Autoritarismus, Totalitarismus, Faschismus: Teil 04
ab Juni 2026


10.06.2026 «Westdeutsche sind deutsch sprechende Amerikaner»: Björn Höcke über Identität und die Zukunft

Zum Video von DIE WELTWOCHE mit Björn Höcke

Maschinelle Zusammenfassung des Transkripts

Wichtiger Vorab-Hinweis: Das gesamte Gespräch ist kein Interview im Sinne einer kritischen Befragung, sondern eine Plattform. Roger Köppel agiert nicht als Journalist, der Höcke stellt, sondern als ein sympathetischer Moderator, der Höcke durchgängig bestärkt, zustimmt und dessen Narrative lediglich anfüttert.

Zusammenfassung des Kerninhalts

Höcke entwirft das Bild einer Deutschland in einer existenziellen, beispiellosen Krise, die er auf eine Kombination aus (1) demografischem Niedergang, (2) "millionenfacher Zuwanderung aus kulturfremden, nicht integrierbaren Kulturen" und (3) einer "Identitätslosigkeit" zurückführt.

Die Hauptargumente sind:

1. Die These der "Entfremdung": Das deutsche Volk sei nach 1945 systematisch von seinen "Ursprüngen" und seiner "Identität" entfremdet worden. Die Sieger hätten ihm "die Züge entstellt" (unter Berufung auf Brecht). Die Nachkriegs-BRD sei eine "Biedermeier-Republik" gewesen, die nur im "Windschatten der USA" als Vasallenstaat existieren konnte.

2. Ablehnung der westlichen Prägung: Höcke lehnt die "postmoderne" Entwicklung des Westens (Gender, LGBTQ+, "Klimaetologie") als "Dekadenz" ab. Er unterscheidet sich klar vom "Westen" und behauptet, Deutschland sei seinem Wesen nach nicht-westlich.

3. Die Ost-West-Dichotomie: Er konstruiert einen tiefen Graben: Im Osten seien die Menschen noch "Deutsche" (mit Familie, Vaterland, Kultur), während der Westen eine "Ersatzidentität" (europäisch, amerikanisiert) ausgebildet habe. Er erwähnt wohlwollend, dass sich manche im Osten sogar eine "Sezession" von Westdeutschland wünschten.

4. Verschwörungsideologische und revisionistische Geschichtsbilder:

5. Forderungen: "Selbstbefreiung" von den Fesseln der Erinnerungskultur, ein Friedensvertrag (der 2+4-Vertrag sei keiner), mehr direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild, ein Ende der "Kriegsrhetorik" gegen Russland und eine Rückkehr zu einer deutschen Ordnungsfunktion in Europa.

Fokussierte Beurteilung aus der Perspektive von Faschismus-, Rechtsextremismus- und Nazitumsforschung

1. Geschichtsrevisionismus und Relativierung des Nationalsozialismus (Einstiegsdroge des Rechtsextremismus):

Höcke betreibt hier eine systematische geschichtsrevisionistische Entlastung des deutschen Nationalstaats. Indem er das Kaiserreich glorifiziert, die alleinige Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg bestreitet und die Kolonialgeschichte reinwäscht, schafft er das narrative Fundament, um die Singularität des Nationalsozialismus infrage zu stellen. Sein Satz "Es ist nicht in deutschem Namen passiert" ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr und dient der Aufhebung der kollektiven Verantwortung. Die Forderung, die "Siegergeschichtsschreibung" zu beenden, ist ein Kernanliegen der extremen Rechten in ganz Europa.

2. Ethnopluralismus und völkischer Nationalismus (Kern des modernen Faschismus):

Höckes Konzept von "Identität" ist exklusiv völkisch und ethnokulturell. Das Problem ist nicht eine bestimmte Politik, sondern die Anwesenheit von Menschen aus "kulturfremden" Gesellschaften. Die Aussage, die Schweiz werde in zwei Generationen untergehen, weil die "Schweizer" dann in der Minderheit seien, offenbart einen biologistischen Volksbegriff, der deckungsgleich mit dem der Neuen Rechten ist. Er ist kein Rassist im Sinne der NS-Rassenlehre, aber ein glasklarer Ethnopluralist (gleiches Recht für verschiedene Völker, aber strikte Trennung), der in der Forschung als Schlüsselideologie des modernen Rechtsextremismus gilt.

3. "Umgekehrter Totalitarismus" und Feindbild "System":

Höcke übernimmt verschwörungsideologische Konzepte (Sheldon Wolin), um die liberale Demokratie als eigentlich totalitär umzudeuten. Die "Altparteien" sind für ihn ein "Kartell", die Eliten sind "vom Hegemon (USA) eingesetzt" und handeln "im fremden Auftrag". Diese Systemüberwindungsrhetorik ist kein populistischer Stammtisch, sondern die argumentative Vorbereitung für einen Bruch mit der Verfassungsordnung. Souverän sei nur, wer die Staatsgewalt in Händen hält – und das Volk sei nicht souverän. Das ist eine direkte Infragestellung des repräsentativ-demokratischen Prinzips der BRD.

4. Die "Versöhner"-Maske als Strategie:

Höckes Selbstbezeichnung als "Versöhner" ist eine perfide Taktik. Die *tatsächliche* Versöhnung würde eine Anerkennung der eigenen historischen Schuld und die Hinwendung zu den Opfern bedeuten. Höckes "Versöhnung" meint hingegen die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst – durch die Abstreifung der "Schuldkomplexe" und die Rückgewinnung eines ungebrochenen Nationalstolzes. Diese "Versöhnung" richtet sich *gegen* die liberale, demokratische und weltoffene Nachkriegsordnung, die er als "Selbsthass" pathologisiert.

5. Faschismus-Potenzial (kein Nazitum im engeren Sinne, aber faschistische Strukturmerkmale):

Höcke ist kein Hitler-Nachahmer, aber seine Ideologie weist strukturelle Ähnlichkeiten mit faschistischen Bewegungen auf:

Gesamturteil

Das Interview ist weniger ein journalistisches Produkt als vielmehr ein rechtsradikales Kampfdokument. Björn Höcke präsentiert sich hier geschliffen, intellektuell und scheinbar gemässigt, entfaltet jedoch das gesamte ideologische Spektrum der Neuen Rechten und des Ethnopluralismus: Geschichtsrevisionismus, Systemfeindschaft, elitäre Verschwörungstheorien, biologistische Volkskonzepte und eine tiefe Feindseligkeit gegenüber dem demokratischen Verfassungsstaat der Bundesrepublik.

Roger Köppel versagt in seiner Rolle als Interviewer vollständig. Statt zu widersprechen, einzuordnen oder nachzufragen, liefert er selbst Stichworte (z. B. "Europa als Vaterlandsersatz"), relativiert Höckes Aussagen (z. B. "Die Amerikaner sind die Kinder Europas") und bestätigt dessen Selbstbild als "Versöhner". Damit macht sich die *Weltwoche* zur willigen Bühne für einen rechtsextremen Akteur, der die demokratische Grundordnung Deutschlands beseitigen will.

Fazit: Höcke ist ein intellektueller Faschist des 21. Jahrhunderts, der die Sprache der Geschichtsphilosophie und Kulturkritik nutzt, um einen völkischen, antipluralistischen und autoritären Gegenentwurf zur liberalen Demokratie zu propagieren.

***

Kommentar: Eine Prüfung der rechtsextremen Parteien und Organisationen auf Verfassungsfeindlichkeit ist angesagt. Das klingt wie ein Widerspruch mit der menschenrechtlich vorgesehenen freien Meinungsäusserung in einer Demokratie. Die Prüfung rechtsextremer Parteien auf deren Verfassungskonformität allein ist solange kein Widerspruch, als die Prüfung ans Handeln und die konkrete Gefahr anknüpft, nicht an die Gesinnung allein. Die Menschenrechte schützen demokratiefeindliche Ideen, nicht aber das organisiert-aggressive Bekämpfen der Verfassungsordnung selbst.

Die tatsächliche Spannung liegt in der praktischen Anwendung: Wie verhindert man, dass diese Prüfung zur politischen Waffe wird? Wie wahrt man rechtsstaatliche Stringenz bei fliessenden Grenzen zwischen strafloser verfassungsfeindlicher Meinung und bekämpfendem Handeln? Und wie viel Stigmatisierung darf eine Beobachtung auslösen, die noch kein Verbot ist? Das sind Fragen der Rechtsanwendung.

Falls es Zweifel geben sollte an der Orientierung der SVP, so wird auch durch dieses Video klar, dass die SVP auf der Linie der AfD ist: Roger Köppel wird ideell von Christoph Blocher getragen. Sie teilen weltanschauliche Grundlinien ("konservativ", "patriotisch", EU-skeptisch), Blocher anerkennt und fördert Köppel und Köppel rückt in seine Rolle als meinungsführender Kopf der nationalkonservativen Bewegung nach. Blocher erhält durch Köppels Weltwoche eine der einflussreichtsten Medienplattformen der Schweiz. Köppel erhält durch Blochers stillen, massgeblichen rückhalt die nötige ideelle Rückendeckung, um seine Rolle als meinungsstarker Publizist und Politiker zu festigen.

Köppel wird institutionell (SVP Nationalratsmandat 2015-2023, Listenplatz bei den Nationalratswahlen, Plattform mit Zugang zu Fraktionssitzungen und -ressourcen / Parlamentarischen Gremien /Parteiveranstaltungen und Rednerbühnen / Netzwerk aus Partei- und Funktionärsstrukturen) von der SVP getragen. Und Köppel trägt die SVP publizistisch via Weltwoche.


13.06.2026 Amnesty nennt Berichte «erschütternd» und fordert Ermittlungen

Schweizer wurden im Mittelmeer entführt und gefoltert. Geht uns nichts an, sagt das EDA. Amnesty International widerspricht. Daniel Ryser für die Online-Zeitung INFOsperber Nachdem Infosperber die Zeugnisse zweier Schweizer Staatsangehöriger dokumentiert hat, die im Mai als Teil der Global Sumud…

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13.06.2026 Israel darf mit dem Gazacide nicht durchkommen

Europarat-Preisträger Rami Abou Jamous über sein journalistisches Durchhalten in Gaza.

upg. Am 19. Mai wurde der palästinensische Journalist mit demNord-Süd-Preis des Europarats ausgezeichnet. Jamous war Gründer der Agentur GazaPress, die westlichen Journalisten Hilfe und Übersetzungen anbot. Im Oktober 2023 musste er unter dem Druck der israelischen Armee seine Wohnung in Gaza-Stadt zusammen mit seiner Familie verlassen. Sie flohen nach Rafah, dann nach Deir El-Balah und später nach Nusseirat. Nach einer erneuten Flucht infolge des Bruchs des Waffenstillstands durch Israel am 18. März 2025 kehrte Rami am 9. Oktober 2025 mit seiner Familie nach Gaza-Stadt zurück. An der Preisverleihung in Lissabon las Portugals Präsident António José Seguro aus dem «Gaza-Tagebuch« von Rami Abu Jamous vor (Video hier).
Infosperber dokumentiert die leicht gekürzte Dankesrede von Jamous, die er per Video aus Gaza hielt. Zwischentitel von der Redaktion.

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13.06.2026 «Ich starrte an die Wand. Neben mir wurde ein Mann verprügelt»

Schläge, Schüsse, Schlafentzug: Eine weitere Schweizerin der Global Sumud Flotilla erhebt Vorwürfe gegen israelische Soldaten.

Die Global Sumud Flotilla — über fünfzig Schiffe mit Hilfsgütern für Gaza, gestartet aus der Türkei — wurde am 18. Mai 2026 von israelischen Streitkräften in internationalen Gewässern abgefangen. 428 Zivilisten wurden festgehalten — ohne Zugang zu Anwälten. Infosperber hat das Zeugnis des Waadtländers Nathan Hausheer dokumentiert, wie er auf einem israelischen Gefängnisschiff geschlagen und getasert wurde. Hier folgt ein zweites: Sibel, eine weitere Schweizer Teilnehmerin, schildert schwere Misshandlungen durch staatliche Akteure. Das EDA liess die Frage unbeantwortet, ob es eine Untersuchung fordern werde.

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13.06.2026 Warum Europa den Autoritarismus für Israel befürwortete

Übersetzung des Artikels von Scheer Post

Diese Woche hat Grossbritannien die Visa des linken amerikanischen Influencers Hasan Piker und des Podcasters Cenk Uygur widerrufen, die beide bei Veranstaltungen in Oxford und London auftreten sollten.

Die britische Regierung hat sich nicht zu den Gründen geäussert, aber es liegt auf der Hand, dass es an ihren Ansichten zu Israel lag. Piker und Uygur sind im eigentlichen Sinne des Wortes nicht radikal. Sie zählen zu den gemässigten Progressiven und stehen dem AOC-Flügel der Demokraten nahe. Uygur war früher Republikaner. Sie rufen nicht zur Revolution auf, sondern zum Wählen und zu den üblichen sozialdemokratischen Massnahmen. Nichts in ihren Reden ist konventionell radikal, hasserfüllt oder ruft zu Gewalt auf. Doch sie lehnen Völkermord und Israel ab, und das ist radikal genug, um ein Einreiseverbot nach Grossbritannien zu riskieren.

Obwohl dies ein erschreckendes Mass an Autoritarismus in einer vermeintlich liberalen Demokratie darstellt, ist die Entscheidung nicht allzu überraschend. Von der Einstufung der gewaltlosen Protestgruppe Palestine Action als Terrororganisation über die Massenverhaftung friedlicher Demonstranten gegen den Völkermord bis hin zu den geheimen Terrorismusanklagen gegen pro-palästinensische Aktivisten – die Hinwendung Grossbritanniens zu autoritären Methoden zugunsten Israels zieht sich wie ein roter Faden durch die Labour-Regierung von Keir Starmer.

Die unglaubliche Wendung besteht darin, dass das Verbot für Piker und Uyghur mehr Aufmerksamkeit und Kontroversen ausgelöst hat, als es je der Fall gewesen wäre, sie bei der Veranstaltung sprechen zu lassen, und dass Labour von der Rechten, die sie ohnehin hasst, genau null Stimmen bekommen wird.

Auf den ersten Blick wirkt die Entscheidung, ähnlich wie das harte Vorgehen gegen pro-palästinensische Aktivisten, das Labour Stimmen an die Grünen gekostet hat, politisch geradezu lächerlich. Doch wie mir nach der Veröffentlichung dieser Ansicht auf Twitter bewusst wurde, muss ich bedenken, dass Politik hier vielleicht gar nicht der springende Punkt ist. Ich muss bedenken, dass rationale politische Kalkulationen in Bezug auf Israel für die meisten westlichen Regierungen keine Rolle spielen. Vielleicht ist bedingungslose Unterwerfung unter Zionisten und den Zionismus die einzig relevante Position. Vielleicht ist es das einzig Sinnvolle, zu signalisieren, dass man bereit ist, alles für Israel zu tun, ungeachtet der innenpolitischen Konsequenzen. Und erschreckenderweise müssen wir in Betracht ziehen, dass je schlimmer die Konsequenzen, desto besser . Das mag einerseits unlogisch erscheinen, aber es spricht einiges dafür, dass ein gewählter Politiker umso mehr profitiert, je mehr Leid er für Israel erträgt. Wenn nicht politisch, dann sicherlich persönlich und finanziell.

Ich denke, diese Analyse enthält viel Wahres, und ich verstehe, warum es vielen Menschen zunehmend schwerfällt, Ereignisse anders zu interpretieren. Dennoch fällt es mir schwer, dies als vollständige Erklärung zu akzeptieren. Meiner Meinung nach liegt die umfassendere Erklärung darin, dass der wahlentscheidende, sklavische Zionismus schlichtweg ein Kernbestandteil der Antipolitik des Zentrums ist. Eine Antipolitik, die – entgegen aller Beweise – an einer mythischen Mitte festhält, in der ein Antifaschist mit einem Faschisten gleichgesetzt wird. Ich habe diese Leute aus nächster Nähe kennengelernt, und ihre Fähigkeit, völlig falsche Gleichsetzungen zwischen "Extremen" vorzunehmen, nur um sich dadurch in ihrer überholten politischen Ideologie sicherer zu fühlen, ist schwer nachzuvollziehen. Sie verweisen auf das Einreiseverbot für Rechtsextreme in Grossbritannien und auf symbolische progressive Zugeständnisse wie die Anerkennung Palästinas und die Sanktionen gegen einige israelische Siedler als Beweis ihrer zentristischen Aufrichtigkeit. Sie glauben tatsächlich, einen Mittelweg gefunden zu haben, indem sie sich gegen faschistische Reden stellen. und antifaschistische Reden halten, und erkennen aufgrund ihres gehirngewaschenen Zionismus nicht, dass ihre Unterstützung für einen Apartheidstaat, der Völkermord begeht, materiell faschistischer Natur ist.

Aber das betrifft natürlich nicht nur Grossbritannien.

Auch Frankreich und Deutschland gehen hart gegen pro-palästinensische Stimmen vor und arbeiten daran, Kritik an Israel unter Strafe zu stellen, im Rahmen einer jämmerlichen Politik des "Antiextremismus", die auf der Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus beruht.

