dei kategorisch zurückweist. Gore berichtete, Opus Dei habe eng mit der blutigen Diktatur Francisco Francos in Spanien zusammengearbeitet, bevor die Organisation rechte Anliegen weltweit unterstützte.

Gore machte die katholische Kirche insgesamt für diese mutmasslichen Missbräuche mitverantwortlich, da sie in den 1970er Jahren finanziell auf Opus Dei angewiesen war und ihm im Gegenzug die Freiheit gewährte, als legitimer Zweig des Katholizismus ausserhalb der üblichen vatikanischen Strukturen zu agieren. 2002 wurde Escrivá nach massiver Lobbyarbeit von Opus Dei heiliggesprochen, trotz heftiger Proteste aus dem Vatikan, als die Missbrauchsvorwürfe zunahmen und einige katholische Würdenträger begannen, die Organisation zu hinterfragen.

Gore glaubt, dass Opus Dei ohne die Komplizenschaft des Vatikans niemals hätte funktionieren können – was die Einladung von Papst Leo umso überraschender macht.

Gores Berichterstattung über Opus Dei begann beinahe zufällig. Als Finanzjournalist untersuchte er 2017 den Zusammenbruch der Banco Popular, einer der grössten Banken Spaniens. Damals konnte die Welt nicht fassen, wie ein solches Aushängeschild des europäischen Bankwesens so spektakulär scheitern konnte. Gore fand heraus, dass die Bank seit den 1940er-Jahren von Opus Dei gekapert worden war (der Bankvorsitzende war lebenslanges Mitglied, ebenso wie viele Vorstandsmitglieder, und von Opus Dei kontrollierte Unternehmen entpuppten sich als die grössten Aktionäre der Bank). Opus Dei habe die Bank „als persönliche Geldmaschine“ genutzt, behauptete Gore, und Gelder abgezweigt, um seine weltweite Expansion zu finanzieren. (Der Prozess gegen die ehemalige Führung der Banco Popular wegen Betrugsvorwürfen soll 2027 vor dem spanischen Nationalgericht beginnen. Opus Dei selbst bestreitet jegliche Beteiligung an der Führung der Bank und erklärt, sich „nicht an kommerziellen Aktivitäten zu beteiligen“.)

Anhand hunderter Interviews mit ehemaligen Opus-Dei-Mitgliedern zeichnet Gores Buch nach, wie die Banco Popular ab den 1950er-Jahren ihr Vermögen nutzte, um ein weitverzweigtes Rekrutierungsnetzwerk aufzubauen, das sich an Kinder und gefährdete Jugendliche richtete, prunkvolle Opus-Dei-Zentren weltweit errichtete und schliesslich zu einer der einflussreichsten Untergrundorganisationen in den USA wurde. Laut Gores Recherchen spielten die US-Mitglieder eine entscheidende Rolle bei der Aushöhlung reproduktiver Rechte, finanzierten den Marsch in Washington, der zum 6. Januar führte, und übten massgeblichen Einfluss auf das Projekt 2025 aus.

Gores Buch wirft auch Licht auf die internen Abläufe des Opus Dei. Dessen strenggläubigste Mitglieder, die Numerarier, leben in nach Geschlechtern getrennten Schlafsälen in einem Leben der Knechtschaft und Selbstkasteiung: Sie fasten gefährlich lange, tragen eine kleine, mit Stacheln besetzte Kette, den sogenannten Zilik, um die Oberschenkel und geisseln sich mit Seilen, wie ehemalige Mitglieder Gore berichteten. Jeder Aspekt ihres Lebens werde vom Anführer und den hochrangigen Priestern der Gruppe streng kontrolliert und manipuliert, so Gore. Psychische Erkrankungen, die in einer Atmosphäre ständiger physischer und psychischer Misshandlung häufig vorkommen, wurden laut Aussagen von Opfern in von Gore geführten Interviews mit einem Cocktail aus Antidepressiva, Beruhigungsmitteln und sogar Rohypnol behandelt.

Weibliche Mitglieder, sogenannte „numerische Assistentinnen“ – Frauen und Mädchen, zumeist aus sozial benachteiligten Verhältnissen – arbeiteten in den Residenzen von Opus Dei und verbrachten lange Tage mit Kochen und Putzen. Viele von ihnen wurden angeblich von ihren Familien getrennt, international verschleppt und mussten in vielen Fällen ihr gesamtes Gehalt an Opus Dei abgeben. Gore ist der Ansicht, dass diese Praxis die UN-Definition von Menschenhandel erfüllt. Einige berichteten Gore von sexuellem Missbrauch.

In Argentinien führen Bundesstaatsanwälte Ermittlungen gegen hochrangige Mitglieder von Opus Dei, denen vorgeworfen wird, die Ausbeutung und den Handel mit Frauen und Mädchen zu dulden. Opus Dei in Argentinien hat ein Büro für „Heilung und Konfliktlösung“ eingerichtet, um die Beschwerden der betroffenen Frauen entgegenzunehmen. Im Jahr 2024 erklärte die Organisation ausserdem, die Vorwürfe, Mädchen seien unter dem Versprechen einer Ausbildung an ihren Schulen zum Beitritt gezwungen worden, seien „falsch und irreführend“. Opus Dei betonte, sich dem Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen verpflichtet zu fühlen.

Die meisten Opus-Dei-Mitglieder leben nicht unter diesen Bedingungen. Diese „Supernumerarier“ können heiraten und in eigenen Häusern leben. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, weitere Supernumerarier zu gewinnen, die grosszügige Spenden an Opus Dei leisten und Politik und Gesellschaft im Sinne der konservativen Ziele von Opus Dei beeinflussen. Ein Opus-Dei-Priester in Washington D.C., gegen den Opus Dei glaubwürdige Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens einräumte , leitete 2009 die Konversion des ehemaligen Sprechers des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, zum Katholizismus.

In einer Stellungnahme gegenüber dem Guardian erklärte der US-Kommunikationsdirektor von Opus Dei: „Es gibt kulturelle Bereiche, aus denen die Realität des Glaubens nicht verstanden werden kann. In diesem Fall interpretiert ein Finanzjournalist die Realität der Kirche durch eine ökonomische und politische Brille. Ohne die Dimension des Glaubens zu berücksichtigen, kann man die Kirche nicht verstehen … Gleichzeitig weisen wir die schwerwiegenden Anschuldigungen in dem Buch „Opus“ entschieden zurück. Das Buch enthält zahlreiche Fehler, Verzerrungen und unbegründete Behauptungen.“

Die Organisation wies zuvor Behauptungen zurück, sie übe Kontrolle über die politischen und geschäftlichen Angelegenheiten ihrer Mitglieder aus. Sie bestritt ausserdem, eine „geheimnisvolle“ Organisation zu sein.

Zwei Wochen nach seinem Besuch im Vatikan am 16. März sprach ich mit Gore, der in London lebt, darüber, was bei seiner Begegnung mit Papst Leo geschah.

Dieses Interview wurde zur besseren Lesbarkeit bearbeitet und gekürzt.

Sie haben fast ein Jahrzehnt damit verbracht, dieses Dossier über Opus Dei zusammenzustellen, das den Vatikan belastet. Wie kommt es bloss, dass Sie eingeladen werden, diese Erkenntnisse dem Papst zu präsentieren?

Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Ich war auf einer Geschäftsreise in den USA, als mich jemand aus Peru anrief, der dem Papst sehr nahesteht. Er hatte vom Papst persönlich erfahren, dass dieser mich treffen und mehr über mich erfahren wollte. Ich erinnere mich, wie ich auflegte und einen Moment innehalten musste: Ist das wirklich wahr?

Mir wurde gesagt, ich solle mich an jemanden im Vatikan wenden, der das Treffen arrangieren würde. Also schickte ich diese Nachricht ab und dachte immer noch: Darauf wird sowieso niemand antworten. Und fast umgehend erhielt ich eine Nachricht von einer ziemlich hochrangigen Person im Vatikan, die schrieb: „Ja, ja, der Heilige Vater hat mir ausdrücklich gesagt, dass er Sie treffen möchte. Teilen Sie mir einfach mit, welche Termine passen würden.“

Die Zeit vor dem Treffen war ziemlich stressig. Nicht, weil ich nervös war, den Papst zu treffen, sondern weil ich diese Verantwortung spürte. Nachdem ich fünf Jahre lang recherchiert, mit Hunderten ehemaligen Mitgliedern des Opus Dei gesprochen und all diese geheimen Dokumente über die Arbeitsweise dieser Gruppe aufgedeckt hatte, fühlte ich mich verpflichtet, sicherzustellen, dass er all diese Informationen erhielt.

Wie viel weiss Papst Leo Ihrer Meinung nach bereits über die Organisation?

Wer weiss schon, wie viele Informationen ihn tatsächlich erreichen. Opus Dei ist bekannt dafür, den Vatikan infiltriert zu haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dort Leute die Informationen, die den Papst erreichen, einschränken – vielleicht aus böswilligen Gründen, aber auch, wie bei jedem anderen grossen Unternehmen oder jeder anderen grossen Institution, ist es manchmal besser, wenn der Chef nicht alles weiss, damit er sich im Nachhinein herausreden kann.

In der begrenzten Zeit, die Ihnen für das direkte Gespräch mit Papst Leo zur Verfügung stand, welche zentrale Botschaft wollten Sie ihm vermitteln?

Ich glaube, Aussenstehende wissen nicht, dass der Gründer dieser Bewegung, der spanische Priester Josemaría Escrivá, seinen Mitgliedern erzählte, die Idee für Opus Dei sei direkt von Gott gekommen. Er habe diese Vision empfangen und sie akribisch niedergeschrieben.

Diese Schriften sind die Quelle all der Kontrolle, Manipulation und politischen Intrigen, die bis heute andauern. Ohne die internen Dokumente und Regeln zu verstehen und ohne zu begreifen, dass die Mitglieder tatsächlich glauben, diese Regeln stammten direkt von Gott, ist es unmöglich, die Mentalität des Opus Dei zu begreifen. Ich versuchte, diese Botschaft dem Papst zu vermitteln und gleichzeitig zu erklären, warum eine Reform dieser Gruppe unglaublich schwierig sein wird, da der Gründer als Heiliger verehrt wird – was er auch ist. Er wurde 2002 vom Vatikan heiliggesprochen.

Der Papst kann also nicht einfach sagen: „Ihr müsst damit aufhören“, denn die wahren Gläubigen werden weiterhin glauben, dass all diese Praktiken und all diese Manipulationen das sind, was Gott von ihnen will.

Wie kann man dem Papst seine Botschaft deutlich machen? Hatten Sie das Gefühl, die Freiheit zu haben, überzeugend aufzutreten, oder musste man einen respektvollen Ton anschlagen?

Ich ging mit dem Gefühl in das Meeting, ihm diese Informationen unbedingt zukommen lassen zu wollen, aber gleichzeitig war es mir völlig egal. Vielleicht sollte ich es anders formulieren: Ich hatte keine Angst, ihn zu beleidigen oder gegen die Etikette zu verstossen. Ich dachte einfach: Niemand sonst hat diese Chance bekommen, und wenn sie mich nach fünf Minuten rauswerfen, kann ich damit leben, denn ich habe versucht, das Richtige zu tun.

Aber ich hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde, wenn ich ihn mit diesem riesigen Stapel Papier, diesen internen Dokumenten, überrumpeln und ihm einen sehr klaren, vollständigen und unverblümten Bericht über das Leben im Opus Dei geben würde. Ich wusste nicht, ob er ausrasten und seine Sekretärin rufen würde, um mich hinauszubegleiten.

Wie hat er reagiert?

Ehrlich gesagt, hätte das Treffen nicht besser verlaufen können. Er stellte eine Reihe sehr treffender Fragen. Es dauerte deutlich länger als geplant. Zwei Kameraleute waren anwesend. Und am Ende des Treffens sagte der Papst zu mir, dass es seine Entscheidung gewesen sei, die Kameras einzuladen und das Treffen öffentlich zu machen. Ich denke, er wollte Opus Dei ganz klar signalisieren, dass er diese Anschuldigungen ernst nimmt.

Opus Dei ist erst 100 Jahre alt, und vielleicht liegt der Grund dafür, dass es nicht wie andere Gruppen des 20. Jahrhunderts, denen sektenähnliches Verhalten vorgeworfen wurde, behandelt wird, in der religiösen Autorität, die ihm vom Vatikan verliehen wurde. Hätte der Vatikan tatsächlich die Macht, Opus Dei einzuschränken, wenn er es denn wollte?

Der Vatikan trug massgeblich zur Entstehung dieses Ungetüms bei, allen voran Papst Johannes Paul II., der die Opus Dei als politische Verbündete in seinem konservativen Kreuzzug betrachtete. Er sah sie beinahe als seine persönlichen „Grünen Barette“, die er in jeden Winkel der Welt entsenden konnte, wo progressive Priester oder Bischöfe Unruhe stifteten. Er konnte Opus Dei dorthin schicken, um seine Arbeit zu verrichten oder als seine Augen und Ohren zu dienen. Er verlieh ihnen einen Sonderstatus, der in der Geschichte der katholischen Kirche weder zuvor noch seither jemals vergeben wurde.

Welchen Status haben diese Statusangaben?

Er machte sie zu einer sogenannten „Personalprälatur“, was im Grunde bedeutete, dass sie nur dem Papst Rechenschaft schuldig waren. Sie konnten weltweit frei agieren, und Missbrauchsvorwürfe gegen Opus Dei konnten nicht auf dem üblichen Weg über den zuständigen Bischof oder Erzbischof behandelt werden. Katholiken heissen diese Gruppe in ihren Häusern willkommen, erlauben ihren Kindern den Besuch ihrer Schulen und nehmen an ihren Versammlungen teil, weil sie die offizielle Anerkennung des Vatikans geniesst.

Papst Franziskus ergriff lobenswerterweise [vor seinem Tod im April 2025] Massnahmen. Er erliess 2022 ein päpstliches Dekret, in dem er Opus Dei im Grunde anwies, seine internen Angelegenheiten zu regeln. Es gab jedoch keinerlei Bemühungen, mit ehemaligen Mitgliedern oder Journalisten wie mir, die die Gruppe untersucht hatten, zu sprechen.

Ich wollte Papst Leo verdeutlichen, dass der erste Schritt zur Problemlösung darin besteht, das Problem genau zu verstehen. Deshalb schlug ich ihm vor, als nächsten logischen Schritt eine umfassende, unabhängige Untersuchung aller Missbrauchsvorwürfe [gegen Opus Dei] einzuleiten – seien sie spiritueller, psychischer, emotionaler oder physischer Natur.

Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen die Organisation.