Letzten Monat verweigerte Frankreich die Einreise dem palästinensischen Menschenrechtsaktivisten Shawan Jabarin . Diese Entscheidung fiel zwei Wochen, nachdem das Land die Europaabgeordnete Rima Hassan wegen ihrer pro-palästinensischen Unterstützung verhaftet hatte. Frankreich treibt zudem ein Gesetz voran, das Kritik an Israel mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft . Deutschland verfolgt eine ähnliche Repressionsstrategie und geht hart gegen antiisraelische Kritik vor, indem es Demonstrationen verbietet, Aktivisten verhaftet, pro-palästinensische Parolen als antisemitisch einstuft und pro-palästinensischen Persönlichkeiten die Einreise verweigert. Die EU hat ausserdem die Bankkonten von Kritikern Israels und der NATO eingefroren, um in ihrem verzweifelten Versuch, die Deutungshoheit über den Status quo zurückzugewinnen, die Konten von Israel- und NATO-Kritikern gesperrt.

Obwohl dies die prominentesten Versuche sind, Antizionismus als Hassrede zu definieren, sind Polizeigewalt und Repression gegen pro-palästinensische Aktivisten selbst in Ländern wie Spanien, die als palästinensisch gesinnt gelten, an der Tagesordnung. Erst diese Woche wurde eine schwangere Palästinenserin von der niederländischen Polizei brutal zu Boden geworfen und misshandelt, nachdem ihr Ehemann, ein Palästinenser aus Gaza, wegen angeblicher Ruhestörung festgenommen worden war.

All dies geschieht natürlich, während Gaza in ein regelrechtes Konzentrationslager verwandelt wurde, in dem 1,8 Millionen Menschen in Zelten auf nur 133 Quadratkilometern Fläche zusammengepfercht leben, während sie weiterhin wahllos aus der Luft ermordet werden und Krankheiten grassieren.

Doch für die meisten europäischen Regierungen, insbesondere jene, die von traditionellen Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien dominiert werden, ist die Brutalität der israelischen Siedler im Kolonialismus kein Beispiel für Extremismus. Sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen europäischer Bürgerinnen durch israelische Soldaten gelten nicht als Extremismus, der Anlass zu übermässiger Besorgnis oder Verurteilung gäbe. Nein, die wahren Extremisten sind in ihren Augen diejenigen, die sich gegen die Errichtung palästinensischer Konzentrationslager, gegen israelische Vergewaltigungslager und gegen den Völkermord an den Palästinensern aussprechen.

Es steht ausser Frage, dass der Zionismus eine totalitäre Ideologie ist, die Europa tiefgreifend durchdrungen hat und in einer Krisenzeit die massiven Widersprüche zwischen dem proklamierten und dem in der Praxis gelebten Liberalismus des Kontinents offengelegt hat. Es genügt jedoch nicht, allein den Zionismus für die politischen Konturen des wachsenden europäischen Autoritarismus verantwortlich zu machen. Auch Grossbritannien beispielsweise verurteilt friedliche Umweltaktivisten zu jahrelangen Haftstrafen.

Ich denke, es ist zutreffender zu sagen, dass der etablierte Status quo zwangsläufig zionistisch ist, und eine zentristische Antipolitik, die für nichts anderes steht als für die Aufrechterhaltung des gewalttätigen und unterdrückenden Status quo, ist ein perfektes politisches Vehikel für eine solche Ideologie.

Israel ist ein wichtiges europäisches Projekt und eine wertvolle geopolitische Erweiterung des gewalttätigen Status quo, und es ist absolut sinnvoll, eine natürliche Neigung zum Autoritarismus zu nutzen, um es zu schützen.

***

Frage: Ist das mit ein Grund, weshalb das EDA der Schweiz die missbrauchten Sumud-TeilnehmerInnen im Stich lässt?


13.06.2026 So sieht Faschismus aus

Übersetzung des Artikels von Richard Murphy

Beachten Sie die Ähnlichkeit des Aufrufs zur Wut mit dem, was Farage gefordert hat.

Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. Die Verbreitung von Hass auf diese Weise ist die toxische Wirkung, mit der wir es tatsächlich zu tun haben:

Übersetzung des Kommentars von JD Vance auf X: "Henry Nowak starb auf dieselbe Weise, wie eine Zivilisation stirbt: im Stich gelassen, in Handschellen gelegt von Autoritäten, die ihm weder vertrauten noch sich um ihn kümmerten, und beschuldigt von Hassverbrechen, die er nicht begangen hatte. Sein Mord ist ebenso tragisch wie empörend. Er sollte heute noch leben, und er würde es auch, wenn die letzten Generationen europäischer Eliten der Politik des Selbsthasses und der Masseninvasion von Migranten, von denen viele den Westen und die Menschen, die ihn lieben, verachten, standhaft entgegengetreten wären. Henry war bei Weitem nicht der Erste, der so sinnlos sein Leben verlor, und ich fürchte, er wird nicht der Letzte sein. Jedes Mal, wenn ein Leben wie seines ausgelöscht wird, ist die einzig angemessene Reaktion berechtigter Zorn. Eines der wichtigsten Dinge, die die Trump-Regierung der Welt bewiesen hat, ist, dass die Eindämmung der Massenmigration und die Verteidigung der nationalen Souveränität eine Frage des politischen Willens und der Führung sind. Alles andere ist eine Ausrede. Weil wir den Westen lieben, wollen wir ihn bewahren. Wir lieben unsere Zivilisation. Wir lieben unser Land. Wir lieben unsere Kinder. Und niemand – absolut niemand – sollte jemals so sterben, wie Henry Nowak gestorben ist. Möge Gott denen Trost spenden, die ihn liebten, und seiner Seele Frieden schenken."

Henry Nowak wurde ermordet. Jeder Mord ist eine Tragödie, aber soweit wir wissen, handelte es sich nicht um ein rassistisch motiviertes Verbrechen. Selbst wenn es eines gewesen wäre, war es die Tat eines Einzelnen. Daraus lässt sich kein systemisches Versagen ableiten.

Die Polizei mag Fehler gemacht haben, aber sie erhielt zwar glaubwürdige, aber zutiefst irreführende Informationen, und das trug zum Tod von Henry Nowak bei.

Auf dieser Grundlage Hass zu schüren, ist das, was Faschismus, das Böse und die bewusste Untergrabung der Demokratie ausmacht.

Und ich möchte hinzufügen, dass Vizepräsident JD Vance die Tötung von Renée Good und Alex Pretti durch ICE-Beamte in Minneapolis Anfang des Jahres verteidigt hat. Sein Urteilsvermögen ist ohnehin schon stark zweifelhaft.

Und er versucht, die Rassenspaltung in Grossbritannien [Anm.: und andernorts] zu fördern.

Es ist unsere Aufgabe, dem Widerstand zu leisten.

Die Ausgrenzung und der offene Rassismus in diesem Tweet sind verwerflich und verdienen es zu Recht, als faschistisch bezeichnet zu werden, denn genau das ist es meiner Meinung nach.


17.06.2026 Die Labour-Abgeordneten sind entschlossen zu zeigen, dass sie Israel und nicht das britische Volk vertreten.

Übersetzung des Artikels von Jonathan Cook

Die Labour-Partei will die Unterdrückung von Palestine Action als politisches Vorbild nutzen. Warum sperren sie nicht gleich Oppositionsführer und alle Wähler ein, die gegen die Regierungspolitik protestieren?

Mike Tapp, ein Minister im Innenministerium, veröffentlichte kürzlich auf X eine bissige Antwort auf die Kritik des Grünen-Vorsitzenden Zack Polanski an der Entscheidung der Labour-Regierung, Palestine Action zu verbieten.

Nach dem Urteil des Berufungsgerichts in dieser Woche, das das Verbot bestätigte, kritisierte Polanski den autoritären Angriff der Regierung auf die Bürgerrechte. Tausende Grosseltern – pensionierte Anwälte, Ärzte, Pfarrer, Kriegsveteranen – seien, wie er betonte, allein wegen Terrorismusvorwürfen verhaftet worden, weil sie ein Plakat mit der Aufschrift "Ich bin gegen Völkermord. Ich unterstütze die Palästina-Aktion." hochhielten.

Daraufhin fragte Tapp Polanski: "Unterstützen Sie die Palestine Action Gruppe?"

Dies war Tapps Versuch, Polanski in eine Falle zu locken. Sollte Polanski die Frage bejahen, drohten ihm bis zu 14 Jahre Haft – aufgrund der beispiellosen Entscheidung von Tapps eigenem Innenministerium, Palestine Action als terroristische Organisation einzustufen.

Noch nie zuvor wurde eine direkte Aktionsgruppe in der Geschichte Grossbritanniens als Terrororganisation eingestuft, gleichrangig mit al-Qaida und dem Islamischen Staat.

Tapp glaubte offenbar, besonders clever zu sein. Doch in Wirklichkeit legte er damit nur den hässlichen, offenkundig autoritären Charakter der Regierung, der er dient, und deren Mitschuld an Israels endlosen Gräueltaten im Gazastreifen erneut offen.

Tapp ist in all dem kein unbeteiligter Dritter. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Labour Friends of Israel, des völkermörderfreundlichen Flügels der Labour-Partei, der das Kabinett dominiert.

Der investigative Journalist Paul Holden bemerkte auf X:

Tapp hat Gelder und Vergünstigungen von Labour Together, Labour Friends of Israel und Stuart Roden erhalten, der zusammen mit Judah Taub das israelische Risikokapitalunternehmen Hetz Ventures gegründet hat. Taub ist ein ehemaliger Angehöriger der israelischen Spezialeinheiten und diente als Reservist in Gaza.

Die Labour-Regierung ist vollgestopft mit kompromittierten Personen wie Mike Tapp, die in Grossbritannien als Israels Fürsprecher fungieren.

Darüber hinaus, oder wahrscheinlicher als Folge davon, erhalten viele dieser Minister, von Keir Starmer abwärts, hohe Spenden von der Israel-Lobby.

Polanski antwortete Tapp: " Die Tatsache, dass Ihre Regierung es mir untersagt hat, mit Ja zu antworten, ist ein vernichtendes Zeugnis Ihrer eklatanten Missachtung der bürgerlichen Freiheiten."

Der McCarthy-ähnliche Tapp ist kein Einzelfall in der Labour-Partei. Er ist ihr Herzstück. Es war sein Parteiflügel , der im Auftrag der Israel-Lobby und durch die verdeckten, illegalen Aktivitäten von Labour Together dazu beitrug, in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre eine imaginäre "Antisemitismuskrise" in der Partei zu inszenieren.

Ihr Ziel war es, mit antidemokratischen Mitteln Jeremy Corbyn und seine Anhänger aus der Labour-Partei zu vertreiben und die Kontrolle über die Politik wieder den Unternehmensspendern und der Israel-Lobby zu übertragen.

Während Tapp diese Woche versuchte, den einzigen jüdischen Vorsitzenden einer grossen britischen Partei ins Gefängnis zu bringen, kam heraus, dass ein anderer Labour-Abgeordneter, Peter Kyle, eine seiner Wählerinnen in Brighton bei der Polizei angezeigt hatte. Sie wurde festgenommen und angeklagt, nachdem sie ihm einen Brief geschrieben hatte, in dem sie gegen die Unterstützung der Regierung für den israelischen Völkermord im Gazastreifen protestierte.

Kyle war offenbar der Ansicht, dass die Frau, indem sie ihm, ihrem Abgeordneten, schrieb, gegen das Kommunikationsgesetz verstossen habe, indem sie ihn "belästigte". Vermutlich empfindet Kyle es als lästig, an die Mitwirkung seiner Partei am Völkermord erinnert zu werden.

Und vermutlich stellt er sich auch vor, dass in seiner Version der Demokratie Abgeordnete niemals von denjenigen, die sie vertreten, zu ethischen Fragen, wie etwa der Mittäterschaft an einem Völkermord, befragt werden sollten.

Erstaunlicherweise stimmte die Staatsanwaltschaft zu, Kyles Fall vor Gericht zu verfolgen, was einmal mehr beweist, dass sie nichts anderes als ein Anhängsel der Exekutive ist.

Als seltenes Zeichen für die Unabhängigkeit der Justiz – zumindest auf ihren unteren Ebenen – hat ein örtlicher Richter den Fall diese Woche abgewiesen.

Es gibt natürlich einen gemeinsamen Nenner in diesen beiden Fällen: Beide Labour-Abgeordneten hofften, mit dem Gesetz die Kritik an der anhaltenden Unterstützung ihrer Partei für den Völkermord in Israel unterdrücken zu können.

Sie glauben, ihre autoritäre Unterdrückung von Palestine Action könne als Blaupause für die britische Politik dienen. Warum sperren sie nicht Oppositionsführer und jeden Wähler ein, der es wagt, gegen ihr kriminelles Verhalten zu protestieren?

So betreibt Starmers Labour-Partei Politik: durch Einschüchterung, Desinformation und Schauprozesse.

Und sie tun es nicht zu unserem Nutzen oder, wie sie immer wieder betonen, im Interesse der "nationalen Sicherheit".

Nein, sie tun es zum Nutzen einer ausländischen Regierung, die selbst in Israel als die extremistischste in ihrer Geschichte angesehen wird und zu der selbsternannte Faschisten gehören, die Israels ehemaliger Generalstabschef Moshe Yaalon diese Woche mit den Nazis verglich.

Die Starmer-Regierung bedient sich tiefster faschistischer Instinkte – sowohl ihrer eigenen als auch der des britischen Staates. Und da Nigel Farages Reformpartei ihr dicht auf den Fersen ist, besteht wenig Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage.


19.06.2026 Der Witz geht auf unsere Kosten.

Der Rückzug auf satirische Angriffe auf Trump und seine Anhänger befeuert die Verfestigung des Faschismus.

Die Witzfiguren, die den Faschismus mit seiner Scharlatanerie, seinem Schwachsinn, seiner Gewaltbereitschaft und seiner grotesken Hypermaskulinität orchestrieren, sind ein gefundenes Fressen für Satire. Es ist leicht – wie es Late-Night-Comedians tun und wie es die Kabaretts für die Nazis in Berlin taten –, die Schläger, Aussenseiter und Mittelmässigkeiten an den Pranger zu stellen, die die Macht innehaben und faschistischen Hass verbreiten. Doch diese Form der Satire verblendet ihre Gegner für ihre zerstörerische Kraft und ihren mörderischen Kern. Sie ignoriert die wahren Machtzentren. Sie erzeugt keinen Widerstand. Sie erzeugt Verachtung und Zynismus. Sie vertieft die soziale und politische Kluft zwischen uns, der "aufgeklärten" und "gebildeten" Elite, und ihnen, dem verachteten und verspotteten "Haufen von Unwürdigen".

Es gibt zwei Formen der Satire. Die der gebildeten Eliten, die die kommerziellen Medien dominiert, verspottet die Schwächen und Anmassungen Trumps und seiner glücklosen Anhänger. Diese Satire greift weder Konzerne noch die Rüstungsindustrie an. Sie ignoriert den Verfall unserer politischen Institutionen, einschliesslich der Demokratischen Partei, die Trump hervorgebracht hat. Sie gibt vor, in einer Demokratie zu leben. Sie nährt Zynismus statt Widerstand. Sie ist gekennzeichnet durch eine widerwärtige moralische und intellektuelle Überheblichkeit und eine herzlose Herabwürdigung der Unterschicht. Sie fördert die sozialen Spaltungen und die Entfremdung, die den Faschismus nähren.

Antonio Gramsci warnte davor, dass elitäre Satire kontraproduktiv sei. Er forderte einen "leidenschaftlichen Sarkasmus", der die Machtapparate ins Visier nehme. Satire, so schrieb er, müsse die vorherrschenden Mythen und Ideologien, die Kapitalismus und Faschismus stützen, geisseln. Sie müsse nicht nur den moralischen und intellektuellen Bankrott des Faschismus aufdecken, sondern auch die berechtigten Beschwerden derer anerkennen, die in seinem Bann stünden. Sie müsse sich auf die Institutionen konzentrieren, die Ungerechtigkeit und soziale Ungleichheit fortführen.

"Trump war auch notwendig, um die Scheinprogressiven zu entlarven, die liberalen Anti-Trump-Imperialisten, die in ihrer Opposition gegen Trumps Iran-Abkommen nur wie kriegstreiberische imperialistische Psychopathen wirken können", schreibt Nate Bear . "Von all denen, die in den sozialen Medien Memes über die Kapitulation teilen, von den Demokraten und den CNN-Kommentatoren, die das Abkommen verurteilen, bis hin zu Jimmy Fallon, der Trump dafür kritisiert, dass er dem Iran das von den USA gestohlene Geld zurückgegeben hat – es gibt keine Alternative zu den endlosen Bombardierungen des Iran. Es gibt keine Wut der Liberalen über die toten Iraner, nicht auf den imperialistischen Staat, nicht auf den Zionismus oder die tief verwurzelte Todesmaschinerie, die diese Gewalt erst ermöglicht hat. Nein, sie schämen sich einfach nur für das Imperium. Und sie wollen die Grenzen dieses Imperiums nicht anerkennen."

Elitäre Satire – ob in "Saturday Night Live" oder anderen Late-Night-Shows – zielt auf die Schwächeren ab. Sie verleitet Liberale zu dem Glauben, die skrupellosen und korrupten Machthaber seien zu dumm und unfähig, um lange an der Macht zu bleiben. Millionen politischer Exilanten verstehen, dass diese Selbsttäuschung, dieses Versäumnis, Faschisten ernst zu nehmen, den Faschismus erst ermöglicht. Auch sie hielten die Schurken, die heute ihre Länder regieren, einst für einen Witz.

Die türkische Schriftstellerin Ece Temelkuran, die vom Regime Recep Tayyip Erdoğans ins Exil getrieben wurde, in ihrem Buch " Nation of Strangers: Rebuilding Home in the 21st Century " das bekannte Muster: beschreibt

Es beginnt mit einer Bewegung, die die Gesellschaft spaltet: das "wahre Volk" gegen die "korrupte Elite". Ihr Anführer behauptet, allein er verkörpere das "wahre" Volk. Im nächsten Schritt wird die Wahrheit ausgelöscht und Loyalität über Anstand gestellt. Dann wird die Scham beseitigt. Mit beispielloser Unnachgiebigkeit bricht der Anführer den langjährigen politischen und moralischen Konsens. Je länger er an der Macht bleibt, desto weiter dehnen sich die Grenzen des Akzeptablen aus. Was einst undenkbar oder verabscheuungswürdig schien, wird allmählich normal. Während die Institutionen, die die Demokratie zusammenhalten, stillschweigend ausgehöhlt und die Definition von Demokratie auf blosse Mehrheitsherrschaft reduziert wird, werden universelle Werte – Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit – durch einen fanatischen Nationalismus, ein stolzes Opferbewusstsein und eine Geschichtsfälschung ersetzt. Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit gelten als gerechtfertigt, nicht nur in den höchsten politischen Kreisen, sondern sickern auch in den Alltag ein. Der Kreis derer, die zu "uns" gehören, schrumpft, während Millionen von Mitbürgern zu permanenten Verdächtigen erklärt werden.

Wie Temelkuran warnt, beschwichtigen die Amerikaner, wie auch jene in anderen Nationen, die diesen Weg bereits beschritten haben, ihre Ängste, indem sie immer wieder dieselbe trügerische Aussage wiederholen: "Die Institutionen werden halten." Sie wagen es noch nicht, ihr zukünftiges Land anzuerkennen, und bald werden sie nicht mehr als Bürger anerkannt werden, es sei denn, sie befolgen die neuen Regeln in Trumps Amerika.

Komiker wie Kimmel funktionieren ähnlich wie der Kabarettstar Fritz Grünbaum, der während der Nationalsozialistenzeit einmal, als während einer Vorstellung der Strom ausfiel, witzelte: "Ich sehe nichts, absolut nichts; ich muss wohl in die nationalsozialistische Kultur geraten sein." Grünbaum landete schliesslich – zusammen mit anderen Schauspielern, Künstlern und Satirikern – im Konzentrationslager Dachau, wo er an Tuberkulose starb.

Die Nazis schlossen die Kabaretts – wie alle Institutionen, die sich der Naziherrschaft widersetzten – umgehend und ersetzten sie durch seichte Unterhaltungsshows. Sie hassten Spott genauso sehr wie Trump, der nach Stephen Colberts letzter Sendung höhnisch verkündete, Colbert sei "fertig" und nannte ihn einen "totalen Idioten". Trump teilte ausserdem ein KI-generiertes Video, in dem er Colbert in einen Müllcontainer warf, den Deckel zuschlug und tanzte. Trump schrieb, Colberts Abgang sei der "Anfang vom Ende" für andere Late-Night-Moderatoren.

Witze über Diktatoren in totalitären Regimen sind strafbar. Satire ist in faschistischen Staaten nur dann zulässig, wenn sie dazu dient, politische Gegner und dämonisierte Minderheiten zu verspotten. Sie ist verboten, wenn sie sich gegen Machtzentren richtet. Wie Gramsci bereits feststellte, erfordert die Machtkonsolidierung von Faschisten den Sieg im "Kulturkampf", indem sie den öffentlichen Diskurs dominieren, die Sprache – einschliesslich der Satire – kontrollieren und soziale, kulturelle und politische Normen neu definieren.

Elitäre Satire ist ein Ventil für Druck. Doch weil sie sich weigert, die Wurzeln unseres politischen, sozialen und kulturellen Verfalls – der bereits vor Trumps Präsidentschaft bestand – anzugehen, verfestigt sie das faschistische Projekt, das sie zu zerstören sucht. Sie reduziert die Katastrophe auf das Spektakel um Trump: die unterwürfigen Kabinettsmitglieder, die ICE-Barbie oder Robert F. Kennedy Juniors bizarren Krieg gegen die Medizin. Sie thematisiert nicht unsere gescheiterten demokratischen Institutionen – die Hochschulen, Wahlen, Gerichte, den Kongress oder die Medien. Sie lenkt die Aufmerksamkeit von den Milliardären und Konzernen ab, die Regulierungen massiv abgebaut, Sparmassnahmen und Deindustrialisierung durchgesetzt und das Wirtschafts- und Politiksystem verzerrt haben, um den grössten Vermögenstransfer nach oben in der Geschichte der USA zu ermöglichen. Sie thematisiert weder die mörderische Rüstungsindustrie noch den Sicherheitsapparat im Inland, der uns zur am meisten beobachteten, überwachten, ausspionierten, verfolgten und fotografierten Bevölkerung in der Geschichte der Menschheit macht.

Diese elitäre Satire vereinfacht die komplexen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kräfte, die wir überwinden müssen. Sie ignoriert die verborgenen Kräfte, die Trump hervorgebracht haben, oder huldigt ihnen. Gramscis "leidenschaftlicher Sarkasmus" ist zu revolutionär und zu wahrheitsgetreu, als dass er von Medienkonzernen wie CBS ausgestrahlt werden könnte.

"Lachen ist unsere Reaktion auf unmittelbare Widersprüche und solche, die uns im Wesentlichen nicht betreffen", bemerkte der Theologe Reinhold Niebuhr in "Humor und Glaube". "Glaube ist die einzig mögliche Antwort auf die fundamentalen Widersprüche der Existenz, die den Sinn unseres Lebens selbst bedrohen."

"Im Allerheiligsten gibt es kein Lachen", fuhr Niebuhr fort. "Dort wird das Lachen vom Gebet verschlungen, und der Humor findet seine Erfüllung im Glauben."

Wenn Satire das Ziel ist, ist sie schädlich. Sie verschleiert, was kommen wird. Sie muss, wie Niebuhr betonte, der Ausgangspunkt sein. Sie muss uns, wie Gramsci erkannte, zu nüchterner Analyse und zur Organisation von Massenbewegungen drängen, die uns allein vor Tyrannei retten können. Sie darf nicht länger einer polarisierten Nation in die Hände spielen, in der sich die gegnerischen Fraktionen gegenseitig als unverbesserlich abtun. Sie muss anerkennen, dass angesichts der Schwere der vor uns liegenden Probleme Lachen nicht ausreicht.


15.07.2026 Die SVP rüttelt am Rechtsstaat

Auch im Ausland wird sie bewundert: die direkte Demokratie der Schweiz. Ein Bundesrichter sieht aber auch Grundrechte in Gefahr.

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Die SVP präsentiert sich als Anwältin des Volkswillens. Tatsächlich verschiebt sie jedoch seit Jahren die politischen Koordinaten, indem sie die direkte Demokratie immer wieder gegen rechtsstaatliche Prinzipien ausspielt. Nicht die Volksrechte sind das Problem, sondern ihre Instrumentalisierung.

Die Schweiz lebt von einer starken direkten Demokratie. Sie funktioniert aber nur, solange Mehrheitsentscheide mit Grundrechten, Minderheitenschutz und Gewaltenteilung vereinbar bleiben. Genau an dieser Grenze setzt die Strategie der SVP an. Mit Initiativen wie dem Minarettverbot, der Ausschaffungsinitiative, der Selbstbestimmungsinitiative oder der Begrenzung der Personenfreizügigkeit wurden wiederholt Vorlagen lanciert, die nach Einschätzung zahlreicher Juristinnen und Juristen fundamentale Verfassungsprinzipien, internationales Recht oder rechtsstaatliche Garantien infrage stellen.

Der ehemalige Bundesrichter Niccolò Raselli sieht darin ein Muster: Volksabstimmungen werden genutzt, um den Vorrang der Grundrechte zu relativieren, die Justiz unter politischen Druck zu setzen und Minderheitenschutz als Hindernis des vermeintlichen Volkswillens darzustellen. Demokratie wird so auf das blosse Mehrheitsprinzip reduziert. Doch eine liberale Demokratie besteht aus mehr als Abstimmungen. Sie lebt ebenso von unabhängigen Gerichten, verbindlichen Grundrechten und dem Schutz jener, die gerade keine Mehrheit hinter sich haben.

Gerade deshalb ist die direkte Demokratie kein Freipass für jede politische Forderung. Sie setzt eine politische Kultur voraus, die Respekt vor dem Rechtsstaat und den Rechten anderer kennt. Wer den Volkswillen über Verfassung, Menschenrechte und Gewaltenteilung stellt, verteidigt nicht die Demokratie, sondern verändert ihren Charakter grundlegend.

Die eigentliche Gefahr besteht deshalb nicht in den Volksrechten selbst, sondern in ihrer populistischen Vereinnahmung. Wenn demokratische Instrumente dazu dienen, rechtsstaatliche Schranken abzubauen, Minderheiten auszugrenzen oder internationales Menschenrecht zur Disposition zu stellen, gerät das Fundament der liberalen Demokratie ins Wanken. Demokratie bedeutet nicht die unbeschränkte Herrschaft der Mehrheit, sondern die Verbindung von Volkssouveränität und Rechtsstaat. Wer diese Balance aufkündigt, rüttelt am demokratischen Gemeinwesen selbst.


15.07.2026 Denn sie wissen, was sie tun …

Die AFD kann in Sachsen-Anhalt erstmals an die Regierung kommen. Sie bereitet sich auf die Machtübernahme vor. Was sie plant, verändert nicht nur das Bundesland. Die etablierten Parteien schauen zu.

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Die AfD steht in Sachsen-Anhalt vor einer historischen Machtoption – und macht keinen Hehl daraus, wie sie diese nutzen will. Ihr Programm zielt nicht nur auf eine restriktivere Migrationspolitik, sondern auf einen tiefgreifenden politischen und kulturellen Umbau: unabhängige Medien sollen geschwächt, demokratische Bildungsarbeit zurückgedrängt, Behörden personell neu ausgerichtet und ein nationalistisches Staatsverständnis verankert werden. Der Anspruch ist nicht bloss zu regieren, sondern die politischen Spielregeln dauerhaft zu verändern.

Besorgniserregend ist dabei nicht allein die Radikalität der AfD, sondern die Passivität ihrer politischen Gegner. CDU, SPD, Grüne und Linke reagieren auf den Vormarsch der extremen Rechten weitgehend defensiv oder mit demonstrativem Schweigen. Die Hoffnung, die AfD durch Ignorieren kleinzuhalten, hat sich als Illusion erwiesen. Ihr Erfolg ist auch Ausdruck jahrelanger politischer Versäumnisse bei sozialer Sicherheit, Migration, Bildung und öffentlicher Daseinsvorsorge sowie eines wachsenden Vertrauensverlusts gegenüber den etablierten Parteien.

Die AfD wird heute vielfach nicht mehr aus blossem Protest gewählt, sondern aus Überzeugung. Wer ihr seine Stimme gibt, legitimiert damit eine Partei, die zentrale Elemente der liberalen Demokratie offen infrage stellt. Demokratie lebt von Pluralismus, Grundrechten und unabhängigen Institutionen. Wer Kräfte unterstützt, die diese Grundlagen systematisch angreifen, trägt Mitverantwortung für die Folgen. Der Vormarsch der AfD ist deshalb nicht nur eine Herausforderung für die Politik, sondern ein Test für die demokratische Kultur der Gesellschaft insgesamt.


15.07.2026 Deutschlands Rüstungsdurchmarsch

Berlin finanziert seine Rekordrüstung ausser mit dem Abriss der Sozialsysteme auch mit Rekordschulden, die zu riesigen Zinslasten führen, und treibt damit zugleich die Hochrüstung in Europa an.

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Deutschlands beispiellose Aufrüstung markiert eine politische Zeitenwende – nicht zugunsten von Sicherheit, sondern zulasten des Sozialstaats und einer friedensorientierten Politik. Während Milliarden in Waffen, Militärhilfe und neue Rüstungsprogramme fliessen, werden Ausgaben für Gesundheit, Bildung und soziale Sicherheit gekürzt. Die Prioritäten sind eindeutig: Panzer statt Pflege, Raketen statt Kinderarmut beheben, Kriegstüchtigkeit statt gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Die tatsächlichen Militärausgaben liegen weit über den offiziellen Zahlen und werden teilweise über Sondervermögen und andere Haushaltstitel verschleiert. Gleichzeitig finanziert die Bundesregierung ihre Hochrüstung mit einer historisch beispiellosen Neuverschuldung, deren Zinslast künftige Generationen tragen werden. Milliarden, die künftig für Schulen, Spitäler oder den ökologischen Umbau fehlen, fliessen an Rüstungskonzerne und in die militärische Eskalation.

Deutschland treibt damit nicht nur seine eigene Militarisierung voran, sondern setzt ganz Europa unter Aufrüstungsdruck. Frankreich und Grossbritannien reagieren mit eigenen milliardenschweren Rüstungsprogrammen und verschärfen ebenfalls den Sozialabbau. Ein gefährlicher Rüstungswettlauf entsteht, in dem soziale Rechte, öffentliche Infrastruktur und demokratische Gestaltungsspielräume den Kürzeren ziehen.

Wer Frieden schaffen will, investiert nicht in immer grössere Armeen, sondern in Diplomatie, internationale Zusammenarbeit, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der öffentlichen Daseinsvorsorge. Eine Politik, die Kritik mit autoritären Parolen abwehrt und den Sozialstaat dem Militär unterordnet, entfernt sich von einer friedlichen und solidarischen Gesellschaft.

Die eigentliche Sicherheitsfrage unserer Zeit lautet, wie sich Frieden durch soziale Gerechtigkeit, Diplomatie und internationale Zusammenarbeit dauerhaft sichern lässt.


16.07.2026 "Zuhause" im 21. Jahrhundert neu gestalten (mit Ece Temelkuran) | Der Chris Hedges Report

Übersetzung des Artikels / Videointerviews mit Ece Temelkuran

Die Bücher der türkischen Autorin Ece Temelkuran lehren uns, den Faschismus zu erkennen, der Angst zu widerstehen und unseren Glauben an die Menschheit wiederherzustellen.

Die türkische Autorin Ece Temelkuran, die aufgrund politischer und wirtschaftlicher Repression unter der Diktatur Recep Tayyip Erdoğans gezwungen war, ihr Heimatland zu verlassen, suchte nach einem Verständnis dafür, wie eine Bevölkerung auf den Weg zum Faschismus geführt werden kann. Ob unter Narendra Modi in Indien, Erdoğan in der Türkei oder Donald Trump in den Vereinigten Staaten – sie stellte fest, dass die einzelnen Phasen und die Fehler, die die Menschen auf diesem Weg begehen, sehr ähnlich sind. Temelkuran möchte ihren Lesern die Wurzeln der faschistischen neuen Weltordnung und die nötigen Mittel für einen Kurswechsel vermitteln.

In dieser Folge des Chris Hedges Reports diskutieren Hedges und Temelkuran ihr neuestes Werk "Nation of Strangers: Rebuilding Home in the 21st Century" sowie ihr früheres Buch "How to Lose a Country: The 7 Steps from Democracy to Fascism". Temelkuran stellt einen Zusammenhang zwischen den heutigen Krisen und dem Neoliberalismus des späten 20. Jahrhunderts her, der Wohlstand versprach, stattdessen aber die soziale Infrastruktur und die finanzielle Sicherheit zerstörte und die staatliche Repression verstärkte, um die daraus resultierenden Volksbewegungen zu unterdrücken. Hedges nennt dies "skrupellosen Kapitalismus", ein System, das die Menschen spaltet und sie gegeneinander und gegen ihre eigenen Interessen ausspielt. Temelkuran erklärt: "Ich denke, die Menschen wurden mit den nie eingelösten Versprechen der liberalen Demokratie genug betrogen. Vielleicht rächen sie sich jetzt am gesamten politischen Establishment."

Auch wenn es verlockend ist zu glauben, dass die Absetzung bestimmter politischer Führer, wie beispielsweise Präsident Donald Trump, die aktuellen Krisen lösen wird, betont Temelkuran, dass die Krisen systemischer Natur sind und einen langfristigen Ansatz zur Organisation des Widerstands erfordern.

Grundlegend für diese Bemühungen ist der Bruch mit einer Kultur der Angst, des Hasses und der Feindseligkeit, die von der herrschenden Klasse geschürt wurde. In dieser neuen Weltordnung, so Temelkuran, werden immer mehr Menschen "heimatlos", da ihr gewohntes Leben nicht mehr existiert und nicht wiederkehren wird. Das Gegenmittel ist ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit und Solidarität, die Erkenntnis, dass wir alle in einem Staat verletzlich sind, der in Gewalt, Ausbeutung und Vertreibung keine Grenzen kennt. Viele Menschen in den Vereinigten Staaten werden sich dieses neuen Phänomens bewusst und suchen nach Antworten. Temelkuran rät: "Was uns der Neoliberalismus glauben gemacht hat – ein düsteres Bild der Menschheit –, müssen wir erkennen und an die Menschlichkeit glauben… Unser gesamtes Wirtschafts- und Sozialsystem basiert auf dieser grundlegenden Definition des Menschseins."

***

Chris Hedges: Ece Temelkuran hat zwei Bücher geschrieben, die ich wärmstens empfehlen kann: "How to Lose a Country: The 7 Steps from Democracy to Fascism" und ihr neuestes Buch "Nation of Strangers: Rebuilding Home in the 21st Century". Wir werden beide besprechen.