In Argentinien ermittelte die Staatsanwaltschaft zwei Jahre lang wegen der Anschuldigungen von 43 oder 44 Frauen. Nach Abschluss der Ermittlungen kam sie zu dem Schluss, dass eindeutige Gründe für eine Anklage gegen die Gruppe wegen Menschenhandels und schwerer Arbeitsrechtsverstösse vorlagen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit den argentinischen Vorwürfen haben sich weitere Frauen in Ländern wie Irland, Mexiko, Frankreich und Spanien gemeldet.

Opus Dei betreibt weltweit rund 300 private katholische Schulen, darunter auch in Grossbritannien und den USA. Unweit meines Zuhauses in Süd-London befinden sich zwei Opus-Dei-Schulen, die von Kindern im Alter meiner Kinder besucht werden. Der nächste wichtige Schritt ist, dass Regierungen und Jugendämter die Schutzmassnahmen an diesen Schulen gründlich überprüfen und hinterfragen, ob diese Organisation, der schwerste Missbräuche und Verbrechen vorgeworfen werden, überhaupt geeignet ist, Kinder und Jugendliche zu betreuen. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie es absolut nicht ist.

Eines Ihrer Ziele ist die Aufhebung der Heiligsprechung von Escrivá? Wäre das das Ende für Opus Dei?

Leider werden Menschen einer Gehirnwäsche unterzogen und glauben an bestimmte Dinge. Ob die Aberkennung des Heiligtums von Escrivá zum Aussterben dieser Gruppe führen würde, bin ich mir nicht sicher. Es würde ihr aber die Legitimität und Zustimmung des Vatikans erheblich entziehen. Wenn der Vatikan lediglich einige kleinere Änderungen vornimmt, ihn aber weiterhin heilig spricht, sendet das widersprüchliche Signale. Wir besitzen die schriftlichen Aufzeichnungen des Gründers, in denen diese Praktiken nicht nur beschrieben, sondern auch von den Mitgliedern vorgeschrieben und angeordnet werden. Deshalb bereitet dies dem Papst so grosse Sorgen.

Manche mögen denken, es handele sich um eine unbedeutende religiöse Gruppe, die wenig mit ihnen zu tun habe. Opus Dei gibt an, keine anderen politischen Positionen als die der katholischen Kirche zu vertreten. Sie beschreiben sie jedoch als einflussreich in Bezug auf die Zusammensetzung des Obersten Gerichtshofs und die Abtreibungsfrage.

Der Gründer von Opus Dei machte deutlich, dass er seine Anhänger als Teil einer Miliz betrachtete, die gegen die von ihm so genannten „Feinde Christi“ in den Kampf ziehen würde. Somit handelt es sich von Anfang an um eine politische Gruppe, die die Religion quasi als Deckmantel nutzt, um ihre Mitglieder zu kontrollieren und zu manipulieren und sie so zu Handlungen zu bewegen, die Opus Dei politisch oder finanziell nützen.

In Städten wie Washington hat Opus Dei gezielt versucht, in die Machtzentren vorzudringen – und das mit grossem Erfolg. Ich würde sogar behaupten, dass Opus Dei heute innerhalb der MAGA-Republikaner eine der einflussreichsten Kräfte ist. Mehrere hochrangige Persönlichkeiten im Weissen Haus und im gesamten MAGA-Netzwerk sind entweder vollwertige Mitglieder von Opus Dei oder deren grosse Unterstützer. Kevin Roberts, Präsident der Heritage Foundation und Initiator des Projekts 2025, ist beispielsweise regelmässiger Gast im Opus-Dei-Zentrum in Washington D.C. und lässt sich dort spirituell leiten. Auch Leonard Leo, der massgeblich an der konservativen Übernahme des Obersten Gerichtshofs beteiligt war, sitzt im Vorstand des Opus-Dei-Zentrums in Washington D.C. Die Liste liesse sich fortsetzen.

Dies ist eine Gruppe, die nur auf Einladung zugänglich ist und sich an die Elite richtet: Politiker, Richter, Geschäftsleute, Journalisten, Akademiker.

Ironischerweise spricht sich der Leiter der katholischen Kirche gegen den Krieg und die Behandlung von Einwanderern aus. Das beweist, dass die Vereinnahmung der christlichen Identität durch Opus Dei ein Trugschluss ist; es geht einzig und allein um politischen Opportunismus. Es geht diesen Leuten um ihre zutiefst autoritären und konservativen Ansichten darüber, wie die Welt regiert werden sollte.


10.04.2026 Wer von neuen AKWs schwärmt, soll einmal diese Tunnel besuchen

Im weltweit ersten Atommüll-Endlager sind 50 Kilometer Tunnel im Bau. Hochradioaktiver Müll muss dort 100’000 Jahre sicher sein.

Wer neue Atomkraftwerke befürwortet, sollte folgende Fragen beantworten:

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10.04.2026 Der ungarische Kandidat

Übersetzung des Artikels von Timothy Snyder

Ist Orbáns Niedergang Trumps Fall?

Am Sonntag, übermorgen, finden in Ungarn Parlamentswahlen statt. Man könnte meinen, es handle sich um eine Routineangelegenheit in einem kleinen mitteleuropäischen Land. Doch diese Wahlen haben weltweit grosse Bedeutung.

Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, ist eine Schlüsselfigur der internationalen extremen Rechten und hat wie kein anderer die Netzwerke geschaffen, die das normalisierten, was er selbst als „Illiberalismus“ bezeichnet. Sollte er verlieren, wovon alles ausgeht, wäre dies ein schwerer Schlag für weitaus bekanntere Figuren wie J.D. Vance und Donald Trump, die zu Orbáns Schülern zählen. Amerikaner neigen dazu zu glauben, die Geschichte verlaufe von ihnen ausgeht; doch im Falle des neuen Oligarchen-Faschismus sind wir eher die Schüler als die Meister. Vieles, was an Trump und Vance amerikanisch erscheint, stammt aus Ungarn oder aus Russland über Ungarn.

Orbán ist seit zwanzig Jahren Ministerpräsident Ungarns, die letzten sechzehn Jahre ununterbrochen. Er war lange vor Trumps Präsidentschaft an der Macht. Er war Ministerpräsident, als Vance in den Vororten von Cincinnati zur Schule ging. Schon lange bevor einer der beiden Männer ein Amt antrat, schuf Orbán ein Modell postmodernen Autoritarismus. Innerhalb Ungarns gelang es ihm, vor allem durch Verfassungsänderungen, eine scheinbar uneinnehmbare strategische Position für die Einparteienherrschaft und seine persönliche Macht zu schaffen: den „illiberalen Staat“, den er anderen als Vorbild präsentierte.

Auf europäischer Ebene hat Orbán wie kein anderer negative Propaganda gegen die Europäische Union verbreitet und sie als feindseligen Gegner dargestellt, während er gleichzeitig Ungarns EU-Mitgliedschaft persönlich ausnutzte. Er arbeitete daran, seine antidemokratische, rechtsextreme Position im EU-Parlament zu normalisieren. Er nahm von der EU bereitgestellte Hilfsgelder für Ungarn entgegen und bereicherte damit seine oligarchischen Freunde. Seine Regierung öffnete EU-Territorium für russische und chinesische Geheimdienstoperationen und lieferte Russland sogar direkt vertrauliche Informationen über EU-Treffen.

Auf der Ebene Russlands, Europas und Nordamerikas hat Orbán eine führende Rolle bei transnationalen Bemühungen gespielt, illegale Gelder zur Unterstützung der extremen Rechten zwischen verschiedenen Ländern zu transferieren. Budapest hat sich zu einem Knotenpunkt eines Systems entwickelt, in dem russische Ölgelder gewaschen werden, um rechtsextreme Persönlichkeiten und Organisationen in Europa und den Vereinigten Staaten zu fördern. Viele Institutionen, die wir fälschlicherweise für amerikanisch halten, wie die Heritage Foundation, sind in Wirklichkeit Teil dieses grösseren internationalen Netzwerks. Viele Initiativen, die wir als amerikanisch betrachten, wie beispielsweise das Projekt 2025, basieren grösstenteils auf ungarischen Vorbildern. Dasselbe gilt im Übrigen auch für eine Reihe amerikanischer Politiker. In unserer amerikanischen Provinzialität übersehen wir oft, dass Trump und Vance von Anfang an in einer bestimmten Art internationaler Politik aktiv waren; ihr Terrain war nie rein amerikanisch. Genau darin lag schon immer Orbáns Erfolgsrezept: ein im Wesentlichen internationaler Akteur zu sein, der vorgibt, den kleinen Mann im eigenen Land zu schützen.

Orbán hat rechtsextremen Politikern in Europa und den USA (wie Donald Trump und J.D. Vance) geholfen, sich im schwierigen Terrain der Aussenpolitik zurechtzufinden. Viele der Positionen, die als Trumps Politik gelten – die Behauptung, Russland sei trotz der Invasion in der Ukraine nicht der Aggressor, russische Energie sei stets die Lösung und niemals das Problem, die Ukraine sei korrupt und misstrauisch, die EU eine übermächtige Bürokratie, Einwanderer die eigentliche Bedrohung – stammen ganz oder teilweise aus ungarischen Quellen.

Deshalb sagt Vance, als er kürzlich nach Budapest reiste, um Orbán zu unterstützen, im Grunde dasselbe wie Orbán selbst. Aus diesem Grund reiste Orbán 2022 in die USA, um als Star der Conservative Political Action Conference (CPAC) in Texas aufzutreten, wo er die amerikanische extreme Rechte zum Kulturkampf aufrief. Im vergangenen Monat fand in Ungarn eine Sonderkonferenz der CPAC für Orbán statt.

Auf der Ebene globaler faschistischer Propaganda-Memes hat Orbán eine Vorreiterrolle in der Politik der Unwirklichkeit eingenommen. Schamlos führte er Wahlkämpfe (früher) mit der Behauptung, eine internationale jüdische Verschwörung wolle Ungarn angreifen, und (diesmal) mit der Behauptung, die Ukraine werde im Falle seiner Niederlage einmarschieren. Es ist anzumerken, dass die Ukraine-Rhetorik auch antisemitisch ist, da sie den ukrainischen Präsidenten (der Jude ist) als kriegstreiberischen Wahnsinnigen darstellt, obwohl er in Wirklichkeit ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt ist, das sein Land in einem Verteidigungskampf gegen eine russische Invasion führt. Orbáns Slogan lautet „Lasst Selenskyj nicht das letzte Lachen haben“, und die Wahlplakate präsentieren Selenskyj als finsteren, höhnischen jüdischen Feind. Die staatlich gelenkte Propaganda in den sozialen Medien ist sogar noch schlimmer.

Bei den Wahlen am Sonntag haben Orbán und seine Partei Fidesz zwei Vorteile: einen innenpolitischen Apparat, der ihnen den Sieg sichern soll, und Verbündete im Ausland (Vance, Trump, Putin), die Orbáns Bedeutung innerhalb des oligarcho-faschistischen Netzwerks anerkennen, das ihre eigene Machtquelle darstellt. Würden internationale Diktatoren und die MAGA-Anhänger wählen, würde Orbán mit Sicherheit gewinnen. Doch es sind die Ungarn, die wählen werden. Sie werden unter Bedingungen wählen, die Politikwissenschaftler als „kompetitiven Autoritarismus“ bezeichnen: mit erheblichen Hindernissen, aber mit der realen Möglichkeit eines Machtwechsels. Dies wird die amerikanische Situation im November sein, wie Trump und Vance verstehen.

Orbán ist seit sehr langer Zeit Ministerpräsident. In der Wahlpolitik ist das natürlich ein Nachteil. Zusammen mit Putin und Trump betreibt er die „Politik der Ewigkeit“, in der ein Mann dank ständiger Verweise auf vergangene, unschuldige Zeiten und Beschwörungen äusserer und innerer Feinde ewig herrschen soll. Er hat die ungarische Geschichte für diese Zwecke im Grunde ausgeschöpft, indem er die Gebietsverluste am Ende des Ersten Weltkriegs immer wieder betonte und schliesslich die Ukraine zum aktuellen Feind erklärte. Orbán ist ein Meister der Politik der endlosen Ressentiments; doch die Macht auf unbestimmte Zeit hat auch ihre Schattenseiten: Die ungarische Wirtschaft stagniert, ihre Institutionen zerfallen, und ihr Lebensstandard fällt immer weiter hinter den anderer Europäer zurück. Dafür ist letztendlich niemand anderes verantwortlich als Orbán. In seinen jüngsten öffentlichen Auftritten hat er sich in die verzweifelte Rolle eines Mannes begeben, der behauptet, seine Gegner seien keine echten Ungarn oder ukrainische Agenten.

Im Laufe der Jahre steigt auch das Risiko, dass Korruptionsfälle öffentlich werden. Interessanterweise hatte die ungarische Rechtsoligarchie dasselbe Problem wie die amerikanische: die Vertuschung von sexuellem Kindesmissbrauch. Im ungarischen Fall erhielt der wegen Kindesmissbrauchs verurteilte Leiter eines staatlichen Waisenhauses eine Begnadigung. Als unabhängige Journalisten dies aufdeckten, löste es massive Proteste aus. Der Präsident, der die Begnadigung ausgesprochen hatte, sah sich zum Rücktritt gezwungen, ebenso wie Orbáns designierte Nachfolgerin Judit Varga, die als Justizministerin in den Fall verwickelt war. Ihr Ex-Mann Péter Magyar, eine Schlüsselfigur der Fidesz-Partei, gab daraufhin ein viel beachtetes Interview, in dem er die Korruption in Orbáns Regierung anprangerte. Dies führte zur Gründung der neuen Partei Tisza, die bei den Europawahlen schnell ein Drittel der Stimmen errang. Sie steht heute im Zentrum einer grösseren Oppositionsbewegung.

Unabhängige Medien spielten eine entscheidende Rolle beim Aufbau der Oppositionsbewegung. Wie Putin und Trump weiss auch Orbán, dass die Schaffung öffentlicher und privater Medienmonopole unerlässlich für dauerhafte Macht ist. Doch in Ungarn gibt es noch immer Lücken, durch die Licht dringt. Diese ermöglichen es den Ungarn, trotz der allgegenwärtigen Regierungspropaganda, die Skandale und Missstände mitzuerleben. Ungarische Steuergelder und EU-Gelder wurden stattdessen für sinnlose Denkmäler des schlechten Geschmacks der Reichen verwendet – Meilensteine ​​auf einem Weg der Selbstzerstörung, den unabhängige Medien den Ungarn aufzeigen.