Sie beschreibt sieben globale Muster, die sich in vielen Fällen wiederholen und von Indien bis zu den Vereinigten Staaten erkennbar sind. Diese Muster beginnen mit einer Bewegung, die die Gesellschaft spaltet – das einfache Volk versus die korrupte Elite – und mit einem Führer, der darauf besteht, allein das einfache Volk zu verkörpern. Im nächsten Schritt wird die Wahrheit verdrängt und Loyalität über Anstand gestellt. Dann wird die Scham abgeschafft. Der Führer bricht den langjährigen politischen und moralischen Konsens mit beispielloser Unnachgiebigkeit. Je länger er an der Macht bleibt, desto weiter dehnen sich die Grenzen des Akzeptablen aus. Was einst undenkbar oder verabscheuungswürdig erschien, wird allmählich normal, während die Institutionen, die die Demokratie zusammenhalten, stillschweigend ausgehöhlt werden und die Definition von Demokratie selbst auf Mehrheitsherrschaft umgeschrieben wird. Universelle Werte, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit werden durch einen fanatischen Nationalismus, ein stolzes Opferbewusstsein und eine Geschichtsfälschung ersetzt. Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit gelten als gerechtfertigt, nicht nur in den höchsten politischen Kreisen, sondern sickern auch in den Alltag ein. Der Kreis derer, die im Visier stehen, wird immer kleiner, während Millionen von Mitbürgern zu permanenten Verdächtigen erklärt werden.

Sie bemerkt, dass Amerikaner, wie auch jene in anderen Nationen, die diesen Weg beschritten haben, ihre Ängste beschwichtigen, indem sie die trügerische Linie wiederholen, die die Institutionen vertreten werden. Sie wagen es noch nicht, ihr zukünftiges Land anzuerkennen, und bald werden sie nicht mehr als Bürger anerkannt werden, wenn sie sich nicht den neuen Regeln in Trumps Amerika beugen. Es spiele keine Rolle, schreibt sie, ob Donald Trump, Recep Tayyip Erdoğan, Narendra Modi, Wladimir Putin oder Nigel Farage verschwänden – die zig Millionen Menschen, die von ihrer Botschaft begeistert seien, würden weiterhin da sein und bereit, den Befehlen einer ähnlichen Persönlichkeit Folge zu leisten. Und leider, wie wir in der Türkei auf verheerende Weise erfahren mussten, selbst wenn man entschlossen sei, sich von der Politik fernzuhalten, würden die Handlanger einen finden, selbst im eigenen persönlichen Umfeld, bewaffnet mit ihren eigenen Wertvorstellungen und bereit, jeden zu verfolgen, der ihnen nicht ähnele.

Der Abbau unserer demokratischen Institutionen unter dem sechs Jahrzehnte währenden Ansturm des Neoliberalismus – vielleicht treffender unter seinem weniger beschönigenden Namen "skrupelloser Kapitalismus" zu verstehen – ist abgeschlossen. Die Wunden sind tödlich. Wir leben inmitten der Ruinen, der sozialen Ungleichheit und der verfallenen Institutionen, darunter der Kongress, die Gerichte, die Hochschulen und die Medien, und sichern so die Festigung unseres eigenen faschistischen Regimes. "Es ist, als trauerten wir nicht um das, was wir bereits verloren haben", schreibt sie, "sondern um das, von dem wir wissen, dass wir es letztendlich verlieren werden. Zum ersten Mal in der Geschichte trauert die Menschheit in der Zukunftsform."

Heute begrüsse ich Ece Temelkuran, um mit ihr über "Wie man ein Land verliert: Die 7 Schritte von der Demokratie zum Faschismus" und "Nation der Fremden: Ein neues Zuhause im 21. Jahrhundert" zu sprechen. Ece, fangen wir damit an, wie es dazu kam. Sie haben das ja selbst in der Türkei erlebt, wurden unter der Erdoğan-Diktatur aus dem Land vertrieben. Ich möchte Sie bitten, etwas über den Neoliberalismus zu sprechen, denn wie einige andere Autoren haben Sie erkannt, dass er die ideologische Triebkraft war, die zur Aushöhlung demokratischer Institutionen eingesetzt wurde.

Ece Temelkuran: Genau. Wie Sie schon sagten, habe ich das Land 2016 wegen der Unterdrückung verlassen. Menschen wie ich durften nicht richtig leben, schreiben oder denken. Also kam ich nach Europa, und sobald ich 2016 dort ankam, wurde mir klar, dass das, was wir in der Türkei erlebt hatten, sich auch in Europa und den Vereinigten Staaten wiederholte. Deshalb setzte ich mich hin und schrieb "Wie man ein Land verliert", um die globalen Muster, die sieben Schritte dessen, was wir gerade durchmachen, zu ergründen. Ich nannte es Faschismus. Viele würden es mit harmloseren Begriffen wie Autoritarismus, Rechtspopulismus usw. bezeichnen. Aber ich nannte es Faschismus. Und mit "Wie man ein Land verliert" wollte ich den klaren Weg, die eindeutige Verbindung zwischen Neoliberalismus und Faschismus aufzeigen.

Vereinfacht gesagt, ist mein Hauptargument, dass die Demokratie durch den Neoliberalismus, durch unglaubliche soziale Ungerechtigkeit und mangelnde Gleichheit bereits ihre Bedeutung verloren hat. Diese mangelnde Gleichheit und soziale Gerechtigkeit haben die Demokratie zu einem oberflächlichen Theaterstück, sozusagen zu einer Show, verkommen lassen. So haben die Menschen weltweit das Vertrauen in die Demokratie verloren. Als dann starke Führer wie Modi, Recep Tayyip Erdoğan, Trump, Putin usw. in der Weltpolitik auftauchten, versprachen sie den Menschen, sich in Washington, Ankara und der Hauptstadt für sie einzusetzen. Ich denke, die Menschen wollten das aus verschiedenen Gründen glauben, unter anderem, weil sie die immer gleichen, falschen Versprechungen satt hatten, insbesondere nach den 1970er Jahren, vielleicht noch stärker nach den 1980er Jahren. Meiner Meinung nach hat der Neoliberalismus die Demokratie also verschlungen, und als Folge davon wurden solche Führer als Nebenprodukt des Systems hervorgebracht. Und ich glaube, wir erleben jetzt den letzten Akt dessen, was in den 1980er Jahren begann.

Chris Hedges: Ich habe darüber geschrieben. Figuren wie Trump geniessen einen regelrechten Kultstatus. Trump hat sein ganzes Leben damit verbracht, Menschen in seinen Casinos, seinen Scheinuniversitäten und jetzt auch mit seiner Kryptowährung auszubeuten und zu betrügen. Aber sprechen Sie mal über dieses verzweifelte Bedürfnis, an diese Figur zu glauben – ich bin sicher, man sieht es auch bei Erdoğan, Modi und anderen, ungeachtet der Realität.

Ece Temelkuran: Nun, ein Teil dieser Geschichte ist durchaus verständlich, denn insbesondere seit den 1980er Jahren, als dieser rücksichtslose Kapitalismus seinen Siegeszug antrat, versprachen alle Machthaber in den USA, Europa, dem Nahen Osten und der Türkei den Menschen Veränderungen. Doch die Dinge änderten sich nicht. Sie verschlechterten sich, vor allem nach 2008, und ich denke, für uns alle. Und vielleicht wollen die Menschen nun aus Rache die Demokratie stürzen. Sie tun es bewusst oder unbewusst, aber sie wissen ganz sicher, dass die neuen Spielregeln nicht mehr beschönigt werden. Begriffe wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und soziale Rechte verloren bereits an Bedeutung durch den Verlust der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit. Und diese neuen Machthaber, diese neuen Anführer, diese furchterregenden Clowns, signalisieren den Menschen mit subtilen Botschaften, dass die Regeln nicht so sind, wie sie es uns bisher erzählt haben. Wir werden also nach den neuen Regeln spielen und ich werde für dich spielen.

Daher rührt diese radikale Verbundenheit mit dem jeweiligen Führer. Und im Falle von Trump, Erdoğan oder ähnlichen Führern geht es den Menschen nicht darum, ein gerechteres, gleichberechtigteres Leben zu führen. Sie wissen, dass es Gewinner und Verlierer geben wird, und sie wollen zu den Gewinnern gehören. Wer sich persönlich und politisch mit dem Führer identifiziert, zählt zu den Gewinnern. Manchmal fragen sie mich: "Wie kann es sein, dass Erdoğan nach 20 Jahren, nach so viel Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, so beliebt ist?" Ich denke, die Amerikaner sollten mittlerweile wissen, dass ihnen das Gleiche passieren wird. Es liegt nicht daran, dass sie alle Erdoğan verehren, sondern daran, dass diese politische und persönliche Verbindung sich zu einer finanziellen und wirtschaftlichen entwickelt.

Was Erdoğan in der Türkei getan hat – und was sich derzeit auch in den USA wiederholt –, ist der Aufbau eines Finanznetzwerks, das bis in die untersten Schichten der türkischen Gesellschaft reicht. Er ist also tatsächlich eng mit dem letzten Mann im kleinsten Dorf verbunden, der für ihn stimmt. Das Leben dieses einfachen Mannes hängt von Erdoğans politischem Sieg ab. Deshalb unterstützen ihn seine Anhänger, als ginge es um ihr eigenes Leben – und genau das tun sie auch. In den USA ist das noch nicht der Fall, aber es geschieht gerade. Wenn das Leben dieses einfachen Mannes mit Trumps politischem Sieg verknüpft ist, dann entstehen wahrlich fanatische Anhänger, regelrechte Verehrer. Natürlich spielt Politik eine Rolle, aber letztendlich geht es vor allem um Geld, und das ist meiner Meinung nach viel beängstigender als alles andere.

Chris Hedges: In "Nation of Strangers" gibt es eine Szene – ich erinnere mich nicht an den genauen Begriff –, in der gutmeinende Linke in Dörfern aufklären wollen, warum Erdoğan korrupt ist. Kaum sind sie weg, kommt Erdoğans Regierungspartei mit einem grossen Imbisswagen oder Ähnlichem und verteilt Essen. Es war im Grunde eine Reflexion Ihrerseits über unser Unvermögen, den Mechanismus dieses aufkommenden Faschismus zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.

Ece Temelkuran: Genau. Wir versuchen, eine intellektuelle Antwort darauf zu finden, ohne das Ausmass der sozialen Ungerechtigkeit zu begreifen – und ich spreche hier von globaler Ebene –, und wie diese soziale Ungerechtigkeit Demokratie faktisch unmöglich macht. Wenn Menschen hungern, können sie keine vernünftige und angemessene politische Entscheidung treffen. Und erst recht nicht, wenn einer der Anführer, einer der Kandidaten, Brot verteilt. Ich denke, wir tun das schon die ganze Zeit, besonders seit 2016, als Trump an die Macht kam und das Problem globaler wurde. Und seitdem, in den letzten zehn Jahren, versuchen wir, eine intellektuelle Antwort zu finden. Und vielleicht stimmen Sie mir da zu: Manche Meinungsbildner, Schriftsteller, Journalisten und Politiker suchen nach einer schnellen Lösung und leben immer noch in der trügerischen Illusion, dass alles wieder normal wird, wenn Trump geht. Wenn wir nur Putin loswerden, wenn wir nur Modi loswerden. So einfach ist es nicht. Es ist ein systemisches Problem. Und ich glaube, sie finden darin Trost, weil sie denken, dass das, was Demokratie vor Trump, nach den 1980er Jahren, war, ausreichend war. Was sie dabei übersehen, ist die Tatsache, dass Trump nicht die Ursache, sondern eine Folge der letzten Jahrzehnte ist. Genau wie in der Türkei: Erdoğan ist das Ergebnis des Militärputsches von 1980, der bekanntlich von der CIA unterstützt wurde und das Land in einen konservativ-militaristischen und ultranationalistischen Status quo stürzte. Dieser Status quo brachte Erdoğan hervor. Und was Trump hervorgebracht hat – ich glaube, das wird viele enttäuschen – war tatsächlich Reagan. All diese Führer weltweit entstanden durch Reagan und Thatcher, die gemeinsam sagten: "Es gibt keine Alternative." Und damit begannen sie diesen gnadenlosen Neoliberalismus, diesen skrupellosen Kapitalismus. Als die Menschen dachten: "Es gibt keine Alternative. Wir können durch Wahlen nichts ändern. Wir können in unserem Leben nichts ändern", führte das nicht nur zu dieser politischen Stagnation, in der wir solche Führer haben, sondern auch zu einem existenziellen Problem. Ich glaube, wir haben das Vertrauen in die Demokratie verloren. Wir haben generell das Vertrauen in die Zukunft verloren. Aber vor allem haben wir alle das Vertrauen in die Demokratie verloren, was meiner Meinung nach ein riesengrosses Problem unserer Zeit ist. Selbst wenn wir Trump oder seinesgleichen loswerden, bin ich mir nicht sicher, ob wir im gegenwärtigen Zustand der Demokratie bessere Führer finden werden.

Chris Hedges: Nun, man sieht auch den Bankrott der Opposition – Labour unter Blair, die Demokratische Partei unter Clinton –, die sich im Grunde in eine abgeschwächte Version der Republikanischen Partei verwandelt hat und neoliberale Politik voll und ganz übernommen und propagiert hat: NAFTA, die Zerstörung von Institutionen in den Vereinigten Staaten wie der FCC, die Aufhebung des Glass-Steagall-Gesetzes, das eine Trennlinie zwischen Investment- und Geschäftsbanken errichtet hatte – all das geschah unter den Demokraten. Es herrscht also ein Mangel an Alternativen.

Ece Temelkuran: Ich glaube, deshalb sind Politiker wie Mamdani und Ekrem İmamoğlu, der inhaftierte Bürgermeister von Istanbul, so wichtig: Sie versprechen etwas Wahres. Wenn Mamdani über soziale Ungleichheit spricht, sagt uns die weltweite Begeisterung etwas über die aktuelle politische Lage und das, was all die Jahre gefehlt hat. Ich denke, die Menschen weltweit haben genug von diesen falschen Versprechungen und müssen nun, wie 2008 geschehen, für das Unrecht des Grosskapitals büssen. Sie wurden genug von den nie eingelösten Versprechen der liberalen Demokratie betrogen. Deshalb rächen sie sich vielleicht am gesamten politischen Establishment. Demokraten weltweit sollten daraus lernen und mutiger und entschlossener für soziale Gleichheit und Gerechtigkeit eintreten.

Chris Hedges: Nun, wir wissen aus der Studie des Democratic National Committee, dass das nicht der Fall ist. Und natürlich kommen Mamdanis grösste Feinde aus den eigenen Reihen der Demokratischen Partei, und das ist sehr beunruhigend.

Ece Temelkuran: Ich weiss nicht, wie vielen Menschen – also denjenigen, die sich politisch engagieren – bewusst ist, dass wir aus verschiedenen Gründen tatsächlich am Ende der Zeiten angelangt sind. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, mutig zu sein. Ich denke, es gibt keine andere Möglichkeit. Und vielleicht müssen wir gewisse Tabus brechen, denn die Demokraten, insbesondere in den Vereinigten Staaten, aber auch in Europa, leben meiner Meinung nach immer noch im Käfig der Propaganda des Kalten Krieges. Wenn wir über soziale Gerechtigkeit sprechen, werden wir als Kommunisten beschimpft. Wenn wir über soziale Ungleichheit sprechen, gelten wir als Kommunisten. Und ich denke, diese Propaganda war so prägend und einflussreich in unserer Politik, in der globalen Politik, dass die Demokraten sich meiner Meinung nach nicht aus dieser Lähmung befreien konnten. Deshalb sage ich, es ist an der Zeit, die Ängste des Kalten Krieges abzuschütteln und mutig über die wirklichen Probleme zu sprechen. Das wirkliche Problem ist nicht Trump oder Erdoğan. Das wirkliche Problem ist, wie wir eine globale Solidarität für wahre Demokratie, für wahre soziale Gerechtigkeit aufbauen können. Dies sind die dunkelsten Zeiten, aber vielleicht ist es auch an der Zeit, etwas zu betrachten, eine Zukunftsvision zu entwickeln. Uns fehlten Utopien. Uns fehlte diese Art von Gesprächen viel zu lange, denke ich. Das ist einer der Gründe, warum ich "Wie man ein Land verliert" geschrieben habe, aber auch der Grund für "Nation der Fremden". Wir verlieren etwas, nicht nur auf politischer, sondern auch auf philosophischer und existenzieller Ebene. Es ist also an der Zeit, uns von unseren Ängsten zu befreien. Ich denke, die Menschen lieben das Wort "Endzeit", aber es ist ein sehr düsteres Wort, birgt aber auch eine befreiende Kraft. Denn wie Sie aus all den Krisen wissen, die Sie und ich miterlebt haben – ich habe viele davon gesehen –, haben Krisen die Eigenschaft, Dinge zu verdichten. Sie verdichten das Böse, aber auch das Gute. Und Kriege sind Kriege, Krisen. Sie sind jene Momente, in denen Menschen zu Helden werden. Ich glaube, wir sind gerade in diese Phase eingetreten, und ich hoffe, dass die Menschen diese Befreiung spüren werden, sodass sie sich wie Helden verhalten können, wenn das Sinn ergibt.

Chris Hedges: Sie schreiben, ich glaube in "Nation of Strangers", dass wir letztendlich keine politische, sondern eine moralische Revolution brauchen. Ich paraphrasiere, das sind nicht Ihre genauen Worte.

Ece Temelkuran: Mein zweites Buch, das nicht so spektakulär war – es erschien mitten in der Pandemie, kaum jemand kennt es –, heisst "Gemeinsam: Ein Manifest gegen die herzlose Welt". Ich wollte den Menschen sagen, dass wir nicht nur die Demokratie verloren haben, sondern vieles andere, vor allem die Menschenwürde. Und das ist meiner Meinung nach das Hauptproblem der Politik dieses Jahrhunderts. Wir müssen die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt rücken, und das ist das Schwierigste überhaupt.

Und ich habe zehn weitere Werte gezählt, moralische Gefühle, die wir gemeinsam verteidigen müssen. "Nation of Strangers" ist etwas anders, weil ich den Menschen die Sprache geben wollte, um zusammenzukommen. Denn was fehlt, denke ich, allgemein auf globaler Ebene, ist, dass es genug Empörung, genug Grausamkeit, Brutalität, schreckliche Dinge, genug Völkermord gibt und genug Ideen, wie man all das ändern kann. Das fehlende Bindeglied zwischen beidem ist das Pathos, die Sprache. Und ich glaube, den Menschen fehlt diese Sprache, und ich wollte ihnen diese Sprache in "Nation of Strangers" geben, diese Sprache der Demut, der Wahrhaftigkeit und, wenn ich das so sagen darf, der menschlichen Liebe. Denn letztendlich entspringen Neoliberalismus und Faschismus alle dieser fundamentalen Emotion der Angst. All diese Führer organisieren und mobilisieren Angst. Sie erzeugen daraus Feindseligkeit und Hass. Auf dieser moralischen und philosophischen Ebene brauchen wir, die Progressiven, Demokraten, wie auch immer man sie nennen mag, die Antifaschisten, eine Antwort. Wir müssen die menschliche Liebe organisieren. Wie gelingt uns das? Das ist meiner Meinung nach das zentrale Problem der heutigen Weltpolitik. Um die Leidenschaft der Menschen für ein menschenwürdiges Leben zu entfachen, brauchen wir die Poesie und die besondere Sprache der Menschlichkeit, damit globale Solidarität gegen Machthaber wie Trump, Erdoğan und viele weitere, die wohl noch kommen werden, möglich wird.

Chris Hedges: Und dennoch wurden diese Ausdrucksformen rücksichtslos unterdrückt. Ich denke dabei insbesondere an die mutigen Studierenden, die sich gegen den Völkermord stellten; die Lager wurden alle geräumt. An US-Universitäten wurde die Meinungsfreiheit, wenn man auch die Möglichkeit dazu zählt, sich gegen Völkermord auszusprechen, verbannt. Dozenten – nicht viele, aber viele Studierende – wurden suspendiert oder exmatrikuliert. Die Polizei wurde auf Universitätsgelände wie Columbia entsandt und durfte dort brutal vorgehen. Sie leben in Deutschland und wissen, wie sie dort mit drakonischen Massnahmen die Meinungsfreiheit unterdrücken. Trump verspricht, gegen die radikale Linke vorzugehen. Er hat mit der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) eine eigene paramilitärische Truppe geschaffen. Diese hat gerade in Houston einen weiteren unbewaffneten US-Bürger erschossen. Mit dem Erwachen dieses Bewusstseins – und ich denke, das haben Sie natürlich auch in der Türkei gesehen – sind parallel dazu immer härtere Formen der Unterdrückung entstanden.

Ece Temelkuran: Sie nennen Gaza eine Blaupause, wenn ich mich nicht irre, ich nenne es ein Experiment. Und ich denke, es ist ein Experiment, um zu sehen, wie viel die Welt verkraften kann. Eine neue Weltordnung entsteht gerade. Der NATO-Gipfel in Ankara war ein sehr gutes Beispiel dafür, ein überzeugender Beweis. Und es gab noch einige andere, wie zum Beispiel in Davos. Eine neue Weltordnung ist bereits im Entstehen. Sie wird momentan aufgebaut. Und Gaza war, glaube ich, das Experiment, um zu sehen, ob diese neue Weltordnung einfach so ungehindert errichtet werden kann. Und ich denke, ein Grossteil der Menschheit hat Nein gesagt, aber man hat ihnen nicht zugehört.

Deshalb sage ich immer wieder, dass wir unser Vertrauen in die Demokratie verloren haben, nicht nur wegen des Neoliberalismus, sondern weil alle nationalen und internationalen Institutionen, die zum Schutz der Menschenwürde geschaffen wurden, versagt haben. Dieses Versagen begann mit dem Einmarsch in den Irak. Ich erinnere mich an die "Nein zum Krieg"-Koalition 2003, als die ganze Welt auf den Strassen war. Wir wollten keinen Krieg. Ich war eine der SprecherInnen in der Türkei. Wir wollten keinen Krieg. Die Welt wollte keinen Krieg, aber er fand trotzdem statt. Und nun sehen wir die nächste Aktion in Gaza. Die ganze Welt war wieder auf den Strassen. Sie wollten einen Völkermord stoppen, aber nein, die Verantwortlichen, die Institutionen hörten nicht zu oder handelten nicht entsprechend. So verlieren wir das Vertrauen in die Demokratie.

Was noch abscheulicher war als Völkermord – wenn es so etwas überhaupt gibt –, war Jared Kushners PowerPoint-Präsentation in Davos. Er erklärte uns tatsächlich, warum dieser Völkermord in Gaza stattfindet: Man wolle dort nur ein Ferienresort bauen. Und diese Diskrepanz zwischen den menschlichen Bedürfnissen der Weltgemeinschaft und der psychopathischen Blindheit dieser neuen Weltordnung. Ich glaube, das Experiment lautete: Können wir das? Können wir Menschen einfach so psychopathisch machen wie uns? Bisher sind wir es nicht, aber es ist, gelinde gesagt, entmutigend, was geschieht. Und der Gaza-Konflikt geht weiter, und viele Menschen, vielleicht zu viele, empfanden Erleichterung nach irgendwelchen Friedensgesprächen über Gaza. Ich glaube, viele haben dort Zuflucht gesucht und wollen nicht mehr über Gaza sprechen.

Aber wie ich bereits in "Gemeinsam" sagte, müssen wir Vertrauen haben. Es ist eine zutiefst menschliche Haltung, Vertrauen in die Menschheit zu haben. Und ich entscheide mich dafür, an die Menschen zu glauben, angesichts dieses Systems, weil ich glaube, dass wir genau dorthin steuern. Wir werden die grundlegenden menschlichen Werte verteidigen müssen, nicht nur Politik, Demokratie und demokratische Institutionen, sondern die grundlegenden menschlichen Moralvorstellungen, ja, die moralischen Werte, die erschreckender sind als alles andere.

Chris Hedges: Obwohl, je repressiver ein Regime wird – ich meine, ich habe in mehreren gelebt –, wird dieser Akt der Würde, das Beharren auf der eigenen Würde, dieser Akt des Mitgefühls für den anderen in den Augen des Staates als Subversion angesehen.

Ece Temelkuran: Ich habe es in der Türkei gesehen und sehe es immer noch: So viele Menschen leisten Widerstand, obwohl sie dieser enormen Unterdrückung ausgesetzt sind – nicht nur durch politische Gewalt, sondern auch durch wirtschaftliche Unterdrückung. Das ist unglaublich und letztendlich bewundernswert. Ja, über Menschenwürde zu sprechen, wird heutzutage fast schon als Verbrechen angesehen, aber ich hoffe, dass dies auch den Mut derer stärkt, die dort die Menschenwürde verteidigen.

Chris Hedges: Ich möchte Sie zum Thema Wahlen befragen. Sie schreiben darüber. Ich glaube, es steht vielleicht in Ihrem ersten Buch. Wir stehen jetzt kurz vor den Zwischenwahlen. Die Trump-Regierung versucht mit aller Kraft, diese Wahlen durch eine Reihe von Massnahmen zu untergraben, darunter die Ernennung von Wahlleugnern aufgrund von Trumps falscher Behauptung, die Wahl sei gestohlen worden, als er gegen Biden antrat. Er hat gerade die überparteiliche Wahlkommission entlassen. Er blockiert Briefwahlstimmen. Er will die Wählerlisten. Und ich erinnere mich, dass Sie darüber geschrieben haben, als die Wahlen in der Türkei gestohlen wurden. Sprechen Sie doch mal über diese Parallelen, wenn Sie sehen, was hier passiert und was in der Türkei passiert ist.

Ece Temelkuran: Was die Amerikaner 2016 nicht verstanden haben – und hoffentlich verstehen sie es jetzt –, ist, dass es sich um einen Marathon handelt. Wut, Emotionen, Empörung und dergleichen zählen nicht. Es ist ein Ausdauerkampf. Statt Wut muss ein Land aktiv werden, wenn es einen solchen Anführer loswerden will. Amerika steht noch gut da, weil Trump sein Regime im Gegensatz zu Erdoğan nicht institutionalisieren konnte. Er hatte nicht die Zeit, eine ganze Generation nach seinen Vorstellungen zu erziehen, wie Erdoğan es tat. Für Amerika ist dies vielleicht eine der letzten Chancen, sein Schicksal zu ändern.

Und einer der häufigsten Fehler, den ein Land in den ersten Jahren unter einem solchen Regime begeht, ist, sich vom Spektakel des Bösen und der Rücksichtslosigkeit ablenken zu lassen. Immer wenn Trump etwas Absurdes tut – ich meine, es gibt so viele Fehler, die mir im Moment gar nicht einfallen –, denke ich immer, er tut etwas Absurdes, und alle reden gern darüber. Wahrscheinlich arbeitet er hinter verschlossenen Türen an etwas anderem, was die Institutionen betrifft. Er ändert etwas Entscheidendes an den Institutionen oder den Gesetzen. Aber die Leute reden wegen der sozialen Medien lieber über das andere Absurde. Ich meine, wenn er zum Beispiel etwas zu jemandem gesagt hat, dann ist das eben so ein Teil der Geschichte, der wie in einer Reality-Show dargestellt wird.

Ich denke, das Wichtigste, worauf die Vereinigten Staaten achten sollten, ist die Veränderung der Justizinstitutionen. Das ist entscheidend. Und ich hoffe, die Amerikaner verstehen, dass es sich bei Trumps Zielen nicht um eine vorübergehende politische Laune handelt. Trump ist an der Macht, weil er skrupellos und schamlos genug ist, um die neue Weltordnung durch die Macht der Vereinigten Staaten global durchzusetzen. Wenn die Amerikaner also wählen, wählen sie leider für uns alle. Ich hoffe, sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst.

Chris Hedges: Stimmt, obwohl ich denke, dass es ziemlich klar ist, dass selbst wenn die Demokraten bei den Zwischenwahlen die Kontrolle über Kongress, Senat und Repräsentantenhaus zurückgewinnen sollten, Trump alles daransetzen würde, dies nicht einmal anzuerkennen. Ich mache mir Sorgen um die Zwischenwahlen. Ich erinnere mich aus Ihrem Buch, dass die Besetzung des Wahlprozesses in der Türkei in vielerlei Hinsicht jegliche Hoffnung auf einen Ausweg innerhalb des Systems zunichtegemacht hat, und ich frage mich, ob wir an einem ähnlichen Punkt angelangt sind.

Ece Temelkuran: Hoffentlich nicht. Trump hat in ein bis zwei Jahren geschafft, wofür Erdoğan zwanzig Jahre brauchte. Und das lag leider nicht an Trumps aussergewöhnlichem Talent. Es lag einzig und allein daran, dass die türkische Gesellschaft politisch besser organisiert war als Erdoğan. Die Opposition, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Parteien, machte es Erdoğan unmöglich, das zu erreichen, was Trump in nur einem Jahr geschafft hat. Aber Sie haben Recht: Ihr politischer Gegner, in diesem Fall Trump oder Erdoğan, wird dieser billigen Feindseligkeit nicht müde. Und sie greifen zu allen möglichen billigen Tricks, während eines der grössten Probleme der anderen Seite – Linke, Demokraten, wie auch immer man sie nennen mag – darin besteht, dass wir emotional davon erschöpft sind. Nicht nur das, man verliert auch das Vertrauen in das Wahlsystem, weil man weiss, dass man durch Wahlen nichts ändern kann, und gibt schliesslich auf. Aber dann geschah in der Türkei nach einer Weile genau das Gegenteil. Wahlen wurden sozusagen Teil der Strassenpolitik, Teil des politischen Aktivismus, des Protests, bei dem man an den Wahlurnen Wache hielt, um Wahlmanipulationen zu verhindern. Und so viele Bürger – eine noch nie dagewesene Zahl – haben sich als Zeugen für die Wahlurnen engagiert. Ich hoffe, die Amerikaner sehen diese Wahl genauso: nicht nur als Gelegenheit zum Wählen, sondern auch als Schutz der Wahlurnen und des Wahlprozesses. Ich glaube, das würde sie auch beflügeln. Es würde die Parteipolitik auf eine andere Art und Weise beleben, und die Demokraten würden sich wohler fühlen, wenn sie falsche Versprechungen machen.

Chris Hedges: In "Nation of Strangers" sprechen Sie davon, wie die Menschen in Scharen auf die Strassen strömen. Ich glaube, Sie verwenden den Begriff "Karneval", stimmt das? Aber genau das trifft es. Meine Energie, meine Therapie, waren die Besuche der Zeltlager in Columbia oder Princeton. Ich wohne in Princeton. Ich habe viel Zeit bei der Occupy-Bewegung im Zuccotti Park verbracht, und es war ungemein belebend, besonders für diejenigen von uns, die wie Sie diese Missstände schon so lange anprangern.

Ich möchte über einen Punkt in "Nation of Strangers" sprechen, der mich besonders beeindruckt hat: Sie unterscheiden zwischen Flüchtlingen und Exilanten – wobei Exilanten gewissermassen die beschönigte, vielleicht sogar romantisierte Version der Menschen darstellen, die aus ihrem Land vertrieben wurden, im Gegensatz zu Flüchtlingen. Doch alle werden gleich behandelt, wenn man in der Schlange für ein Visum ansteht und eine Verlängerung beantragt. Und einer der ergreifendsten Aspekte des Buches war, wie der Rest der Welt einen als Fremden als Aussenseiter der Gesellschaft betrachtet, aber Ihr Argument lautet: Nein, ihr müsst erkennen, dass wir in der gleichen Lage sind, dass wir genau dasselbe Ziel verfolgen. Auch ihr werdet heimatlos sein. Ich glaube, das ist der Begriff, den Sie verwenden.

Ece Temelkuran: Ja, "unhomed" ist ein sehr altes englisches Wort, das ich wiederbelebt habe. Es stammt aus dem 18. Jahrhundert. Interessanterweise, ironischerweise, ereignete sich nur wenige Tage nach der Veröffentlichung meines Buches in Grossbritannien das Massaker von Minneapolis. Und ich dachte: Hier ist es, die Nation der Fremden. Menschen werden dazu gebracht, sich in ihrem eigenen Land heimatlos und entwurzelt zu fühlen. Für Amerikaner, zumindest für weisse Amerikaner, glaube ich, für weisse Amerikaner der Mittelschicht, war es das erste Mal, dass sie erlebten, wie eine Regierung sie als Feind ins Visier nehmen kann, obwohl sie die grundlegenden menschlichen Werte verteidigen. Sie fühlten sich entwurzelt, und manche von ihnen waren natürlich tatsächlich Fremde, Ausländer oder Einwanderer. Aber die Nation der Fremden entstand dort im Kleinen, denke ich. Die Menschen setzten sich für all die anderen, all die Einwanderer ein und sagten, dass dieses Land uns alle aufnehmen wird. Das war die Utopie, die ich mir vorgestellt hatte, die nur eine Woche nach der Veröffentlichung des Buches Wirklichkeit wurde. Das war interessant.

Ja, ich glaube, das zentrale Problem unseres Jahrhunderts ist das Wort "Heimat". Wir verlieren unsere Heimat auf so vielen Ebenen. Manche von uns sind Einwanderer, Flüchtlinge, wir verlieren unsere Heimat durch Kriege, Faschismus. Aber wir verlieren sie auch durch Machthaber wie Trump. Wenn man sich sein Land ansieht, sieht man all diese schreienden Anhänger, diese Lakaien Trumps, und fragt sich: "Ist das noch mein Land? Bin ich hier noch zu Hause?" Wir verlieren unsere Heimat durch die Klimakrise. Wir verlieren sie durch diesen moralischen Verfall, den wir erleben, wenn wir PowerPoint-Präsentationen über ein besetztes Land sehen, das Zeuge eines Völkermords wird. All das lässt uns in dieser Welt, in dieser Zeit, in dieser neuen Weltordnung heimatlos fühlen. Wir sind alle Fremde. Können wir uns dadurch verbinden? Das ist die Kernaussage dieses Buches. Und ich glaube, was ich eigentlich sagen wollte, war: "Ja, ich bin im Exil. Viele Menschen sind es. Es gibt so viele Flüchtlinge. Es gibt so viele Einwanderer. Und vielleicht sind sie es, die die so wichtige Weisheit für unsere Zeit in sich tragen, denn wir sind diejenigen, die alles verloren haben und unsere Häuser von Grund auf neu aufbauen mussten. Und genau das wird die Welt sehr bald tun müssen, aus vielen verschiedenen Gründen. Können wir also von hier aus unsere Beziehungen gestalten? Und können wir aus dieser Tatsache, aus dieser Verbundenheit, aus dieser gemeinsamen Notlage Politik machen?"