Was passiert also am Sonntag? Es ist wichtig zu betonen, dass Politik kein Zuschauersport ist. Orbán liegt in den Umfragen weit zurück – laut den jüngsten unabhängigen Umfragen 25 Punkte. Doch Umfragen entscheiden keine Wahlen: Die Menschen müssen wählen gehen und dann allzu oft ihre Stimme verteidigen. Orbán hat viele Möglichkeiten, das Ergebnis zu beeinflussen: Wahlkreismanipulation, die Praxis, Briefwahlstimmen der Opposition nicht zu zählen, und Stimmenkauf. Und die schmutzigen Tricks und Einschüchterungsversuche sind bereits sichtbar: Die Regierung verfolgt unabhängige Journalisten und inszeniert Provokationen, um den Eindruck zu erwecken, die Opposition werde von der Ukraine gesteuert.

Am interessantesten und zugleich lächerlichsten ist, dass Orbán bereits zum letzten Mittel der schmutzigen Tricks gegriffen hat: vorgetäuschter Terrorismus. In einer durchsichtigen und weithin vorhersehbaren Provokation verkündete Orbán, Serben hätten Sprengstoff an einer Pipeline entdeckt, die russisches Gas nach Ungarn liefert. Beweise dafür wurden nicht vorgelegt. Und dann behauptete Orbán – wie zu erwarten –, die Täter müssten Ukrainer gewesen sein, die angeblichen Verbündeten der Oppositionspartei.

Diese Art von Provokation kann durchaus wirksam sein, wenn es gelingt, die Bevölkerung in echte Angst zu versetzen: Bei Putins Machtantritt funktionierte das, doch damals setzten die Russen Sprengstoff ein, um andere Russen zu töten, und schoben den Selbstmordanschlag anschliessend den Tschetschenen in die Schuhe. Im vorliegenden Fall hatte die Opposition Orbáns Vorgehen in dieser Richtung korrekt vorhergesagt, was die wirksamste Verteidigung darstellt. Da die gesamte Intrige darauf beruht, Orbáns Aussagen Glauben zu schenken, ist es unwahrscheinlich, dass sie grosse Auswirkungen haben wird. Lediglich russische Propagandisten scheinen sich ernsthaft die Mühe zu machen, Orbáns Version auch nur im Entferntesten für glaubwürdig zu halten.

Orbán erhob diese Behauptungen, während J.D. Vance in Budapest weilte, und die Provokation selbst offenbart den im Wesentlichen internationalen Charakter von Orbáns Programm. Sie beruhte auf der Arbeit einiger weniger Personen in Serbien und Russland sowie auf einigen Äusserungen Orbáns selbst. Soweit wir feststellen konnten, hatte sie nichts mit den tatsächlichen Ereignissen zu tun. Sie entspricht der realitätsfernen Politik, auf die Orbán und seine Verbündeten setzen. Doch das Scheitern dieser Provokation mag auch die Grenzen grosser Lügen aufzeigen. Sie können nicht nur unglaubwürdig, sondern auch langweilig und vorhersehbar werden.

Eine weitere grosse Lüge ist mit ziemlicher Sicherheit im Gange. Während Vance in Budapest war, behauptete er, ukrainische Geheimdienste würden sich in Wahlen in den USA und Ungarn einmischen – eine Aktivität, die, gelinde gesagt, in der Forschung zu diesem Thema unbekannt ist. Dies untermauerte Orbáns Wahlkampfbotschaft: die absurde Geschichte, ukrainische Geheimdienste hätten ganz Ungarn infiltriert und bereiteten eine systematische Wahlfälschung vor. Wenn Orbán, wie es wahrscheinlich ist, die Wahl verliert, wird er diese Geschichte vermutlich in irgendeiner Form wieder aufgreifen. Die Amerikaner könnten sie unterstützen; vielleicht kopieren sie sie sogar selbst im Herbst. Es ist eine bequeme Geschichte für Trump und Vance, weil sie die historische Tatsache umkehrt: dass Russland immer versucht, Wahlen zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Wenn führende Politiker solche Manöver selbst ankündigen, kann die Opposition sie ebenfalls thematisieren und sie dadurch unglaubwürdig und sogar kontraproduktiv erscheinen lassen. Diese Erkenntnis ist wichtig, denn ein weiterer derartiger Versuch ist weder in Ungarn noch unter den Politikern, die Orbán nacheifern, wie Vance und Trump, auszuschliessen. Es wäre in der Tat sehr überraschend, wenn Trump und Vance, Orbáns Anhänger, seine Wahlkampfmanöver nicht zur Kenntnis nähmen und im Oktober oder November ähnliche Taktiken selbst anwenden würden. Wir sollten uns dieser Möglichkeit ebenso bewusst sein wie die ungarische Opposition und sie im Keim ersticken, indem wir bereit sind, sie zu verspotten und gegen jeden einzusetzen, der sie versucht.

Da Orbán eher ein internationales als ein nationales Phänomen ist, hätte seine Niederlage internationale Konsequenzen. Insbesondere für Trump und Vance wäre eine Niederlage Orbáns schmerzhaft. Beide haben sich sehr bemüht, ihn persönlich zu unterstützen, und sind beide von internationalen Netzwerken abhängig, die Orbán mit aufgebaut hat. Könnten sie versuchen, Orbán in irgendeiner Weise zu helfen, sollte er die Wahl verlieren – ein Ergebnis, das äusserst wahrscheinlich erscheint?

Ihre Fähigkeit dazu scheint durch die Demütigung im Iran und die Widersprüche in ihrer Aussenpolitik beeinträchtigt zu sein. Ungarn unter Orbán gehört zu einer Gruppe von Mächten – darunter Iran, Russland und China –, die den Status quo infrage stellen und die traditionellen rechtlichen, ideologischen und wirtschaftlichen Grundlagen der amerikanischen Macht untergraben wollen. Es war für die USA nie wirklich sinnvoll, den Iran zu besiegen und gleichzeitig Putin und Orbán zu unterstützen.

Eine amerikanische Intervention ist jedoch nicht auszuschliessen, insbesondere da Vance und Trump Orbán bereits ihre ausdrückliche Unterstützung zugesagt haben (was ihm nicht geholfen, sondern eher geschadet hat). Sollte Orbán verlieren und sich dennoch zum Sieger erklären, werden die Amerikaner ihm – zumindest rhetorisch – wohl gemeinsam mit den Russen beistehen. Die Zeiten, in denen die Vereinigten Staaten für freie und faire Wahlen standen, sind – zumindest vorerst – leider vorbei.

Doch all das ist auch der ungarischen Opposition bekannt. Niemand in Ungarn glaubt, dass es sich hierbei um eine ganz normale Wahl handelt. Sollten sie gewinnen, werden sie vielleicht von der chinesischen, russischen und amerikanischen Regime-Propaganda verleumdet, doch im eigenen Land werden sie bereits seit zwei Jahren verleumdet. Höchstwahrscheinlich wird das Wahlergebnis in irgendeiner Form noch lange nach dem Sonntag angefochten werden müssen. Aber eine Opposition, die seit zwei Jahren hart arbeitet, wird wohl kaum an einem einzigen Tag aufgeben. Und es ist nicht klar – wie wir immer wieder sehen –, ob Trump und Vance die Geduld oder die Willenskraft haben, eine Aussenpolitik tatsächlich umzusetzen, wie böswillig ihre Absichten auch sein mögen, wenn sie auf tatsächlichen Widerstand stossen. Mit Ausnahme der taktvollsten ausländischen Interventionen dürften alle anderen nach hinten losgehen, Orbán jeglichen Anspruch auf die Vertretung der Ungarn nehmen und ihn als den kosmopolitischen Akteur entlarven, der er ist – und Taktgefühl war noch nie die Stärke von Trump oder Vance. Sie werden Orbán auf die eine oder andere Weise unterstützen, aber angesichts der Entschlossenheit der Bevölkerung ist unklar, was sie damit erreichen könnten.

Die wichtigste Folge einer Niederlage Orbáns für Trump und Vance wäre die Erkenntnis, dass die Geschichte nicht geradlinig verläuft und ihre Macht – oder die von ihresgleichen – nicht ewig währt. Sie selbst sehen sich natürlich nicht als Geschöpfe historischer Strukturen: der Macht des Ölreichtums, der Psychologie der sozialen Medien, der Perversion der Vermögensungleichheit. Ihrer Ansicht nach stehen sie jenseits der Geschichte, jenseits des historischen Wandels, jenseits der Handlungen der Völker, in deren Namen sie herrschen. Dies trifft, wenn möglich, auf Vance sogar noch mehr zu als auf Trump; Trump hat sich zumindest aktiv um die Präsidentschaft bemüht; Vance hingegen besitzt keinerlei Legitimation ausser der Vorstellung, dass seine Ideen – von denen keine originell ist – irgendwie in die heutige Zeit passen.

Orbán hat dieses Bewusstsein mitgeprägt, weil er diese Strukturen verstanden hat. Verliert er, fällt er, verlieren Trump und Vance ihren Mentor. Sie werden dann auch mit der Realität konfrontiert, dass auch sie verlieren und fallen können. Es erweist sich (wieder einmal) als falsch, dass es keine Alternativen gibt, dass es nur eine mögliche Zukunft gibt und dass die Machthabenden für immer die Auserwählten sind.

Und so können wir, obwohl Ungarn ein kleines Land ist, einige weitergehende Schlussfolgerungen ziehen. Die Welt wird seit einem Jahrhundert von verschiedenen „Enden der Geschichte“ heimgesucht, und diese Enden der Geschichte traten überproportional häufig in Mittel- und Osteuropa, insbesondere in Ungarn, auf.

Die Faschisten der 1930er Jahre, in Ungarn und anderswo, behaupteten, die Geschichte sei zu Ende, alles, was bleibe, sei ein biologischer Kampf unter der Führung einer Parteielite. Die Kommunisten, die nach 1945 in Ungarn und anderswo an die Macht kamen, behaupteten ebenfalls, die Geschichte sei beendet und durch eine wissenschaftliche Verwaltung unter der Führung einer Parteielite ersetzt worden. Nach dem Ende des Kommunismus erklärten allzu viele von uns mit Blick auf Ungarn und andere postkommunistische Staaten, die Geschichte sei nun tatsächlich zu Ende, da Faschismus und Kommunismus sich erschöpft hätten und nur noch die unerschütterliche Trias von Liberalismus, Demokratie und Kapitalismus übrig geblieben sei.

Orbán zeigte anhand seines Beispiels in Ungarn, dass dies nicht stimmte: Der Kapitalismus liesse sich korrumpieren, der Liberalismus (seine Wortwahl) durch Illiberalismus ersetzen, und die Demokratie könne zu einem blossen Ritual verkommen. Geblendet vom Erfolg Ungarns, sahen viele im rechtsextremen Spektrum die ungarische Alternative als das nächste Ende der Geschichte, als den Zustand, in dem die Dinge sein würden, als den Zustand, in dem sie sein müssten.

Und sie irren sich; die Geschichte geht weiter. So wie Ungarn einst der internationalen oligarchischen Rechten die Gewissheit gab, eine Lösung gefunden zu haben, so bietet es nun Männern wie Vance und Trump die Befürchtung, dass Wahlen tatsächlich etwas bewirken könnten, dass Demokratie sich als mehr als nur eine leere Worthülse erweisen könnte, dass unvorhersehbare Veränderungen noch immer möglich sind, dass die Zukunft offen ist.


10.04.2026 Abrüstungsverträge: Das weltweite Gefüge erodiert gefährlich

Die internationale Rüstungskontroll- und Abrüstungsarchitektur ist am Zerfallen. Immer mehr wichtige Verträge werden aufgekündigt.

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10.04.2026 Der Kriegsminister sendet eine Botschaft – an die Menschen im Land

Ein Schlachtruf: 1 Billionen Euro – What ever it takes!

„Ich will es sehr deutlich sagen: Angesichts der Bedrohungen unserer Freiheit und des Friedens auf unserem Kontinent muss jetzt auch für unsere Verteidigung gelten: ‚whatever it takes‘.“ (Merz, 4. März 2025)

„Einführung einer verpflichtenden Musterung ab dem 1. Juli 2027 [..] Ermächtigung der Bundesregierung zur verpflichtenden Einberufung zum Grundwehrdienst auch ausserhalb des Spannungs- oder Verteidigungsfalls.“ (BT-Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes (WDModG), 22.12.2025)

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10.04.2026 Alle Kriege sind Bankerkriege: Iran und das Endspiel der Banker

Übersetzung des Artikels von Scheer Post

„Die Mächte des Finanzkapitalismus verfolgten ein weiteres, weitreichendes Ziel: nichts Geringeres als die Schaffung eines weltweiten Finanzsystems in privater Hand, das in der Lage sein sollte, das politische System jedes einzelnen Landes und die Weltwirtschaft als Ganzes zu beherrschen.“ – Prof. Caroll Quigley, Georgetown University, Tragödie und Hoffnung (1966)

Im Februar 2026 führten die USA und Israel überraschende Luftangriffe auf den Iran durch. Die offiziell angegebenen Gründe – die Verhinderung des iranischen Atomwaffenprogramms und die Abwehr iranischer Aggressionen – haben einer kritischen Prüfung nicht standgehalten. Wie James Corbett in jüngsten Folgen des Corbett Reports dokumentierte, scheint der nukleare Vorwand recycelte Propaganda zu sein, und das Ausmass sowie der Zeitpunkt der Angriffe werfen ernsthafte Fragen nach den Motiven auf.

Die These, dass „alle Kriege Bankerkriege sind“, wurde 2013 von Michael Rivero in Dokumentarfilm einem gleichnamigen populär gemacht. Sein begleitender Artikel beginnt mit einem Zitat von Aristoteles (384–322 v. Chr.):

Die verhassteste Art der Geldgewinnung, und das aus gutem Grund, ist der Wucher, der aus dem Geld selbst Gewinn erzielt und nicht aus dessen natürlichem Gebrauch. Denn Geld ist dazu bestimmt, im Tausch verwendet zu werden, nicht aber, sich durch Zinsen zu vermehren.
Rivero schildert anschliessend, wie private Bankinteressen über Jahrhunderte hinweg Konflikte auf beiden Seiten finanziert und von ihnen profitiert haben – von der Gründung der Bank von England im Jahr 1694 zur Finanzierung der Kriege Wilhelms III. bis hin zu den modernen Kriegen zum Regimewechsel.

Finanzielle Dominanz im gesamten Spektrum

Andere Kommentatoren verweisen auf den Bericht des Project for the New American Century (PNAC) mit dem Titel „Rebuilding America’s Defenses“ (September 2000), der den Aufbau umfassender US-Streitkräfte forderte, um globale Vorherrschaft zu erlangen. Darin wurde die Notwendigkeit eines „katastrophalen und katalysierenden Ereignisses – wie eines neuen Pearl Harbor“ – postuliert, um die von den Autoren angestrebte militärische Transformation zu beschleunigen.