Chris Hedges: Da ist eine Zeile dabei. Ich werde sie jetzt mal etwas verhunzen: "Zuhause ist nicht der Ort, aus dem du stammst, sondern der Ort, an dem man sich an dich erinnert". Stimmt das? So in etwa?

Ece Temelkuran: Nein, es heisst: "Zuhause ist nicht das, woran man sich erinnert, sondern wo man in Erinnerung bleibt."

Chris Hedges: Ja, dort, wo man sich an dich erinnert. Erkläre diesen Gedanken bitte genauer.

Ece Temelkuran: Wir denken immer, Heimat sei eine Erinnerung. Wenn wir Heimat vermissen, vermissen wir eigentlich keinen Ort, sondern eine Zeit. Deshalb glaube ich, dass eine Rückkehr nach Hause unmöglich ist. Und wenn einem jemand verspricht, wie zum Beispiel Trump, die Heimat wieder grossartig zu machen, ist das absoluter Unsinn. Viele denken, Heimat sei das, woran man sich erinnert, all die Dinge, an die man sich erinnert. Doch sobald man sein Land verlässt und in einem anderen Land landet, wo einen niemand kennt, wo sich niemand an einen erinnert, hinterfragt man die eigene Existenz. Es ist wie ein beängstigender Neuanfang. Ich habe leider durch Erfahrung gelernt: Heimat ist dort, wo man sich an einen erinnert, nicht dort, wo man sich an Menschen erinnert.

Chris Hedges: Sprechen wir über die Medien. Sie und ich kommen beide aus dem Medienbereich. In Ihrem Buch schreiben Sie über die Konfrontation, die Sie erlebt haben, und über den Begriff der Objektivität bzw. – wie Sie schreiben – der Neutralität. Doch die Medien haben im Grunde dazu beigetragen, dass wir in dieser Situation sind. Würden Sie das bitte erklären?

Ece Temelkuran: Absolut. Und das ist eine andere Art von Obdachlosigkeit. Gerade jetzt erleben amerikanische Journalisten das, weil uns unsere Häuser weggenommen werden. All diese Journalisten bei der «Washington Post» zum Beispiel wurden über Nacht obdachlos, und so viele von uns allen, in der Türkei und eigentlich auf der ganzen Welt. Die Sache ist die: Ich gehöre zu den Frühaufstehern. Ich meine, ich schreibe all diese Bücher viel zu früh. Ich schreibe meine Kolumnen zu früh, das ist ein Problem. Nein, das klingt, als würde ich prahlen. Im Gegenteil, es macht mir das Leben wirklich schwer. Ich habe zum ersten Mal über Erdogan geschrieben und darauf hingewiesen, dass dies ein grosses und ganz anderes Problem werden würde – das war im Jahr 2002. Und alle – nicht alle, aber viel zu viele Menschen – waren ohnehin in ihn verliebt. Und ich erinnere mich daran, dass Komplizenschaft nicht nur dadurch entsteht, dass Menschen böse sind und sich Vorteile erhoffen, weil sie der Macht nahe stehen. Das gibt es zwar auch. Aber es gibt auch diese Faszination durch die Macht, diese Neigung, sich von der Macht hypnotisieren zu lassen. Und genau das – die Kraft, an etwas glauben zu wollen –, ist so gefährlich und viel nuancierter, viel subtiler. Man kann nicht einfach den Finger darauf legen und es Komplizenschaft nennen. Und das war bei Erdogan sehr präsent. Und ich denke, die Vereinigten Staaten haben in diesem Sinne grosses Glück. Bei euch ist es offensichtlich. Erdogan war nicht so. Erdogan – ich meine, sogar Obama war bis ganz zum Schluss in ihn verliebt. Es war zu spät, als es auf globaler und nationaler Ebene peinlich wurde, ihn zu unterstützen. Er war bereits zu mächtig.

Also ja, die Komplizenschaft im Journalismus begann natürlich schon vor Erdogan. Sie begann, glaube ich, in den 1980er Jahren, als man uns dazu brachte, Neutralität mit Objektivität zu verwechseln. Man liess uns vergessen, dass der Journalismus seinem Wesen nach, von Natur aus, in Opposition zur Macht stehen sollte – oder diese zumindest hinterfragen sollte. Doch die Propaganda des neoliberalen Wahrheitsverständnisses war so tiefgreifend, so mächtig, dass sie uns vergessen liess, dass wir eigentlich die Stimme der Stimmlosen sein sollten – falls es so etwas überhaupt gibt – oder dass wir eigentlich auf der Seite der Armen, der Schwachen und der Unterdrückten stehen sollten.

Chris Hedges: Nun, es sind genau diese Menschen, die ohne uns keine Stimme hätten.

Ece Temelkuran: Genau. Und ich erinnere mich sehr gut daran. Ich bin jetzt 52 Jahre alt. Ich habe mit 19 oder sogar 18 Jahren angefangen, hauptberuflich zu schreiben. Ich erinnere mich noch, wie sich die Redaktionen aufteilten. Zuerst waren Wirtschaft und Korrespondenz eins. Dann wurden daraus zwei Gruppen: Wirtschaftskorrespondenz und Wirtschaft. Nein, nicht Wirtschaft, sondern Arbeitskorrespondenz. Und die Arbeitskorrespondenz galt als etwas, das – natürlich – von der Ideologie der Kommunisten fasziniert war. Ich habe das miterlebt: Mit der Zeit wurde der Wirtschaftsjournalismus wichtiger und genoss innerhalb der Zeitung mehr Ansehen. Es war, als ob sich die Veränderungen in der Welt im Kleinen auch in der Zeitung widerspiegelten.

Chris Hedges: Ich möchte nur sagen, dass genau dasselbe auch in amerikanischen Zeitungen passiert ist. Bei den meisten Zeitungen, selbst der New York Times, die ja eigentlich ein Gigant im Wirtschaftsteil ist, gab es wohl noch einen Arbeitsmarktkorrespondenten. Die haben den Crash von 2008 verpasst, weil sie alle mit Interviews von Leuten wie Jamie Diamond beschäftigt waren. Aber Sie haben Recht, im amerikanischen Journalismus ist genau dasselbe passiert.

Ece Temelkuran: Und es wurde zum Tabu, über diese Dinge zu sprechen. Es geschah fast wie von unsichtbarer Hand. Natürlich war es sehr offensichtlich, es ging um Politik und so weiter. Aber das waren andere Zeiten. Und ich erinnere mich, wie Journalisten, die über Gewerkschaften berichteten, behandelt wurden, als wären sie Kommunisten.

Chris Hedges: Ich möchte auf Ihren Punkt zurückkommen, die Nähe zur Macht, denn Sie argumentieren in Ihrem Buch – ich glaube, es heisst "Nation of Strangers" –, dass selbst in intellektuellen Kreisen eine gewisse Naivität herrschte, die dazu führte, dass man Erdoğan und die Vorgänge um sich herum nicht durchschaute. Sie beschreiben darin auch Gespräche, die Sie geführt haben, und ich denke, das trifft auch auf die aktuelle Situation zu.

Ece Temelkuran: Ich würde es heute wohl Arroganz nennen. Rückblickend auf die Türkei, aber auch im Hinblick auf die heutige Situation in den USA und Europa, kann ich es ohne Weiteres als Arroganz bezeichnen. Und es ist eine sehr versteckte, subtile Arroganz. Die Intellektuellen, die kulturelle Elite, die Meinungsbildner, die Parteipolitiker und so weiter glauben immer noch, dass sie wichtig sind. Wir hingegen sind unwichtig. Wir müssen das akzeptieren, und diese Tatsache sollte uns von all den Konventionen befreien, die uns unserer Meinung nach einengen. Die Arroganz verursacht viele Probleme und ist vielleicht sogar wichtiger als Komplizenschaft.

Wir glauben immer noch, dass unsere Anwesenheit zählt, dass unser Wort zählt. Wir glauben immer noch, dass man uns zuhört. Nein, leider ist dem nicht so. Ein kleines Beispiel: Als ich mein Buch "Nation of Strangers" in Frankreich vorstellte, kaufte ein rechtsextremer Geschäftsmann den bedeutenden Verlag Grasse. Daraufhin kündigten oder verliessen alle Autoren des Verlags aus Protest. Und ich fragte meine französischen Freunde, Kollegen und Schriftsteller: Warum glaubt ihr, dass eure Abwesenheit zählt? Selbst eure Anwesenheit zählt nicht. Ihr versteht diese neue Welt einfach nicht. Deshalb spreche ich – vielleicht ein starkes Wort – von Kampfgeist. Ich spreche von der Überwindung von Ängsten. Ich spreche von Demut. Ich spreche von Ehrlichkeit und dem Mut, unsere Realität zu hinterfragen, nicht nur unsere eigene als Kulturschaffende, Politiker und Literaten, sondern auch die Realität der Welt. Wir befinden uns an einem Punkt, an dem wir nicht mehr viel zu verlieren haben.

Ich glaube, wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder einige von uns ziehen sich in die Bunker der Reichen und Mächtigen zurück, und andere, wie Künstler, Kulturschaffende, Schriftsteller und Politiker, erkennen, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als sich mit den Menschen zu solidarisieren und zu begreifen, dass wir wirklich gleichberechtigt sind und nichts anderes haben als einander, was meiner Meinung nach mehr als genug ist.

Chris Hedges: Es gibt eine Passage in einem Roman von Joseph Roth, einem ziemlich unbekannten deutschen Roman, den ich gelesen habe, und Roth ist eine Romanfigur. Roth hat, genau wie Sie, die Nazis angeprangert. Er wusste in den 20er-Jahren genau, was kommen würde, und war ein Ausgestossener, nicht nur ein grossartiger Journalist, sondern auch ein grossartiger Schriftsteller. Aber an einer Stelle sagt er: "Ich fühle mich wie eine Maus, die angesichts einer Lawine piepst, aber piepsen muss ich trotzdem."

Ece Temelkuran: Genau. Ich lache, und ich denke, Europäer und Amerikaner sollten diese Art des Lachens sehr bald lernen – nicht das Lachen, das uns vor der Gefahr tröstet, sondern das Lachen, das uns verbindet und uns stärker macht. Es ist ein düsteres Lachen, aber wir müssen düster lachen.

Chris Hedges: Nun, Sie schreiben darüber in Ihrem Buch, und ich war selbst im Krieg, daher verstehe ich diesen schwarzen Humor vollkommen. Ich glaube allerdings, Sie versuchen gerade, ein Visum zu bekommen – ich kann mich nicht mehr genau an die Geschichte erinnern, aber Sie rufen einen Freund an, der sich ebenfalls in einer prekären Lage befindet, und der Freund fragt Sie scherzhaft: "Und, wann bringst du dich um?", wenn ich mich richtig an die Geschichte erinnere. Aber genau das ist es, was wir brauchen.

Ece Temelkuran: Ja. Nein, so ist es. Wissen Sie, als ich oft über die Türkei sprach, besonders 2016, erinnere ich mich, dass ich im Lincoln Center vor 3.000 Frauen sprach und ihnen sagte – damals dachten viele Amerikaner, vor allem in New York –, dass er [Anm.: Trump] es nicht mal ein Jahr aushalten würde. Und ich sagte ihnen: "Nein, er wird ein Jahr durchhalten und dann wiederkommen." Und dann lachte ich. Und ich glaube, zehn Jahre später sind die Amerikaner mit dieser Art von Lachen vertrauter als damals, was gut ist.

Eines ist sicher: "Nation of Strangers" ist mittlerweile in unzähligen Sprachen erschienen, und ich war die letzten sechs Monate in Europa auf Tournee. Ein neues Phänomen, das mich sehr interessiert: In jeder europäischen Stadt, in jedem Publikum, sass ein Amerikaner mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen. Sie alle sagten mir dasselbe: "Ich bin ein Exilant in Europa." Und ich dachte: "Das ist die McCarthy-Ära. Das ist, ich weiss nicht, Hemingway in Reinkultur. Auswanderer, amerikanische Exilanten. Amerikanische Exilanten. Das ist ein neues Phänomen." Und ich denke mir: Ich schreibe zwar früh Bücher und so weiter, aber "Nation of Strangers" trifft, glaube ich, den Nagel auf den Kopf. Wir alle werden auf die eine oder andere Weise heimatlos. Und vielleicht ist Amerika zum ersten Mal so nah am Rest der Welt wie nie zuvor.

Chris Hedges: Sie schreiben, und ich liebe Ihre Texte. Ich erinnere mich, dass Margaret Atwood einmal sagte, sie teile die Manie der westlichen Kultur für Hoffnung nicht. Aber Sie schreiben auch, dass Sie das Wort Hoffnung nicht mögen, sondern eher das Wort – ist es Trotz?

Ece Temelkuran: Glaube. Glaube, weil ich denke, dass dies das Hauptthema von "Gemeinsam: Ein Manifest gegen die herzlose Welt" war. Viele Menschen denken, es ginge um Hoffnung. Wir müssten Hoffnung haben, hoffnungsvoll sein und so weiter. Mit der Zeit, insbesondere nachdem ich "Wie man ein Land verliert" geschrieben und zweimal die Welt bereist hatte, wo ich vor Publikum sprach, das nach Hoffnung verlangte, bemerkte ich, dass sie nicht nach Hoffnung fragten. Sie suchten vielmehr nach einem Grund zu glauben. Sie suchten nach einem Sinn, damit sie dafür und damit arbeiten konnten. Der Neoliberalismus hat nicht nur unglaubliche soziale Ungerechtigkeit und widerwärtige, clowneske Führer hervorgebracht, sondern mir zufolge auch den Glauben an die Menschheit, an unsere eigene Handlungsfähigkeit als Menschen, an unsere politische und sonstige Handlungsfähigkeit geraubt. Denn der Neoliberalismus suggeriert uns – genau wie der Faschismus –, dass der Mensch ein egoistisches, selbstsüchtiges, schreckliches Wesen sei. Und so wurde uns, glaube ich, der Glaube an unsere Menschlichkeit, an die Zukunft der Menschheit geraubt, weil wir aus irgendeinem Grund auf diese Definition hereingefallen sind. Unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem basiert auf dieser fundamentalen Definition des Menschen: egoistisches, selbstsüchtiges Miststück. Um das zu ändern, brauchen wir keine Hoffnung, sondern Glauben. Glauben an die Menschheit. Und wie jeder Glaube gilt er nicht dem Objekt des Glaubens, sondern uns selbst. Denn sobald man anfängt, an die Menschheit, an ihre Zukunft zu glauben, beginnt man auch, an sich selbst zu glauben. Und das ist, glaube ich, der Ausgangspunkt unseres politischen Kampfes. Wie können wir unseren Glauben an die Menschheit erneuern?

Sehen Sie, wenn man die Flüchtlingslager besucht, spürt man eine ganz besondere Freude. Es ist die Freude über die Würde. Eine ganz besondere Freude. Und warum geht man dorthin? Man ist einmal dort, spürt diese Freude, es ist wunderbar. Warum geht man immer wieder hin? Es ist wie eine Pilgerreise. Man möchte seinen Glauben an die Menschheit stärken, weil man Menschen wie sich selbst sehen möchte und nicht vergessen will, dass wir da sind und dass wir viele sind.

Diese Menschen, die sich für Gaza eingesetzt haben, all jene, die sich weiterhin gegen Ungerechtigkeiten aussprechen, stärken unseren Glauben an die Menschheit, an uns selbst. Und wenn wir an uns selbst glauben können, dann geht es nicht nur darum, den richtigen Anführer zu wählen, sondern es kann das gesamte politische Gefüge weltweit verändern. Ich denke, deshalb werden Mamdani, Ekrem İmamoğlu in Istanbul und einige andere lokale Führungspersönlichkeiten zu Trägern dieses Glaubens, sodass wir erkennen: Wir sind gut, wir sind schön, wir sind nicht böse, wir sind selbstlose, wundervolle Wesen. Ich denke, wir müssen das mehr erkennen und mehr daran glauben.

Chris Hedges: Grossartig. Danke, Ece. Und ich möchte Thomas und Max danken, die die Sendung produziert haben. Ihr findet mich unter ChrisHedges.substack.com.


23.07.2026 Wie Ece Temelkuran in „Nation of Strangers“ schreibt, wurde der Weg zum Faschismus in den letzten sechs Jahrzehnten neoliberaler Angriffe geebnet. Wir sind am Endpunkt angelangt.

Übersetzung des Artikels von Chris Hedges

Wir werden zu Fremden. Fremde in unseren eigenen Ländern. Fremde in der Welt. Die Werte, die wir so hochhielten, die Freiheiten, die wir einst für selbstverständlich hielten, und die Möglichkeit einer demokratischen Zukunft schwinden. Die Gemeinschaften, in denen wir Sinn und Erfüllung fanden, werden zerstört. Der eiserne Griff des Faschismus festigt sich. Der jahrzehntelange Angriff auf demokratische Institutionen im Namen des Neoliberalismus – besser bekannt unter seinem weniger beschönigenden Namen: rücksichtsloser Kapitalismus – trägt nun seine bittere Früchte.

Ece Temelkuran greift in „Nation of Strangers: Rebuilding Home in the 21st Century“ auf ihre Erfahrungen im Exil aus der Türkei zurück, wie bereits in ihrem vorherigen Buch „How to Lose a Country: The 7 Steps from Democracy to Dictatorship“, um uns auf eine Zukunft vorzubereiten, die wir nicht wollen, aber ertragen müssen.

„Nation of Strangers“ ist eine Reihe von vierzig Briefen, die im Juni 2022 beginnen und im April 2025 enden. Jeder Brief ist mit „Lieber Fremder“ adressiert, was uns nach und nach vor Augen führt, dass wir bald, wie sie, zu Fremden werden. Zuerst im eigenen Land, dann, für einige von uns, im Exil.

Sie spottet über unsere Manie der Hoffnung, über den naiven Glauben, dass unsere ausgehöhlten und korrupten Institutionen die faschistische Flut zurückdrängen können.

„Ich glaube nicht an Hoffnung“, schreibt sie, „sondern an Entschlossenheit, an Glauben und daran, alles zu tun, um zu überleben, wenn es keine Hoffnung mehr gibt.“

Temelkuran war eine bedeutende türkische Romanautorin, Essayistin und Journalistin. Sie schrieb eine vielgelesene Kolumne und hatte eine eigene Sendung im nationalen Fernsehen. Sie war zudem die Erzfeindin der Regierung von Recep Tayyip Erdoğan, insbesondere nach der Veröffentlichung ihres Buches „Türkei: Die Wahnsinnigen und die Melancholiker“ im Jahr 2016.

Sie verliess die Türkei, nachdem sie von regierungsnahen Medien unerbittlich verleumdet und angegriffen worden war, ihre Kollegen inhaftiert wurden, die Morddrohungen „zu regelmässig wurden, um sie zu ignorieren“, und sie ihren Job verlor.

Temelkuran rief ihre Mutter am 6. November 2016 aus Zagreb, Kroatien, an: „Mama, ich komme nicht mehr nach Hause.“

„Es war ein einminütiges Telefongespräch“, erklärt sie. „Die Hälfte der Zeit herrschte Stille. Aber das reichte aus, um mich im Herbst 2016 heimatlos zu machen.“

Sie war 43 Jahre alt.

Mein Interview mit Temelkuran können Sie hier ansehen [Anm.: Die Übersetzung des Videotranskripts ist im Artikel eins weiter oben zu finden].

„Die Realität des neoliberalen Systems – extreme Ungleichheit – hebt das grundlegende Versprechen der Demokratie – die Gleichheit – auf, und deshalb verliert die Idee, die Demokratie zu schützen, für die Menschen immer mehr an Bedeutung“, schreibt sie.

Wir werden nicht nur wegen derer, die die Macht innehaben, ob Wladimir Putin, Narendra Modi, Benjamin Netanjahu, Donald Trump oder Erdoğan, obdachlos gemacht, sondern auch wegen eines bankrotten Liberalismus, einer Scheinopposition, die denselben Konzern- und Oligarchenherren unterworfen ist.

„Da unsere politische Empörung von den etablierten Institutionen der Realpolitik, den alten Parteien, als irrelevant abgetan wird, fühlen wir uns auch politisch heimatlos“, bemerkt Temelkuran. „Wir wissen nicht mehr, über welches politische Medium wir unsere Stimmen vereinen können, um von den Machthabern gehört zu werden. Wie Flüchtlinge halten wir uns an provisorischen Orten auf: Protestzelten, improvisierten Zelten der Occupy-Bewegung oder Streikzelten. In der Kälte oder in der Sonne träumen wir immer wieder von einer neuen politischen Heimat – wie ein Exilant, der weiss, dass die Rückkehr in die alte Heimat unmöglich ist, aber dennoch ein Zuhause vermisst.“

Das Lebenselixier des Faschismus ist die Dämonisierung des Anderen, des Fremden.

Bis 2050 werden über eine Milliarde Menschen aufgrund von Umweltveränderungen, Konflikten und Unruhen von Vertreibung bedroht sein. Bis 2070 könnten zwischen einer und drei Milliarden Menschen ausserhalb der Klimabedingungen leben müssen, die der Menschheit in den letzten 6.000 Jahren gute Dienste geleistet haben.

Sie warnt davor, dass der Völkermord in Gaza eine Vorlage für das ist, was noch kommen wird, eine Übung der globalen herrschenden Klasse, um zu sehen, wie viel Blutvergiessen sie ungestraft anrichten kann.

Temelkuran beschreibt Gaza als „eine lange, blutende, tiefe Narbe auf der Weltkarte“, die sich „zu einer tödlichen Wunde ausweitet, die die gesamte Menschheit verschlingt“. Sie warnt davor, dass „neue Massstäbe der Brutalität gesetzt werden“, dass „am Ende dieser Geschichte viel zu viele heimatlos sein werden, und es werden nicht nur diejenigen sein, deren Häuser bombardiert werden. Und alles wird mit dem Verlust eines einzigen Wortes beginnen.“

„Es wird keine ausdrückliche Vereinbarung brauchen“, fährt sie fort, „aber nach und nach werden die Menschen das eine Wort vermeiden, das als ‚problematisch‘ gilt. In Deutschland ist es heute das Wort Völkermord; in anderen Ländern werden es andere Wörter sein.“

Die durch das Verschwinden des Wortes „Krieg“ entstandene Leere wird bald mit harmlosen, von den Machthabern wohlwollend vorgeschlagenen Begriffen gefüllt werden, selbst wenn die Gegenseite hauptsächlich aus Zivilisten besteht. „Nennen wir es nicht Völkermord, sondern Gräueltaten.“ Schliesslich wird es unmöglich sein, sich an der öffentlichen Debatte zu beteiligen, ohne nur diese genehmigten Wörter zu verwenden. Sie werden wie Signalraketen wirken, um zu zeigen, dass man das verbotene Wort nicht benutzt. So funktioniert Faschismus. Er bringt die Menschen nicht nur zum Schweigen, sondern zwingt sie auch, auf eine bestimmte Weise zu sprechen.

Temelkuran schildert die Demütigungen, die die Überwindung bürokratischer Hürden bei der Beantragung von Aufenthalts- und Visumgenehmigungen in „seelenzerstörenden Wartezimmern“ mit sich bringt. Wie die anderen Fremden fragt sie sich, ob die Genehmigung nach Ablauf verlängert wird oder ob sie gezwungen sein wird, sich erneut Zuflucht zu suchen. Das Exil hat sie abgehärtet. Ihr Humor ist makaber. Sie beobachtet, wie Flüchtlinge aus dem Krieg in der Ukraine in Deutschland ankommen, ahnungslos, was sie erwartet.

„Die Ukrainer wissen das noch nicht“, behauptet Temelkuran. „Sie zweifeln nicht daran, dass das Versprechen der westlichen Welt gehalten wird. Sie glauben immer noch, dass sie zivilisiert und würdevoll aufgenommen werden. Ein sehr dunkler, sehr gebrochener Teil in mir möchte dieses widerliche Lachen ausstossen. Träum weiter! Niemand nimmt dich auf, ohne dich vorher zu brechen. Du wirst dich selbst verachten, alles hassen, aufgeben, abstumpfen, und erst dann wird sich etwas ändern. Du wirst erst willkommen geheissen, wenn du dich ergibst .“

Ihre Erfahrungen im Exil verspotten das westliche Selbstverständnis.

„Im Westen wird Europa immer noch gern als sicherer Hafen für unterdrückte Intellektuelle des globalen Südens gesehen, doch das überschätzt Europa, wenn Tausende ins Meer zurückgetrieben werden, um dort zu sterben“, betont sie. „Die Fokussierung auf ‚Exil‘, um von ‚Flüchtlingen‘ abzulenken, dient als Krisenmanagementinstrument, wenn nicht gar als Strategie zur Imagepflege Europas.“

Die Verfolgung durch das Regime, die den Fremden ins Exil treibt, ist ironischerweise nicht das, was am schwersten zu ertragen ist.

„Was die Westler noch nicht begriffen haben, ist, dass viele von uns aus Angst vor einem Diktator ihre Häuser nicht verlassen“, schreibt sie. „Sie unterscheiden in ihren Köpfen immer noch zwischen den ‚Guten‘ und den ‚Bösen‘. Doch was die Bindung zu einem Land wirklich zerstört, ist zu sehen, wie viele Menschen, ganz normale Menschen, das Regime unterstützen, selbst nachdem sie dessen Gräueltaten miterlebt haben – zu sehen, wie viele sich bewusst für das Böse entscheiden. Dann gerät der Glaube an die Menschheit ins Wanken. Das ist es, was uns ausgrenzt und uns heimatlos macht, selbst wenn wir zu Hause sind – das Gefühl, von Unmenschlichkeit, Wahnsinn und Brutalität bedroht zu sein.“

Der letzte Schlag, sagt Temelkuran, der einen „wirklich zerbricht“, kommt nicht von „der anderen Seite“. Vielmehr kommt er „von denen, die man als die eigenen Leute, als die eigene Seite betrachtet. Wenn das Gefühl der Niederlage die eigene Seite erfasst, schlägt die Wut oder der Ekel vor Selbsthass, auf der Verliererseite zu stehen, in Selbsthass um. Dieser Hass hetzt die Menschen gegeneinander auf, und dann – wie ich es schon einmal erlebt habe, als ich das Land endgültig verliess – sieht man sich einem Angriff ausgesetzt, einem Angriff, der viel heftiger ist, als es die andere Seite vermag. Sie sagen, man sei nicht gut genug. Kein Schnitt ist tiefer. Genau in diesem Moment wird man zum Fremden im eigenen Land, wenn nicht der Diktator, sondern die eigenen Landsleute die Verbindung zum eigenen Land kappen.“

Die Heimat für den „Abgrund des heimatlosen Selbst“ ist kein Ort mehr. Sie ist weder „etwas Vergangenes noch ein Ziel, das man in der Zukunft erreichen kann“. Sie findet sich in „diesen Momenten, in denen ich ganz bei mir bin, einem flüchtigen Gefühl der Ganzheit, einem seltenen, aber kostbaren Gefühl normaler Menschen, und sie wird nur im Hier und Jetzt zu finden sein.“

Auch wenn das Zuhause, das wir zurücklassen, nicht mehr existiert, entstehen „neue Zuhause, die uns Momente des Friedens schenken, wenn wir sie am wenigsten erwarten“.

Das ist vielleicht eine Art Hoffnung, aber eine, die von ewiger Trauer und Entfremdung begleitet wird.

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Chris Hedges ist ein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Journalist, Bestsellerautor und Aktivist.


23.07.2026 Die Türkei zehn Jahre nach dem Putsch

Die WOZ publiziert zu diesem "Jubiläum" mehrere Artikel, die ich hier zusammengefasst wiedergebe.

Erster Artikel

Zusammenfassung

Zehn Jahre nach dem Putsch: Wie Erdoğan die Türkei umbaute

Vom Putsch zur Machtfülle: Der gescheiterte Putsch vom Juli 2016 war für Recep Tayyip Erdoğan ein «Geschenk Gottes». Er nutzte ihn, um das politische System fundamental umzubauen. Die formale Demokratie blieb erhalten, doch durch das Präsidialsystem (2018) und die Entmachtung des Parlaments entstand ein «kompetitiver Autoritarismus» – ein System, das an ein Sultanat erinnert.

Gleichschaltung und Repression: Justiz und Staatsapparat wurden instrumentalisiert. Mit Pauschalvorwürfen wie «Beleidigung des Präsidenten» wird die Opposition systematisch zerschlagen – prominente Beispiele sind Selahattin Demirtaş, Osman Kavala und zuletzt Ekrem İmamoğlu. Eine gigantische Säuberungswelle nach dem Putsch legte den Grundstein für die totale Kontrolle.

Ideologischer Umbau: Erdoğan presst die Gesellschaft in ein Korsett aus Neoliberalismus und einem staatlich gesteuerten Islam. Die mächtige Religionsbehörde Diyanet durchdringt die Zivilgesellschaft wie ein Kapillarsystem. Die grösste Oppositionspartei CHP wurde durch ein Gerichtsurteil (Mai 2026) faktisch gleichgeschaltet, um Erdoğans Weg zu einer dritten Amtszeit zu ebnen.

Zerfall der Opposition: Die Repression spaltet das linke und kurdische Lager. Während die HDP laviert, versucht der neue CHP-Chef Özgür Özel, die Partei von ihrem überholten Kemalismus zu lösen – hin zu einer basisdemokratischen Massenbewegung. Seine Strategie: direkte Mobilisierung statt ritualisierter Treueschwüre.

Ungewisse Zukunft: Wirtschaftskrise, Braindrain und ein autoritäres Dispositiv im Massenbewusstsein machen einen echten Systemwechsel extrem schwierig. Ein Umbau würde eine tiefgreifende «Reeducation» erfordern – ähnlich der Entnazifizierung in Deutschland. Die entscheidende Frage bleibt, ob die geschwächte Zivilgesellschaft noch zu einer kritischen Masse für eine Transformation finden kann.

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Zweiter Artikel

Zusammenfassung

«Wir hängen im Einkaufszentrum rum» – Eine junge Stimme aus der Türkei

Generation ohne Perspektive: Der 21-jährige Sportstudent kennt keine andere Türkei als jene unter Erdoğan. Kritische Bemerkungen über den Präsidenten vermeidet er – die Konsequenzen sind ungewiss. Sein Leben spielt sich in Cafés, Einkaufszentren und in den sozialen Medien ab, die zum letzten halbwegs freien Raum geworden sind.

Protest ohne Hoffnung: Er war bei den Demonstrationen gegen die Festnahme İmamoğlus und gegen die geplante Schliessung seiner Universität – die Uni konnte gerettet werden. Ein kleiner Sieg. Doch viele in seinem Alter haben aufgegeben. Keine Partei vertritt sie, die Politik kümmert sich nur um die älteren, konservativen Wähler. Die Zukunft scheint wertlos.

Wirtschaftlicher Druck: Theater, Konzerte und Fleisch sind unbezahlbar geworden. Sein Kellnerjob reicht gerade für die Uniausgaben. Viele in seinem Umfeld kämpfen mit Depressionen, ohne offen darüber zu reden – die ständige Unsicherheit und Angst hinterlassen Spuren.

Schwindende Freiräume: Eine der bekanntesten LGBTQ-Bars in Istanbul hat geschlossen – zu gross war der Druck. Ein weiterer Verlust an Freiheit für seine Generation.

Die Perspektivlosigkeit treibt fort: Er liebt die Türkei, seine Familie und Freunde sind hier. Doch er sieht keine Zukunft mehr – und jedes Jahr wird es schlimmer. Irgendwann wird er gehen. Nicht, weil er sein Land aufgeben will, sondern weil es keine Perspektive mehr gibt.

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Dritter Artikel

«Ich halte an der Hoffnung fest» – Eine kurdische Stimme zehn Jahre nach dem Putsch

Zusammenfassung

Vom Reformversprechen zur Machtkonzentration: Als die AKP 2002 an die Macht kam, weckte sie Hoffnungen auf demokratische Reformen. Doch mit jeder gewonnenen Wahl schwand die Gewaltenteilung, die Macht konzentrierte sich zunehmend beim Präsidenten – die Gerichte wurden politisch instrumentalisiert.

Der Putsch als Wendepunkt: Die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 war ein entscheidender Einschnitt. Schon sein Vater reagierte skeptisch auf den Ablauf des Putschversuchs – er unterschied sich von den blutigen Militärputschen früherer Jahre. Was folgte, waren Massenverhaftungen, Medienschliessungen und eine massive Verschärfung des politischen Klimas.

Alte und neue Repression: Für Kurd:innen traf die neue Repression auf eine viel ältere Erfahrung. Der Kampf um Sprache und Identität reicht weit vor die heutige Regierung zurück. Der Putsch verstärkte, was vorher schon da war: Kulturelle Einrichtungen geraten unter Druck, kurdische Ortsnamen werden zurückverwandelt, kurdischsprachiger Unterricht bleibt eingeschränkt.

Freiheit als kulturelles Überleben: Freiheit bedeutet für Serhat Yıldırım in erster Linie das Recht, die eigene Kultur leben zu können. Eine Sprache bewahrt Erinnerungen, Literatur und Geschichte – sie verbindet Menschen mit ihrer Herkunft und Gemeinschaft. Von dieser Freiheit ist in der Türkei kaum mehr etwas übrig geblieben.

Hoffnung trotz allem: Der 37-jährige Kurdologe, Landwirt und Musiker hält an der Hoffnung fest – gespeist aus der Erfahrung früherer Generationen, die ihre Sprache und Kultur immer bewahrt haben. Sein Wunsch zehn Jahre nach dem Putsch: mehr Raum für freie Meinungsäusserung und kulturelle Rechte, damit niemand mehr für die eigene Identität kämpfen muss.

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Vierter Artikel

Zusammenfassung

«Die Nacht veränderte meine Familie» – Eine junge Erinnerung an den Putsch

Die Nacht des Putsches: Tülay Korkmaz* war fünfzehn Jahre alt, als die ersten Meldungen auf den Handys auftauchten. Sie sass mit ihrer Familie im Café, dann gingen sie zu Nachbar:innen und schalteten den Fernseher ein. Die historische Bedeutung war ihr damals nicht klar – ihre Eltern kannten bereits erfolgreiche Militärputsche, sie selbst nur aus Geschichtsbüchern.

Der Tag danach: Am Samstag überschlugen sich die Nachrichten mit Meldungen über massenhafte Festnahmen. Trotzdem ging sie zu ihrem Coiffeurtermin – ein Stück Normalität inmitten des Chaos. Die Aggressivität der Coiffeuse blieb ihr in Erinnerung, und sie schämte sich fast, mit einem profanen Haarschnitt zu belästigen.