Darauf folgte 2007 ein Interview mit Democracy Now, in dem General Wesley Clark enthüllte, dass ihm Wochen nach dem 11. September ein als geheim eingestuftes Pentagon-Memo gezeigt worden war, das Pläne zur „Ausschaltung von sieben Ländern innerhalb von fünf Jahren“ enthielt: Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und schliesslich Iran. Die ersten sechs wurden seither destabilisiert oder durch einen Regimewechsel ersetzt. Iran, das als ultimatives Ziel für die Vorherrschaft im Nahen Osten und die Kontrolle über die Ölressourcen gilt, ist das letzte verbliebene Land.

Warum gerade diese sieben Länder, und warum war der Iran das Hauptziel? Greg Palasts Artikel „Larry Summers und das geheime ‚Endspiel‘-Memo“ aus dem Jahr 2013 lieferte die fehlende finanzielle Erklärung. 1999 wurde der Weltmarkt für den unregulierten Derivatehandel geöffnet, sodass Staatsanleihen, Öllieferungen, Schifffahrtsrouten und Kriegsrisikopolitiken als Sicherheiten hinterlegt, mehrfach verpfändet und als Spekulationsobjekte genutzt werden konnten. Dreh- und Angelpunkt war das WTO-Übereinkommen über Finanzdienstleistungen von 1997 (das Fünfte Protokoll zum GATS), das 1999 in Kraft trat.

Keines der sieben betroffenen Länder trat der WTO bei, und sie waren auch keine Mitglieder der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Damit unterlagen sie nicht der umfassenden Regulierungsbefugnis der Schweizer Zentralbank. Auch andere Länder, die später als „Schurkenstaaten“ eingestuft wurden, darunter Nordkorea, Kuba und Afghanistan, waren keine BIZ-Mitglieder.

Der Iran ist nicht nur das grösste und mächtigste islamische Land, sondern betreibt auch das weltweit einzige vollständig zinsfreie (ribafreie) Bankensystem. Dies steht im direkten Gegensatz zum herkömmlichen westlichen Modell, dessen Haupteinnahmequelle Zinsen sind. Das Prinzip „Geld vermehrt sich selbst“ bildet die Grundlage des globalen Derivatehandels, der auf weiterverpfändeten, besicherten und verzinsten Schulden basiert.

Das letzte Puzzleteil im Finanzkontrollsystem wurde in David Rogers Webbs Buch „The Great Taking“ (2024) detailliert beschrieben. Die „Alles-Blase“, die Derivatewetten im Wert von schätzungsweise über einer Billiarde Dollar umfasst, wartet nur noch auf den Auslöser. Platzt sie, wird dies massive institutionelle Insolvenzen nach sich ziehen; und gemäss den von Webb beschriebenen rechtlichen Mechanismen werden die Derivatehändler alles einstreichen.

Die von Lloyd’s of London ausgelöste Hormuz-Versicherungskrise im Jahr 2026 könnte dieser Auslöser sein. Mehr dazu weiter unten.

Die City of London und Lloyd’s nutzen das Chaos als Waffe.

Seit über drei Jahrhunderten finanziert die City of London – die „Square Mile“, das Finanzzentrum Londons – beide Seiten von Kriegen und verkauft Versicherungen gegen die darauffolgenden Zerstörungen. Lloyd’s of London ist die tragende Säule des Finanzkontrollsystems der City. Es handelt sich dabei nicht um ein Versicherungsunternehmen im eigentlichen Sinne, sondern um eine Körperschaft, die „als teilweise gemeinschaftlich organisierter Marktplatz fungiert, auf dem sich mehrere Finanzinvestoren in Syndikaten zusammenschliessen, um Risiken zu bündeln und zu verteilen.“

Lloyd’s hat sich seinen Ruf durch beständige Leistung erworben, doch diese Leistung hat ihren Preis. 1898 formalisierte das Unternehmen eine langjährige Praxis mit der Einführung der „Free of Capture and Seizure“-Klausel. Diese Klausel schloss Kriegsrisiken aus Standardpolicen aus, um im Kriegsfall exorbitante Prämien verlangen zu können. Lloyd’s nutzte diese Klausel in beiden Weltkriegen und wird sie auch 2026 anwenden.

Nach den Angriffen auf den Iran erweiterte Lloyd’s Joint War Committee seine Hochrisikozone im Nahen Osten. Mehrere Versicherer kündigten ihre Verträge mit einer Frist von 72 Stunden ab dem 5. März, und die Kriegsrisikoprämien für Fahrten durch den Korridor Hormuz stiegen von 0,25 % auf 1–5 % des Schiffswerts. Lloyd’s betonte, dass der Versicherungsschutz weiterhin – zum richtigen Preis – verfügbar sei. Für einen 100 Millionen Dollar teuren Öltanker bedeutet dies jedoch zusätzliche 1–5 Millionen Dollar pro Reise – eine Prämie, die die Eigentümer verständlicherweise nur ungern zahlen.

Der private Kreditfunke

Unterdessen ziehen weitere dunkle Wolken über dem Markt auf. Die Finanzanalystin Stephanie Pomboy warnt, dass der Markt für private Kredite mit einem Volumen von 1,5 bis 3 Billionen US-Dollar praktisch lahmgelegt ist und Notverkäufe liquider Vermögenswerte erzwingt; der deutlich grössere Markt für Unternehmensanleihen mit einem Volumen von 5 Billionen US-Dollar und einem BBB-Rating steht am Rande des Zusammenbruchs. Herabstufungen werden Massenverkäufe auslösen, und Pensionsfonds sehen sich mit einem Defizit von 4 Billionen US-Dollar konfrontiert.

Die Hormuz-Krise liefert den idealen Katalysator für diese Sicherheitenkrise: Höhere Ölpreise führen zu Inflation, was wiederum die Anleiherenditen (Zinsen) in die Höhe treibt, den Wert der Sicherheiten einbrechen lässt und im gesamten Derivatehandel Nachschussforderungen auslöst. Diese Nachschussforderungen zwingen private Kreditfonds schliesslich zu Notverkäufen.

Dies ist einer der Gründe, warum manche Kommentatoren die City of London als eigentlichen Urheber des Chaos im Nahen Osten sehen. Die alte Kriegsversicherungsmaschinerie und die neue Derivatemaschinerie arbeiten Hand in Hand. Die eine schafft die Chaosprämie; die andere streicht sie durch Weiterverpfändung und Beschlagnahme ein.

Palast und das Endspiel-Memo: Eine sichere Welt für Derivate schaffen

Die Absicherung gegen Transportverluste ist eine Art Versicherung, doch eine weitaus grössere Falle stellt der Derivatemarkt dar. Derivate werden als Versicherung gegen Marktrisiken verkauft, sind aber in Wirklichkeit ein spekulatives Spiel, das aus allen wichtigen Wirtschaftsströmen Profit schlägt.

In seinem Artikel von 2013 präsentierte Greg Palast Beweise für ein geheimes Memo aus dem Jahr 1997 an den stellvertretenden Finanzminister Larry Summers. Verfasst war es von Timothy Geithner (damals US-Botschafter bei der WTO, in Vertretung von Summers), das die Endphase der WTO-Verhandlungen über Finanzdienstleistungen beschrieb. Geithner schrieb an Summers: „Da wir uns der Endphase nähern … halte ich es für ratsam, wenn Sie sich mit den CEOs in Verbindung setzen würden …“ Das Memo enthielt anschliessend die privaten Telefonnummern von Goldman Sachs, Merrill Lynch, Bank of America, Citibank und Chase Manhattan – Nummern, deren Echtheit Palast bestätigte.

Was war das Endziel? Palast schrieb:

US-Finanzminister Robert Rubin trieb die Deregulierung des Bankensektors massiv voran. Dazu war zunächst die Aufhebung des Glass-Steagall-Gesetzes erforderlich, um die Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investmentbanken aufzuheben. Es war, als würde man Banktresore durch Rouletteräder ersetzen.

Zweitens wollten die Banken das Recht, ein neues, risikoreiches Geschäft zu betreiben: den „Derivatehandel“. … Der stellvertretende Finanzminister Summers (der bald Rubin als Minister ablösen sollte) blockierte jeden Versuch, den Derivatehandel zu regulieren.

Aber welchen Sinn hatte es, US-Banken in Derivatekasinos zu verwandeln, wenn das Geld ohnehin in Länder mit sichereren Bankgesetzen abfloss?

Die von den fünf grossen Banken entwickelte Antwort: die Abschaffung der Bankenkontrollen in allen Ländern der Welt mit einem einzigen Schritt. … Das Spiel der Banker und von Summers bestand darin, das Finanzdienstleistungsabkommen zu nutzen, einen schwer verständlichen und harmlosen Zusatz zu den internationalen Handelsabkommen, die von der Welthandelsorganisation überwacht werden.

Die neuen Spielregeln würden alle Nationen zwingen, ihre Märkte für Citibank, JP Morgan und deren Derivateprodukte zu öffnen.

Und alle 156 Nationen der WTO müssten ihre eigenen Glass-Steagall-Unterscheidungen zwischen Geschäftsbanken und Investmentbanken, die mit Derivaten spekulieren, aufheben.

Das WTO-Übereinkommen über Finanzdienstleistungen wurde zum Motor für die Öffnung der globalen Märkte für dieses Derivategeschäft. Alle Mitgliedsländer waren gezwungen, ihr Bankensystem zu öffnen, andernfalls drohten Sanktionen. 1999 wurde der Teil des Glass-Steagall-Gesetzes, der Investmentbanking von Einlagenbanking in den USA trennte, aufgehoben, wodurch die Einlagen der Kunden spekulativen Risiken ausgesetzt waren. Daraufhin erlebten Derivate einen regelrechten Boom. Staatsanleihen, Ölverträge, Schiffsversicherungen und Kriegsrisikoprämien wurden in Kreditausfallswaps, Absicherungsgeschäfte und andere Derivateprodukte zerlegt.

Der Handel mit Derivaten hat sich seither zu einem der konzentriertesten und profitabelsten Geschäftsfelder weltweit entwickelt und wird fast vollständig von einigen wenigen Megabanken kontrolliert. Laut Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und des Office of the Comptroller of the Currency (OCC) halten allein die fünf grössten US-Banken rund 90 % aller US-Bankderivate. JPMorgan, Citigroup, Goldman Sachs, Bank of America und Morgan Stanley dominieren den globalen ausserbörslichen Markt. Diese Institute streichen den Löwenanteil der Derivategewinne ein, insbesondere in volatilen Marktphasen, wenn die sogenannte Chaosprämie sprunghaft ansteigt.

„Die grosse Enteignung“ – die juristische Falle, die Derivaten im Insolvenzverfahren eine Vorrangstellung einräumt

In seinem Buch „The Great Taking“ enthüllt David Rogers Webb das letzte Puzzleteil dieses Finanzkontrollsystems: Nahezu alle Wertpapiere sind heute dematerialisiert (digitalisiert) und werden in Zentralverwahrern zusammengeführt. Stille Änderungen des Handelsgesetzbuchs und entsprechender EU-Vorschriften haben Kleinanleger zu blossen „Anspruchsberechtigten“ degradiert, die lediglich einen Rechtsanspruch gegenüber ihren Brokern haben.

Bankeinleger wurden jahrhundertelang lediglich als „Gläubiger“ ihrer Banken betrachtet. Mit der Einzahlung des Geldes geht das Eigentumsrecht an die Bank über. Der Einleger hat lediglich einen vertraglichen Anspruch (eine Zahlungsverpflichtung), der im Falle einer Insolvenz den Rang eines ungesicherten Gläubigers einnimmt.

Bei jeder Insolvenz dienen Aktien, Anleihen und Einlagen als rechtliche Sicherheiten für die Derivate – Sicherheiten, die mehrfach weiterverpfändet wurden. Wenn diese Derivate als Sicherheiten nicht mehr ausreichen, bricht das darauf errichtete Kartenhaus zusammen. Es kommt zu einer Kettenreaktion von Nachschussforderungen, die höchste Priorität wird aktiviert, und die Massenenteignung beginnt. (Mehr zu diesem komplexen Thema finden Sie in Webbs Buch und in meinem früheren Artikel hier.)

Irans zinsloses islamisches Bankwesen: Das strukturelle Hindernis

Was spielte es also für eine Rolle, dass der Iran und einige andere Länder sich weigerten, an diesem lukrativen Spiel der Banken teilzunehmen? Das Risiko bestand darin, dass Einleger und Aktionäre, sobald sie erkannten, dass ihnen ihre Gelder in Wirklichkeit nicht gehörten, ihre Vermögenswerte in diese sicheren Zonen transferieren würden. Die Staaten, die sich weigerten, an diesem Spiel teilzunehmen, waren zudem vor den Sanktionen geschützt, die westliche Regierungen (und westliche Banken und Clearingstellen) nach Russlands Invasion in der Ukraine 2022 gegen die Vermögenswerte der russischen Zentralbank verhängten.

Angeführt wurde diese Gruppe derjenigen, die sich dem zinsfreien Bankwesen widersetzten, von Iran, das seit seinem Gesetz für zinsfreie Bankgeschäfte von 1983 das weltweit einzige vollständig zinsfreie (ribafreie) Bankensystem betreibt. Seine Banken nutzen Scharia-konforme Verträge – Gewinnbeteiligung (Musharakah), Kostenaufschlagsfinanzierung (Murabaha) und Leasing (Ijara) – anstatt Zinsen zu erheben oder zu zahlen. Dieses Bankenmodell steht im direkten Gegensatz zum herkömmlichen westlichen Modell, das auf Zinsen als primärer Einnahmequelle beruht und den globalen Derivatehandel mit besicherten, weiterverpfändeten Schulden untermauert.

Das iranische System wurde entwickelt, um Wucher zu beseitigen und die Finanzierung an realwirtschaftlicher Aktivität und Risikoteilung statt an spekulativen Schulden auszurichten. Es gilt seit Langem als strukturell unvereinbar mit der zinsbasierten, besicherungsintensiven Architektur des Finanzwesens in der Londoner City und an der Wall Street – einer Architektur, die eine ständige Schuldentilgung und leicht wiederverpfändebare Vermögenswerte erfordert, um den Derivatehandel zu speisen.

Indem der Iran auf nationaler Ebene auf Zinsen verzichtet, hat er sich und seine Finanzpartner vor dem Kontrollnetzwerk geschützt, das die globale „Grosse Übernahme“ erst ermöglicht hat.

Das Versicherungschaos hat sich etwas gelegt, aber der „Schwarze Schwan“ schwebt immer noch über uns.