Die Veränderung der Familie: Ihre Arbeiter:innen-Eltern, politisch immer links, wurden nach dem Putsch stiller. Sie hatten Angst um ihre Arbeit, Angst vor dem Staat. Die Regierung werde immer verrückter, sagten sie – und niemand würde sie unterstützen, wenn sie fielen.

Leben im Ausnahmezustand: In den drei Jahren Ausnahmezustand erlebten sie täglich, wie Menschen wegen Regierungskritik festgenommen wurden. Kritische Gespräche beschränkten sie auf das eigene Zuhause und auf vertraute Kreise. Die Mutter predigte: Wer sich mit der Politik anlegt, verbrennt sich in diesem Land. Bis heute muss Tülay ihr versprechen, sich daran zu halten.

* Von der Redaktion anonymisiert.


23.07.2026 Schweiz: "Wie eine langsame Hinrichtung"

Der Bund hat seine besonders restriktive Praxis gegenüber iranischen Geflüchteten nicht prinzipiell geändert. In Zürich wurde nun mit einem Sitzstreik dagegen protestiert.

Zusammenfassung des WOZ-Artikels

Iraner:innen im Asylsystem: «Wie eine langsame Hinrichtung»

Verzweifelte Protestaktion: Rund fünfzig Iraner:innen protestierten letzte Woche in Zürich mit einem Sitzstreik vor der Citykirche gegen die rigide Asylpraxis der Schweiz. Vier von ihnen traten in Hungerstreik – aus Verzweiflung über ihre aussichtslose Lage.

Drastische Ungleichbehandlung: Die Schutzquote für Iraner:innen liegt bei nur 37,7 Prozent – deutlich tiefer als für Geflüchtete aus Eritrea oder Afghanistan. Nur rund zwanzig Prozent der abgelehnten Iraner:innen erhalten ausnahmsweise einen Bleiberecht. Das SEM stellt im Asylverfahren die Echtheit von Dokumenten aus dem Iran pauschal infrage.

Leben in der Nothilfe: Betroffene wie Mozhgan Asadi (seit drei Jahren in der Schweiz) oder Mansour Rahimi (seit achtzehn Jahren, davon fünfzehn mit Negativentscheid) leben von acht Franken pro Tag, ohne Arbeitserlaubnis und ohne Perspektive. «Arbeitsfähige werden krank, Gesunde depressiv», sagt Pressesprecherin Firoozeh Miyandar.

Diplomatische Gründe? Aktivist Philippe Blanc vermutet, dass die Schweiz es sich mit dem iranischen Regime nicht verderben will – immerhin vertritt sie dort die diplomatischen Interessen der USA. Die Asymmetrie im Vergleich zu anderen autoritären Staaten sei sonst kaum erklärbar.

Keine echte Wende: Zwar verhängte das SEM im März ein Asylmoratorium, weil Wegweisungen faktisch undurchführbar sind. Doch befürchten Kritiker:innen, dass der Bund schlicht zuwartet, statt die Praxis grundsätzlich zu ändern. Einem Härtefallgesuch stellen sich viele Kantone restriktiv entgegen.

Forderung der Protestierenden: Die Gruppe Empathie und Einheit verlangt eine höhere Anerkennungsquote und eine politische Lösung für jene Iraner:innen, die seit Jahren in der Nothilfe gestrandet sind. «Die Iraner:innen können nicht einfach in dieses Regime zurückkehren – das sollte die Schweiz anerkennen.»


23.07.2026 Trumps imaginäre Feinde

Übersetzung des Artikels von Chris Hedges

Die Trump-Regierung bereitet den Boden für die Schwarze Liste und Kriminalisierung jeglicher linker, progressiver, kriegsgegnerischer und antiimperialistischer Opposition.

Der 100-seitige Bericht des US-Aussenministeriums über Kubas „Subversionskampagne gegen die Vereinigten Staaten“ sowie Donald Trumps Behauptung, dass „die Amerikaner hinsichtlich der Sicherheit unserer Wahlinfrastruktur eklatant belogen wurden“, legen den Grundstein für eine Diktatur.

Wahlen werden im Namen der „nationalen Sicherheit“ sabotiert. Linke Opposition wird im Namen der „Terrorismusbekämpfung“ kriminalisiert. Die Demokratie wird im Namen des Schutzes der „Freiheit“ ausgelöscht.

Trump, der in letzter Zeit vermehrt vor einer kommunistischen Verschwörung zur Übernahme Amerikas warnt, behauptet, dass eine Insel mit 9,6 Millionen Einwohnern – von denen fast 90 Prozent in extremer Armut leben und aufgrund jahrzehntelanger US-Wirtschaftskriege unter anhaltenden Stromausfällen leiden – eine existenzielle Bedrohung darstellt.

Diese Anschuldigungen sind nicht rational begründet. Sie sind, genau wie der Vorwurf der Wahlmanipulation, durchsichtige Vorwände, um Institutionen und Einzelpersonen anzugreifen, die als Bedrohung für Trumps und der Republikanischen Partei absolute Machtposition wahrgenommen werden. Während Kuba angeblich „eine der nachhaltigsten und schädlichsten ausländischen Geheimdienstoperationen in der amerikanischen Geschichte durchgeführt hat“, verfügen Russland, China, Iran und Nordkorea sowie nichtstaatliche Gruppen „über die Fähigkeit, die US-Wahlinfrastruktur zu kompromittieren“.

Unter der Überschrift „Frontgruppen und Mitläufer“ stellt der Bericht eine heterogene Sammlung von Organisationen zusammen, die zum „ideologischen Netzwerk“ Kubas gehören.

So wird beispielsweise die Interreligious Foundation for Community Organization (IFCO), die von der Presbyterianischen Kirche als ökumenische Organisation für soziale Gerechtigkeit gegründet wurde, als Teil eines Kuba-„Solidaritätsnetzwerks“ beschrieben, das „radikale Agitation innerhalb der Vereinigten Staaten ermöglicht“.

Ich bin ein ordinierter presbyterianischer Pfarrer. Ich kann Ihnen versichern, dass die Presbyterianische Kirche keine „radikale Agitation“ fördert.

Der Bericht listet eine Vielzahl von Organisationen auf, in deren Auftrag IFCO – völlig legal – als Vermittler fungierte und steuerbefreite Spenden ermöglichte sowie die Verwaltung von Fördermitteln, die Einhaltung von Vorschriften und die Berichterstattung übernahm. Dazu gehören die Jericho-Bewegung, Equality for Flatbush, die Claudia Jones School, Haitian Women for Haitian Refugees, changingFrequencies, Viva Palestina US und das People’s Forum , das im Bericht als „eine wichtige Aktivistengruppe im ideologischen Netzwerk Kubas in den USA“ beschrieben wird.

Die National Lawyers Guild (NLG) und die Democratic Socialists of America (DSA) werden im selben Kapitel scharf kritisiert. Die NLG „ist eine der beständigsten und einflussreichsten – und heimtückischsten – Organisationen im US-amerikanischen Netzwerk Kubas.“

Der Bericht wird fortgesetzt:

Die Vereinigung linksextremer Anwälte und radikaler Strassenaktivisten spielte eine Schlüsselrolle bei einem unverhältnismässig grossen Anteil des linksextremen Terrors und der Gewalt, die die Vereinigten Staaten seit den 1960er Jahren bis heute heimgesucht haben. Im Laufe ihrer Geschichte unterhielt sie enge Verbindungen zu Kuba und anderen kommunistischen Regimen und verfolgte explizit das Ziel der internationalen Linksextremen, unter anderem durch die Verteidigung und Förderung von Terrorismus und extremistischer Gewalt – von der Weather Underground der 1970er Jahre bis hin zu den gewalttätigen BLM-Aktivisten und Antifa-Terrorzellen von heute.

Die NLG wird als ausländische Einflussoperation bezeichnet, weil sie Aktivisten unterstützt, deren Recht auf Rechtsbeistand verfassungsrechtlich verankert ist.

Im Jahr 2025 knüpfte die Trump-Regierung die Gewährung von Bundesmitteln an die Harvard-Universität an die Bedingung, dass die Ortsgruppe der National Lawyers Guild (HLS NLG) der juristischen Fakultät aufgelöst und deren Finanzierung eingestellt wird. Die HLS NLG leistete Rechtshilfe für Einzelpersonen und Studentengruppen, die sich gegen den Völkermord aussprachen.

Ein Unterabschnitt des Berichts ist den Antikriegsaktivistinnen von CODEPINK und ihren Mitbegründerinnen Medea Benjamin und Jodie Evans gewidmet. Darin wird erwähnt, dass Evans' Hochzeit mit dem wohlhabenden Softwareunternehmer Neville Roy Singham von zahlreichen prominenten Persönlichkeiten der progressiven Bewegung besucht wurde, darunter die Co-Moderatorin von „Democracy Now!“, Amy Goodman, der Mitbegründer von Ben & Jerry's, Ben Cohen, und die Dramatikerin V (ehemals Eve Ensler), die „Die Vagina-Monologe“ schrieb.

Die Benennung der Gäste bei einer Hochzeit gehört zu den kuriosesten Vorgängen.

Der Bericht übertreibt den Einfluss von Singhams Unterstützung für linksextreme Organisationen – die als „linksextrem“ bezeichnet werden – masslos, während er die massiven Summen ignoriert, die von US-Konzernen, Millionären und Milliardären sowie der Israel-Lobby an beide grossen politischen Parteien, Super-PACs, Denkfabriken und Interessenvertretungsnetzwerke gezahlt wurden.

Israel übt einen weitaus heimtückischeren Einfluss auf die US-amerikanische Politik und Aussenpolitik aus als Kuba, Russland und China zusammen.

Das US-Aussenministerium greift die Mitbegründer des Volksforums, Manolo De Los Santos und Claudia De la Cruz, an.

Es stützt sich auf Dokumente, die oft Jahrzehnte alt sind und von der Paranoia des Kalten Krieges geprägt sind. Dazu gehört ein Senatsbericht von 1966, in dem behauptet wird, es gebe „überwältigende Beweise dafür, dass der Apparat der kubanischen Regierung im Laufe der Jahre schrittweise organisiert wurde, um seine wichtigste Aufgabe zu erfüllen – den Export kommunistischer Subversion“.

Dabei werden differenziertere Einschätzungen ignoriert, darunter eine CIA-Schätzung aus dem Jahr 1981, in der anerkannt wurde, dass „ein Grossteil der Unruhen in der Welt in regionalen und lokalen Konflikten politischer, sozialer oder religiöser Natur wurzelt und nichts mit dem Kommunismus zu tun hat.“

In einem Kapitel mit dem Titel „Revolutionärer Tourismus“ wird die Venceremos-Brigade („Wir werden siegen“) als eine der „umfangreichsten und gefährlichsten Infiltrationsoperationen, die jemals von einer ausländischen Macht gegen die Vereinigten Staaten durchgeführt wurden“, charakterisiert. Diese Behauptung diffamiert Tausende von Einzelpersonen und Organisationen als kubanische Agenten und bietet nichts weiter als Andeutungen.

Darin wird „der Gründer von Mother Jones“ aufgeführt – obwohl es vier Gründer gab – sowie „mehrere andere [nicht namentlich genannte] namhafte Zeitschriftenredakteure, Führungskräfte einflussreicher Gewerkschaften und Interessengruppen, Think-Tank-Manager und eine Reihe von Professoren an führenden US-Universitäten“ als Brigade-„Alumni“.

Der Transport humanitärer Güter nach Kuba ist keine Straftat. Das Auslieferungsgesuch des US-Justizministeriums an die spanische Philanthropin Fergie Chambers, die humanitäre Organisationen im Gazastreifen finanziell unterstützt hat, könnte jedoch dazu führen, dass jede Person oder Gruppe kriminalisiert wird, die Menschen hilft, die unter Sanktionen und einer Blockade leiden.

Der Bericht greift Mitglieder des „Nuestra América“-Konvois vom März 2026 an, der trotz US-Sanktionen Waren nach Kuba transportierte. Er stellt fest, dass sich 120 Organisationen aus 33 Ländern dem Konvoi anschlossen, darunter eine Reihe einflussreicher progressiver Persönlichkeiten wie Isra Hirsi – Tochter der US-Abgeordneten Ilhan Omar –, der Videospiel-Livestreamer und Kommentator Hasan Piker – mit dem ich letztes Jahr über mein Buch „A Genocide Foretold“ sprach –, der ehemalige Vorsitzende der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, und mehrere andere amtierende und ehemalige Mitglieder des Europäischen Parlaments. Sogar der Gaza-Flottillen-Aktivist Thiago Avila – den ich letzten Monat interviewte, nachdem er von israelischen Soldaten gefoltert worden war – wird erwähnt.

Die im Bericht aufgeführten Personen wurden nicht durch kubanische Indoktrination zu „Radikalen“. Ihre politische Haltung ist hausgemacht und formte sich im Widerstand gegen Rassismus, Völkermord, Polizeigewalt, die Terrorisierung und Tötung von Einwanderern und US-Bürgern durch die Schlägertrupps der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) sowie den Neoliberalismus und die Verbrechen des US-Imperialismus und Militarismus.

Der Bericht erwähnt beiläufig eine Vielzahl von Personen auf so fadenscheinige Weise, dass man ihn lesen muss, um ihn zu glauben.

Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani wird erwähnt, weil er sich weigerte, eine Ehrung für [Assata] Shakur zu verurteilen, die mit ziemlicher Sicherheit wegen Mordes verurteilt wurde und nach ihrer Flucht aus einem US-Gefängnis im Jahr 1979 nach Kuba floh.

Der Artikel widmet der Bürgermeisterin von Los Angeles, Karen Bass, zwei Absätze für ihre „Freundlichkeit gegenüber dem kommunistischen Regime“. Als Beweis wird ihre Teilnahme an einer Kongressdelegation angeführt, die den damaligen Präsidenten Barack Obama bei einem Besuch auf der Insel begleitete.

Kubanische Agenten, so der Vorwurf, „unterhalten sich in Hunderten von Tarnorganisationen, Aktivistengruppen, Solidaritätszentren und ideologischen NGO- und gemeinnützigen Netzwerken. Diese Gruppen stellen zusammen einen der grössten, raffiniertesten und gefährlichsten Vektoren feindlichen ausländischen Einflusses in der modernen amerikanischen Geschichte dar.“ Kuba habe angeblich „die höchsten Kreise der US-Regierung infiltriert, Generationen amerikanischer Aktivisten rekrutiert und gefördert und eine beispiellose Welle linksextremen Terrorismus auf amerikanischem Boden unterstützt.“

Beachten Sie das Wort „Terrorismus“. Beachten Sie, dass es diese Einzelpersonen und Organisationen zu Terroristen macht. Beachten Sie, dass es sie drakonischen Terrorismusgesetzen unterwirft. Und beachten Sie, dass sich die Trump-Regierung der Jagd und Bekämpfung der „radikalen Linken“ verschrieben hat.

Der Bericht wirft Kuba und seinen Verbündeten vor, eine „Revolution gegen die westliche Zivilisation selbst“ zu führen – „unter anderem mit der neuartigen und perfiden Methode, die Kinder des Westens gegen ihr eigenes Erbe aufzuhetzen“. Er beschuldigt Havanna der „genüsslichen Unterstützung der George-Floyd-Proteste“. Weiterhin wird behauptet, der „Aufstieg der Antifa“ und die „Explosion proterroristischer Aktivitäten an amerikanischen Universitäten“ stünden „in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit kubanischem Einfluss“.

Die DSA wird darin als besonders eindrucksvolles Beispiel für den ideologischen Erfolg Kubas beschrieben, sich als spirituelles Zentrum des Radikalismus der Dritten Welt zu positionieren. Die Organisation, so heisst es, pflege eine „leidenschaftliche, fast religiöse Hingabe an die Sache des kubanischen Regimes“. Kuba habe ein weitverzweigtes revolutionäres Netzwerk aufgebaut, das Amerikas bekannteste und einflussreichste extremistische Bewegungen geprägt habe, darunter die Black Panthers, die Weather Underground und die Antifa. Zu diesen Netzwerken gehörten einflussreiche linke Non-Profit-Organisationen, Anti-ICE-Kollektive, sozialistische Gruppen und marxistische Milizen in den USA.

Kuba, so das Fazit des Berichts, „hat versucht, Amerika mit Spionen und Soldaten, aber auch mit Studenten und Intellektuellen zu untergraben, zu degradieren und zu destabilisieren; mit Terrorzellen, aber auch mit Solidaritätskomitees und gemeinnützigen Netzwerken, deren Geheimdienstmitarbeiter unter diplomatischer Tarnung operieren.“

Diese Breitseite ist erschreckend. Sie ist schlimmer als der McCarthyismus. Sie kündigt eine brutale Säuberung der amerikanischen Gesellschaft an.

Die im Bericht Genannten werden ohne Beweise verurteilt. Ihnen wird ein faires Verfahren verweigert. Dass die Behauptungen im Bericht bestenfalls verzerrt und oft erfunden sind, ist irrelevant. Faschistische Propaganda wurzelt nicht in der Wahrheit. Sie wurzelt im Hass auf liberale Werte, Demokratie und die Linke. Sie wurzelt in dem Glauben, dass nach der Beseitigung der als menschliche Unreinheit Verurteilten eine moralische, spirituelle und wirtschaftliche Renaissance eintreten wird.

Diesen faschistischen Tanz kennen wir schon. Wir wissen, was als Nächstes kommt. Es ist nichts Gutes.

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Ohne Transparenz gibt es kein Vertrauen

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