Die Strasse von Hormus ist zwar nicht vollständig gesperrt, doch der Schiffsverkehr ist aufgrund des selektiven, genehmigungsbasierten Transitregimes Irans weiterhin stark eingeschränkt. Nur Schiffe aus „befreundeten“ oder nicht-feindlichen Nationen erhalten nach vorheriger Abstimmung mit den iranischen Behörden die Durchfahrt. Es bestehen weiterhin erhebliche Rückstände: In den ersten vier Wochen der Unterbrechung warteten über 1.000 Schiffe oder wurden umgeleitet, und mehr als 34.000 Schifffahrtsrouten wurden verlagert.

Die von Präsident Trump am 6. März angekündigte Rückversicherungsfazilität in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar ist nun in Betrieb und wurde auf 40 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Weitere grosse US-Versicherer sind beigetreten, und Lloyd’s of London hat entsprechende Gespräche geführt. Die Fazilität konzentriert sich weiterhin auf amerikanische Versicherer und wird von der US-Regierung unterstützt. Analysten bezweifeln jedoch, dass sie den kommerziellen Reiseverkehr ohne einen umfassenderen Haftungsschutz und sicherere Bedingungen wieder ankurbeln wird.

Kurz gesagt, die Gefahr eines „Versicherungschaos“ hat sich zwar etwas gelegt, ist aber nicht gebannt. Die Prämien bleiben hoch, die Unsicherheit besteht weiterhin, und der von Webb beschriebene Druck durch Sicherheiten und Derivate ist nach wie vor spürbar.

Schlussfolgerungen und Beschlüsse

Die globale Finanzkrise von 2007/08 wird heute weithin als Folge der ungebremsten Ausbreitung unregulierter Derivate – insbesondere von Kreditausfallswaps und besicherten Schuldverschreibungen – angesehen, die Subprime-Hypotheken in eine systemische Zeitbombe verwandelten. Die Schäden beschränkten sich nicht auf die Vereinigten Staaten: Auch Entwicklungsländer litten schwer.

Das Risiko eines Crashs ist heute noch grösser als während der globalen Finanzkrise. Der globale OTC-Derivatemarkt ist offiziell auf einen Nominalwert von 846 Billionen US-Dollar angewachsen, mehr als das Siebenfache der gesamten Weltwirtschaft.

Langfristige politische Lösungen sind möglich. Der Kongress könnte das Glass-Steagall-Gesetz wieder in Kraft setzen und eine Finanztransaktionssteuer einführen. Die Bundesstaaten könnten ihre Zustimmung zu den entsprechenden Teilen des UCC zurückziehen und öffentliche Banken gründen, die vor lokalen Bankeninsolvenzen schützen können. (Siehe meine früheren Artikel hier und hier.)

Doch im aktuellen Kontext ist es dringend notwendig, den Konflikt mit dem Iran beizulegen, und zwar schnell, bevor ein weiterer unvorhergesehener Schock die Kettenreaktion der Derivate auslöst und die endgültige grosse Übernahme auf globaler Ebene aktiviert.

Ellen Brown ist eine amerikanische Autorin, Anwältin und Aktivistin, die für ihr Engagement im Bereich der Finanzreform und des öffentlichen Bankwesens bekannt ist. Sie ist Gründerin des Public Banking Institute und Autorin von Büchern wie „ Web of Debt“ und „The Public Bank Solution“ , in denen sie sich für ein öffentlich-rechtliches Bankensystem einsetzt.


10.04.2026 Die Standardposition

Warum Hierarchien sich selbst rechtfertigen müssen und es nicht können

Übersetzung des Artikels von The Peaceful Revolutionary

Die Frage, die alles verändert

Was wäre, wenn die radikalste politische Position tatsächlich die offensichtlichste wäre? Was wäre, wenn wir, anstatt rechtfertigen zu müssen, warum eine aufgezwungene Hierarchie schlecht ist, Beweise dafür fordern sollten, dass sie jemals gut ist?

Die meisten Menschen glauben, die Abwesenheit von Hierarchie (Anarchie) erfordere Glauben an die Güte der Menschheit oder eine utopische Zukunftsvision. Sie irren sich. Anarchismus ist wie Atheismus: Er ist kein Glaube, sondern die Abwesenheit des Glaubens an die Notwendigkeit, dass andere über uns herrschen. Anarchie bedeutet wörtlich „ohne Herrscher“, genau wie Atheismus „ohne Gott“ bedeutet.

Atheisten brauchen keinen Glauben, um nicht zu glauben. Sie akzeptieren die Behauptung, dass Götter existieren, einfach nicht, bis sie jemand beweist. Die Beweislast liegt bei der Person, die die aussergewöhnliche Behauptung aufstellt („Es gibt ein unsichtbares Wesen, das alles erschaffen hat“), nicht bei der Person, die sagt: „Zeig mir die Beweise.“

Im Anarchismus ist es genauso. Wir akzeptieren die Behauptung, dass manche Menschen das Recht haben, über andere zu herrschen, erst dann, wenn es bewiesen ist. Die Beweislast liegt bei denen, die Autorität über andere beanspruchen, nicht bei denen, die sie in Frage stellen.

Der Atheismus sagt: „Ich glaube eure Gottesbehauptung erst, wenn ihr sie beweist.“ Der Anarchismus sagt: „Ich glaube nicht, dass eure Hierarchie gerechtfertigt ist, bis ihr sie beweist.“ Und genau wie Atheisten sagen können: „Zeigt mir die Beweise, dann überdenke ich meine Meinung“, können Anarchisten dasselbe sagen. Wir sind offen für Beweise. Wir haben sie nur noch nicht gesehen.

Natürlich kann jeder Tyrann zweifelhafte Gründe für seine Position anführen, doch eine Behauptung gewinnt nicht automatisch an Gewicht, nur weil sie von jemandem mit Macht aufgestellt oder mit Gewalt durchgesetzt wird. Ein Atheist mag für seine Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt und ein Anarchist für seine Unverfrorenheit eingesperrt werden, doch beides ändert nichts an der Wahrheit ihrer Argumentation.

Bedenken wir einmal, was wir eigentlich akzeptieren sollen. Wir werden geboren, ohne etwas von einem Staat zu wissen. Niemand stimmt bei der Geburt der Staatsgewalt zu; sie wird uns einfach auferlegt, so wie einem Kind ohne Erklärung Gehorsam beigebracht wird. Wie der Historiker Robert Higgs es ausdrückte:

„In Debatten zwischen Anarchisten und Etatisten sollte die Beweislast eindeutig bei denen liegen, die dem Staat vertrauen. Das Chaos der Anarchie ist reine Spekulation; das Chaos des Staates ist unbestreitbar und faktisch entsetzlich.“

Die Beweislage bestätigt dies. Die Katastrophen staatenloser Gesellschaften sind spekulativ. Die Katastrophen von Staaten – Kriege, Gulags, Hungersnöte, Kolonialismus – sind dokumentierte Geschichte.

Man braucht keinen Glauben, um Anarchist zu sein, wohingegen man als Hierarchist Glauben benötigt, um zu glauben, dass Herrscher diesmal diese diese anders sein werden, dass Hierarchie einen befreien wird und dass diese Machtkonzentration nicht korrumpieren wird. Die Beweislast liegt bei jedem, der behauptet, Menschen müssten regiert werden; er stellt eine aussergewöhnliche Behauptung auf und ist dafür verantwortlich, die Beweise dafür vorzulegen.

Sie müssen ein Beispiel für ein hierarchisches System liefern, das nicht letztlich korrupt geworden ist, wenn sie ernst genommen werden wollen. Bis dahin lautet die eigentliche Frage nicht, ob Autorität gerechtfertigt werden muss, sondern warum so viele Menschen sie immer wieder unhinterfragt akzeptieren.

Der Falsifizierbarkeitstest

Obwohl der Anarchismus sich nicht so rechtfertigen muss wie die Hierarchie, gibt es eine separate, praktische Frage, die es wert ist, ernst genommen zu werden: Selbst wenn eine Welt ohne Hierarchie theoretisch besser ist, ist eine solche Welt tatsächlich erreichbar?

Nur wenn alle Versuche gegenseitiger Hilfe, Kooperation und freiwilliger Zusammenschlüsse konsequent scheitern würden, den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, während jede Hierarchie konsequent ohne Ausbeutung erfolgreich wäre, dann hätte das Argument für die Notwendigkeit von Herrschern Berechtigung.

Die Beweislage spricht jedoch eine andere Sprache. Arbeiterkooperativen funktionieren. Netzwerke gegenseitiger Hilfe funktionieren. Das Freie Territorium Ukraine, das revolutionäre Katalonien, die Zapatisten und Rojava funktionierten alle. Einige wurden von externen Hierarchien zerschlagen, aber nicht durch internes Versagen. Unterdessen wurde jeder autoritäre „vorübergehende“ Staat zu einem permanenten und repressiven Staat. Jedes Versprechen, dass „wir uns auflösen werden, sobald der Übergang abgeschlossen ist“, erwies sich als Lüge.

Wir müssen nicht beweisen, dass Anarchismus in grossem Massstab und in allen Bereichen perfekt funktionieren würde, denn diese Beweislast liegt bei der anderen Seite. Unsere Kernaussage, dass konzentrierte Macht korrumpiert, ist durch zahlreiche Belege untermauert. Die Behauptung, Hierarchie würde diesmal zu anderen Ergebnissen führen, entbehrt jeglicher Grundlage. Daher bleibt die praktische Frage, ob Anarchismus realisierbar ist, tatsächlich offen. Die theoretische Frage, ob Hierarchie gerechtfertigt ist, hingegen nicht.

Das Argument für Hierarchie wäre nur dann stichhaltig, wenn konzentrierte Macht durchweg bessere Ergebnisse als horizontale Organisation hervorbrächte – und zwar ohne die Korruption, Unterdrückung und Gewalt, die wir stets damit einhergehen. Doch die Beweislage spricht erdrückend gegen Hierarchie. Wie viele gescheiterte Staaten, wie viele Diktaturen, wie viele gebrochene Versprechen „vorübergehender“ Macht brauchen die Menschen, bis sie die Realität akzeptieren, dass Hierarchie immer gefährlich ist? Kein Staat hat sich jemals freiwillig aufgelöst. Jede revolutionäre Autorität, die versprach, sich nach Abschluss des Übergangs aufzulösen, hat dieses Versprechen gebrochen. Das Muster ist eindeutig.

Wer seine bevorzugte Form politischer Autorität rechtfertigen will, greift oft auf komplexe theoretische Rahmenwerke zurück. Doch jedes philosophische System, das von seinen Schlussfolgerungen ausgeht, wird diese stets bestätigen, unabhängig davon, ob es der Realität entspricht. Das ist keine Wissenschaft, sondern ein Zirkelschluss. Wenn jedes historische Gegenbeispiel so umgedeutet wird, dass es zur Theorie passt, anstatt sie zu überprüfen, betreibt man keine Analyse, sondern religiöse Apologetik.

Der Anarchismus braucht keine Gegentheorie. Er braucht lediglich, dass die Frage ernst genommen wird. Der Anarchismus fordert etwas Einfacheres: Skepsis gegenüber willkürlicher Autorität. Es bedarf keines Glaubens an die Theorie anderer, sondern lediglich der Anwendung derselben Beweismassstäbe auf Hierarchiebehauptungen wie auf alles andere.

Die grundlegende Spannung besteht nicht nur im Gegensatz zwischen Kapitalismus und Arbeiterschaft, sondern auch zwischen Herrschaft und Autonomie – ein wiederkehrendes Muster in der gesamten Geschichte und allen Kulturen, in dem einige Menschen Autorität über andere beanspruchen, während andere diese ablehnen. Dieses Muster ist beobachtbar, wiederholbar und bedarf keiner besonderen Erklärung. Du hast es selbst erlebt.

Wir sind geborene Anarchisten

Die Beweislast liegt aus einem einfachen Grund bei der Hierarchie: Anarchismus ist das, was Menschen von Natur aus tun. Hierarchie muss uns erst eingetrichtert werden.

Denken Sie an Ihre eigene Kindheit. Musste Ihnen jemand beibringen, Ihre Spielsachen mit Freunden zu teilen? Beim Spielen zusammenzuarbeiten? Jemandem aufzuhelfen, der hingefallen ist? Nein, diese Instinkte sind natürlich. Ihnen wurde beigebracht, Autoritäten zu respektieren, zu tun, was man Ihnen sagt, und nicht mehr zu fragen: „Warum?“ Kinder fragen instinktiv: „Warum muss ich das tun?“, und dieser Widerstand muss durch Sozialisierung überwunden werden. Wir müssen Kindern Gehorsam beibringen. Wir müssen ihnen nicht beibringen, kooperativ zu spielen; das tun sie ganz von selbst, wenn Erwachsene nicht eingreifen.

Überlegt mal, wie ihr euch mit Freunden organisiert. Ihr wählt ja auch keinen „Freundesführer“, der die Gruppe leitet. Horizontale Zusammenarbeit ist das, was wir unter Gleichgestellten ganz natürlich praktizieren. Hierarchien entstehen nur, wenn Ungleichheit geschützt werden muss. Schafft man Gleichgestellte, organisieren sie sich von Natur aus anarchisch.

Betrachten wir die Dinge langfristig. Menschen lebten über 200.000 Jahre lang in relativ egalitären Gruppen. Starre Hierarchien existieren erst seit 10.000 Jahren, ein winziger Bruchteil der Menschheitsgeschichte. Was ist also die Abweichung? Indigene Gesellschaften weltweit wurden gewaltsam in hierarchische Strukturen gezwungen. Sie übernahmen diese nicht, weil sie „besser“ wären. Sie wurden erobert.

Beobachten Sie, was geschieht, wenn Autorität verschwindet: Beginnen die Menschen sofort, sich gegenseitig umzubringen, oder helfen sie einander? Jede Katastrophe beweist die anarchistische These. Bei Überschwemmungen, Erdbeben und Krisen organisieren sich die Menschen spontan und helfen einander. Immer wenn der Staat versagt, bilden sich organisch Selbsthilfegruppen. Hierarchien müssen anschliessend bewusst wiederhergestellt und neu etabliert werden.

Das meiste, was eine Gesellschaft am Laufen hält, ist bereits anarchistisch: Nachbarn helfen einander, Eltern kümmern sich um ihre Kinder, Freunde teilen Ressourcen. Der Staat rühmt sich dessen, was wir ganz natürlich tun. Jede Hierarchie braucht ständige Bestätigung durch Polizei, Propaganda, Sozialisierung und Drohungen. Gegenseitige Hilfe geschieht von selbst.

Wäre Hierarchie natürlich und vorteilhaft, bräuchte sie keine ständige Gewalt, um aufrechterhalten zu werden. Die Grundstruktur bräuchte keine Durchsetzung. Anarchie entsteht, wenn niemand zum Gehorsam gezwungen wird. Hierarchie muss aufgezwungen werden.

Das einfache Prinzip und was daraus folgt

Nun kommen wir zur eleganten Einfachheit der anarchistischen Theorie.

Sind Sie der Meinung, dass Menschen von anderen Menschen beherrscht werden sollten?

Nein? Dann bist du ein Anarchist.

Alles Weitere ergibt sich aus diesem einen Prinzip. Es ist nicht kompliziert; es geht lediglich um die konsequente Anwendung dieser Antwort in allen Lebensbereichen. Wenn Menschen nicht über andere Menschen herrschen sollten, müssen wir jedes System und jede Struktur ablehnen, die auf Herrschaft beruht.

In der Wirtschaft bedeutet das, Chefs abzulehnen. Wenn Menschen nicht über andere herrschen sollten, dann sollten Arbeiter nicht von Chefs beherrscht werden, die ihnen vorschreiben, was sie zu tun haben, wann sie es zu tun haben und den von ihnen geschaffenen Wert einstreichen. Das bedeutet, den Kapitalismus selbst abzulehnen, denn der Kapitalismus ist ein System, in dem Chefs über Arbeiter herrschen. Das bedeutet, Lohnarbeit abzulehnen: Wenn man seine Arbeitskraft verkaufen muss, um zu überleben, und jemand anderes die eigene Arbeit kontrolliert, wird man beherrscht. „Arbeiten oder verhungern“ ist Zwang, keine freie Wahl.

Es bedeutet, Privateigentum an den Produktionsmitteln abzulehnen. Wenn jemand eine Fabrik oder ein Grundstück „besitzt“ und andere ausschliessen kann, herrscht er über diejenigen, die darauf angewiesen sind. Eigentum ist nichts anderes als Macht über Ressourcen. Vermieter herrschen über Mieter, legen Regeln fest und verlangen Geld für die Nutzung eines Raumes. Miete, Gewinn, Zinsen: All das sind Methoden, um aus der Arbeit anderer Profit zu schlagen, ohne dass diese etwas beitragen. Das ist Ausbeutung, die eine Hierarchie zur Durchsetzung benötigt.

Politisch bedeutet dies, den Staat selbst abzulehnen, denn der Staat ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Institution, die das Recht beansprucht, über Menschen in einem Gebiet zu herrschen. Es bedeutet, Politiker und Repräsentanten abzulehnen, denn wenn Menschen nicht regiert werden sollen, sollten sie auch keine „Repräsentanten“ haben, die Entscheidungen für sie treffen. Niemand ausser Ihnen selbst kann Ihren Willen legitim vertreten. Es bedeutet sogar, Wahlen und Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form abzulehnen, denn Mehrheitsentscheidungen sind immer noch Herrschaft. 51 Prozent sollten nicht über 49 Prozent herrschen. Echter Konsens bedeutet, dass jeder Betroffene mitbestimmen kann, nicht nur eine Stimme unter Millionen zählt.

Es bedeutet, gewaltbasierte Gesetze abzulehnen und stattdessen auf freiwillige Vereinbarungen und soziale Normen zu setzen. Grenzen und Nationen, jene imaginären Linien, hinter denen eine Gruppe von Herrschern Autorität beansprucht, werden verworfen. Nationalismus ist nichts anderes als Loyalität gegenüber den eigenen Herrschern.

Im Sinne der Strafverfolgung bedeutet dies die Ablehnung der Polizei, die dazu dient, die Herrschaft des Staates durchzusetzen und Eigentum zu schützen – den bewaffneten Arm der Hierarchie. Die Ablehnung von Gefängnissen, die Käfige sind, in denen der Staat diejenigen einsperrt, die seine Regeln brechen. Bestrafung und Kontrolle, nicht Heilung oder Gerechtigkeit.

Gesellschaftlich bedeutet dies, Patriarchat, Homophobie und Transphobie, Rassismus und weisse Vorherrschaft, Ableismus, die Vorherrschaft Erwachsener über Kinder und religiöse Autorität überall dort abzulehnen, wo Führungskräfte Macht über das moralische Leben anderer beanspruchen. Ein einziges Prinzip, konsequent angewendet, demontiert jedes Herrschaftssystem, unter dem wir leben. Der Einwand lautet natürlich, dass all dies nicht erklärt, wie wir dieses Ziel erreichen.

Was entsteht, wenn Herrschaft aufgehoben wird?

Anarchismus beschränkt sich nicht nur auf das, was wir ablehnen. Es geht darum, was sich ganz natürlich ergibt, wenn Herrschaft verschwindet. Das ist kein utopisches Träumen, sondern die Beobachtung dessen, was Menschen bereits tun, wenn sie frei kooperieren können.

An Arbeitsplätzen gibt es statt Vorgesetzten Arbeiterkontrolle: Diejenigen, die die Arbeit tatsächlich verrichten, entscheiden gemeinsam über die Organisation ihrer Arbeit. Die Produktion verlagert sich vom Profit zum Nutzen. Wir stellen Dinge her, weil Menschen sie brauchen, nicht um sie zu verkaufen. Ressourcen werden Gemeingut: Land, Wasser, Werkzeuge und Wissen stehen allen zur Verfügung, anstatt von einzelnen Besitzern gehortet zu werden. Wenn niemand einen zwingen kann, tut man alles aus freiem Willen.

In Gemeinschaften, statt distanzierter Repräsentanten, gibt es direkte Beteiligung und Konsensfindung, bei der alle von einer Entscheidung Betroffenen an deren Entstehung beteiligt sind. Entscheidungen werden auf der lokalsten Ebene getroffen, eine breitere Abstimmung erfolgt nur bei wirklicher Notwendigkeit. Gemeinschaften sind horizontal vernetzt und entsenden Delegierte mit spezifischen Mandaten, die jederzeit abberufen werden können – keine Repräsentanten, die für alle entscheiden. Verantwortlichkeiten rotieren, damit niemand Macht anhäuft. Unterschiedliche Gemeinschaften organisieren sich unterschiedlich; genau das ist der Sinn. Freiheit bedeutet Vielfalt, Experimentierfreude und Anpassungsfähigkeit.

Statt Bestrafung setzt man in Konfliktsituationen und im Bereich der Sicherheit auf restaurative Gerechtigkeit: Schaden wird wiedergutgemacht und die Ursachen werden angegangen, indem Betroffene und Täter zusammengebracht werden, um Beziehungen wiederherzustellen. Gemeinschaften kümmern sich umeinander, und Verantwortliche werden von den Betroffenen selbst und nicht von distanzierten Behörden zur Rechenschaft gezogen. Kollektive Selbstverteidigung ist im Bedarfsfall erlaubt, aber es gibt keine permanente bewaffnete Truppe, die eine neue Hierarchie etablieren könnte.

Für ein freies Leben, statt aufgezwungener Rollen, erhält man Geschlechterbefreiung, sexuelle Freiheit und echte körperliche Selbstbestimmung. Universeller Zugang ersetzt Zahlungsbarrieren, sodass jeder Zugang zu Wohnraum, Nahrung, Gesundheitsversorgung und Bildung erhält. Lebensnotwendige Dinge werden nicht länger gehandelt.

Das Muster ist einfach: Hierarchie und Zwang beseitigen, fragen, was die Menschen freiwillig wählen würden, und genau das unterstützt der Anarchismus.

Vorwegnahme: Der Aufbau der neuen Welt jetzt

„Schön und gut“, könnte man sagen, „wenn wir bei null anfangen würden. Aber das tun wir nicht. Die Hierarchie existiert bereits, tief verwurzelt, mit Armeen, Polizei und jahrhundertelanger Machtanhäufung. Wie soll man da bloss von hier nach dort gelangen?“

Das ist eine berechtigte Frage, und hier die ehrliche Antwort: Es ist schwierig, aber die Beweislage deutet darauf hin, dass es möglich ist. Hierarchien lösen sich nicht von selbst auf. Sie verteidigen ihre Existenz mit Gewalt. Jede Herrschaftsstruktur hat Nutzniesser, die für ihren Erhalt kämpfen werden. Dies ist jedoch kein Argument gegen den Anarchismus. Es ist ein Argument gegen schrittweise Reformen.

Wenn man versucht, ein hierarchisches System von innen heraus zu verändern, indem man seine eigenen Mittel und Regeln nutzt, demontiert man es nicht, sondern trägt zu seiner Reproduktion bei. Man wählt bessere Politiker, und der Staat bleibt bestehen. Man verhandelt mit seinem Chef über höhere Löhne, und der Kapitalismus bleibt bestehen. Man fordert von der Polizei mehr Freundlichkeit, und die Polizei bleibt bestehen. Reformen bitten die Machthabenden um Erlaubnis, Macht einzuschränken. Die Machthabenden werden gerade so viele Zugeständnisse machen, dass eine Revolution verhindert wird, und sie dann wieder zurücknehmen, sobald der Druck nachlässt. Jeder von Sozialdemokraten aufgebaute Wohlfahrtsstaat wird abgebaut. Jeder Sieg der Gewerkschaften wird später untergraben. Jeder „progressive“ Politiker wird Teil des Systems, das er zu verändern versprochen hat.

Das System widersetzt sich Veränderungen nicht, weil die Menschen darin von besonderer Bösartigkeit wären. Es widersetzt sich Veränderungen, weil Systeme sich selbst erhalten. Ein Staat handelt stets, um den Staat zu erhalten. Der Kapitalismus handelt stets, um den Kapitalismus zu erhalten.

Ein anarchistischer Ansatz besteht darin, neben der Hierarchie Alternativen zu schaffen, anstatt sie zu reformieren. Dies nennt man Präfiguration, und sie ist eine der wichtigsten Ideen des Anarchismus. Die Mittel müssen den Zwecken entsprechen. Man kann keine freie Gesellschaft mit unfreien Methoden errichten. Man kann Hierarchie nicht abschaffen, indem man die Kontrolle über hierarchische Strukturen übernimmt. Die Revolution ist kein Ereignis, das stattfindet und anschliessend eine neue Welt hervorbringt; die Revolution ist die neue Welt, die jetzt, in der Art und Weise, wie wir uns heute organisieren, entsteht.

Präfiguration bedeutet, dass jedes anarchistische Projekt anarchistische Prinzipien in seiner Struktur verkörpert, nicht nur in seinen formulierten Zielen. Eine Arbeiterkooperative produziert nicht nur Güter, sondern demonstriert tagtäglich und konkret, dass Arbeiter ihre Angelegenheiten selbst regeln können, ohne von Vorgesetzten geleitet zu werden. Ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe verteilt nicht nur Lebensmittel, sondern setzt das Prinzip um, dass Menschen füreinander sorgen, ohne staatliche Weisung oder Erlaubnis. Wie wir uns organisieren, ist untrennbar mit dem verbunden, wofür wir uns organisieren.

Deshalb lehnen Anarchisten die Machtergreifung ab, um den Staat von innen heraus zu transformieren, oder die Gründung politischer Parteien, um Macht zu erlangen und diese zum Wohle aller einzusetzen. Selbst wenn man diesen Absichten vollkommen vertraute, verfälscht diese Methode das Ergebnis. Hierarchische Mittel führen zu hierarchischen Zielen. Jeder „vorübergehende“ Revolutionsstaat der Geschichte hat dies ausnahmslos bewiesen.

Wir warten also nicht auf Erlaubnis. Wir wählen niemanden, der Arbeiterkooperativen gründet, sondern wir und unsere Kollegen gründen selbst eine. Wir fordern vom Staat keine Ernährungssicherheit, sondern legen einen Gemeinschaftsgarten an und starten ein kostenloses Lebensmittelprogramm. Wir bitten die Polizei nicht um Schutz, sondern organisieren nachbarschaftliche Selbsthilfe und Konfliktlösung. Jede dieser Aktionen ist zugleich gelebte Solidarität und ein lebendiges Argument gegen Hierarchien. Jedes Mal, wenn es funktioniert, widerlegt es die Behauptung, wir bräuchten Herrscher.

Das geschieht bereits und schon seit Langem. Arbeiterkooperativen wie Mondragón beschäftigen fast hunderttausend Menschen. Cooperation Jackson baut in Mississippi eine Solidarwirtschaft auf. Die Zapatisten regieren sich seit dreissig Jahren selbst. In Rojava leben Millionen Menschen unter einem demokratischen Konföderalismus. Werkzeugbibliotheken und kostenlose Läden gibt es in Städten weltweit. Netzwerke gegenseitiger Hilfe mobilisierten sich während der Pandemie schneller als jede Regierung.

Keine dieser Gesellschaften wartet auf die Revolution. Sie sind die Revolution selbst, im Präsens ausgedrückt. Sie sind keine vorläufigen Entwürfe für eine zukünftige Gesellschaft. Sie sind diese Gesellschaft, bereits existierend, bereits funktionierend, bereits der Beweis, dass die hierarchischen Alternativen nicht unausweichlich sind.

Der Übergang ist kein einmaliger Moment, sondern ein Prozess. Da hierarchische Systeme den Bedürfnissen der Menschen nicht mehr gerecht werden, gewinnen unsere Alternativen an Notwendigkeit und Realitätsnähe. Menschen gründen Selbsthilfegruppen, weil der Staat sie im Stich gelassen hat. Sie organisieren Genossenschaften, weil der Kapitalismus sie ausgebeutet hat. Sie organisieren Selbstverteidigung, weil die Polizei sie nicht schützt. Jedes Mal, wenn sich jemand für die anarchistische Alternative anstelle der hierarchischen entscheidet, verliert die Hierarchie an Legitimität und Macht.

Das geschieht bereits: Hierarchien geraten ins Wanken, Staaten versagen, der Kapitalismus zersetzt sich selbst, und der Klimawandel zerstört die Systeme, die auf unendlichem Wachstum beruhen. Wir brauchen keinen perfekten Plan für die postrevolutionäre Gesellschaft. Wir müssen Alternativen entwickeln, die stark genug sind, um zu überleben, wenn die gegenwärtigen Systeme zusammenbrechen – und sie werden zusammenbrechen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann, und ob wir etwas Besseres als Ersatz parat haben oder in autoritäres Chaos abgleiten.

Der Übergang erfordert den Aufbau neuer Strukturen, während man unter den alten lebt. Er birgt Risiken: die Besetzung von Arbeitsplätzen, die Verteidigung von Gemeinschaften und die Verweigerung des Gehorsams. Er erfordert Solidarität über Grenzen und Unterschiede hinweg sowie Geduld und die Bereitschaft, zu experimentieren, zu scheitern und es erneut zu versuchen.

Doch bedenken wir die Alternative: weiterhin unter Systemen zu leben, die den Planeten zerstören, Milliarden ausbeuten und auf Autoritarismus und Zusammenbruch zusteuern. Darauf zu warten, dass sich diese Systeme reformieren. Im Glauben, dass die Hierarchie diesmal anders sein wird.

Was erfordert eigentlich mehr Vertrauen: der Glaube, dass Hierarchien plötzlich aufhören, hierarchisch zu sein, oder der Glaube, dass Menschen ihr Leben selbst organisieren können, wenn man ihnen die Chance dazu gibt?

Anarchismus verlangt nicht von dir, an eine Utopie zu glauben. Er fordert dich auf, schon heute damit zu beginnen, die Welt zu gestalten, in der du wirklich leben willst – in der Art und Weise, wie du deinen Arbeitsplatz, dein Umfeld und deine Beziehungen organisierst. Denn die Mittel sind der Zweck, die Praxis die Theorie, und die Zeit zum Handeln ist jetzt.


10.04.2026 Plattform für Frieden: Website ‚rausausderNATO.com‘ wird zur Informationszentrale ausgebaut

Mit ‚rausausderNATO.com‘ entsteht eine neue digitale Informationszentrale für Frieden – aufgebaut von einem Initiatoren- und Programmierungsteam.

Nach erfolgreicher Programmierung und Erreichen von mehr als 4.000 Unterzeichnern steht ein wesentlicher Schritt zur umfassenden weiteren Unterstützung der Friedensbewegung im deutschsprachigen Raum auf der Tagesordnung.

„In der rechten Spalte der Homepage bringen wir seit Beginn vor einem Dreivierteljahr ständig aktualisierte Meldungen und Informationen zu den Themen NATO, Krieg und Frieden sowie Veranstaltungen. Dieses System von Anreissern mit Verlinkung zu wichtigen Webseiten und Blogs wie zum Beispiel Pressenza, German Foreign Policy, Nachdenkseiten, Globalbridge, Rationalgalerie bauen wir zu einer Informationszentrale aus, in der die verlinkten Beiträge dauerhaft gespeichert und für die Nutzer über eine Suchfunktion abrufbar sind.“

Dazu wird es Raum für die Präsentation von Veranstaltungen, relevanten Büchern etc. geben.

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11.04.2026 Neue KI wird für Hacker und Terroristen zur Traumwaffe

Neuer KI-Agent kann Stromnetze, Spitäler oder Militäranlagen lahmlegen. Bereits hat er kritische Sicherheitslücken aufgedeckt.

Als Vizekanzlerin im Bundeshaus von 1991 bis 2005 leitete die Autorin verschiedene Digitalisierungsprojekte. Heute verfolgt Hanna Muralt Müller die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in ihren Newslettern.

Zurzeit schlägt der neue Agent von Anthropic, «Claude Mythos Preview», hohe Wellen. Im Gegensatz zu einem Chatbot, der auf eine Frage eine Antwort gibt, kann ein KI-Agent ein Ziel selbstständig verfolgen. Er plant, führt aus und liefert dir ein Ergebnis zurück.

Der neue Agent habe bisher unentdeckte Sicherheitslücken in der Software von sicherheitsrelevanten Anlagen gefunden und könne in den falschen Händen zur verheerenden Cyberwaffe werden. Tatsächlich hat sich KI in den letzten Monaten mit exponentieller Geschwindigkeit entwickelt, wie im Folgenden aufgezeigt wird. Die Schlussfolgerungen [...] sind disruptiv – aber es gibt Hoffnung.

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12.04.2026 Abstimmung über Sklaverei enthüllt die Absichten des Westens | Evarist Bartolo

Wenn Sie glauben, dass der Westen seine Vergangenheit mit Sklaverei oder Kolonialismus bereut, denken Sie noch einmal nach. Die jüngste Abstimmung in der UNO zeigt deutlich, dass der politische Westen NICHTS aus seinen Sünden gelernt hat und sich darauf freut, sie zu wiederholen. Heute spreche ich mit dem ehemaligen maltesischen Aussenminister Evarist Bartolo über die UN-Abstimmung zu Sklaverei-Entschädigungen, westliche Enthaltungen und Opposition, den Zusammenhang zwischen Sklaverei, Kolonialismus und heutiger Macht, Entschädigungen für Sklavenhalter, Haiti, die Beziehungen zwischen Afrika und Europa, den wachsenden Druck der globalen Mehrheit sowie den umfassenderen Kampf um Vorherrschaft, Schulden, Krieg und Solidarität.

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Zum Artikel mit Videos zur UN Resolution

Das Abstimmungsergebnis dieser Resolution:

Abstimmungsresultat


12.04.2026 Durchgesickert: Grossbritannien exportiert die Geheimdienste des GCHQ ins Ausland

Übersetzung des Artikels von Kit Klarenberg

Durchgesickerte Dokumente enthüllen, wie der westliche Regierungsauftragnehmer Torchlight, dessen Mitarbeiter aus britischen Militär- und Geheimdienstveteranen bestehen, weltweit verdeckt „kommerzielle und staatliche Auftraggeber“ in den Strategien des GCHQ für digitale Spionage und Cyberkriegsführung schulte. Die für militärische und psychologische Kriegsführung sowie Regimewechsel im Ausland entwickelten, verdeckten Techniken zur „Diskreditierung, Störung, Verzögerung, Verweigerung, Schwächung und Abschreckung“ von Gegnern und Bevölkerungsgruppen sind zu einer Ware geworden, die von nicht genannten Akteuren des privaten Sektors und des Staates unreguliert eingesetzt werden kann.

Zentral für diese Bemühungen war der GCHQ-Mitarbeiter Andrew Tremlett . Als Leiter der digitalen Aufklärung bei Torchlight war er „verantwortlich für alle Programme mit übergreifender SIGINT- (Signalaufklärung), Cyber-, elektronischer Kriegsführungs- oder OSINT-Dimension (Open Source Intelligence).“ Einem durchgesickerten Lebenslauf zufolge arbeitete er über 18 Jahre für den britischen Geheimdienst, „hauptsächlich“ für den GCHQ. Eine seiner Hauptaufgaben war die „Zusammenarbeit mit internationalen Partnern beim Aufbau und der Entwicklung von Nachrichtendiensten“. Mit anderen Worten: der Aufbau von Pendants zu MI5, MI6 und GCHQ im Ausland.

Diese Aktivität soll nicht nur dem betreffenden Gastland, sondern auch der britischen Regierung einen grossen Nutzen gebracht haben, indem sie eine dauerhafte Partnerschaft im Bereich des Nachrichtenaustauschs begründete. Tremlett verbrachte jedoch einen bedeutenden Teil seiner Karriere in der berüchtigten Joint Threat Research Intelligence Group (JTRIG) des GCHQ. Diese geheimnisvolle Einheit, die 2014 von NSA-Whistleblower Edward Snowden entlarvt wurde, spielt eine zentrale Rolle in den Aktivitäten des GCHQ und führt die abscheulichsten Operationen der Behörde durch.

Dies umfasst Cyberangriffe und Propagandamassnahmen, wie beispielsweise die Verbreitung von Massenbotschaften gegen Zielländer, Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen über soziale Medien, wobei der Schwerpunkt auf „unangenehmen Informationen“ liegt. Auch Operationen unter falscher Flagge, bei denen JTRIG bösartige Aktionen durchführt, die den Anschein erwecken sollen, als sei ein Gegner dafür verantwortlich, gehören zu den Kernaufgaben der Einheit. JTRIG war beteiligt massgeblich an der Verbreitung von Propaganda für Aufstände während des Arabischen Frühlings, während gleichzeitig versucht wurde, den langjährigen Machthaber Simbabwes, Robert Mugabe, zu stürzen und zu verhindern, dass Argentinien die Annexion der Falklandinseln annektiert.

Neben dem Aufbau „strategischer und dauerhafter Beziehungen zu ausländischen Partnern und der damit einhergehenden Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten des GCHQ“ leistete Tremlett „direkte spezialisierte Unterstützung im Bereich Nachrichtendienst“ für britische Spezialeinheiten, darunter den SAS, in den Bereichen „Terrorismusbekämpfung“ und „Aufstandsbekämpfung“. Dadurch war er für die Unterstützung „der spezialisiertesten und diskretesten Bereiche der Operationen britischer Spezialeinheiten“ verantwortlich. Torchlight nutzte Tremletts Erfahrung in diesen Bereichen gezielt als wichtiges Verkaufsargument, um seine Trainingsprogramme kommerziellen und staatlichen Kunden anzubieten.

„Gerätebeschlagnahme“

Weitere durchgesickerte Torchlight-Dokumente geben unverblümten Einblick in die Schulungen des Unternehmens für „staatliche Auftraggeber“, die im Geheimen und auf Kosten Londons durchgeführt wurden. So bemühte sich das Unternehmen beispielsweise von Juni 2019 bis März 2020, die Fähigkeiten der Beweiserhebungsbehörden der streng geheimen Sicherheits- und Nachrichtendienste Jordaniens zu verbessern, insbesondere im Bereich der digitalen Medienauswertung. Die Absolventen lernten, „effektiv Daten von digitalen Geräten zu extrahieren“ und so die Überwachung im Inland sowie Strafverfolgungen zu unterstützen und gleichzeitig den Austausch von Beweismitteln zwischen Amman und London zu ermöglichen.

Andrew Tremlett leitete die Initiative. Laut Projektakten spielte er eine entscheidende Rolle bei der Ermittlung des Bedarfs Jordaniens in den gewünschten Bereichen. Nach einem Besuch im Hauptquartier der Direktion für Öffentliche Sicherheit in Amman konnte der GCHQ-Mitarbeiter durch enge Zusammenarbeit digitale forensische Dokumentationen einsehen, eine Vor-Ort-Besichtigung durchführen, digitale forensische Praktiken beobachten und sich in informellen Gesprächen mit Mitarbeitern über deren Fähigkeiten, Ausbildung, Verständnis und Bewusstsein austauschen. Dieses Insiderwissen, so die Prognose, würde entscheidend für die Umsetzung echter Veränderungen und die Verbesserung der Fähigkeiten sein.

Tremletts wichtigste Erkenntnis war, dass Jordaniens Spezialisten für digitale Forensik zwar hardware- und softwareseitig „zufriedenstellend ausgestattet“ seien, aber nicht ausreichend geschult, um das Potenzial ihrer Ausrüstung voll auszuschöpfen. Sie seien auch nicht in der Lage, diese Ressourcen für die Zusammenarbeit zwischen Grossbritannien und Jordanien oder den Austausch von Beweismitteln zu nutzen. Beispielsweise verwenden die jordanischen Geheimdienste EnCASE, eine gerichtlich zugelassene Software für digitale Forensik , die Beweismittel von digitalen Geräten analysieren, sammeln und sichern kann. Ebenso nutzt Jordaniens Spionageapparat FTK, das versteckte oder gelöschte Daten, einschliesslich des Browserverlaufs, von Festplatten und Smartphones aufspüren kann.

Besonders beunruhigend ist, dass auch Ammans Geheimdienste Zugriff auf Cellebrite haben. Seit der Markteinführung 2007 gibt es zahlreiche Kontroversen um das israelische „Forensik“-Tool. Das Unternehmen entsandte Mitarbeiter nach Saudi-Arabien, um Smartphones zu hacken. Cellebrites Technologie unterstützt häufig die Verfolgung von Dissidenten in Bahrain und führt zu deren Inhaftierung, Folter und langen Haftstrafen aufgrund politischer Anschuldigungen. Zwischen 2017 und 2018 unterstützte Cellebrite die westlich orientierte Regierung Myanmars bei der Verfolgung von Reuters-Journalisten, die staatlich angeordnete, völkermörderische Angriffe auf die Rohingya-Bevölkerung des Landes aufdeckten.

Solche Skandale haben westliche Regierungen nicht davon abgehalten, die Technologie des Unternehmens in grossem Umfang einzusetzen . Offenbar bilden britische Polizei-, Sicherheits- und Geheimdienste keine Ausnahme. Die Leaks belegen, dass Tremlett ein Experte im Umgang mit Cellebrite ist. Seine „umfangreiche“ Erfahrung auf diesem Gebiet soll Jordan angeblich „zusätzliche Einblicke in die digitale Auswertung und die Frage geben, wie die durch Gerätebeschlagnahmung und -analyse gewonnenen Informationen den Nachrichtendienstzyklus verbessern und andere Informationsquellen, wie beispielsweise Open-Source-Spionage, bereichern können“.

Dass Amman heimlich in den dunkelsten Machenschaften des GCHQ geschult wurde, ist beunruhigend. Kritik am jordanischen Herrscher, König Abdullah II. – einem Mitglied der haschemitischen Dynastie, die nach dem Ersten Weltkrieg von den Briten eingesetzt wurde und ein Veteran der britischen Armee ist – oder an Staatsbeamten und -institutionen ist ein Verbrechen, das mit Gefängnis bestraft wird. Unzählige Menschen sitzen im Gefängnis, weil sie die herrschende Elite Ammans online nur milde verurteilen. Journalisten im In- und Ausland bewegen sich ständig auf dünnem Eis, da ihnen bei der Veröffentlichung von „Fake News“ über die jordanische Regierung Verhaftung und Gefängnis drohen.

Die Repression in Jordanien verschärfte sich nach dem Ausbruch des Völkermords im Gazastreifen deutlich. Bis April 2024 wurden mindestens 1.500 Menschen wegen ihrer Teilnahme an Solidaritätsdemonstrationen für Palästina verhaftet. Viele Aktivisten wurden von Amman aufgrund des viel kritisierten Cyberkriminalitätsgesetzes verfolgt, das politische Äusserungen in sozialen Medien unter Strafe stellt. Allein im Jahr 2021 , dem Jahr nach dem Ende der Torchlight-Schulungen, gab es 6.605 separate Anklagen nach diesem weitreichenden Gesetz. Neuere Zahlen liegen nicht vor.

„Online-Verhalten“

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass Tremletts Position beim GCHQ stark auf „Terrorismusbekämpfung“ und „Aufstandsbekämpfung“ ausgerichtet war. Durchgesickerte Folien einer JTRIG-Präsentation aus dem Jahr 2012 liefern Beispiele dafür, wie die Einheit ausländische Gegner auf diese Weise ins Visier nahm. Unbestimmte „Aktivitäten im Iran“ wurden vage als erfolgreiches Beispiel für Blogbeiträge angeführt. Die Taliban durch eine Flut von Textnachrichten, Anrufen und Faxen massiv zu stören und gleichzeitig die Online-Präsenz ihrer Mitglieder zu löschen, wurde ebenso hoch gelobt. Letzteres Vorgehen wurde als „äusserst lästig“ bezeichnet.

Tremletts Expertise in der „Auswertung beschlagnahmter Medien“, die er im Rahmen seiner Tätigkeit für JTRIG erworben hat, wirft Fragen darüber auf, was „kommerzielle und staatliche Kunden“ tatsächlich von Torchlight lernen. Die durchgesickerte JTRIG-Präsentation erwähnt wiederholt das Platzieren von Informationen auf „kompromittierten“ Zielgeräten, darunter gegebenenfalls auch „potenziell belastende Informationen“. Cellebrite ermöglicht es Endnutzern bekanntermassen, beschlagnahmte Smartphones und Computer zu entsperren. Die Leichtigkeit, mit der fälschlicherweise belastende Daten auf beschlagnahmten Geräten platziert werden können, ist offensichtlich.

An anderer Stelle werden in der Präsentation Methoden zur „Diskreditierung eines Zielobjekts“ vorgestellt. An erster Stelle steht: „Eine Lockvogel-Falle aufstellen … eine hervorragende Option … sehr erfolgreich, wenn sie funktioniert … jemanden dazu bringen, sich im Internet oder an einem realen Ort aufzuhalten, wo ihn eine vermeintlich freundliche Person erwartet. JTRIG kann die Umgebung gelegentlich manipulieren.“ Weitere Optionen umfassen das Ändern der Fotos des Zielobjekts in sozialen Netzwerken, das Verfassen eines Blogbeitrags, in dem man sich als Opfer ausgibt, und das Versenden von E-Mails oder SMS an Kollegen, Nachbarn, Freunde usw.

Ein separates, durchgesickertes Dokument über die Operationen von JTRIG vermerkt, dass die Einheit „YouTube-Videos mit ‚überzeugenden‘ Botschaften hochlädt… Facebook-Gruppen, Foren, Blogs und Twitter-Konten einrichtet, um Diskussionen zu einem Thema anzuregen und zu überwachen… Online-Pseudonyme/Persönlichkeiten etabliert, die die Botschaften in YouTube-Videos, Facebook-Gruppen, Foren, Blogs usw. unterstützen… Online-Pseudonyme/Persönlichkeiten etabliert, die andere Pseudonyme unterstützen.“ JTRIG richtet ausserdem „gefälschte Handelsseiten ein… die möglicherweise das Geld von Kunden einziehen und/oder ihnen minderwertige oder gefälschte Produkte zusenden.“

Das Dokument enthält ausserdem Beispiele für die Online-Aktivitäten von JTRIG im Bereich der menschlichen Aufklärung. Solche Initiativen beinhalten typischerweise die Erstellung eines Online-Alias/einer Online-Persönlichkeit mit Facebook-Seite und Mitgliedschaft in relevanten Webforen. Diese falschen Identitäten „freunden sich“ dann mit einem Zielobjekt an, um es auszuspionieren oder sein Verhalten zu beeinflussen. Die Interaktionen mit dem Zielobjekt können durch eine Kombination aus Signalaufklärung, Überwachung des Online-Verhaltens des Zielobjekts und Informationen, die MI6 vor Ort sammelt, unterstützt werden. Online-Interaktionen können wiederum den Kontakt zu MI6 im realen Leben erleichtern.

In der detaillierten Beschreibung der „Antiterror“-Initiativen von JTRIG gegen Muslime im In- und Ausland sowie irische Republikaner wird der Einheit die Beteiligung an der „Unterbindung der Verbreitung extremistischen Materials im Internet, der Diskreditierung extremistischer Websites und Einzelpersonen/Gruppen, der Durchführung von Online-Aufklärung und dem Hosting extremistischer Websites“ zugeschrieben, um Personen in ein künstliches Netz zu locken. Tremletts Rolle bei der Schulung von Torchlights Unternehmens- und Regierungskunden in Techniken der „elektronischen Kriegsführung“ deutet darauf hin, dass diese Strategien längst nicht mehr ausschliesslich JTRIG vorbehalten sind.

Im Zuge dessen verfügen unzählige Akteure nun über die Technologie und das Wissen, um die destruktiven Methoden der JTRIG unbemerkt und ohne öffentliche Aufmerksamkeit gegen ihre eigenen Rivalen, Gegner und Bevölkerungsgruppen einzusetzen. Es ist nahezu unvermeidlich, dass Länder wie Jordanien, wenn nicht viele andere, die Techniken der Einheit genutzt haben, um Palästina-Solidaritätsaktivisten und andere unbequeme „innere Feinde“ zu verfolgen. Die Opfer ahnen nicht, dass die Spur ihrer Repression dank Torchlight direkt nach London führt.


14.04.2026 Die Angstökonomie: Psychische Gesundheit unter der Diktatur des Kapitals

Übersetzung des Artikels von Future Dude

Warum weit verbreitete psychische Belastung kein persönliches Versagen ist – sondern eine vorhersehbare Folge eines Systems, das darauf ausgelegt ist, Sie zu erschöpfen

Wenn Sie das Gefühl haben, dass alle um Sie herum innerlich zerbrechen, aber trotzdem zur Arbeit gehen, Rechnungen bezahlen und so tun, als wäre alles in Ordnung – dann bilden Sie sich das nicht ein. Sie sehen lediglich eine Gesellschaft, die das menschliche Leben in einen Schnellkochtopf verwandelt und das als „normal“ bezeichnet.

Wir erleben gerade etwas, das immer wieder fälschlicherweise als individuelle Krise bezeichnet wird.

Depression. Angstzustände. Burnout. Überlastung durch ADHS. Chronischer Stress. Schlafstörungen. Emotionale Taubheit.

Die offizielle Version lautet: Die Menschen haben mit psychischen Problemen zu kämpfen.

Doch betrachtet man die Dinge aus einer anderen Perspektive, ergibt sich ein anderes Bild. Es handelt sich nicht um eine vereinzelte Epidemie individueller Funktionsstörungen. Es ist ein koordiniertes gesellschaftliches Ergebnis. Ein vorhersehbares psychologisches Nebenprodukt der Lebensorganisation im Kapitalismus.

Kein Fehler. Ein Feature.

Das System versagt nicht einfach nur bei der Unterstützung der psychischen Gesundheit. Es schafft aktiv die Bedingungen, die sie untergraben – und verkauft den Menschen, die es destabilisiert hat, dann nur eine teilweise Linderung.

Das ist der Trick.

Die Architektur der Erschöpfung

Lasst uns den moralischen Nebel lichten.

Im Spätkapitalismus ist Überleben als kontinuierliche Leistung strukturiert. Man arbeitet nicht einfach nur – man optimiert. Man lebt nicht einfach nur – man vermarktet seine Zeit, Aufmerksamkeit, Persönlichkeit und sogar seine Erholung.

Ruhe wird zu etwas, das man rechtfertigen muss. Müdigkeit wird zu einem persönlichen Makel. Der Kampf wird zu einem individuellen psychologischen Problem anstatt zu einer rationalen Reaktion auf strukturellen Druck.

Das Ergebnis ist eine Bevölkerung, die permanent am Rande ihrer emotionalen Erschöpfung lebt.

Die Menschen sind nicht einfach nur „beschäftigt“. Sie sind chronisch überlastet, und zwar in einem Ausmass, das ausserhalb von Zwangssystemen – Plantagenarbeit, industrieller Disziplinierung, Kriegswirtschaft – historisch beispiellos ist. Der Unterschied ist, dass dies heute als Freiheit verkauft wird.

Aus „Du kannst alles schaffen“ wird stillschweigend „Du musst alles tun, sonst bleibst du zurück“.

Und ins Hintertreffen zu geraten ist nicht nur wirtschaftlich – es ist existenziell. Wohnungsunsicherheit, Gesundheitskosten, Schuldenfalle und prekäre Arbeitsverhältnisse bedrohen nicht nur die materielle Sicherheit. Sie zermürben das Nervensystem.

Du machst dir nicht nur Sorgen um die Miete. Du trägst die Miete in deinem Körper.

Atomisierung als Politik

Einer der am meisten unterschätzten Faktoren für psychische Belastungen ist die soziale Fragmentierung.

Gemeinschaften, die einst Belastungen auffingen – Grossfamilien, Arbeitssolidarität, Nachbarschaftsnetzwerke – wurden systematisch geschwächt. An ihre Stelle tritt transaktionale Interaktion: Kollegen, Apps, Dienstleistungen, Plattformen.

Alles ist „verbunden“, doch fast nichts bietet soziale Stabilität.

Das ist kein Zufall. Die Atomisierung ist wirtschaftlich vorteilhaft. Ein isolierter Mensch ist leichter zu führen, abhängiger von Lohnarbeit und eher bereit, Instabilität als persönliche Verantwortung zu übernehmen.

Doch der Mensch ist nicht für Isolation unter Druck geschaffen. Daher tut das Nervensystem, was es kann: Es passt sich schlecht, aber beharrlich an.

Daher der Aufstieg von:

Wenn Sie sich geistig zerstreut fühlen, ist das kein Wunder. Es ist eine Anpassung an unhaltbare Bedingungen.

Die Privatisierung der Notlage

Hier ist einer der brutalsten ideologischen Schachzüge des Systems: Es privatisiert das Leid.

Wenn Sie sich überfordert fühlen, liegt es an Ihrer Gehirnchemie.
Wenn du erschöpft bist, liegt es an deinen Bewältigungsstrategien.
Wenn du depressiv bist, liegt es an deiner Einstellung.

In diesem Rahmen ist die Gesellschaft niemals die Quelle – sondern nur der individuelle Körper und das Gehirn.

Das ist praktisch, weil es die Politik vom Schmerz trennt.

Es macht strukturelle Gewalt zum Therapieinhalt.

Not enough healthcare? Try mindfulness.
Precarious work? Try gratitude journaling.
Gesellschaftlicher Zusammenbruch? Versuchen Sie es mit Atemübungen.

Nichts davon ist an sich bedeutungslos. Doch sie werden zu ideologischen Fallen, wenn sie materielle Veränderungen ersetzen.

Eine Gesellschaft kann sich nicht selbst beruhigen, um strukturelle Belastungen zu bewältigen.

Mieterhöhungen lassen sich nicht durch Meditation verhindern.

Die Wirtschaft braucht ein aus dem Gleichgewicht geratenes Nervensystem.

Hinter all dem verbirgt sich eine noch härtere Wahrheit: Instabilität ist profitabel.

Aus einer ruhigen, sicheren und sozial eingebundenen Bevölkerung lässt sich schwerer Nutzen ziehen. Eine gestresste, verunsicherte und isolierte Bevölkerung ist weitaus produktiver – bis sie zusammenbricht.

Chronischer Stress hält Menschen davon ab, sich zu vermehren.

Das ist keine Verschwörung – es geht um die Angleichung von Anreizen.

Das System muss Ihre Erschöpfung nicht bewusst planen. Es muss lediglich Strukturen belohnen, die sie erzeugen. Und das tut es konsequent.

„Psychische Krise“ als Fehldiagnose

Dies als Krise der psychischen Gesundheit zu bezeichnen, ist so, als würde man Smog als Atemwegserkrankung bezeichnen.

Ja, die Menschen leiden psychisch. Die Ursache liegt jedoch im Umfeld, nicht im Individuum.

Was wir erleben, ist ein soziales Nervensystem unter chronischer Überlastung:

Wenn die Zukunft nicht mehr stabil erscheint, kann der Geist nicht vollständig in der Gegenwart zur Ruhe kommen. Er bleibt wachsam, scannt die Umgebung und erwartet den drohenden Zusammenbruch.

Dieser Zustand hat in der klinischen Sprache einen Namen: Überlebensmodus.

Und nun stell dir vor, das Ganze würde auf Millionen von Menschen gleichzeitig übertragen.

Das ist keine Krise der Köpfe. Das ist eine Krise der Umstände.

Der stille Zusammenbruch, den niemand beim Namen nennen will.

Besonders brisant an diesem Moment ist, dass die Menschen inmitten des Trümmerhaufens immer noch funktionsfähig sind.

Sie gehen zur Arbeit. Sie beantworten E-Mails. Sie bezahlen Abonnements. Sie erfüllen ihre Verpflichtungen.

Innerlich geht es vielen aber nicht gut.

Es besteht eine zunehmende Kluft zwischen äusserem Funktionieren und innerer Kohärenz. Menschen verhalten sich „normal“, aber ihre Erfahrungen sind zerrissen.

Deshalb fühlt sich in letzter Zeit alles etwas unwirklich an. Als ob die Gesellschaft eher aus Gewohnheit als aus Stabilität weitermacht.

So ist es.

Und die Menschen können es spüren, auch wenn sie es nicht immer in Worte fassen können.

Was folgt daraus tatsächlich?

Wenn wir diese Analyse ernst nehmen, sind die Implikationen für die gängigen Narrative unangenehm.

Es bedeutet:

Mit anderen Worten: Um Heilung in grossem Umfang zu erreichen, muss das Umfeld, das den Schaden verursacht, verändert werden.

Nicht metaphorisch. Sondern wörtlich.

Die menschliche Basislinie ist nicht dies

Eine der stillsten Lügen des modernen Lebens ist, dass dieses Stressniveau normal sei.

Das ist es nicht.

Der Mensch ist nicht für permanente Dringlichkeit, finanzielle Unsicherheit und soziale Zersplitterung in Verbindung mit Informationsüberflutung geschaffen.

Was wir hier sehen, ist nicht die „menschliche Natur“. Es handelt sich vielmehr um Systemdesign, das sich durch die menschliche Psychologie ausdrückt.

Und Systeme können neu gestaltet werden.

Schlussgedanke

Wenn Menschen Angst, Verwirrung und Erschöpfung empfinden, ist das kein Zeichen kollektiver Schwäche.

Es ist ein Signal.

Eine Gesellschaft, die ständige psychische Belastung benötigt, um zu funktionieren, ist nicht gesund – sie ist nur in dem Masse stabil wie ein gespanntes Gummiband.

Zur Zeit.

Die Frage ist nicht, warum die Menschen Schwierigkeiten haben.

Die Frage ist, wie lange ein System so viel Leid verursachen kann, bevor irgendetwas darin schliesslich nachgibt.


Ohne Transparenz gibt es kein Vertrauen

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"Die Verpflichtung zum Widerstand beginnt dort, wo man erstens das Verbrechen und den Katastrophenweg erkennt, und zweitens die Möglichkeit hat, etwas dagegen zu tun" (Kurt Sendtner)

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Reden und diskutieren wir mit Andersdenkenden - Setzen wir uns für unsere Anliegen ein - Demonstrieren wir - Seien wir Ungehorsam - Handeln wir friedlich.

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